DER GILDEN-DIENST Nr. 29 - 2017
The Party

Von Sally Potter

Weltkino, Kinostart 27. Juli 2017)

England hat es gerade nicht so leicht: Terror, Wahlen, Brexit, übergroße Zuwanderung und sich ausweitender Gegensatz zwischen der ärmeren Unterschicht und der reichen „Elite“, außerdem eine Regierungschefin, die so selbstgefällig, so eingebildet und so von sich überzeugt ist, dass das auch einmal gewaltig schiefgehen kann.

Sally Potters s/w-Film stammt zwar aus der Zeit vor den aufgezählten Ereignissen und Fakten, doch schon zur Zeit seiner Entstehung waren die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Autorin und Regisseurin wollte sich also einmal Luft verschaffen, zeigen wie entsetzt sie angesichts der politischen Lage ist und fordern, dass die Dinge sich endlich ändern.

Sie wählte dazu, wie sie selbst sagt, „eine die Tragödie umfassende Komödie“, und man kann sagen, dass ihr das dialogisch mit Intelligenz, mit Scharfsinn, mit Humor, mit Esprit, mit Zynismus auch gelungen ist.

Janet bekam so eben die Nachricht, dass sie im Schattenkabinett Gesundheitsministerin werden kann. Um das zu feiern haben sie und ihr Mann Bill Gäste eingeladen: April und ihren Gatten Gottfried, außerdem die beiden Lesbierinnen Martha und Jinny, die nach einer künstlichen Befruchtung Drillinge erwarten, dazu noch Tom, der sich mit Finanzen ebenso abgibt wie mit Koks.

Die Sache lässt sich mit einem Glas Champagner ganz nett an – bis die ersten Funken fliegen: April bringt ständig ihren weise Sprüche abgebenden Gottfried zum Schweigen; Tom fuchtelt mit einem Revolver herum, von dem man nicht weiß, wozu er ihn braucht; die Lesben verkünden Feministisches; Janet gelingt es nicht mehr, die Sache auf die Reihe zu bringen, vor allem als Bill mit der schlimmen Nachricht aufwartet er habe Krebs und wohl nicht mehr lange zu leben. Jetzt folgt in einer Art Spiel „alle gegen alle“ ein verbaler Schuss nach dem anderen.

Wenn man die Darstellerliste zur Kenntnis nimmt, wundert einen nichts mehr: Kristin Scott Thomas als Janet, Timothy Spall als Bill, Patricia Clarkson als April, Bruno Ganz als Gottfried, Cherry Jones als Martha, Emily Mortimer als Jinny und schließlich Cillian Murphy als Tom (der Einzige, der sich schauspielerisch hätte mehr zurücknehmen müssen).

Was will man mehr!

Eine gepfefferte politische Komödie aus Großbritannien, die aber auch viele andere Länder angeht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Sie nannten ihn Spencer

Von Karl-Martin Pold

(Neue Visionen, Kinostart 27. Juli 2017)

„Die rechte und die linke Hand des Teufels“, „Vier Fäuste für ein Halleluja“, „Sie nannten ihn Mücke“, „Zwei wie Pech und Schwefel“ oder „Sie nannten ihn Plattfuß“. Hört oder liest man diese Filmtitel, weiß man sofort, wo es lang geht. Sie stehen neben vielen anderen für das erfolgreichste Kinoduo der 70er bis 90er Jahre: Bud Spencer und Terence Hill.

Der Regisseur und die übrigen Macher des vorliegenden Dokumentarfilms wollten einmal ein wenig tiefer graben als bis zu den flotten Sprüchen (Rainer Brandt) und den zahlreichen Schlägereien in den genannten Filmen.

Sie fanden einen Handlungsfaden in Gestalt des Augsburgers Markus und des erblindeten Jorgo aus Berlin, die zu den größten denkbaren Fans von Bud und Terence gehören; von denen Markus über Jahre und für Tausende von Euro alles gesammelt hat, was es über die beiden zu sammeln gibt, und Jorgo die Musik aus den Filmen pflegte; deren größter Wunsch es war, Bud einmal persönlich zu begegnen; die speziell dafür lange Reisen nach Frankreich und Italien auf sich nahmen; die dabei Enttäuschungen und Pannen einstecken mussten; denen es aber dank der Hilfe früherer Crewmitglieder doch noch gelang, Bud in einer absolut rührenden Weise zu begegnen.

Leider ist Carlo Pedersoli, also Bud Spencer, 2016 verstorben.

Soweit wie gesagt der Handlungsfaden. Daneben gibt es jedoch noch eine ganze Menge mehr zu sehen: Situationskomik, Emotionen, große Fan-Gruppen und –Feste, Bud als Dampfhammerschläger, Bud als Jurist, Bud als Schwimmer, Bud als Erfinder, Bud als Jeans-Fabrikant, Bud als Vaterfigur, Bud als Beschützer der Schwachen, außerdem Bud mit auffälligen und nicht vermuteten Starallüren.

Die Zeit der Italo-Western war mehr oder minder vorbei, die Filme des Duos waren so etwas wie eine Gegenreaktion. Fröhlichkeit statt Zynismus, Ohrfeigen statt Schüsse. Weg von der Gewalt. „Vater war Pazifist!, sagt die Tochter einmal. Auf jeden Fall immer der Sieg des Guten über das Böse.

Intellektuell snobistische Kritiken gab es genug: „plumper Klamauk“, „geschmackloser Witz“, „kaum kaschierte Brutalität“ oder „komplett sinnfrei!“

Doch die Fans wird das nicht scheren, und sie haben Recht. Denn alles in allem ist das reiches, auch zeitgeschichtlich interessantes Anschauungsmaterial geworden – für alle, aber für die Fans ein besonderer Leckerbissen.

 

Paradies

Von Andrei Konchalovsky

(Alpenrepublik, Kinostart 27. Juli 2017)

Die weltweite Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen wird wohl noch Generationen in Anspruch nehmen. Konchalovskys Film ist in diesem Mosaik ein weiterer Stein.

Drei Personen, eine Frau und zwei Männer. Wenn sie im Film erscheinen, sind sie bereits tot. Sachlich und eindrucksvoll berichten sie über ihr dramatisches vergangenes Leben.

1942 in Paris während der deutschen Besatzungszeit. Jules ist Beamter, Familienvater, Bonvivant. Aber er ist noch eines: Kollaborateur. Er verhört Gefangene, nimmt eine Gräfin unter die Lupe, die zwei jüdische Kinder versteckte, schiebt Juden ab. Die unter schweren Druck gekommene Frau versucht ihn zu verführen. Er nimmt an. Zum Rendez-vous kommt er jedoch nicht mehr. Von Resistance-Kämpfern wurde er inzwischen im Wald in Gegenwart seines Kindes erschossen.

Der junge deutsche Adlige Helmut. Nach dem Tod seiner Mutter gibt er sogar sein Vermögen auf, denn er will nur noch eines: als SS-Offizier Hitler dienen, der den Deutschen das „Paradies“ versprochen hat. Er bewundert den Schwerstverbrecher so sehr, dass er von Himmler einen Sonderauftrag erhält: Korruption und Schiebereien in Konzentrationslagern zu untersuchen. Dort trifft er auf die Gefangene Olga, die er früher liebte und die er jetzt in seiner Dienstvilla zur „Haushaltshilfe“ (und Geliebten) machen kann. Bis aus dem „Paradies“ die Hölle wird.

Olga wird im Frauenlager wegen ihres „Dienstverhältnisses“ bei Helmut schwer angefeindet. Als es mit dem Krieg und dem KZ zu Ende geht, rafft sie sich zu einer großen Tat auf: Sie geht für eine andere Lagerinsassin in den Tod, die dadurch zwei Kinder retten kann.

Wie gesagt: ein fiktiver hochdramatischer (inzwischen mit mehreren Preisen bedachter) filmischer Beitrag zur Aufarbeitung. Man kann vom intensiven Charakter dieser Darstellung nur beeindruckt sein. Das Drehbuch entspricht der thematischen Intention, inszeniert und montiert ist alles hervorragend.

Im 20. Jahrhundert, schreibt Konchalovsky, wurden große Visionen unter Schutt und Asche begraben. Die Gefahren hasserfüllter Rhetorik habe aber auch die Erkenntnis gebracht, dass die Menschheit die Macht der Liebe braucht, um über das Böse zu obsiegen.

Zu berichten ist auch von den erstklassigen Schauspielern, der mehrfach ausgezeichneten Julia Vysotskaya als Olga, von dem in seiner verwerflichen Rolle unbarmherzig agierenden Christian Clauss als Helmut sowie von dem in seinem Part überzeugenden Philippe Duquesne als Jules.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Max – Agent auf vier Pfoten

Von Brian Levant

(Kinostar, Kinostart 27. Juli 2017)

Das Weiße Haus muss immer streng bewacht werden (nicht speziell wegen des gegenwärtigen Präsidenten sondern überhaupt). Zu den Wächtern gehören immer auch Hunde. Butch, eine Geheimdiensthündin bekam Junge, weshalb sie von dem belgischen Militärschäferhund Max abgelöst werden musste.

TJ Bennett, der etwa 12jährige Sohn des Präsidenten, ein Junge, der sich, vor allem wenn er von den Bodyguards in mehreren Autos in die Schule gefahren wird, eigentlich ein diskreteres Leben wünschen würde, wird bald der beste Freund des schönen Max.

Der Besuch des russischen Präsidenten Bragov ist angekündigt. Dessen kleine Tochter Alexandra begleitet ihn. Natürlich tun sich TJ und Alex rasch zusammen, vor allem auch, wenn es dann nach Camp David geht.

Eine administrative Institution ist oft von zweifelhaften und sogar gefährlichen Gestalten, Spionen, Entführern und anderen Bösewichtern keineswegs frei. So auch hier. Nur langsam stellt sich heraus, wer die Bösen sind, die sogar das Kidnapping von Alexandra im Schilde führen. Die Erwachsenen vermuten lange nichts Schlimmes. Die Kinder schon.

Nur durch ihr schlaues und beherztes Eingreifen auf eigene Faust kann ein Unglück verhindert werden. Dass der Spürhund Max dabei eine entscheidende Rolle spielt, versteht sich von selbst. Sogar einen hohen Orden erhält am Schluss das außergewöhnlich gescheite und tapfere Tier – der Agent auf vier Pfoten.

Der zweite Teil einer Kinderfilmreihe. Die Story, die selbstverständlich mit der Realität nicht das Geringste zu tun hat, ist leicht einfältig erdacht, kann aber dem kindlichen Verstand und Gemüt immerhin angemessen sein.

Auffällig gut ist das Spiel der beiden Kinder, Francesca Capaldi als Alexandra und Zane Austin als TJ Bennett, auffällig gut außerdem die Hundedressuren.

Ein Kinder- und Familienfilm . . .

. . . der allerdings mit dem Arthouse-Bereich nichts zu tun hat.



Ostwind

Von Katja von Garnier

(Constantin, Kinostart 27. Juli 2017)

Mika liebt Pferde, vor allem ihren Hengst „Ostwind“. Sie hat für diese Tiere eine spezielle Begabung, wird von manchen gar Pferdeflüsterin genannt. Derzeit arbeitet sie bei ihrer Oma auf dem Gestüt Kaltenbach, wo problematische oder kranke Pferde therapiert und gepflegt werden.

Sie hat außerordentliche Träume, beispielsweise von seltsamen Zeichen, wahrscheinlich Brandzeichen, oder einem Ort namens Ora, wo „Ostwind“ herstammen könnte. Doch der Ort liegt in Andalusien. Wie dorthin kommen? Da sie mit den Menschen und ihrem Leben in Kaltenbach unzufrieden ist, beschließt sie, sich nach Andalusien aufzumachen. Mit Hilfe ihrer Freundin Fanny, zudem mit der Unterstützung der Jungen Milan und Sam gelingt ihr das.

Ora findet sie nicht sofort, dafür die Hazienda von Pedro, wo sie angestellt wird, obwohl Pedros Tochter, die sich ebenfalls Sam nennt, sie zuerst nicht mag. Die Geschäfte des Mannes laufen schlecht, und außerdem liegt er im Clinch mit seiner Schwester Tara, die mit wilden Pferden draußen in der Landschaft um Ora lebt. Tara ist mit der Art und Weise, wie Pedro mit seinen  Pferden umgeht, nicht einverstanden; außerdem hat sie die seltene Gabe, die Tiere zu verstehen, als spräche sie ihre Sprache.

Pedro hat aus purer Not jedoch gegen bestimmte Garantien kostbare Wasserrechte an den Bürgermeister abgetreten, ist dabei aber betrogen worden. Der Streit zwischen ihm und seiner Schwester flammt deswegen erneut auf, alles scheint verloren.

Jetzt gäbe es eine Rettung nur noch dann, wenn das alte, legendäre Ora-Pferderennen, seit langer Zeit vernachlässigt und halb vergessen, wieder stattfinden könnte. Das nämlich gälte als nationales Kulturgut und stünde somit unter besonderem Schutz; keiner dürfte am Ort Ora, an der Landschaft, am Wasser, am Weidegrund für die Pferde eine wirtschaftlich bedingte Veränderung vornehmen.

Kein Zweifel, dass Mika, Fanny, Sam, Pedro und auch Tara das wenn auch mit einiger Mühe zustande bringen. Die unter Mitwirkung der gesamten Bevölkerung abgehaltene Zeremonie ist feierlich, die Freude groß.

Katja von Garnier als geübte und bekannte Regisseurin sorgt dafür, dass die einigermaßen originell erdachte Geschichte (die dritte nach zwei vorhergegangenen) von der Inszenierung und dem Milieu her rund läuft. Tiere und Landschaft sorgen für Ästhetik. Die Mitwirkenden wie etwa Hanna Binke als Mika, Nicolette Krebitz als Tara, Thomas Sarbacher als Pedro, Cornelia Froboess als Oma oder Jannis Niewöhner als Milan und andere lassen als Darsteller keine Wünsche übrig.

Eher ein Kinder- und Familienfilm. Vor allem für Pferdeliebhaber ein Genuss.
zum Download
Datum: 17.07.2017


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