Der Gilden-Dienst Nr. 27-2018
Auf der Suche nach Ingmar Bergman

Von Margarethe von Trotta

(Weltkino, Kinostart 12. Juli 2018)

In diesen Tagen wäre er 100 Jahre alt geworden: Ingmar Bergman.

Gestorben ist er 2007, aber seine in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gedrehten Filme haben ihre Bedeutung nicht verloren: „Das siebte Siegel“, „Das Schweigen“, „Szenen einer Ehe“, „Wilde Erdbeeren“ oder „Fanny und Alexander“, und wie sie alle heißen. Manche sind filmische Meilensteine! Wenn man allein in „Das siebte Siegel“ an die Szene denkt, in der der Tod dem heimgekehrten Kreuzritter für die Dauer eines Schachspiels noch das Leben schenkt, dann sieht man an diesem Beispiel, wie Eindrucksvolles er schildern konnte.

Gut, dass Margarethe von Trotta, die ein künstlerisch engeres Verhältnis zu Bergman hatte, Interviews, Filmausschnitte und viel (zum Teil unveröffentlichtes) Archivmaterial zu einer Dokumentation zusammenfasste.

Die französischen Nouvelle-Vague-, die Cahiers du Cinema-Filmer und –Kritiker waren es, die Bergman von Schweden nach Mitteleuropa brachten. Gut so.

Der Sohn eines Pastors, der nach eigenem Bekunden von der Religion zur Humanität stieß, war mit Sicherheit genialisch, ein produktiver Künstler auch. „Kunst definiert, was wahr ist“, sagt er.

Doch er hatte auch, zumindest in seinem Werk, Magie, Geister und Träume: „Filme sind Träume.“ Er liebte Kinder sehr, offenbar sogar mehr als die Mitglieder seiner Familie („Zusammengehörigkeitsgefühl ist Illusion“). Er sei, sagen diejenigen, die in von Trottas Film über ihn berichten, im Grunde selbst wie ein Kind geblieben. Einen besseren Film als beispielsweise „Fanny und Alexander“, in dem Kinder eine wesentliche Rolle spielen, kann man ganz einfach auch nicht drehen.

Die Schauspielerinnen Liv Ullmann, Harriet Anderson oder Gaby Dohm, oder die Autoren und Regisseure Olivier Assayas, Jean- Claude Carrière und Sohn Daniel, sie alle berichten Gutes oder Ungewöhnliches über ihn: wie gerne er auf der Insel Farö lebte (wo er auch begraben liegt); wie er zwei Oscars erhielt; wie er aus steuerlichen Gründen nach München (an das Residenztheater) „fliehen“ musste; wie es ihm an Ehen, Geliebten und Kindern nicht mangelte; dass eine gewisse professionelle Gegnerschaft zu dem Regisseur Bo Widerberg bestand; oder dass er bei Ibsen und Strindberg lernte.

Das alles lohnt sich von Margarethe von Trotta ebenso cineastisch wie menschlich, ebenso emotional wie verwundert zu erfahren.

Filmfreunde lernen dazu noch eine ganze Menge.

Ein großer Künstler war Ingmar Bergman allemal.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen. 

 

Foxtrot

Von Samuel Maoz

(NFP, Kinostart 12. Juli 2018)

Akt 1. Israel. Familie Feldman. Michaels und Daphnas Sohn Jonathan dient beim Militär. Da, plötzlich kommen militärische Beauftragte, die Schlimmes zu berichten haben: Jonathan ist gefallen.

Daphna und Michael brechen zusammen. Er hat die Traumata aus seiner eigenen Dienstzeit noch nicht einmal überwunden. Denn zwischen Israelis und Arabern herrscht ja seit Jahrzehnten etwas, das man leider Krieg nennen muss.

Er reagiert heftig, zornig, unkontrollierbar.

Trotzdem erscheinen diejenigen, die das Begräbnis regeln: Kaddisch, Schüsse, Trauerzug zum Grab – alles muss auch im Tod seine Ordnung haben.

Dann die Nachricht: Es handelte sich um eine Verwechslung. Jonathan lebt.

Akt 2. In der Wüste ein Kontrollpunkt zwischen israelischem und palästinensischem Gebiet. Ganz selten nur fährt ein Auto durch. Ab und zu muss die Schranke auch für ein Kamel geöffnet werden. Es regnet. Es ist zwar Wüste, aber der Boden ist nass und sumpfig. Das halbe Dutzend Soldaten langweilt sich tödlich. Jonathan ist dabei. Einmal tanzt er Foxtrott, eine Schrittfolge, die immer wieder zum Ausgangspunkt zurückführt. Das ist sicherlich eine Metapher für den Zustand zwischen den beiden Völkern.

Ein Auto kommt. Junge Menschen sitzen drin, die dem Anschein nach sehr gut gelaunt sind. Da fällt beim Öffnen einer Tür eine Dose heraus. Der wachhabende Soldat meint, es handle sich um einen Sprengsatz. Er feuert drauf los. Am Ende sind alle tot. Das Auto wird einfach verscharrt.

Akt 3. Daphna und Michael. Sie sind zusammen, doch nach Gemeinsamkeit sieht es nicht mehr aus. Sie wirken resigniert. Es wird angedeutet, dass Jonathan nun doch nicht mehr lebt – offenbar bei einem Unfall auf der Rückfahrt vom Wachposten in der Wüste ums Leben gekommen.

Dann doch eine Geste der Gemeinsamkeit, der Liebe, die geblieben zu sein scheint.

Rein filmisch, zum Beispiel mit der Kamera, gibt es eine ganze Menge Experimente, die aber durchaus beeindrucken. Das Wichtigste jedoch ist die Aussage: kein Frieden! Und keine Aussicht auf Besseres. Deshalb ist vieles so trostlos. Eben auch in Maoz‘ Film.

Man sollte ihn anschauen. Des Themas wegen, aber auch deshalb, weil Lior Ashkenazi als Michael Feldman, Sarah Adler als seine Frau Daphna und Yonatan Shiray als ihr Sohn ihre Rollen so intensiv spielen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Ryuichi Sakamoto: Coda

Von Stephen Nomura Schible

(Salzgeber, Kinostart 12. Juli 2018)

Wer kennt den japanischen Musiker Ryuichi Sakamoto? In Europa werden es nicht allzu viele sein. In diesem während mehrerer Jahre gestalteten Dokumentarfilm wird er von Stephen Nomura Schible vorgestellt.

Privatleben? Freunde, die über ihn berichten würden? Fehlanzeige. Es geht vielmehr um sein künstlerisches Leben, um seine Kompositionen, um sein  Pianistendasein, um seine politische Aktivität gegen Atomkraftwerke (wegen Fukushima), um seine Suche nach Tönen –Klänge schmelzendes Eises, Klänge im Wald, Klänge im Regen-, um seine Bewunderung für Johann Sebastian Bach, um seine Filmmusiken etwa für „Der letzte Kaiser“ (Bernardo Bertolucci) oder „The Revenant“ (Alejandro Inarittu).

Er sagt, dass die Welt voller Töne sei, er studiert den Grundrhythmus der afrikanischen Musik, für ihn sind Klangerlebnisse und Klanglandschaften das Höchste: „Akustischer Reichtum“.

Hochinteressant, was der heute 66jährige in den 70er Jahren tat. Da gehörte er nämlich zu den ersten, die mit elektronischer Musik experimentierten. Elektro-Rock und Techno-Punk der Band Yellow Magic Orchestra.

Aber gleichzeitig in feierlicher Weise die Bach’schen Orgelchoräle oder die Goldberg-Variationen. Seine kompositorischen schöpferischen Akte lehnen sich, wie er bekennt, daran an.

Ein Aufsehen erregender Gedanke: Sakamoto will seinem eigenen Bekenntnis nach die Weltereignisse spirituell und kompositorisch in seine Musik integrieren – ein ziemlich einmaliges Bestreben.

Eine Lebenskrise fehlte nicht: „Wir wissen nicht, wann wir sterben." Sakamoto litt an einem Mund- und Rachenkrebs im 3.Stadium. Ein Jahr musste er aussetzen. Doch das Schlimmste scheint überwunden. Tröstlich. Er will weiterwirken, auch „futuristisch“.

Eine wahrlich beeindruckende Persönlichkeit.

Und ein bemerkenswerter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Die Farbe des Horizonts

Von Baltasar Kormakur

(Tobis, Kinostart 12. Juli 2018)

Die junge Tami aus San Diego ist zwar mit der High-School fertig, aber mit dem Studieren und Arbeiten hat sie es nicht so. Sie bereist lieber die Welt, segelt gern und viel, verdient auch ab und zu da und dort ein wenig etwas zum Überleben. Auf Tahiti trifft sie auf Richard, ebenfalls Segler, und es dauert nicht lange, bis die beiden sich ineinander verlieben. Mit Richards Yacht Mayaluga wollen sie bald in See stechen.

Da erhält Richard das Angebot, eine größere Yacht, die Hazana, von Tahiti nach San Diego zu bringen – also eine Tour von Tausenden von Meilen. Richard und Tami segeln los.

Weil die zwei ihr Handwerk verstehen, wäre alles sicherlich gut gegangen, wäre da nicht auf hoher See der Hurrikan Raymond losgebrochen und zwar mit Stärke 4. Sie konnten den Sturm nicht umsegeln und kommen deshalb nicht ungeschoren davon. Das Boot wird schwerstens beschädigt, die Funk- und Navigationssysteme arbeiten nicht mehr, Wasser und Lebensmittel werden knapp. Seenot in höchster Potenz.

Richard ist zudem stark verletzt, er überlebt das Unglück nicht.

Nicht weniger als 41 Tage muss Tami Oldham Ashcraft auf hoher See aushalten, in ihrem Buch „Red sky in mourning: A true story of love, loss and survival at sea“ beschrieb sie ihre Erlebnisse.

Die Geschichte dieses tragischen Schiffbruchs wird immer wieder unterbrochen von kurzen Rückblenden auf das sehr zarte wenngleich nicht sonderlich vertiefte Liebesverhältnis der beiden, ergänzt von schönen Sonnenuntergangsaufnahmen.

Der Schwerpunkt liegt auf den zwei Drittel des Films in Anspruch nehmenden hochdramatischen Meeresszenen, die von Shailene Woodley als Tami und Sam Claffin als Richard Sharp darstellerisch glänzend bewältigt werden. Dazu kommt neben der Spannung noch eine wirklich höchst bemerkenswerte Kameraarbeit. Sie ganz besonders verleiht dem Film Realität und Authentizität.

Liebe, Drama und Tragik.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

Die Frau, die vorausgeht

Von Susanna White

(Tobis, Kinostart 5. Juli 2018)

New York 1889. Die Malerin Catherine Weldon verlor vor einem Jahr ihren Mann. Nun ist für sie nicht nur die Trauerzeit vorüber, sie vernichtet sogar das Porträt ihres Gatten – und will ein neues Bild malen, nämlich das des berühmten Lakota-Sioux- Häuptlings Sitting Bull, mit dessen Hilfe zur Zeit der Indianerkriege die amerikanische Armee 1876 am Little Big Horn vernichtend geschlagen wurde.

Catherine Weldon begibt sich also in den Wilden Westen (ungefähr das heutige South Dakota, North Dakota und Nebraska), wird jedoch dort als Fremde und als Frau von den Militärs nicht gerne gesehen. Es ist Sitting Bulls Sohn, der sie schließlich zu seinem in einem Reservat lebenden Vater führt.

Der Häuptling vertritt in Susanna Whites Film wesentlich klügere und modernere Anschauungen als sie gemeinhin den historischen Indianern zugeschrieben werden. (Er verlangt beispielsweise für das Modellsitzen 1000 Dollar.) Allerdings kann er für seine Worte, seine Pläne, seine Bemühungen keine großen Erfolge verzeichnen –wenn man die entstehende gefühlsmäßige Nähe zu Catherine Weldon einmal außer Acht lässt-, denn am Ende wird er ermordet.

Es handelt sich keineswegs um einen gewöhnlichen Western. Vielmehr klingen vom rein Filmischen, Inszenatorischen und Darstellerischen einmal abgesehen, unterschwellig eine ganze Reihe von wichtigen Themen an: die notwendige Emanzipation der Indianer; die rassistische Kolonisation durch die Weißen; die Parzellierung und Landnahme durch die Siedler; das Bild und die Charakterisierung Sitting Bulls; seine Ermordung; und nicht zuletzt der Kampf einer „Frau, die vorausgeht“.

Von herrlichen Landschaften und guten schauspielerischen Leistungen ist ebenfalls zu berichten: Jessica Chastain ist die streitbare aber auch pathetische Malerin Catherine Weldon,  Sam Rockwell (Oscar 2018) hat die Rolle des fiesen Soldaten Silas Groves, und schließlich agiert Michael Greyeyes als idealistisch gesehener Häuptling Sitting Bull.

Mehr als ein Western.

 

     

 

  

 

 

  

 

 

 

 

 

   

     

 
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Datum: 02.07.2018


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