Der Gilden-Dienst Nr. 28-2018
303

Von Hans Weingartner

(Alamode, Kinostart 19. Juli 2018)

Jule fährt in einem alten aber komfortablen Wohnwagen von Berlin nach dem Süden Portugals, wo sie ihren Freund Alexander treffen will.

Jan ist per Autostopp unterwegs. Er will zunächst nur nach Köln. Eine geplante Tour mit Freunden hat er offenbar verpasst. Nun nimmt Jule ihn mit, denn sie fährt ja in seine Richtung.

Die beiden kommen ins Gespräch. Jules Bruder hat sich umgebracht, also geht es auch um Selbstmord. Die Gegensätze sind so stark, dass es zum Streit kommt. Und schon ist Jan wieder draußen.

Unglücklicherweise hat er sein Handy in Jules Auto liegen lassen. Also muss er sie wiederfinden. Und er findet sie auch.

Köln ist schon weit weg, und so fahren sie weiter zusammen, Jan hat sowieso seinen leiblichen Vater in Spanien, den er noch nie gesehen hat – letztlich dann doch nicht sehen will und auch nicht sieht.

Die Diskussionen gehen weiter: über den Kapitalismus und den Kommunismus; über die Monogamie, die Jan in Frage stellt; über die Gene von Mensch und Tier; über die nötige Individualität des Menschen; über die Religionen; über den Umweltschutz; über die Natur und die Biologie. Und über manches andere. Die gegensätzlichen Auffassungen der beiden bleiben bestehen.

Eine gescheite Dialektik ist das zum Teil – wohl nicht nur dazu bestimmt, Filmdialoge und Filmhandlung voranzubringen; der Autor wollte sicher ganz allgemein seine Thesen vor dem Kinopublikum zur Diskussion stellen. Und zwar ausführlich und kontrovers.

Es muss auch Station gemacht, getankt, eingekauft, gegessen und im Meer gebadet werden. An die 10 Tage dauert die Fahrt.

Das Verhältnis zwischen den beiden ist freundschaftlich, nicht mehr. Diskretion wird lange gewahrt. Dann entsteht an einem Abend doch Nähe, große Nähe!

Südportugal ist erreicht. Jetzt muss die Trennung wohl sein. Jule fährt davon.

Jan sitzt traurig auf einer Treppe – die ganze Nacht.

Es ist Morgen. Jule kommt zurück zu Jan.

Mit Feingefühl und Intelligenz ist das gemacht. Sowieso eine gut funktionierende Ausgangsidee, überzeugend vorgetragene Dialoge zwischen den zweien, die sehr lang Sympathie spüren aber Haltung bewahren. Obendrauf das deutliche Charisma der beiden schauspielerisch sehr gut Handelnden. Es sind Mala Emde als Jule und Anton Spiekert als Jan.

Ein schöner Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Endless Poetry

Von Alejandro Jodorowsky

(Steppenwolf, Kinostart 19. Juli 2018)

Alejandro Jodorowsky stellt hier wieder einen Teil seiner Biographie vor, und zwar geht es in erster Linie um seine Jugend.

In einem Arbeiterviertel der chilenischen Stadt Tocopilla wächst er auf. Der gestrenge Vater möchte, dass er Arzt wird (und Geige spielen lernt), doch Alejandro hat nur eines im Sinn: die Dichtung.

Auch seine –ständig nur singende- Mutter kann ihn nicht halten. Er haut ab nach Santiago. Durch einen Freund gerät er in sexuelle Versuchung, doch er wehrt sich, will unter allen Umständen sich nur heterosexuell geben.

In Santiago nehmen ihn die Schwestern Cereceda auf, die ihn fördern. Jetzt endlich kann er in die Kunst-, in die Theater-, in die Show- und Performance-Szene der Hauptstadt eintreten; jetzt kann er dichten und immer wieder rezitieren; jetzt begegnet er gleichgesinnten Künstlern; jetzt bekommt er ein eigenes Atelier; jetzt trifft er auf den Sex – natürlich mit zwei außergewöhnlichen Frauen; jetzt kann er Feste feiern; jetzt genießt er die „Schönheit der Kunst“; jetzt begegnet er auch der Gewalt; jetzt versöhnt er sich mit seinem eigenen Leben.

„Das Hirn stellt die Fragen, das Herz gibt die Antwort“, sagt er. Und: „Ich habe gelernt zu leben.“

Er deutet an, dass er nicht Hollywoods Unterhaltungs- und Zerstörungskino wolle, sondern das heilende Kino.

Wie er das meint und macht, ist auf jeden Fall außergewöhnlich. Eine Idee löst die andere ab. Die Inszenierung ist sowohl surreal als auch spirituell, sowohl exzessiv als auch magisch, sowohl emotional als auch manieriert, sowohl poetisch als auch verschroben, sowohl bewundernswert als auch verrückt, sowohl vibrierend als auch träumerisch.

Realistisch ist sie allerdings nicht – aber gut gespielt.

Filme werden zu Hunderten produziert, und viele, wirklich viele, sind das Geld nicht wert, das sie gekostet haben. Da kann man schon froh sein, auf einen raren Edelstein wie den von Jodorowsky zu treffen.

An Filmkunst Interessierte sollten sich „Endless Poetry“ nicht entgehen lassen.

 

Könige der Welt

Von Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch

(W-Film, Kinostart 19. Juli 2018)

Laienhafte Rock-Bands gibt es viele, von der in diesem Dokumentarfilm beschriebenen zu berichten dürfte sich lohnen. Sie wurde von Maze, Jan, Michael und Nobse gebildet und nannte sich damals, zu Beginn des Jahrtausends, „Union Youth“.

Die Band kam aus der Provinz, doch ihre Musik wurde besser und besser, natürlich auch der Erfolg. Aus diesem ungetrübten Selbstbewusstsein heraus verschickte einer der vier Angebote und Demos an alle Plattenproduzenten, derer er habhaft werden konnte. Und siehe da, es funktionierte. Sogar der Weltmarktführer meldete sich. Die Konsequenz: erfolgreiche und turbulente Auftritte in Amerika. „Vier Bauern in L.A.“ Ein Vertrag winkte.

Die Zustände in der Band wurden allerdings mit der Zeit, wie ein Mitglied selbst sagt, extrem, brachial, konfliktreich, „abgefahren“. Die Dinge liefen aus dem Ruder. „Krieg“.

Maze war es, der nach wenigen Jahren bremste. Und nicht nur das. Er gab auf. Der Grund? Alkohol, Drogen, Selbstmordgedanken, Sucht. Dann Klinik, Entzug, Antidepressiva statt Opiate, Betreuung durch Psychotherapeuten. Funkstille. „Auf dem Weg nach unten?“ – „Ich habe alle gehasst.“

Immerhin wird Maze in der Klinik von den Freunden besucht. Besteht die Gefahr eines Rückfalls?

Ein paar Jahre sehen sie sich nicht.

Dann wieder eine vorsichtige Annäherung der Vier. Man hielt es nicht für möglich. Aber sie proben wieder. Sie erreichen ihre alte Qualität, auch wenn ihre Musik nicht mehr so hart klingt. Sie begeben sich auf Deutschlandtour. Sie nennen sich nunmehr „Pictures“. Die Zahl der Fans ist vorerst noch kleiner. Doch sie haben es geschafft.

Ein ständiges Spiel zwischen frühen und späten Aufnahmen; viele Amateurfilme sind dabei. Die einzelnen Stationen von „Union Youth“ und „Pictures“ sind ebenso gut wiedergegeben wie der seelische Zustand Mazes, der drei übrigen und der vier insgesamt.

Und natürlich spielt ihre Musik eine große Rolle.

Wer will, kann daraus auch etwas lernen: Es ist nicht falsch, maßvoll zu bleiben. Die Vergänglichkeit liegt immer nah. Und: Drogen können alles vollständig zerstören.

Eine Musik-, Unterhaltungs- und Lehrstunde zugleich.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.

 

Sicario 2

Von Stefano Sollima

(Studiocanal, Kinostart 19. Juli 2018)

Von der amerikanisch-mexikanischen Grenze ist in letzter Zeit wirklich viel die Rede. Um sie geht es auch in diesem Film. Dabei handelt es sich nicht nur um Trumps Flüchtlings-Mauer sondern vor allem auch um Drogen.

Verschiedene Drogenkartelle bekämpfen sich da. Und jetzt schleusen sie -im Film- auch noch Terroristen in die USA, die dort Attentate begehen sollen. Ein Selbstmordattentäter sprengt gerade ein Kaufhaus in die Luft.

CIA-Mann Matt Graver muss handeln. Sein Plan: einen Krieg zwischen den Drogenkartellen heraufzubeschwören. Um das zu bewirken muss die Tochter des Kartellbosses und Terroristenschleusers Carlos Reyes, Isabel, entführt werden. Graver bedient sich dazu des Alejandro Gillick, der nicht gerade den besten Ruf hat. Er gilt als gewalttätiger und gewissenloser Mörder.

Das kostet Hubschrauber, Waffen, Munition, Geld, Personal. Alles wird beschafft. Aber es könnte besser laufen. Und das tut es nicht. Denn die Kartelle sind genauso gut ausgerüstet. Als letztes Mittel befiehlt Matt Graver seinem normalerweise immer bis zum absolut Letzten gehenden Kollegen Alejandro Gillick, Isabel zu töten.

Doch der kommt zur Besinnung.

Man kennt den materiellen und inszenatorischen Aufwand, die Technik, die Logistik, die Erfahrung, das Zusammenwirken, die Perfektion, das Design, die Musik usw., mit denen derlei à la Hollywood produziert wird. Und das ist auch dieses Mal der Fall. Die Pläne, die Schauplätze, die Waffen, die Verfolgungen, die Schießereien, die Spannung – alles verdammt gut gemacht.

Nur die Moral. Die bleibt wie gewöhnlich in Filmen dieses Genres genauso gut auf der Strecke wie die vielen, vielen Toten.

Produktionen dieses Gewichts können sich natürlich erstklassige Schauspieler leisten, die die Qualität noch erheblich verstärken. Also agieren beispielsweise Josh Brolin als Matt Graver oder der Oscar-Preisträger Benicio Del Toro als Alejandro Gillick. Das ist doch was!

Für Fans des Genres ein Spitzenfilm.        

      

      

 

     

 

 
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Datum: 09.07.2018


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