Der Gilden-Dienst Nr. 26-2018


Zentralflughafen THF


Von Karim Ainouz

(Piffl, Kinostart  5. Juli 2018)

Der Autor und Regisseur will in seinem Film offenbar in erster Linie den Gegensatz wahrnehmen zwischen dem, was im vorwiegend dunklen Inneren des Zentralflughafens geschieht, und dem, was sich außen auf den Rasenflächen, auf den (stillgelegten) Start- und Landebahnen, auf dem weiten freien Gelände abspielt.

Tatsächlich sind draußen die Menschen beim Sport treiben, beim Marathon vorbereiten, beim Grillen, beim Spielen, während im Inneren die Hangars zu Unterkünften für Flüchtlinge geworden sind, die zwar das Nötigste bieten aber auf keinen Fall mehr.

Das Aufzeigen dieser Unterschiede ist sicherlich legitim. Es kann dazu beitragen, dass noch mehr nachgedacht wird, dass manches wirklich verbessert wird, dass mit der Zeit für alle Beteiligten zufriedenstellende und endgültige Lösungen gefunden werden.

Jeder müsste das wünschen!

Einfach ist es nicht. Die Flüchtlingstragödie geht ja weiter – praktisch auf der ganzen Welt. In einer Stadt wie Berlin leben Tausende von Geflohenen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Allerdings gibt es echte und falsche Flüchtlinge. Das Schlimme daran ist, dass diejenigen, die die Kriege und die daraus entstehenden Fluchten verursachen, weiterhin ihre kriminellen Geschäfte betreiben und dabei in Saus und Braus leben.

Der junge Ibrahim aus Syrien schildert seine Gefühle – und was geschieht, geschehen muss. Die Flüchtlinge müssen warten, warten, warten. Sie müssen registriert werden, ihre Herkunft muss feststehen.  Bei manchen ist das wegen der fehlenden Identifikationspapiere schwierig wenn nicht sogar unmöglich. Sie erhalten nicht automatisch eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis. Sie müssen medizinisch untersucht, wenn nötig geimpft werden, usw. Zur „Unterhaltung“ scheint nicht viel beizutragen. Vielleicht gibt es dann und wann eine kleine Zusammenkunft oder Feier oder in der Weihnachtszeit kommt der Nikolaus.

(A propos Zentralflughafen: Hitler wollte Großes daraus machen, doch er kam nicht weit, weder mit dem Flughafen noch mit sich selbst.)

All das wird in diesem Dokumentarfilm auf nachdenkenswerte Weise geschildert.

Und wer  die Möglichkeit hat zu helfen, sollte dies tun.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Liebe bringt alles ins Rollen


Von Franck Dubosc

(NFP, Kinostart 5. Juli 2018)

Jocelyn, erfolgreicher Geschäftsmann und smarter Typ, Freund von Max, kehrt nach dem Tod der Mutter –der Vater ist längst über alle Berge- noch einmal in deren Haus zurück, sitzt gerade in ihrem Rollstuhl, als die neue Nachbarin Julie kommt und sich vorstellt.

Das Problem: Julie ist sehr schön. Und Jocelyn, der zu jungen Frauen noch nie nein sagen konnte, denkt sich, dass er, der ausgerechnet gerade für einen Marathon trainiert, mit einer Rollstuhlnummer Julies Aufmerksamkeit und vielleicht sogar ein wenig mehr erreichen könnte.

Julie hat jedoch einen anderen Plan. Sie lädt den angeblichen Rollstuhlfahrer zu ihrer Familie nach Hause ein, denn sie will ihn ihrer Schwester Florence vorstellen – und die ist zwar eine begabte Geigerin und außerdem Tennisspielerin, aber  tatsächlich querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

 Was jetzt? Es beginnt ein Katz- und Maus-Spiel. Jocelyn ist von der ebenfalls hübschen Florence sehr angetan, doch wie soll er, der zunächst keine andere Wahl hat als sich im Rollstuhl zu bewegen, mit seinem ständigen lügen sich zurechtfinden, frei sein, sich Julie nähern, ihr sagen, dass er begonnen hat, sie zu lieben?

Julie, die ja in ihrer gesundheitlichen Situation nicht viele Möglichkeiten hat, ist eine Frau mit Gefühlen, die Jocelyns Avancen gerne annimmt. Doch sie ist auch sehr klug – und sie hat längst bemerkt, dass Jocelyn alles andere als krank ist.

Der will sich jetzt aus seiner verfahrenen Situation mit einer eher absurden Idee retten: mit einer mit seiner Sekretärin Marie, mit Max und mit Florence unternommenen Wallfahrt nach Lourdes, nach der er sich als wundersam geheilt ausgeben möchte. Daraus wird aber nichts, umso mehr, als er auf dem Heimweg in eine Situation gerät, in der er rennen muss, um Florence bei einem Beinahe-Unfall zu helfen.

Kann jetzt aus der kleinen Liebesflamme noch ein Feuer werden?

Man will es kaum glauben, doch aus diesem Stoff ist eine Komödie mit einer originellen Handlung, mit witzigen Dialogen sowie vielen guten Einfällen geworden. Wer Komödien so inszeniert wie Franck Dubosc, zugleich Regisseur und Darsteller des Jocelyn, der sollte so weitermachen. Zumal wenn er solche wunderbaren Schauspielerinnen verpflichtet wie Alexandra Lamy als Florence, Caroline Anglade als Julie und Elsa Zylberstein als Marie - Gérard Darmon als Max nicht zu vergessen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Candelaria  - Ein kubanischer Sommer


Von Jhonny Hendrix Hinestroza

(DCM,  Kinostart 5. Juli 2018)

Kuba, Anfang der 90er Jahre. Das dortige Regime war von der Sowjetunion immer stark unterstützt worden. Doch jetzt ist die Sowjetunion zusammengebrochen, was die Insel um einiges ärmer macht. Vor allem auch, weil die Amerikaner Sanktionen verhängen.

Diese Armut spüren Candelaria und Victor Hugo. Doch sie sind nicht nur arm, sondern auch nicht mehr jung. Ihre Beziehung hält zwar noch, doch von großer Leidenschaft ist nicht mehr viel zu spüren.

Ab und zu tritt Candelaria als Sängerin auf, ansonsten arbeitet sie in der Wäscherei eines Hotels. Victor Hugo, nicht mehr ganz gesund, organisiert in der Zigarrenfabrik, in der er beschäftigt ist, hin und wieder Zigarren, die er schwarz verkauft. Das sichert den beiden besseres Essen. Ungefährlich ist das nicht, denn die Kontrollen sind streng. Schließlich ist ein diktatorisches Regime am Ruder.

Ihre Wohnung und Umgebung könnten attraktiver sein. Immer wieder fällt der Strom oder das Gas aus. Die Wohnungswände sind in einem schlimmen Zustand.

Unter der schmutzigen Wäsche im Hotel findet Candelaria eine Tasche mit einer Videokamera. Soll sie sie behalten oder zurückgeben? Sie behält sie.

Langsam entdecken die beiden, was mit einer Kamera alles anzustellen ist. Victor Hugo filmt seine Frau in immer intimeren Situationen. Kehren da die Gefühle und sogar der Sex zurück? Offenbar ist das so. Victor Hugo verkauft die Filme sogar; das bringt ein wenig Geld.

Doch als der Abnehmer daraus ein größeres Geschäft machen will, lehnen die beiden ab. Die wieder erstarkte Zweisamkeit, ihre Würde, ihre Liebe ist mehr wert. Auch wenn sie unter sehr schwierigen Bedingungen weiterleben müssen.

Der von Hinestroza (Autor und Regisseur) intendierte geistige und menschliche Tenor dürfte klar sein: Armut und Alter, bescheidenes Milieu und eheliche Abnützung, politischer Zwang und finanzielle Verlockung können echter Liebe letzten Endes nichts anhaben. Das ist schon bedenkenswert, insbesondere wenn es einem wie hier zum Teil auf poetische Weise nahegebracht wird.

Und wenn Akteure derart intensiv am Werk sind wie Veronica Lynn als Candelaria und Alden Knight als Victor Hugo.


Marvin


Von Anne Fontaine

(Salzgeber, Kinostart 5. Juli 2018)

Welcher persönlichen Mühen bedarf es, bis ein Mensch erwachsen ist! Welche Einflüsse von anderen Menschen muss er hinnehmen! Welchen positiven oder negativen äußeren Umständen ist er ständig ausgesetzt! Am Beispiel des in einem Dorf in den Vogesen beheimateten Marvin Bijou wird das in diesem Film von Anne Fontaine beispielhaft geschildert.

Marvin, noch sehr jung, ist anders als viele Gleichaltrige. Doch warum soll er deshalb von rüpelhaften Mitschülern als „Schwuchtel“ bezeichnet werden! Das Milieu zu Hause lässt zu wünschen übrig. Der Vater ist von einer seltenen Grobheit, hält Homosexuelle für geisteskrank. Die Mutter hat längst resigniert. Ein größerer Bruder hat für die Familie nur noch Verachtung übrig.

Marvin, ein sehr schöner Junge, fühlt sich oft allein, wirkt melancholisch, blickt mit großen Augen vor sich hin. Mit dem Annäherungsversuch eines Mädchens kann er nicht viel anfangen.

Eine Lehrerin entdeckt sein Talent – und schon ist Marvin beim Theater. Er ist inzwischen erwachsen, trifft in Paris auf Bekannte und Freunde, die ihm helfen, allerdings auch solche, denen er besser nicht begegnet wäre.

Theater spielend lässt er sein eigenes Leben an sich und den Zuschauern vorüberziehen. Es war ein sehr schwerer Weg; nicht umsonst spricht er einmal auch vom Aufgeben, gar vom Sterben. Doch er hat es geschafft. Ist der innere Friede, zu dem ihm seine beispielhafte Lehrerin geraten hat, jetzt gefunden?

Symptomatischer Weise nimmt er einen neuen Namen an, und zwar den der Lehrerin. Er heißt nun nicht mehr Marvin Bijou sondern Martin Clément.

Und er findet sogar noch einmal den Weg nach Hause, trifft auf einen Vater, der ruhiger und ein wenig weiser geworden zu sein scheint.

Ein theoretisch verfasstes aber authentisch wirkendes  Menschenbild, das beachtliche künstlerische Qualität aufweist. Dies gilt für die vielen Lebenssituationen Marvins, die Schilderung der Probleme, die Dialoge, die Milieuzeichnung, die geschickte Montage der Lebenszeiten, die Gesamtinszenierung und vor allem auch für die Darsteller. Wie Jules Porier den jungen und Finnegan Oldfield den älteren Marvin spielen, das ist schon von hohen Graden.

Auch bemerkenswert Catherine Mouchet als Lehrerin Madeleine Clément, Gregory Gadebois als Vater Dany, Charles Berling als junge Liebhaber sammelnder Roland, Catherine Salée als oft dem Verzweifeln nahe Mutter Odile, Vincent Macaigne als gute Ratschläge erteilender Freund Abel - und natürlich Isabelle Huppert, ganz einfach als Isabelle Huppert.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.     




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Datum: 25.06.2018


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