DER GILDEN-DIENST Nr. 27 - 2017
Paris kann warten

Von Eleanor Coppola

(Tobis, Kinostart 13. Juli 2017)

Michael Lockwood und seine Frau Anne befinden sich gerade in Paris, wollen noch einen kurzen Urlaub im Süden des Landes verbringen. Doch da wird Michael nach Budapest gerufen, Anne aber will nicht mitfliegen. Michaels Freund Jacques Clement bietet sich an, Anne im Auto zurück nach Paris mitzunehmen.  Die Sache geht in Ordnung.

Eigentlich wäre eine Autofahrt von vielleicht sechs oder sieben Stunden fällig. Jacques‘ alte Kiste macht es jedoch nicht mehr, also muss ein Fahrzeug gemietet werden. Und jetzt geschieht etwas, womit keiner, Anne schon gar nicht, gerechnet hat. Jacques, übrigens ein äußerst charmanter Kerl, braucht mit allen Umwegen, die er ganz absichtlich macht, ganze zwei Tage. Denn er will Anne Südfrankreichs schönste Plätze zeigen, er will offenbar auch Anne nahe sein, und er ist, was gutes Essen und guten Wein betrifft, ein Bonvivant ersten Ranges. Nichts was exquisit und teuer ist fehlt bei ihren Malzeiten. Und davon gibt es entweder in besten Restaurants oder auch als Picknick einige.

Dazu kommt, dass Jacques ein Mann in den besten Jahren ist, dass er etwas von Charme versteht und dass er auf das Flirten mit Anne nicht ganz verzichten will. Anne selbst ist ihrem Mann treu, verhält sich demnach ziemlich reserviert, scheint aber langsam aufzutauen. Wie weit das einmal gehen kann, wird in diesem Film nicht mehr sichtbar – aber ausgeschlossen ist ein Näherkommen ganz und gar nicht.

Dass Frankreich ein schönes Land ist, wird während des Trips der beiden sichtbar. Ob es sich um erstklassige Hotels handelt oder um die vielen Naturschönheiten oder aber, auf kulturell-religiösem Gebiet, um die romanisch-gotische Weltkulturerbe-Kathedrale Sainte-Marie-Madeleine im burgundischen Vezelay – ein Platz ist sehenswerter als der andere.

Es ist kein dramatischer, eher ein ruhiger, leichter, „hauchzarter“ Film. Nirgends und in nichts spürt man eine Anstrengung – auf jeden Fall souverän in Szene gesetzt.

Dazu kommt, dass Diane Lane als Anne und Arnaud Viard als Jacques diese wirklich  unterschiedlichen Charaktere so wunderbar spielen, dass man gerne dabei ist. Alec Baldwin machte ebenfalls mit. Er war sich nicht zu schade, sich bei diesem schönen Film mit einer sehr kleinen Rolle zufrieden zu geben.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Begabt – Die Gleichung eines Lebens

Von Marc Webb

(Fox, Kinostart 13. Juli 2017)

Ein kleiner Küstenort in Florida. Frank und Diane waren einst Geschwister. Doch Diane nahm sich das Leben. Warum? Wegen des schlechten Einflusses ihrer Mutter Evelyn? Oder gar weil sie ein mathematisches Genie war? Jedenfalls kam sie mit ihrem Leben nicht zurecht.

Nun hat Frank die Erziehung von Dianes Töchterchen Mary übernommen. Mary soll frei, ohne Zwang, spielerisch, geliebt und wie jedes andere „normale“ Kind aufwachsen. Frank, seine Vermieterin Roberta und Mary bilden eine verschworene Gemeinschaft.

Jetzt ist Mary sieben Jahre alt. Ihre Klassenlehrerin Bonnie merkt schnell, dass das Kind etwas Besonderes ist. Denn Mary hat die Hochbegabung ihrer Mutter geerbt. Spielend löst sie die schwierigsten Rechenaufgaben.

Also müsste sie fernab auf eine besondere High School gehen. Frank wehrt sich aus Prinzip dagegen. Denn dass Mary unter normalen Umständen aufwachsen kann, hat sich auch Diane sehr gewünscht.

Evelyn erfährt davon. Sie ist herrisch, ehrgeizig, will, dass ihre Umgebung nach ihrem Willen tanzt. Also müsste ihrer Auffassung nach Mary eine besondere Ausbildung zugute kommen. Ihr Sohn aber denkt nicht daran. Evelyn zieht vor Gericht. Es kommt zu einem dramatischen Prozess, in dem es hin und her geht. Scharfe Argumente –auch aus der Vergangenheit- werden aufgefahren.

Es sieht zunächst so aus, als würde Evelyn obsiegen und Mary von einer Pflegefamilie betreut und erzogen.

Aber Frank hat noch einen ganz besonderen Trumpf in der Hand.

Eine fiktive, aber durchaus gut erfundene und dramatisierte, sogar spannende Geschichte. Evelyns Charakter ist vielleicht ein wenig überzeichnet, doch die übrigen Gestalten sind so recht aus Fleisch und Blut: der einfach aber überaus human gestrickte Frank, die stets quicklebendige kleine Mary, die sympathische Afro-Amerikanerin Roberta und die  liebenswerte Lehrerin Bonnie, die ein Auge auf Frank geworfen zu haben scheint.

So echt die Beteiligten                                                                                                                                                        gezeichnet sind, so echt spielen sie auch – besonders Chris Evans als Frank und, in unübertroffener Weise, die junge Mckenna Grace als Mary.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Fallen – Engelsnacht

Von Scott Hicks

(Wild Bunch, Kinostart 13. Juli 2017)

Die religiöse Geschichte geht Grosso modo folgendermaßen: Ein Engel, Lucifer, eigentlich „Lichtträger“, genannt, rebellierte offenbar gegen Gott und wurde daher mit seinen Anhängern als Teufel in die Tiefe gestürzt. Es gab aber auch noch diejenigen Engel, die sich nicht oder noch nicht entschieden hatten.

Lucinda Price, Luce genannt, ist ein etwa 17jähriges Mädchen, das am Tod ihres Freundes Trevor zwar nicht schuld ist, aber trotzdem in das Internat „Schwert und Kreuz“ für schwer Erziehbare befohlen wird. Dort trifft sie Mitbewohner, die ihr gut und solche, die ihr schlecht wollen.

Und noch etwas Schlimmes: Luce leidet an Halluzinationen, zum Teil heimtückischen Erscheinungen, vielleicht sogar an Paranoia. 

Der schöne Daniel Grigori und der wilde Cam Briel buhlen um sie. Daniel ist der Zurückhaltendere, Unnahbarere, der Distanziertere auch, er meidet Luce sogar, Cam der Aufdringlichere, Rebellischere. Daniel rettet sie einmal vor einer herabstürzenden Steinstatue. Was sie nicht weiß ist, dass zumindest er ein auf Erden lebender Engel ist, der sich noch nicht entschieden zu haben scheint und der deshalb immer wiedergeboren werden muss. Doch sie hat eine Ahnung, dass sie ihn schon immer gekannt hat.

Aber kann und darf ein Engel einen gewöhnlichen Menschen lieben? Oder ist Luce vielleicht sogar selbst ein Engel?

Im Internat spielt sich auch das scheinbar normale Leben ab:  Begegnungen, Unterricht, Freizeit, Partys. Grundlage des Films ist der Jugendroman „Engelsnacht“ von Lauren Cate.

Irgendwann kommt dann der Showdown und zwar in Form einer gewaltigen Nacht-, Licht- und Himmelsschlacht, die an digitalen Effekten nichts übrig lässt. Keine Frage, dass zwischen Luce und Daniel ein Happy End folgt.

Formal und filmisch ist denn auch einiges zu sehen. Scott Hicks steht dafür. Die jungen Darsteller, Addison Timlin als Luce, Jeremy Irvine als Daniel und Harrison Gilbertson als Cam lassen wenig Wünsche übrig.

Für das Thema allerdings und „visionäre“ Stoffe dieser Art muss man Interesse haben. Nur dann kann einem der Film etwas bringen.

 

Dream Boat

Von Tristan Ferland Milewski

(RealFiction, Kinostart 13. Juli 2017)

Ein Ozeandampfer. Jedes Jahr sticht er einmal mit bis zu 3000 Passagieren ins Mittelmeer. Es sind homosexuelle Männer, die hier eine Woche lang sich begegnen, sich näher kommen, feiern wollen.

Im Vordergrund stehen hier fünf Männer. Beispielsweise Marek aus Polen. In seiner erzkatholischen Heimat hat er es als Schwuler weiß Gott nicht leicht. Weitaus schlimmer dran ist Ramzi. Er stammt aus Palästina. Dort sind Homosexuelle verfemt. Oder Dipankar aus Indien. Wie es dort üblich ist, sollte er noch bis vor wenigen Jahren eine von seinen Eltern ausgesuchte Frau heiraten; in seinem Land tut er gut daran, sich als Heterosexueller zu geben. Philippe, der aus Frankreich kommt, sitzt im Rollstuhl. Für ihn wäre es wohl nicht leicht, hier einen Partner zu finden. Aber er ist zufrieden, denn er hat eine schon langjährige Beziehung. Es sieht so aus, als sei, was die Gesellschaft, in der er lebt, betrifft, Martin aus Österreich am besten dran. Aber halt: Er ist HIV-positiv.

Sie tanzen, sie flirten, sie verkleiden sich, sie schminken sich, sie machen ein Wettrennen auf High Heels, sie veranstalten eine Ladies Night - sie fühlen sich befreit von den Sorgen, die sie zu Hause eventuell aus den dortigen gesellschaftlichen und politischen Umständen oder aus ihrer seelischen Verfassung heraus haben.

Doch unter der träumerischen Oberfläche kann es auch anders aussehen. Wie steht es mit einer Familie? Wie akzeptiert man selbst seine geschlechtliche Situation? Ist nur Sex drin, oder kommt es auch zu einer echten Liebe? Und was ist schließlich mit dem Alter?

Denn einer sagt, er habe sich noch nie so einsam gefühlt wie gerade hier und jetzt.

Ein Dokumentarfilm über die männliche Homosexualität, in dem es zwar auf einem Traumschiff eine Woche lang unter Kerlen aus über 80 Ländern hoch hergeht, in dem aber genauso die problematischen wie schwermütigen Lebensentwürfe dieser Männer klar zum Ausdruck kommen und wohl auch den „Heteros“ bewusst werden.

 

Der Ornithologe

Von Joao Pedro Rodrigues

(Salzgeber, Kinostart 13. Juli 2017)

„Wer sich dem Geist nähert, wird seine Nähe spüren und sein Herz wird sich in neue Sphären erheben.“ Diese Aussage des hl. Antonius von Lissabon bzw. Padua (Pfingsten 1222) leitet den Film ein. Und man braucht dieses Diktum auch unbedingt, um ihn zu verstehen, denn er enthält wirklich sehr viel Symbolisches, Mysteriöses, Surreales und Wandelbares.

„Manches muss man nicht versuchen zu verstehen“, heißt es später, „es geschieht einfach, und man glaubt daran.“ – „Das Feuer des Geistes ist ein unergründliches Geheimnis, wir müssen es in uns auflodern lassen. Wenn es eine Seele erfasst, füllt es sie aus, es verwandelt sie.“

Genau das scheint in „Der Ornithologe“ zu geschehen. Fernando heißt der Mann, der im Vordergrund steht. Er ist tatsächlich Vogelkundler, beobachtet in Nordportugal in schönen Natur- und Tierlandschaften bei wechselnden wunderbaren Lichtverhältnissen die Vogelarten; Schwarzstörche scheint er vor allem zu suchen.

Mit seinem Boot wird er von Stromschnellen erfasst, kann sich retten, doch das Boot ist hin. Die beiden Chinesinnen Lin und Fei finden ihn schlafend. Sie sind offenbar vom Jakobsweg abgekommen, nennen sich gute Christinnen, beten, sagen dass Christen Nützliches tun müssten, glauben aber auch an böse Geister – und fesseln Fernando.

Nachdem er fliehen konnte, trifft er nach langen Waldmärschen auf den taubstummen Ziegenhirten Jesus, mit dem es zwar zu heftigem Sex kommt, den er jedoch danach im Streit unabsichtlich ersticht.

Fernandos Wandlung scheint nun einzusetzen. Immer mehr diesbezügliche Symbole tauchen auf – eine weiße Taube zum Beispiel. „Tiere mögen mich“, sagt er.

Seinen verloren gegangenen und wieder gefundenen Identitätsausweis wirft er jetzt weg. Er spricht mit den Fischen: „Warum sucht ihr nicht nach reinen Gewässern? Ihr würdet dann euren Weg erkennen.“

Er trifft noch auf Jesus‘ Zwillingsbruder Thomas. Aber ist der lebendig oder tot?  Es ist nicht mehr zu unterscheiden.

„Ich bin nicht mehr derselbe“, sagt Fernando, der zum letzten Mal so heißt. Er will seine „Fehler wieder gutmachen“.

„Ich heiße Antonius.“ Hat er endlich seinen Weg gefunden? Er segnet diejenigen, die ihm zurufen.

Bestens dargestellt von Paul Hamy als Fernando bzw. Antonius.

Ein Film, dessen die Natur schildernde Seite ebenso schön ist wie die die Handlung und den geistig-religiösen Gehalt aufzeigende Seite mysteriös und irreal.

In Locarno Silberner Leopard für Beste Regie.

Ein Film für den Arthouse-Bereich.

     

   

 

 

   

 

 

 

  

 

 

 

   

 

  

 
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Datum: 03.07.2017


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