DER GILDEN-DIENST Nr. 28 - 2017
Das unerwartete Glück der Familie Payan

Von Nadège Loiseau

(Wild Bunch, Kinostart 20. Juli 2017)

Eine nordfranzösische Familie. Nicole ist die Mutter und zugleich die Hauptperson. Sie arbeitet an einer Maut-Station, hat einen Mann, Jean-Pierre, der zwar ein guter Turnlehrer zu sein scheint aber lieber weniger als mehr arbeitet. Vincent, der Sohn, ist Koch auf einem U-Boot und gerade auf See unterwegs. Arielle ist die meist etwas aufmüpfige Tochter, Mutter der kleinen Zoé. Dann ist da noch die Großmutter – leider schon etwas verwirrt. Ihr Pfleger ist Toussaint.

Jeder versucht in seinem Leben durchzukommen, so gut es eben geht. Mal liebt man sich, mal kracht’s, mal lacht man, mal weint man. C‘est la vie.

Nicole ist 49 Jahre alt. Und jetzt – spürt sie, dass sie eventuell ein Kind erwartet, einen „kleinen neuen Untermieter“, wie sie sagt. Also nicht Wechseljahre sondern Schwangerschaft. Die Auskunft ihres Frauenarztes ist formell. In diesem Alter! Soll das Mädchen, das sie erwartet, jünger sein als ihre Enkelin Zoé? Das Dilemma ist groß.

Nach längerem Hin und Her entschließt sie sich doch noch, sich, ohne die Familie zu informieren, von ihrem Kollegen Damien zu einer Abtreibung nach Holland fahren zu lassen. Allerdings dauert es nicht lange, bis die ganze Bande in ihrem Krankenzimmer steht. Natürlich soll das Kind zur Welt kommen.

Und so ist es denn auch.

Eine Familienkomödie. Ihre Qualität besteht darin, dass es so alltäglich, so realistisch, so kompliziert, so chaotisch, so albtraumhaft, so wahr, so erstaunlich, so emotional, so fragil, so ernst, so sensibel zugeht, wie das im Leben halt so ist. Also ein von der Intention her lustiger und unterhaltsamer Film - mit einem gewissen Tiefgang.

Das Ganze hätte niemals so werden können, wenn Karin Viard nicht die Rolle der Nicole übernommen hätte. Sie dominiert zu Recht, und sie spielt wunderbar. Schon ihretwegen kann „Das unerwartete Glück der Familie Payan“ interessant sein. Es gibt aber noch ein kleines Mädchen namens Stella Fenouillet. Und das ist im Film die Zoé. Wenn sie so weiterspielt, wird man noch von ihr hören.

Eine ganz amüsante französische Familienkomödie, nicht mehr und nicht weniger.

 

Die Geschichte der Liebe

Von Radu Mihaileanu

(Prokino, Kinostart 20. Juli 2017)

Anfang des 20. Jahrhunderts in einem jüdischen Schtädl in Polen. Alma lebt dort. Sie ist hübsch und in einem Alter, in dem die Liebe noch wichtiger ist als in anderen Lebensaltern. Nicht weniger als drei junge Männer, Leo, Bruno und Zvi,  werben um sie. Sie aber wird sich für Leo entscheiden.

40er Jahre. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, in der die Juden auf die grausamste Weise verfolgt werden. Leo muss fliehen und will sich in die USA absetzen, wo er auf Alma warten wird. Um den Trennungsschmerz besser zu überwinden, schreibt er „Die Geschichte der Liebe“. Mit jedem Brief an Alma will er ihr ein Kapitel schicken.

Aufgrund des Krieges und der Nachkriegswirren dauert es viele Jahre bis Leo in die Staaten kommt. Alma ist längst verheiratet mit einem Mann, der ein guter Kerl ist und der ihr damals half. Sie hat zwei Kinder, das eine, Isaac, von Leo (was niemand wissen darf), das zweite von ihrem Gatten. Sie wird diesen trotz aller Gefühle für Leo nicht verlassen.

Anfang 21. Jahrhundert. Leo ist 80 geworden, lebt noch als einer der wenigen Juden in Chinatown. Wenigstens hat er seinen alten Freund Bruno. Die erkrankte Alma kann er, bevor sie stirbt, noch heimlich besuchen.

Mit seiner „Geschichte der Liebe“, die er früher Zvi nach Chile mitgegeben hatte, um sie an Alma zu senden, wurde Schindluder getrieben. Sein zweites Buch mit dem Titel „Worte für vieles“ sandte er seinem Sohn, ebenfalls Schriftsteller, doch auch mit diesem Text wurde geradezu betrügerisch umgegangen.

Glücklicherweise gibt es die chilenische Fassung der Geschichte der Liebe, die „Historia del Amor“. In Brooklyn wird Charlotte Singer, Mutter des jungen sich in Liebesnöten befindenden Mädchens Alma und ihres tiefreligiösen Bruders Bird, mit dem Verfassen einer englischen Übersetzung beauftragt. Diese Alma wird damit bald Leo aufsuchen; so schließt sich der Kreis.

Bringt man als Zuschauer die Puzzle-Teile der Handlung für sich zusammen, was bei diesem Film nicht so ganz einfach ist, dann erlebt man atmosphärisch überzeugend, durchgehend sehr lebendig, tief emotional und hoch dramatisch jüdisches Leben und Schicksal. Verkörpert wird es souverän von exzellenten Schauspielern wie Gemma Arterton (Alma), Elliott Gould (Bruno), Sophie Nélisse (Alma Singer) aber vor allem von Derek Jacobi als sehr beeindruckendem Leo.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Zum Verwechseln ähnlich

Von Lucien Jean-Baptiste

(Neue Visionen, Kinostart 13. Juli 2017)

Der deutsche Verleihtitel deutet schon an, dass hier ein eher ernstes Thema auf eine lockere Weise behandelt und geboten wird.

Sali und Paul Aloka, sie in Frankreich aufgewachsene Senegalesin und er aus Martinique stammend, lieben sich. Soeben haben sie einen kleinen Blumenladen eröffnet, und ihr Haus renovieren sie mit Hilfe des Freundes Manu auch gerade. Es steht eigentlich alles zum Besten – aber etwas fehlt: ein Kind. Sali kann selbst keines bekommen, also muss eins adoptiert werden.

Nach den nötigen Vorbereitungen stellt das Jugendamt das in Frage kommende Baby vor. Es heißt Benjamin – und hat ganz im Gegensatz zu den künftigen Eltern eine weiße Hautfarbe und blaue Augen! Weiße Eltern, die ein schwarzes Kind aufziehen, ist heute nicht mehr so ungewöhnlich, aber das Gegenteil!

Paul und Sali lieben ihren Benjamin, doch wie soll das Salis afrikanischen Eltern Ousmane und Mamita beigebracht werden, die muslimischen Glaubens sind, die nur ihre eigene Stammeskultur und Religion achten, die Knaben nur beschnitten sehen wollen, die entsetzt sind und die den Namen Benjamin für zu jüdisch halten.

Und da ist auch noch die unsympathische Jugendbeamtin Madame Mallet, die anders als ihre Kolleginnen und Kollegen bei den Alokas herumspioniert und mit ihren Kontrollgängen weit über das Ziel hinausschießt.

Doch es kommt noch schlimmer. Als Sali ihr Kind einmal Freundinnen anvertrauen muss, sehen zwei Polizisten die schwarzen Frauen mit einem weißen Kleinkind, und das kommt ihnen verdächtig vor. Streit ist programmiert. Und schon kommt Benjamin in ein Heim!

Jetzt müssen Paul, Sali, Manu, Mamita, Ousmane und sogar Madame Mallet zum Kampf antreten, bis der kleine Benjamin wieder dahin kommt, wo längst seine Heimat ist.

Wie gesagt, das Rassenproblem auf lockere Weise behandelt. Geht das?

Ja, es geht. Die hier gebotenen Handlungsideen, die Dialoge, das Ambiente, die Schauplätze, das künstlerische Niveau, die glänzenden schauspielerischen Leistungen etwa von Aissa Maiga (Sali), Lucien Jean-Baptiste (Paul), Zabou Breitman (Madame Mallet) oder Marie-Philomène Nga (Mamita) beweisen es.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

Die guten Feinde – Mein Vater, die Rote Kapelle und ich

Von Christian Weisenborn

(Salzgeber, Kinostart 27. Juli 2017)

40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Hitler beginnt und verschuldet den Zweiten Weltkrieg. Die Nazis wüten überall auf die grausamste Weise. Auch der Krieg gegen die Sowjetunion fällt unter diese Kategorie.

Dagegen muss Widerstand geleistet werden. Die (weit verbreiteten) Angehörigen der „Roten Kapelle“, Aristokraten genauso wie Putzfrauen, tun dies.

Warum Rote Kapelle? Wer geheime Morsezeichen übermittelt, wird „Pianist“ genannt. Sind es mehrere oder viele wie in diesem Fall werden sie zur “Kapelle“, daher „Rote Kapelle“.

Christian Weisenborn, der Sohn des überlebenden Kapellenmitglieds Günther Weisenborn -59 Beteiligte wurden in Berlin Plötzensee von der Gestapo ermordet, die Männer gehenkt, die Frauen guillotiniert – eines Schriftstellers, der nach dem Krieg ausführlich über die Ereignisse berichtete, schuf diesen politisch wie menschlich wichtigen Dokumentarfilm: mit reichlichem Archivmaterial; mit vielsagenden Dokumenten; mit Erzählungen von Weisenborns Gattin Joy; mit Aussagen seines Bruders; mit Schilderungen der Judenverfolgung oder der Bücherverbrennungen; mit Berichten über die Greueltaten der Wehrmacht und die Massenmorde; mit dem Andenken an Weisenborns Freunde und Mitkämpfer wie Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas, wie Arvid Harnack oder Erika von Brockdorff, alle getötet; mit Filmbildern über die damalige Berliner Zeit.

Man kann nur erschüttert sein.

Und zwar auch über eine geschichtliche Verfälschung, die ihresgleichen sucht. Es stimmt: Es bestanden enge Verbindungen zu den Kommunisten der damaligen Sowjetunion. Unter den Mitgliedern der „Roten Kapelle“ gab es überzeugte russlandfreundliche Kommunisten. Aber: Die gemeinsamen Widerstandsaktionen entsprangen in diesem Fall nicht der marxistischen Ideologie, sondern in erster Linie dem Kampf gegen Hitler und seine Nationalsozialisten – auch wenn dies später in der DDR propagandistisch total und immer wieder uminterpretiert wurde. Natürlich galt der Kampf auch einer möglichst raschen Beendigung des Krieges.

Die Gestapo ihrerseits jubelte. Aufgrund einer entzifferten Morsebotschaft kam sie den in Deutschland wirkenden Mitgliedern der Roten Kapelle auf die Spur. Daher die vielen Hinrichtungen.

In der Nachkriegs-BRD gab es in dieser Hinsicht Schlimmes. Ein Richter, der in der Sache Todesurteile gefällt hatte –nach NS-Gesetzeslage leider zu Recht- stieg nach dem Krieg wieder zu Ehren auf. Ein trauriges Versäumnis.

Erst Jahrzehnte später kam man zur Besinnung, erst dann wurde revidiert, erst dann wurden die Urteile gegen die seinerzeit Beschuldigten aufgehoben.

Ein geschichtlich absolut notwendiger (außerdem gut gestalteter) Dokumentarfilm.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Cloclo und ich

Von Stefano Knuchel

(Déjà-vu Film, Kinostart 13. Juli 2017)

Das Schicksal einer siebenköpfigen Familie, deren Leben durch die mangelnde Seriosität des Ehemannes und Vaters etlichen Stürmen ausgesetzt, verwirrt und sogar teilweise zerstört wurde. Mit Archivmaterial, ab und zu mit der Handkamera und mit einer ganzen Menge persönlicher Überlegungen präsentiert Autor und Regisseur Stefano Knuchel eindrucksvoll dieses Lebensschicksal.

Inwieweit der Film Allgemeingültigkeit haben kann, muss natürlich jeder selbst beurteilen. Die persönliche Lehre, dass man immer und überall darauf bedacht sein muss, nicht selbst unterzugehen, kann man daraus auf jeden Fall ziehen.

Dieser Ehemann und Vater war schon eine ganz besondere Nummer. Er erwarb alte Häuser, die er um das Zehnfache weitervertrieb. Das wurde als Geniestreich betrachtet. Aber er verkaufte auch Dinge, die er gar nicht besaß und zog dafür Vorauszahlungen ein. Immer wieder wurde eine Zeit lang eine Bar geführt – bis die Pleite oder die Polizei vor der Türe stand. Dann zog man weiter und wiederholte das Spiel. Es wurde gefeiert, getrunken, gesungen (Stefano als singendes Kind „Cloclo“) und getanzt, Gäste, Glanz und Luxus wollte der Mann, aber eben oft auf sehr dünner Grundlage. Natürlich spielte auch der Alkohol eine Rolle. Dazu Stefano Knuchel, der schon spürte, dass ein bedrohlicher Verfall auf die Familie zukommen würde: „Viele trinken, um Probleme zu vergessen, doch sie denken nicht daran, dass Probleme schwimmen können.“

Einzig die Ehefrau und Mutter Nives hielt die Dinge  halbwegs zusammen.

Immer wieder mussten Auswege gesucht werden, musste die Familie deshalb in immer kürzeren Perioden nicht nur umziehen sondern vor den Schulden fliehen: Tessin, Wallis, Spanien, Frankreich. Für die Kinder bedeutete das: keine Schule, keine Freunde. Später sperrte einer der Söhne, schon erwachsen, sich ein und lebte geistig nur noch von Computerspielen – wohl auch eine direkte Folge dessen, was früher alles geschehen war. 

Zwischen den Eltern zerbrach etwas. Fausto hieß der neue Liebhaber. Dann landete der Vater in Marseille im Gefängnis. „Vor sich kann man nicht fliehen.“

Später verschwand er für immer. Man nahm an, dass er nicht mehr lebe.

Es stellte sich heraus, dass er doch noch lebte. Sein Sohn Stefano suchte ihn auf. Jetzt galt es, die „Erinnerung zu entwirren“. Grundlegend schien der Vater sich nicht geändert zu haben, denn er ließ auch jetzt noch, nach 15 Jahren, den Satz fallen: „Besser umziehen als die Miete zu bezahlen.“

Stefano Knuchel: Vor seiner Zeit zu sterben ist tragisch, nach seiner Zeit zu sterben ist grausam.“

Ein beachtenswert erzähltes Familienschicksal.

 
zum Download
Datum: 10.07.2017


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