DER GILDEN-DIENST Nr. 31 - 2017
Helle Nächte

Von Thomas Arslan

(Piffl, Kinostart 10. August 2017)

Michael, von seiner Frau längst geschieden, erfährt, dass sein Vater, der sich ins nördliche Norwegen zurückgezogen hatte, verstorben ist. Er wird an Ort und Stelle ihn begraben und die nötigen Formalitäten erfüllen müssen.

Er schlägt seinem halbwüchsigen Sohn Luis vor, ihn zu begleiten, denn es könnten ein paar Urlaubstage angehängt werden. Luis zögert. Er lebt mit seiner Mutter zusammen und hat für den Vater nichts übrig. Irgendwie verständlich, denn der Mann hat seinerzeit, wie er selbst bekennt, „alles versaut“ – tatsächlich, denn er schlief, während Luis Mutter schwanger war, mit anderen Frauen.

In Norwegen geht alles soweit gut vonstatten – allerdings nicht die Urlaubstage. Die beiden reden kaum miteinander, Luis sperrt sich nicht nur sondern wird beleidigend. So geht das lange ohne die geringste Veränderung.

Nach einem Streit-Höhepunkt setzt Luis sich ab. Lange muss Michael keuchend und sogar stürzend im abgelegenen gebirgigen Gelände nach seinem Sohn suchen. Er findet ihn schließlich und trägt ihn zurück zum Zelt, Jetzt endlich beginnen die Gefühle sich umzukehren. Luis wird zwar weiterhin bei seiner Mutter leben, doch die Trennung wird nicht mehr so lange und so schmerzlich sein wie in den letzten Jahren.

Das künstlerisch Entscheidende an der ganzen Geschichte: die filmische Form, die endlosen Fahrten, die menschenleere Fjord-Landschaft, das Schweigen, die Autopanne, der Nebel – sie sind die formale Entsprechung zu dem Gefühlszustand, in dem sich die beiden die längste Zeit befanden.

Das ist von Regisseur Thomas Arslan gut gedacht und gut gemacht (Auch wenn der Film es möglicherweise nicht allzu leicht haben wird.)

Tristan Göbel spielt seinen Luis erstaunlich sicher. Den Vogel schießt schauspielerlisch aber wieder einmal Georg Friedrich ab. Auf der diesjährigen Berlinale erhielt er denn auch den Silbernen Bären als bester männlicher Darsteller.

Es war höchste Zeit.

Filmkunsttheater und Programmkinos zu empfehlen.

 

Der Stern von Indien

Von Gurinder Chadha

(Tobis, Kinostart 10. August 2017)

1947. Die Briten haben begriffen, dass sie Indien nicht länger verwalten (bzw. besetzen) können. Sie werden das Land verlassen müssen. Nach über 200jährigem Aufenthalt ist das allerdings keine einfache Angelegenheit. Ein neuer „Vizekönig“, Lord Mountbatten, soll die Sache richten. Er trifft mit seiner Gemahlin Edwina und der Tochter Pamela soeben in New Delhi ein.

Sein Palast und der Hofstaat weisen einen überbordenden Luxus auf. An die 500 Bedienstete in hierarchisch eingeteilter Aufgabe und Kleidung arbeiten darin. Die leicht fortschrittlichere Edwina wird hier ab sofort einiges nicht englisch sondern indisch geschehen lassen. 

Zu den Bediensteten ist der junge Hindu Keet gestoßen. Vor einigen Jahren half er als Polizist dem in der Haft erblindeten Vater der Muslimin Aalia – und seither hat er die junge Frau nicht mehr vergessen. In Delhi begegnen sie sich nun wieder. Keet ist sofort entflammt. Aalia erwidert dieses Gefühl. Doch ihr Vater hat für sie längst den Muslim Asif vorgesehen. Die Chancen der beiden tendieren lange gegen Null.

Politisch ist Indien tief gespalten. Die Schuld der Briten? Die Hindus hassen die Muslime und umgekehrt. Mountbatten und seine Berater sowie die Hindu-Führer Nehru und Gandhi auf der einen und der Muslim Muhammad Ali Jinnah auf der anderen Seite suchen eine Lösung. Jinnah will eine Abtrennung und ein muslimisches Pakistan. Nehru und Gandhi sind gegen eine Trennung. Es wird offensichtlich, dass alles viel schneller geschehen wird als es in London geplant war.

Die Meinung und der Wille der Politiker sind eine Sache, eine andere ist die der revolutionären Bevölkerung. Im ganzen Land ist jetzt Bürgerkrieg. Den verheerenden Verfolgungen auf beiden Seiten fallen Hunderttausende zum Opfer. Die gegenseitige Grausamkeit steht an erster Stelle.

Die Teilung ist nicht aufzuhalten. Hier Indien, dort Pakistan. Mehr als 12 Millionen Menschen müssen umgesiedelt werden. Das geht teilweise unter verheerenden Umständen vonstatten und dauert sehr lange. Es wird bezeugt, dass dabei über eine Million Menschen umkamen. Eine politische und menschliche Katastrophe,

Eine kleine gefühlsmäßige Happy-End-Konzession musste dieser Film natürlich auch bekommen...

Drei Komponenten sind besonders erwähnenswert. Das Milieu und die Ausstattung sind bombastisch. Das gilt vor allem für den Palast des Vizekönigs und die 1000 Komparsen, von denen berichtet wird.

Die politische Seite wird historisch absolut korrekt beleuchtet. Wer bisher nicht Bescheid wusste, hier kann er das Wichtigste erfahren.

Und auch ein weiterer Aspekt dürfte interessieren. Vorfahren der indischen Regisseurin haben all dies am eigenen Leib erlebt. Das ist einer der Gründe, warum dieser Film überhaupt entstanden ist.

Ein politisch-geschichtlich wie menschlich sehenswerter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Return Of The Atom

Von Mika Taanila und Jussi Eerola

(RealFiction, Kinostart 10. August 2017)

Atomkraft ja oder nein? Über die Beantwortung dieser Frage tobt der Streit überall in der Welt seit Jahren. Die Bevölkerung nimmt zu, der Stromverbrauch nimmt zu, die CO2-Belastung nimmt zu, die Erderwärmung nimmt zu. Was also tun?

Die Luft belasten, das Klima belasten, die Erde mit Menschen, Tieren und Pflanzen belasten – oder ein bestimmtes Risiko eingehen, das mit der Kernspaltung, mit dem Plutonium zusammenhängt? Was ist mit der Langzeitwirkung, was mit der Leukämie?

Die Finnen haben sich entschieden. Sie wollen anscheinend das „elektrischste“ Land zumindest Europas werden und das mit Atomkraft – im Gegensatz also zu unserem Land, in dem in absehbarer Zeit die Brennstäbe entsorgt werden sollen.

Mindestens zwei Meiler arbeiten in Eurajoki/Akiluoto schon seit etwa den 70er/80er Jahren. Jetzt wird ein weiterer gebaut, leistungsstark, gegen Flugzeugabstürze oder eine Kernschmelze gesichert, „modern“.

Die Bevölkerung ist dafür. Kein Wunder, denn das schafft Arbeitsplätze, bringt Geld, verbessert den Lebensstandard, soll die Region aufwerten. Angst ist unbegründet, wird gesagt.

Natürlich gibt es auch ein paar, die dagegen sind. Eine ältere Frau tritt in dem Film auf. Sie wurde oder wird noch immer bedroht oder ganz einfach „Schlampe“ genannt. „Sie gehört in die Klapse.“

Ein anderer, seit beinahe acht Jahren krank gemeldet, fährt hartnäckig andere Geschütze auf. Er belegt anhand von wissenschaftlichen Daten die Risiken und Gefahren, die teilweise um das zehnfach gestiegenen Negativwerte. Erreichen kann er gegen die Konzerne und das Kapital wenig. Er wird bekämpft, wo es nur geht, zum Teil seit langer Zeit und immer wieder diffamiert.

Was den Bau des hochgelobten Atomkraftwerkes betrifft, ist offenbar auch ziemlich Negatives zu vermelden, wie bestimmte Beteiligte und Mitarbeiter wissen lassen: nicht optimal geplant, manches vergessen, im Vergleich zu den anfänglichen Berechnungen nahezu doppelte Kosten, ein Zeitverzug von offensichtlich mehreren Jahren.

Natürlich gibt es auch Positives: Versorgung der Arbeiter, Messgeräte, Schutzmasken, ein Notausgang, Jodtabletten, Sicherheitsübungen, usw. Einen Priester auch, der, vor allem für die polnischen Arbeiter, in alledem Sinnvolles zu finden versucht.

All das wird in diesem Dokumentarfilm ausführlich beredet, begutachtet, kritisiert, in Zeitraffer oder Zeitlupe nach jahrelanger Filmarbeit vorgeführt und teilweise mit Archivmaterial sowie Graphiken untermauert.

„Es ist nicht harmlos, weil man es nicht sieht“, sagt einer. Und genau das ist der Knackpunkt. Ist die Atomkraft sauberer als alles andere oder gefährlicher als alles andere?

Die Lösung ist noch nicht gefunden, die Tendenz aber gehört dem Verzicht auf das Atom und Befürwortung sowie die Förderung der Energiequelle, die die Sonne und die Natur uns gibt.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Die Hannas

Von Julia C. Kaiser

(W-film Distribution, Kinostart 10.August 2017)

Anna und Hans sind ein klassisches Liebespaar. Seit 15 Jahren sind sie zusammen, so eng, so gewohnt, so kommentarlos, dass manche sie zu dem Namen die „Hannas“ verbanden. Sie treffen sich mit Freunden, sie arbeiten; Anna zum Beispiel ist Physiotherapeutin.

Sie lernen die Schwestern Kim und Nico kennen – und das verändert ihr Leben. Beide fangen nämlich, ohne dass sie das voneinander wissen, ein erotisches Verhältnis jeweils mit einer der Schwestern an.

Das bisherige Leben bricht aus den Fugen. Es kommt bei allen Beteiligten zum Zusammenbruch, zu Missverständnissen, zum Streit, zum Betrug, zu Beschwerden, zum Beziehungswirrwarr, zu falschen Entscheidungen, zu Brutalitäten, anscheinend auch zu einer Vergewaltigung, zu Hasstiraden, zur Beinahetragödie, zum Scheitern, zu Trennungen, zu Auszeiten, zu Tränen – aber eben auch zum Küssen, zum „Ich liebe dich“, zum Sex, zum Glück.

„Manche können mit und in einer Beziehung und manche eben nicht“, sagt einmal einer, der gerade 15 Jahre alt ist.

(A Propos, dazu ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki: „Zur Definition der Liebe gehört die Gefährdung der Vernunft, ja der Zurechnungsfähigkeit des Individuums. Eine uralte Erfahrung also.“)

Von einem Film im Normalstil, von klassisch-konservativer Erzählweise und Dramaturgie wird man hier nicht sprechen können.

Moralische Bedenken oder Verhaltensweisen? Fehlanzeige.

Es geht absichtlich toll und laut zu, psychomäßig und „modern“. Kurze Szenen sind fragmentarisch montiert. Meist ist es Nacht. Der Sound geht zuweilen in reines Geräusch oder Gehämmere über. Neuer Berliner Filmstil heißt dieses immerhin bemerkenswerte Zeitbild.

An Originalität fehlt es jedenfalls keineswegs. Vielleicht wird hier ein künftiger stilistischer und dramatischer Weg aufgezeigt. Einige Auszeichnungen für die „Hannas“ gab es jedenfalls schon.

Im Arthouse-Bereich zu empfehlen.

 

Heartbeats

Von Duane Adler

(Capelight, Kinostart, 10. August 2017)

Los Angeles. Kelli tanzt fürs Leben gern und ist auch kurz davor, mit ihren Tanzkolleginnen eine Aufführung zu bestreiten. Ihre Eltern Michelle und Richard hätten allerdings viel lieber, dass sie Jura studiert wie ihr Bruder, der vor fünf Jahren durch einen Unfall ums Leben kam.

Sie tanzt deshalb mehr oder weniger heimlich, bis ihre Eltern das erfahren. Jetzt muss Kelli mit nach Indien zu einer Hochzeit von Freunden.

Sie will sich wehren, nur nützt das nichts. Besser wird ihre Laune erst, als sie begreift, wie gut dort die Tänzer sind. Sie sieht den schönen Aseem, der mit seinem Freund Basu Hochzeiten vorbereitet, soweit diese von Hochzeitstänzen begleitet werden.

Weil Kelli ebenfalls tanzt, bemerkt Aseem, wie gut sie das tut. Bis zur Annäherung dauert es dann nicht mehr lange, bis zur Liebe ebenfalls nicht.  Doch was geschieht, wenn Kelli wieder zurück nach L.A. muss?

Keine Angst, auch dafür sorgt der Film.

Er ist schön abwechselnd aufgeteilt in Handlungs- und Tanzszenen. In den ersteren gibt es natürlich die liebevolle Intimität zwischen Kelli und Aseem; dann ein wenig Eifersucht seitens Deepikas, Aseems bisherige Freundin und Kellis Gespielin aus Kindertagen; offenbar auch Streit mit rivalisierenden Gruppen; einmal eine Schlägerei; die nötige Melancholie, weil die Eltern sich anscheinend trennen wollen, usw.

Diese Passagen sind thematisch nicht weiter vertieft.

Viel wichtiger sind natürlich die Tanz- und Showszenen, und die können sich wahrlich sehen lassen: Die Menschen, der Bilderreichtum, die Märkte, die Straßen, die Empfänge, die Gewänder, sie geben in dem hier gezeigten Indien -es gibt auch ein anderes!- allemal ein sehenswertes Bild ab.

Dann die Tänze: die Mischung zwischen Hollywood und Bollywood, das Tempo, die Choreographie, die Präzision, die anstrengende und nie endende Probenarbeit, die Körperbeherrschung, die Ästhetik, die Originalität, der Erfindungsreichtum, die ständige Verbindung zwischen dem Tanz und der dazugehörigen Musik . . .

. . . das reißt ganz schön mit, ist auf jeden Fall in diesem Film zu einer ganz schönen Perfektion gediehen. Vor allem für ein junges Kinopublikum kann das zum Genuss werden.

Krystal Ellsworth als Kelli. Tanzt sie besser oder spielt sie besser? Egal. Amitash Pradhan als Aseem. Spielt er besser oder tanzt er besser? Egal.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    

 
zum Download
Datum: 31.07.2017


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