Der Gilden-Dienst Nr. 31-2018


Itzhak – Ein Leben für die Musik


Von Alison Chernick

(Arsenal, Kinostart 9. August 2018)

Neben Yehudi Menuhin oder Jascha Heifetz ein weiterer großer jüdischer Geiger – und hier der Dokumentarfilm über ihn.

Seine Begabung wurde ziemlich rasch entdeckt, schon als Kind spielte er wie ein Meister. Aber er wurde krank: Kinderlähmung. Seither machen seine Beine nicht mehr mit.

Die Eltern stammten aus Polen, emigrierten nach Israel. Dort wuchs Itzhak auf. Aber bald ging es in die Vereinigten Staaten, wo der Geiger, abgesehen von dem mit seinem Beruf verbundenen Reisen, mit seiner Frau Toby schon seit Jahrzehnten lebt.

Bewundernswert wie er trotz seiner schweren Krankheit bis ins Alter als Mensch geblieben ist: beruflich absolut meisterhaft und nicht zu übertreffen; gescheit; witzig; gefühlvoll und warmherzig; Klänge und Instrumente überzeugend beurteilend.

Toby spielt in seinem täglichen aber auch im professionellen Leben eine nicht unbedeutende Rolle. Seit über einem halben Jahrhundert sind die beiden verheiratet. Und ihre Familie ist groß geworden.

Itzhak unterrichtet, dirigiert, probt – alles in weitgehend positiver Manier. Sowohl Itzhak als auch Toby sorgen mit Institutionen und Stiftungen dafür, dass die Musiker nicht aussterben.

Musikerfreunde sprechen mit ihnen, wichtiges Archivmaterial wird gezeigt.

Glücklicherweise viel Musik: Bach, Mozart, Schubert, Brahms. Solos, Kammermusik, Orchesterkonzerte. Die Virtuosität und Klangschönheit des Spiels von Itzhak Perlman verursacht ein Erstaunen nach dem anderen.

Für Liebhaber echter Musik ist dieser Film so etwas wie ein Geschenk.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Deine Juliet


Von Mike  Newell

(Studiocanal, Kinostart 9. August 2018)

Die Ärmelkanalinsel Guernsey Anfang der 40er Jahre. Sie ist von den Deutschen besetzt. Den Einheimischen geht es deshalb nicht gut, weil die Wehrmacht einen wesentlichen Teil der Nahrungsmittel an sich gerissen hat. 

Eine kleine Gruppe von Freunden, Elizabeth, Eben, Isola und Dawsey, kommt nachts von einer Feier nach Hause. Eigentlich darf sie das nicht, denn es ist Sperrstunde. Den sie kontrollierenden Soldaten erklären sie in ihrer Not, sie seien der Buchclub „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“. Etwas Besseres fiel ihnen gerade nicht ein.

Tatsächlich veranstalten sie ab und zu Lesestunden. Dawsey hätte gerne ein bestimmtes Buch, und deshalb schreibt er an die Londoner Journalistin und Schriftstellerin Juliet Ashton, deren Adresse er zufällig fand, und bittet sie, ihm bei der Beschaffung des Buches behilflich zu sein. Es entsteht ein Briefwechsel.

Dadurch wird Juliets Aufmerksamkeit immer mehr auf Guernsey gelenkt. Sie wird für die „Times“ einen Artikel darüber schreiben. Sie verabschiedet sich von ihrem amerikanischen Verlobten und begibt sich auf die schöne Insel.

Nur langsam lassen die dortigen Frauen sie an sich heran. Dann allerdings erfährt Juliet, wie schwer es in der Besatzungszeit für die Bevölkerung war; welche Verbrechen die Besatzer begingen; warum die Menschen darüber nur zurückhaltend erzählen wollen; warum Dawsey ein Kind hat, das nicht seines ist; wie Elizabeth einen sympathischen deutschen Soldaten liebte, der im Krieg umkam, bevor er wusste, dass sie schwanger war.

Die Gefühle für die Bewohner von Guernsey wurden dadurch so stark, dass Juliet darüber ein dickes Manuskript verfasst – es jedoch nur den Freunden zueignet.

Und aus der Begegnung mit Dawsey wird viel mehr als der frühere Briefwechsel. Juliet Ashton ist nunmehr eine andere, eine glückliche Frau geworden.

Hut ab vor denen, die diesen Film gestaltet haben; die aus einem Roman ein gelungenes Filmdrehbuch verfertigten; die die damalige Zeit so gut darstellten; die die passende Montage hinkriegten; die den Handelnden eine derartige menschliche Wärme gaben; und die für ihre Bilder die Schönheit der Insel nutzten.

Zu reden ist auch von den Darstellern. Besser als Lily James die Juliet Ashton verkörpert und Michiel Huisman den Dawsey Adams kann man ganz einfach nicht spielen.

Ein schöner Film! Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Familie Brasch


Von Annekatrin Hendel

(Salzgeber, Kinostart 16. August 2018)

Gegen die Marx’schen kommunistischen Ideale, hätten sie in annähernd reiner Form gegen den damals aufkommenden Kapitalismus verwirklicht werden können, wäre weiß Gott nichts einzuwenden gewesen. Doch wie es sich dann im vergangenen Jahrhundert mit der praktischen politischen Verwirklichung verhielt, ist inzwischen zur Genüge bekannt.

Am Leben und Wirken einer deutschen Familie, der Familie Brasch nämlich, kann man vieles gut nachempfinden.

Da ist zunächst einmal der 1922 geborene Vater Horst Brasch mit seiner Frau Gerda –letztere früh verstorben-, ein überzeugter DDR-Kommunist, der nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg dazu beitragen wollte, eine neue Zeit und eine neue Welt aufzubauen. Er arbeitete mit Funktionären wie Ulbricht oder Honecker zusammen, fühlte sich aber offenbar nicht wirklich und vollständig einbezogen. Es wurde sogar einmal vermutet, dass er sich deshalb das Leben nehmen wollte.

Möglicherweise spielte dabei auch der scharfe politische Gegensatz zu seinem Sohn Thomas eine Rolle, einem nicht unbedeutenden Schriftsteller und Filmemacher, der jedoch mit den SED-Diktatoren nicht immer einig war und beispielsweise 1968 aufgrund seines Protestes gegen das Niederwalzen des Prager Frühlings durch die Sowjets gemeinsam mit Freunden wegen staatsfeindlicher Hetze drei Monate ins Gefängnis musste.

Thomas Brasch, der auch die Ausbürgerung Wolf Biermans scharf verurteilte, verstarb viel zu früh.

Dies gilt auch für seine Brüder Peter und Klaus. Das Gedächtnis hoch halten dagegen die Brasch-Tochter Marion und ihre Tochter Lena. Sie berichten gemeinsam mit befreundeten Zeitgenossen wie Jochen Fleischhacker, Florian Havemann, Joachim von Vietinghoff und Christoph Hein oder Thomas-Freundinnen wie Katharina Thalbach und Ursula Andermatt auf eine sehr lebendige und detaillierte Weise über die sich über drei Generationen hinziehende dramatische Familiengeschichte, über die DDR-Zeit und die DDR-Politik, über Thomas Braschs vielfältige Texte und auch über seinen Zusammenbruch und Tod.

Dieser Film wurde so zu einer politischen, menschlichen und auch dramatisch-tragischen Fundgrube. Interessierte sollten sich dieses zeitgeschichtliche Dokument auf keinen Fall entgehen lassen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Ein Dorf zieht blank


Von Philippe le Guay

(Concorde, Kinostart 16. August 2018)

Die großen Konzerne und die untereinander konkurrierenden Ladenketten zwingen die Bauern in die Knie. Hier passiert es in Frankreich, doch es ist auch in anderen Ländern so. Für Fleisch oder Milch werden lächerlich niedrige Preise bezahlt, die Butter ist so billig wie nie. Viele Bauern mussten aufgeben, nicht wenige haben sich das Leben genommen.

Das ist das Politische an dieser Komödie.

Die Bauern des kleinen Dorfes Mele-sur-Sarthe in der Normandie mit dem Bürgermeister Balbuzard an der Spitze sind ökonomisch und moralisch am Ende. Jetzt fühlen sie sich gezwungen zu protestieren, Straßen zu blockieren, endgültig aufzubegehren.

„Wir haben Frankreich Hunderte von Jahren ernährt, und nun lässt man uns vor Hunger krepieren.“ 

Allerdings scheint dies in Paris niemanden zu interessieren.

Wie wäre es, wenn man provokant vorgehen würde? Die Gelegenheit bietet sich nämlich gerade. Denn der berühmte amerikanische Fotograf Blake Newton, offenbar für seine Nacktfotos bekannt, hat sich als nächstes Motiv eine nackte Menschenmenge auf einer Wiese ausgedacht. Wie wäre es, wenn Balbuzards Dörfler sich dafür zur Verfügung stellen würden? Immerhin bekäme man dann endlich die politische  Aufmerksamkeit, die man so bitter nötig hat.

Aber brave Dorfbewohner sich einfach ausziehen! Unmöglich. Die Scheu, die Scham, die Prüderie, die Ausreden, die Verärgerung, die Ablehnung, ein wenig Zustimmung auch – es geht lange hoch her in Mele-sur-Sarthe.

Bis es die umstrittene Aufnahme dann doch gibt?

Wie gesagt, die Bauern werden wohl oder übel in die Politik gedrängt. Ansonsten wird hier typisches und durchaus interessantes dörfliches Leben gezeigt: ein junges Paar, das heiratet und von der Musikkapelle zum Standesamt geleitet wird; zwei Bauern, die sich um ein Feld streiten; eine junge Ökologie-Aktivistin, die den Erwachsenen die Leviten liest und ihnen sagt, dass die Erde zur Wüste werden wird, wenn die Menschen so weitermachen wie bisher; ein junger Dorffotograf, der sein Modell (und mehr) findet; immer wieder wunderbare Landschaftsbilder; viele gestandene Laiendarsteller, Männer wie Frauen; bäuerlich-dörfliches Gemeinschaftsleben; Komik und Tragik; Tradition und Moderne; „ein Blick in die französische Seele“, wie dazu gesagt wird. . .

. . . und Francois Cluzet, ein charismatisch wirkender, ebenso volkstümlich und emotional wie präzise arbeitender, für soziale Gerechtigkeit eintretender, selbst aus dem ländlichen Milieu stammender Klasseschauspieler in der Rolle des Bürgermeisters.

Keine schlechte Sache, die Sorgen der Bauern in einer Komödie mit einer originellen Grundidee unterzubringen. An Kinobesuchern, denen dies gefällt, dürfte es nicht mangeln.              

        



     



 

      



   




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Datum: 30.07.2018


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