Der Gilden-Dienst Nr. 30-2018


Grenzenlos


Von Wim Wenders

(Warner, Kinostart 2. August 2018)

Ein nobles Landhotel in der Normandie, nicht weit von der Stelle, an der damals 1944 die Alliierten landeten, um Hitlers Wehrmacht zu schlagen und den Krieg zu beenden. Danny Flinders kehrt dort ein, James More ebenso. Sie kennen sich nicht, aber es dauert nicht lange, bis sie sich kennenlernen – und noch viel mehr.

Es könnte eine Liebe daraus werden.

Danny ist Tiefsee-Biomathematikerin. Sie betreibt, das deutet sie -wenn auch nicht sehr genau- jedenfalls an, mit ihrer Crew  in mehreren Tausend Meter Meerestiefe Forschungen zum Lebensursprung und zu künftigen Überlebensmöglichkeiten auf der Erde.

James‘ Beruf ist noch um  einiges gefährlicher. Er gibt sich als Wasserbau-Ingenieur aus, muss aber in Wirklichkeit für den britischen Geheimdienst in Somalia islamistische Selbstmörder- und Terrorgruppen ausfindig machen. Er wird lange gefangen, verhört und auch gefoltert. Eine Verbindung zu Danny ist ihm jetzt nicht mehr möglich – obwohl diese sehnsüchtig darauf wartet.

Und was wird jetzt aus der Liebe der beiden?

Es ist auf der Grundlage des Romans von J.M. Ledgard (Drehbuch Erin Dignam) eine schöne romantische wenngleich unerfüllte Liebesgeschichte. Dass sie schicksalhaft unerfüllt bleibt, liegt wie in Millionen Fällen an nichts anderem als an den gerade gegebenen äußeren Umständen.

Manche Rezensenten nörgeln. Dannys Arbeit werde nicht wirklich erklärt, und die Dschihadisten-Terrorszenen seien zu oberflächlich, manche geradezu lächerlich. Ein wenig mag daran stimmen – aber dies tritt in den Hintergrund angesichts der vielen filmisch wunderbaren Szenen, die Wim Wenders hier an interessanten Drehorten (z.B. Normandie, Dschibuti, Färöer Inseln) gelungen sind.

Das Paar Alicia Vikander als Danny Flinders und James McAvoy als James More könnte besser nicht gewählt worden sein. Sie wirken beide nicht nur charismatisch sondern bringen auch ihre Charaktere, ihre persönlichen künstlerischen Fähigkeiten und die von den Rollen geforderten Realitäten lebendig und überzeugend zum Ausdruck. Nicht zu vergessen Alexander Siddig; er spielt glaubhaft einen zwischen „Religion“ und Terror hin- und hergerissenen Arzt.

(„Es geht um die Liebe für deine Aufgabe, die Liebe für deinen Glauben, die Liebe für deinen Planeten, die Liebe zwischen den Filmfiguren, die Liebe für deinen Gott – es geht um die Liebe für all dies zusammen“, wird richtigerweise dazu gesagt.) 

Wenn auch vielleicht mit einigen Schwächen – alles in allem wieder thematisch wie filmisch ein absolut sehenswerter Film von Wim Wenders.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Zu Hause ist es am schönsten


Von Gabriele Muccino

(Wild Bunch, Kinostart 2. August 2018)

Alba und Pietro feiern auf einer kleinen Insel, die sich in ihrem Besitz befindet, Goldene Hochzeit. Natürlich nicht allein. Söhne, deren Frauen und Ex-Frauen, die Tochter mit Ehemann, Kinder, Enkel, Geschwister, Halbgeschwister, Cousins und Cousinen, die Tante Maria nicht zu vergessen. An die 20 Personen sind es, die eingeladen wurden.

Mit der Fähre kommen sie auf der Insel an. Nach einem Gottesdienst dann das Essen. Als nach ein paar Stunden das Fest sich dem Ende neigen soll und alle wieder abfahrbereit sind, verkehrt die Fähre nicht. Der Wind ist zu stark geworden, das Meer zu unruhig. Alle müssen dableiben.

Es wird improvisiert, jeder wird untergebracht. Manche allerdings werden zusammengesperrt, die lieber nicht zusammen wären.

Am nächsten Tag ist das Wetter noch nicht besser. Das Meer spielt nicht mit. Alles geht zunächst gut weiter. Aber wie das so ist bei längerem zwangsweisen Zusammensein: Die Stimmung kippt. Zwar gibt es noch genügend Liebe (auch neue Liebe) und Romantik, Sehnsüchte und Treue – aber auch schon Eifersucht, Untreue, Geständnisse, Verrat, Alzheimer einbezogen – das ganze Gefühlschaos.

Alles ist aus den Angeln gehoben.

Der Regisseur versteht dieses durchaus gelungene italienische Großfamilienbild auch als Spiegelbild der modernen Gesellschaft. Falsch ist das nicht, im Gegenteil.

Leichtigkeit und Witz doch auch Dramatik und Tragik fehlen keineswegs. Dass die Auftritte der vielen Personen, die Dialoge, die Handlungsideen oder die Schauplätze so gut montiert wurden, ist eine inszenatorische Topleistung.

Darstellerinnen wie Stefania Sandrelli oder Sandra Milo sind dabei. Gut sie wieder einmal in Deutschland im Kino zu sehen.

Eine sehr brauchbare italienische Komödie sogar mit einigem Tiefgang.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


8:30


Von Laura Nasmyth und Philip Leitner

(déjà vu, Kinostart 2. August 2018)

Bahnstrecken, Züge und wieder Züge, der City Shuttle ist darunter, also sind die Pendler unterwegs.

Die meisten finden nach dem Anhalten ihren Weg. Nicht so Isaak. Er ist offenbar Handelsvertreter. Was er genau vertritt, erfährt man nicht. Er begibt sich in ein abgelegenes Stadtviertel. Es sind schöne Häuser, ein Neubauviertel, aber leer und beinahe trostlos. Er läutet an verschiedenen Türen. Niemand da. Doch, jetzt öffnet eine Frau. Er spricht von einem Sicherheitsrisiko. Sie bietet Isaak etwas zum Trinken an – und noch mehr. Sex.

Er wacht auf. Niemand mehr da. Er zieht weiter. Wieder ein leeres Neubauviertel. Züge fahren vorbei, einer nach dem anderen. Güterzüge. Personenzüge. Der City Shuttle. Er verpasst einen Zug.

Isaak irrt umher. Er landet immer wieder auf leeren Straßen, an einer Kreisverkehrsinsel – und an der derselben Bahnstation. Was sucht er genau?

Dazwischen kurze TV-Passagen. Eine Frau, die sich in der Zeitung ausschließlich mit Todesanzeigen „als dem einzig Wahren“ beschäftigt. Ein Mann, der seine Uhr stellt: nicht auf „8:30“ sondern auf 8:32. Dann sitzt er in einem Café. Wenig später richtet er sich in einem Büromöbelzentrum ein provisorisches Büro ein, um vor allem die mediale Welt zur Verfügung zu haben. Manches Gesendete oder Gesagte ist unverständlich!

Er befindet sich in Phoenix/Arizona. Ein Straußenvogel taucht auf, der vielleicht seinem Gehege entschlüpft ist. Er badet (mit den Kleidern) in einem Pool; ein Rettungsring sichert ihn ab. Unter Wasser: Robben, eine Riesenschildkröte, Haie, ein Wal.

Immer begleitet von einem synthetischen Soundtrack.

Er betrachtet sich im Spiegel. Was ist mit ihm? Was sucht er? Was denkt er?

Ein gedankliches und formales Experiment. Eine gerade, sofort erkennbare thematische Linie gibt es nicht. Wo führt sie hin?

Zur Realitätssuche ist man auf Vermutungen angewiesen. Zuerst ist man ebenso perplex wie neugierig. Ist es nur ein Essay über eine Scheinwelt, der auf jeden Fall eine gewisse Faszination aufweist? Die gedanklichen Ausflüge des Betrachters enden aber leicht im Nirgends.

Am Einleuchtendsten erscheint noch die These, dass es sich um metaphorische Assoziationen über die heutige sowie die kommende globale und digitale Welt handelt, die orientierungsärmer, auseinanderstrebender, zerbrochener und verfeindeter nicht sein könnte.


Catch Me


Von Jeff Tomsic

(Warner, Kinostart 26.Juli 2018)

Seit ihrer Schulzeit sind sie Freunde: Callahan, Chilli, Jerry, Sable und Hogan. Schon immer haben sie gemeinsam „Fangen“ (Tagging) gespielt – und dies beibehalten. Immerhin sind sie inzwischen bereits in den Vierzigern, haben Frauen, Kinder und Jobs.

Und doch –jedenfalls heißt es, es handle sich um eine „wahre Geschichte“- haben sie ihr Spiel nie aufgegeben.

Jedes Jahr im Mai geht es wieder los. Sie sind in den USA verstreut, müssen Urlaub nehmen, haben weite Reisen vor sich, riskieren sogar ihre Stellung. Doch sie wollen ihr Spiel nicht missen, schon 30 Jahre nicht.

Derjenige, der vor einem Jahr das letzte Mal gefangen wurde, wird sich besonders anstrengen müssen, um wieder einen Mitspieler zu fangen und abzuklatschen. Sehr fein sind die Methoden gerade nicht. Das geht vom Donuts-Werfen, vom Kaffee-ins-Gesicht-Schütten bis zum Wohnungseinbruch.

Alles ist erlaubt.

Einer, es ist der Jerry, hat das Spiel noch nie verloren. Der muss dieses Mal dran glauben. Er wird an einem bestimmten Tag heiraten – also müsste es besonders leicht sein, ihn zu kriegen. Doch so einfach ist das nicht. Jerry hat sich nämlich bestens vorbereitet.

Das ist von den Kumpels mit flottem Tempo, sportlichen Höchstleistungen, riskanten Stunts, überquellenden Dialogen, guter Laune und schönen Frauen ebenso bizarr wie einigermaßen amüsant gemacht.

Wer derlei mag, kommt auf seine Kosten.

       




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Datum: 23.07.2018


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