Der Gilden-Dienst Nr. 30-2019
Es gilt das gesprochene Wort

von Ilker Catak

(X Verleih, Kinostart xx. August 2019)

Die Pilotin Marion Bach fliegt mit ihrem Geliebten Raphael, der jedoch offenbar verheiratet ist, in die Türkei nach Marmaris. Sie versuchen ihr Verhältnis zu kitten. Vergebens.

Marion wird von Baran bedient, einem jungen Türken, der lange ziellos herumstreifte und Arbeit suchte, bis er in einem Touristenclub eine Anstellung fand.

Baran macht Frauen an – nicht so sehr aus sexuellen Gründen, vielmehr will er, dass ihn eine nach Deutschland mitnimmt. Warum sollte die selbstbewusste unabhängige Marion das tun?

Sie tut es dennoch. Sie nimmt ihn tatsächlich mit nach Deutschland, sorgt für fragliche Papiere, für eine Wohnung, für Arbeit, dafür, dass Baran Deutsch lernen und nach einer gewissen Zeit den Führerschein machen kann.

Sie muss, damit das alles möglich wird, ihn sogar heiraten – allerdings wirklich nur der Form halber. Immerhin. „Es gilt das gesprochene Wort.“

Es dauert sehr lange, bis es zwischen den beiden zu einer menschlichen Annäherung kommt. Kurz darauf stellt Marion jedoch fest, dass sie schwanger ist.

Zeigt sich Baran dessen auch wirklich würdig? Es wird nicht so ganz offenbar. Klar ist, dass er, um seine finanzielle Situation zu verbessern, Fahrräder stiehlt, umbaut und wieder verkauft. Und nun wird er auch noch an seinem Arbeitsplatz verdächtigt, etwas an sich gebracht zu haben, das ihm nicht gehört. Zurecht oder zu Unrecht?

Neben den rein menschlichen Aspekten auch ein hochaktuelles politisches Problem. Wie ist den „Flüchtlingen“ am besten zu helfen? Oder ist Baran ein Migrant, der nur in Deutschland ein besseres Leben will? Wie wird Marion, die buchstäblich alles gegeben hat, mit ihrer Enttäuschung fertig? Werden die beiden das Trennende und die Missverständnisse überwinden und wieder zusammenkommen? Noch einmal: Was können (oder müssen) wir tun, damit das Migrationsproblem zu lösen ist?

Neben diesen richtigerweise zur Diskussion gestellten Gesichtspunkten muss vor allem von einem die Geschehnisse, die Milieus oder die Stimmungen bestens erfassenden Drehbuch, von einer sehr professionellen Regie und einem guten Schnitt die Rede sein.

Und ebenfalls bestens beherrschen Anne Ratte-Polle als Marion sowie Arman Uslu ihre Rollen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Der unverhoffte Charme des Geldes

von Denys Arcand

(MFA, Kinostart 1. August 2019)

Montreal. Pierre-Paul ist Doktor der Philosophie, zitiert gerne Sokrates oder Epikur, kommt jedoch mit der heutigen, nur noch geschäftlich und konsumorientiert denkenden Welt nicht zurecht. Deshalb läuft ihm auch seine Partnerin davon.

Obwohl so gescheit, arbeitet Pierre-Paul als Pakettransporter. Dabei wird er Zeuge eines Geldraubs, bei dem sich jedoch die meisten Beteiligten erschießen. Allein steht er nun da – und nimmt nach einigem Zögern zwei riesige Taschen voller Geld an sich.

Wie wäre es mit etwas Sex, jetzt, wo seine Partnerin abgehauen ist? Er findet im Internet die schöne „Aspasia“ (Freundin von Sokrates), die in Wirklichkeit Camille heißt.

Pierre-Paul ist rigoros gegen die Finanzhaie, die Kapitalisten, die Chefs von Riesenunternehmen, die Steuerhinterzieher, die internationalen Geldjongleure, die professionellen Betrüger. Deshalb will er das inzwischen versteckte Geld einem guten Zweck zuführen.

Schon immer unterstützte er die Obdachlosen – und vor allem die sollen es in Zukunft besser haben. Zum Glück findet er ein soeben aus dem Gefängnis entlassenes Finanzgenie sowie einen Manager, der jede beliebige Summe Geldes in so vielen Banken umherschiebt, dass am Schluss keine Steuerbehörde mehr etwas erkennen kann.

Wenn nur die Polizei nicht wäre! Nach einem großen Geldraub tritt die jedenfalls massig an. Und da sind natürlich auch noch die Gangster, denen das geraubte Geld gehörte oder die es wenigstens in ihrem Besitz hatten. Also genügend Remmi-Demmi.

Die Dame Aspasia hatte eine moralisch nicht gerade empfehlenswerte Beschäftigung. Das wird sich ändern. Denn sie wird am Schluss Pierre-Paul von Herzen lieben.

Von dem Kanadier Denys Arcand war von vorneherein kein schlechter Film zu erwarten. Und so ist denn auch „Der unverhoffte Charme des Geldes“ kein schlechter Film, sondern ein guter, ein sehr guter sogar.  Wie er die Verurteilung der Steuerhinterziehereien und Finanzbetrügereien, die menschliche Hilfe für die Armen und Obdachlosen, eine sehr schöne Liebesgeschichte und die kriminellen Elemente der Story miteinander zu verbinden weiß, das ist schon erste Klasse. So wurde das Ganze sowohl zu einer moralischen Aussage als auch zu einer prächtigen Unterhaltung.

Das Lob gilt auch den Darstellern wie Alexandre Landry (Pierre-Paul), Maripier Morin (Aspasia), Rémy Girard (Finanzgenie), Louis Morisette (Obdachloser) oder Pierre Curzi (Bankmanager), die alle glänzend agieren.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Love After Love

von Russel Harbaugh

(Kinostar, Kinostart 1. August 2019)

Regisseur Russel Harbaugh war früher Football-Spieler, sogar Quarterback, hat einen Zwillingsbruder und einen Vater, der an Kehlkopfkrebs starb.

Was hat das alles mit diesem Film zu tun? Viel – denn Harbaugh referiert im Grunde seine Familiengeschichte, den Zustand, wie er sich nach dem Tode des „Patriarchen“ ergab.

Da ist Suzanne, die Mutter, die nach einer längeren Zeit der Trauer sich mit neuen Männern anfreundet. Da ist Nicholas, der in einem geistig und nervlich unbeständigen Zustand – er fragt seine Mutter, was „Glück“ bedeutet – sich von Rebecca trennt, weil sie zu schade für ihn sei, und sich mit Emilie zusammentut. Und da ist Chris, der sich unter anderem als Stand-Up-Komödiant versucht, sich jedoch auch betrunken und überaus ordinär gibt.

Die Familie, die weiß, dass der Vater in Kürze sterben wird, tut sich noch ein paar Mal, zum Beispiel bei einer Geburtstagsfeier oder beim Grillen mit Freunden, zusammen.

Es sind diese Zusammenkünfte, die Einzelbegegnungen auch, die dabei behandelten oft banalen Themen, das Emotionale, das Intime, das Irrtümliche, das zum Teil Chaotische, das die Trauer Überwindende, das dem Tod Ausgelieferte, das einen neuen Sinn Suchende, das Orientierungslose, das Verletzliche, das Provisorische, das zum Teil Masochistische, das Hässliche auch und das Ehrliche, die den thematischen Gehalt und den (improvisierten) Stil des Films ausmachen.

All das untermalt von einem sehr beachtlichen Jazz-Sound.

Inhaltlich und inszenatorisch perfekt ist das weiß Gott nicht. Der Film wurde jedoch von der amerikanischen Kritik sehr gut aufgenommen.

Ein besonderes Lob gebührt Andie MacDowell als Witwe des „Patriarchen“ Glenn und Mutter der beiden Söhne Nicholas und Chris.

Schon lange sah man sie nicht mehr so gut!

 

Face_It

von Gerd Conradt

(missing FILMs, Kinostart 25. Juli 2019)

Das menschliche Gesicht: ein wahrlich viele Möglichkeiten bietendes Organ.

Was kann seine Mimik zum Ausdruck bringen: Männlichkeit, Weiblichkeit, Jugend, Alter, Emotion, Überraschung, Neugier, Befinden, Stimmung, Freude, Trauer, Lächeln, Tränen, Errötung, Erhitzung, Hingabe, Verachtung, Ekel, Angst.

All das kann sich hinter der Bewegung der Gesichtsmuskeln abspielen. Es kann auch zur Karikatur und Fratze werden.

Das Problem: Das Gesicht ist öffentliches Gut geworden. Überall gibt es Gesichtserkennung, Digitalisierung, Manipulation, Daten, Daten und noch mehr Daten, unkontrollierte Verbreitung, ambivalente Abläufe.

Ist das gut? Kann man damit Terroristen und Verbrecher aufspüren? Geschieht es freiwillig oder ist es ein Zwang? Was wird gespeichert, was weitergegeben? Was ist mit der Privatsphäre?

In China ist die Gesichtserkennung dabei, total zu werden. Bei uns besteht darüber ein erbitterter Streit. Probanten stellen sich in einem Pilotprojekt der Gesichtserkennung absolut freiwillig zur Verfügung. Sie haben gegen Kontrolle nichts einzuwenden.

Die Gegner sehen allerdings die persönliche Freiheit und die politische Demokratie gefährdet. Sie protestieren und demonstrieren; sie wollen die Überwachungskameras unschädlich machen. „Das sind gefährliche Waffen. Sie zerstören unsere Demokratie . . . Wir lassen nicht locker, und wir sind viele.“ Sie sprechen von einer „behördlich genehmigten Securitate“ (rumänische Staatssicherheit unter Ceausescu).

Dorothee Bär, die Staatsministerin für Digitalisierung (CSU), gab den Machern dieses Dokumentarfilms ein Interview. Sie glaubt nicht, dass der Prozess der Digitalisierung aufzuhalten ist. „Die Wahrheit kann man nicht aufhalten.“ Deshalb rät sie, ein „offenes Herz und einen kühlen Kopf“ zu bewahren. Es sieht so aus, als habe sie recht.

Das alles ist politisch, moralisch oder kulturell hoch brisant.  Wie das bewältigt wird, ist noch absolut offen.

Aber den Film sollte man sich schon einmal anschauen.

 

 












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Datum: 22.07.2019


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