DER GILDEN-DIENST Nr. 26 - 2017
Ihre beste Stunde

Von Lone Scherfig

(Concorde, Kinostart 6. Juli 2017)

London, 1940. Die nazideutschen Flugzeuge bombardieren die Stadt. Die meisten jungen Männer sind eingezogen. England befindet sich im Krieg gegen Hitler.

Für die Psychologie der daheim gebliebenen Bevölkerung muss etwas getan werden, beispielsweise auf dem Filmsektor. Dabei ist auf die Frauenseele Rücksicht zu nehmen.

Die junge Catrin Cole wird beauftragt, dies bei der Abfassung des Filmdrehbuches, an der außer ihr auch der rigoros denkende Tom Buckley beteiligt ist, entsprechend einzuarbeiten. Sie stößt auf das Drama von Dünkirchen, bei dem über 300 000 britische Soldaten gerettet werden konnten, und zwar eruiert sie die Geschichte von Zwillingsschwestern, die ein Boot ihres betrunkenen Vaters, eines Fischers, flott machen, um bei der Rettung der Soldaten mitzuwirken.

Es stellt sich heraus, dass das Schiff eine Panne hatte, also in Wirklichkeit nicht helfen konnte – im Kino jedoch sollte alles zu einem guten Ende kommen, und so musste eben ein wenig an der Wahrheit vorbeigedreht werden.

Ganz glatt liefen allerdings Konzeption und Herstellung des Films nicht ab, und wie schwierig und widersprüchlich es in der Realität dabei manchmal zugeht, das wird hier sehr anschaulich dargestellt.

Daneben das private Schicksal von Catrin. Sie lebt mit einem mittellosen Maler zusammen und liebt ihn, findet ihn jedoch eines Tages beim überraschenden Heimkommen mit einer anderen Frau im Bett. Sofort trennt sie sich von ihm.

Kollege Tom Buckley warf schon lange ein Auge auf sie – es dauert, bis die beiden zusammenkommen. Doch wird er nicht bei einem Bombenangriff getötet?

Catrin muss wieder aufstehen – und sie wird es tun. Schon entsteht ein neuer Film.

Hervorragend ausgedacht, geschildert, montiert, in überzeugendem Ambiente gezeigt und vor allem auch schauspielerisch dargestellt ist das – an vorderster Front Gemma Arterton als Catrin Cole, Sam Claflin als Tom Buckley sowie in einer bemerkenswerten Nebenrolle der originelle Bill Nighy als Ambrose Hilliard.

Eine (wenn auch fiktive) Geschichtslektion, eine (leider) traurige Liebesgeschichte und ein (erstklassiges) Schauspielerfest.

Ein intensiver, dramatischer, sehenswerter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.        

 

Ein Chanson für Dich

Von Bavo Defurne

(Alamode, Kinostart 6. Juli 2017)

Lilliane war früher eine gute Sängerin. Sie trat unter dem Namen Laura auf. Wären ABBA nicht gewesen, sie hätte seinerzeit sogar den Eurovisions-Contest gewonnen. Das hing auch damit zusammen, dass sie mit Tony Jones einen guten Manager, Songschreiber und Geliebten hatte. Der aber machte sich eines Tages mit einer Jüngeren davon.

Das bedeutete auch das Ende der Karriere von Laura. Lilliane sah sich gezwungen, in einer Fleischfabrik arbeiten zu gehen. Dort musste sie versandfertige Pasteten dekorieren. Ganz so jung ist Lilliane nicht mehr.

Jean wohnt noch mit seinen Eltern zusammen, ist 22 und Boxer. Neben dem Sport arbeitet er in der gleichen Fleischfabrik. Obwohl noch sehr jung, glaubt er die Sängerin Laura zu erkennen. Lilliane allerdings scheint das alles andere als recht zu sein. Sie gibt sich gegenüber Jeans Annäherungen mehrere Male äußerst zurückhaltend.

Und dann passiert es doch. Liebe und Sex flammen auf. Jean will sogar, dass Laura wieder auftritt. Sie wehrt sich, gibt dann aber nach. Jean versteht sich nun als ihr Manager, auch wenn seine Eltern die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Um einen möglichst erfolgreichen Song zu bekommen, begibt sie sich aber zu Tony, ihrem früheren Ehemann – ohne Jean auch nur ein Wort zu sagen. Tony komponiert für sie einen Spitzensong, mit dem „Laura“ auch den nächsten Wettbewerb gewinnt. Für Jean ist das ein Verrat, ist das unerträglich.

Er will Laura nie wieder sehen.

Aber auch für sie scheint die Trennung zu viel zu sein. Sie fällt in Ohnmacht, muss ins Krankenhaus. Jean erfährt davon und besucht sie. Gilt wirklich die Trennung?

Keineswegs.

Ein romantischer, stimmungsvoller, reizender, inszenatorisch einfach aber keineswegs schlecht gestalteter, gut unterhaltender Liebesfilm, dessen Ende man zwar ziemlich früh vorhersieht, der aber ein wertvolles Ass ausspielen kann: Isabelle Huppert als Lilliane bzw. Laura.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

Die Erfindung der Wahrheit

Von John Madden

(Universum, Kinostart 6. Juli 2017)

Wer glaubt, Regierungen und Parlamente handelten völlig unabhängig und ohne Einfluss von außen, befindet sich auf dem Holzweg. Oft ist vor allem seitens der Wirtschaft sowie der Finanzmilliarden der Druck so stark, dass, abgesehen von dem politischen Spiel zwischen Regierungspartei und Opposition, bestenfalls noch Kompromisse zustande kommen. Man weiß, wie groß der Druck beispielsweise seitens der Automobil-, der Tabak- und der Pharma-Industrie ist.

Um dieses Thema geht es in dem Film. Elizabeth Sloane ist Lobbyistin, und zwar nicht allein; sie hat eine ganze Gruppe von Mitarbeitern um sich aufgebaut. Für eine bestimmte Firma arbeitet sie, natürlich gegen entsprechende Vergütung, bei den parlamentarischen Instanzen und Abgeordneten darauf hin, dass Gesetzesvorlagen in die von ihrer Firma gewünschte Richtung gehen. Sie ist überehrgeizig aber erfolgreich, hat eine glänzende Stellung.

Jetzt gibt es Streit mit dem Chef der Firma. Mrs. Sloane wechselt die Seiten. Plötzlich ist ein Gesetz zur stärkeren Kontrolle des Verkaufs von Schusswaffen zu prüfen.

Einfach erscheint die Sache nicht. Zu viele Interessen sind im Spiel; zu zahlreich sind die Beteiligten; zu unterschiedlich sind die Argumente; zu spitzfindig sind die einzelnen Strategien; zu feindselig sind die Gegner gestimmt; zu günstig sind die rechtlichen Schlupflöcher.

Ohne Senatsanhörung geht es deshalb nicht ab. Dass der Vorsitzende der Senatskommission sich selber als korrupt herausstellt, ist der Gipfel. Keine andere als Elizabeth Sloane ist es, die ihn entlarvt.

Ein intelligentes Drehbuch, ein komplexer und schließlich überraschender Ablauf, knallharte und kompromisslose Dialoge, ein überzeugend gezeichnetes Milieu, ein ständiges Tempo, eine Unterhaltung mit Niveau, eine perfekte Inszenierung und mit Jessica Chastain eine überragende Hauptdarstellerin.

Was will man mehr?

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Dil Leyla

Von Asli Özarslan

(Essence Film, Kinostart 29. Juni 2017)

Die Kurden sind ein großes Volk ohne Staat. Es ist begreiflich, dass sie einen eigenen Staat unbedingt wollen. Zu Ende der Kolonialzeit wurden der Nahe und der Mittlere Osten ohne jede ethnische Rücksicht aufgeteilt. Auch deshalb sind die Zustände heute so, wie sie sind.

In der Türkei leben sehr viele Kurden. Sie genießen zwar auf dem Papier eine gewisse Autonomie, doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Daher sind die Widerständler (PKK) in die Berge gezogen, kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Sie greifen zu radikalen Mitteln, gelten daher als Feinde der Türkei.

Schlimm waren die tödlichen Auseinandersetzungen zu Beginn der 90er Jahre. Man sieht beispielsweise in diesem Film, wie türkische Panzerfahrzeuge ein kurdisches Neujahrsfest buchstäblich zerstören; es gibt Verwundete und Tote.

Später trat eine gewisse Beruhigung und sogar eine Art Annäherung ein. Heute ist es anscheinend wie eh und je. Erdogan geht unbarmherzig gegen Kurden vor.

Zum Beispiel gegen die Stadt Cizre im Südosten. Dort wurde Leyla Imret zur Bürgermeisterin gewählt, zur jüngsten in der Türkei. Ihr Vater war ein berühmter kurdischer Freiheitskämpfer, er wurde von den Türken erschossen, ihre Mutter offenbar gefoltert. Um Leyla das Schicksal zu ersparen, gaben die Eltern sie nach Bremen zu einer Tante. Dort wuchs Leyla Imret auf, spricht gut deutsch. Über ihren Entschluss, nach Cizre zurückzukehren, ist die Mutter alles andere als glücklich.

Leyla will für ihr Volk nichts anderes als Gleichheit und Freiheit. Zwar wurde bei der Wahl –sie wurde durch zwei türkische Bomben gestört- ein Sieg errungen, doch bald kam wieder der Ausnahmezustand. Die Stadt wurde beschossen, Scharfschützen traten auf. 85 Tage dauerte die Blockade. Massaker.

„Dil Leyla“ („Leyla, mein Herz“ wurde sie von ihrem Vater genannt) gab einem englischen Journalisten ein Interview, in dem sie sagte, die Zustände seien wie in den 90er Jahren; es herrsche Bürgerkrieg.

Sie fühlt sich verantwortlich für ihr Volk, will es nicht allein lassen. (Deutsche Rechtsanwälte gehen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Erdogan vor.)

Es war zu erwarten, dass Leyla Imret nicht zuletzt wegen ihres Interviews festgenommen und dass ihr das Bürgermeisteramt aberkannt werden würde. Gibt es ein Gerichtsurteil? Erdogan beeilt sich nicht, wenn es um seine Beschuldigten geht.

In diesem Film wird in erster Linie das Schicksal und der Kampf einer einzelnen Kurdin beschrieben. Doch schwere, traurige, schlimme Schicksale gibt es wegen des jahrzehntelangen Kurdenkonflikts viele.

Wie immer dieser Dokumentarfilm formal zu beurteilen wäre. . .

. . . er ist für die Bewusstmachung der Ungerechtigkeiten und für die notwendigen politischen Aktionen dagegen eminent wichtig und sollte, nein müsste, von vielen gesehen werden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Overdrive

Von Antonio Negret

(Universum, Kinostart 29. Juni 2017)

Max und Andrew Garrett sind Halbbrüder und nicht nur das: Sie sind auch Autodiebe. Bei ihrem Geschäft haben sie es zu erstaunlichen Fähigkeiten gebracht, wie man gleich in den ersten zehn Minuten dieses Films sehen kann, der wie ein Erdbeben beginnt.

Die beiden klauen jedoch keine gewöhnlichen Autos, sondern teuerste Modelle, berühmte Marken, Jahrzehnte alte Wagen und Sammlerstücke.

Sie „arbeiten“ derzeit an der französischen Riviera, unweit von Marseille und Monaco. Allerdings haben sie gerade Pech, denn sie sind von dem lokalen Gangsterboss Jacomo Morier und seinen Schergen geschnappt worden. In einem solchen Fall werden sie normalerweise erschossen.

Sie bekommen jedoch eine Chance. Morier wird sie am Leben und frei lassen, wenn sie bei seinem Erzfeind Max Klemp ein ganz besonderes Auto mitgehen lassen. Und natürlich scheint das zunächst zu gelingen, aber dann geht die Sache doch eher gegenteilig aus.

Bei einem Genre-Film dieser Gattung geht es nicht so sehr um die Geschichte. Vielmehr müssen die Zutaten wie Stunts, Tricks, Licht- und Toneffekte, Musik, Verfolgungsjagden, Schießereien, Faustkämpfe, Betrügereien, Risiken, die Menge der Gegenspieler sowie die Zahl der Toten und vieles andere mehr stimmen.

Und das ist hier bei aller Routine und einer flüssigen Dramatisierung und Inszenierung der Fall. Fans dieser Art von Filmen kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.

Die gewieften Hauptdarsteller Scott Eastwood (Sohn von Clint Eastwood) als Andrew Foster sowie Freddie Thorp als Garrett Foster, dazu Simon Abkarian als der verlierende Schurke Morier und Clemens Schick als der obsiegende Oberschurke Klemp machen zudem ihre Sache sehr gut.

Also auf zum großen Autoklau im Kino!

Insbesondere für Fans des Genres geeignet .      

       

            










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Datum: 26.06.2017


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