Der Gilden-Dienst Nr. 31-2019


Photograph


von Ritesh Batra

(NFP, Kinostart 8. August 2019)

Rafi ist Straßenfotograf in Mumbai. Er ist an sich an einem guten Ort platziert, aber die Konkurrenz schläft nicht. Das wenige Geld, das er verdient, schickt er noch teilweise nach Hause. Auf einer Art Speicher wohnt er in einem primitiven Raum mit Freunden.

Seine Großmutter nimmt ihm schon lange übel, dass er noch nicht verheiratet ist. Das ist in Indien eben so. Sie will sich sogar weigern, künftig ihre Medikamente zu nehmen, wenn Rafi nicht bald tut, was sie sich wünscht.

Der hat keine andere Wahl als ihr das Foto eines beliebigen Mädchens aus seiner Kameraspeicherkarte zu schicken und sie als seine Verlobte auszugeben. Es ist Miloni, ein hübsches Ding, doch aus einer völlig anderen, höheren Gesellschaftsschicht als der arme Rafi. Miloni willigt ein – auch wenn sie Rafi zunächst fremd bleiben will.

Die Großmutter will die neue Freundin unbedingt einmal kennenlernen und kommt zu Besuch. Von nun an dominiert sie die Szene total.

Es ist doch geradezu unentrinnbar, dass aus dem zunächst „geschäftlichen“ Verhältnis zwischen Miloni und Rafi eine Liebesgeschichte wird.

Mumbais quirliges öffentliches Leben, Rafis Suche und „Erfolg“, Melonis Studenten- und Familiendasein, die geradezu unheimlichen gesellschaftlichen Unterschiede in Indien, die familienpolititsche Dominanz der Großmutter, die lange währende Scheu zwischen Meloni und Rafi, der rücksichtsvolle Umgang der beiden miteinander, der Umstand, dass Melonis Eltern für ihre Tochter einen (anderen) Mann aussuchen. . .

. . . das alles ist sehr überzeugend gezeigt und inszeniert, und dies in einem diskreten, abgeklärten, gut tuenden Rhythmus, dem man noch stundenlang folgen könnte.

Ein sehr schöner Film.

Gesteigert wird seine Qualität noch durch das wunderbare Spiel der beiden Hauptdarsteller Nawazuddin Siddiqui als Rafi und Sanya Malhotra als Miloni – die kratzige Großmutter nicht zu vergessen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Und wer nimmt den Hund?


Von Rainer Kaufmann

(Majestic, Kinostart 8. August 2019)

Georg und Doris sind seit über einem Vierteljahrhundert verheiratet und haben bereits zwei erwachsene Kinder. Georg ist Direktor eines berühmten Aquariums, seine Spezialität sind die Quallen. Er forscht über die seit Jahrmillionen existierenden Tiere. Doch da taucht plötzlich die junge Biologin Laura auf, die über die Vermehrung und Vererbung der Quallen noch mehr herausgefunden hat als Georg.

Es dauert nicht lange, bis Laura und Georg sich küssen – und mehr. Und was ist mit Doris?

Georg bekennt seiner Frau das Fremdgehen, sagt, dass er sich von ihr trennen wolle. Immerhin entschließen sich die beiden, eine sogenannte Trennungstherapie zu absolvieren. Und dann geht es bei der Therapeutin tatsächlich hoch her.

Doris will auf fotografisch-künstlerischem Gebiet jedenfalls ein neues Leben anfangen. Sie trifft auf Axel, der sie mit seiner ziemlich oberflächlichen und eher der Fantasie entsprungenen „Philosophie“ beeindruckt.

In der Trennungstherapie, einmal pro Woche, hagelt es Streitgespräche. Es geht nicht nur um Seelisches sondern auch um das Haus, um das im Falle der Trennung geltende Recht, zum Beispiel um den Zugewinn usw. Und es wird auch dramatisch: Doris lässt das Auto ihres Mannes in Flammen aufgehen, Georg zersticht an Axels Auto die Reifen.

Nach kurzer Zeit beendet Laura das Verhältnis mit Georg. Jetzt sind sie allein – sowohl Doris als auch Georg. Hat sich das alles gelohnt? Eine Sache zum Nachdenken!

Eine dramatische Ehegeschichte, wie es viele andere – besonders im Fernsehen – auch gibt. Bedenkt man aber, dass die Rollen von Doris und Georg von Martina Gedeck und Ulrich Tukur dargestellt werden, wird man schon aufmerksamer. Beide spielen absolut fantastisch. Und man muss auch dem Autor der Dialoge ein großes Kompliment machen. Sie folgen Schlag auf Schlag und sind frappant.

Deshalb – auch wenn man wie gesagt rein filmisch-bildlich oft ans Fernsehen denken muss – in Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich!




ACID


von Alexander Gorchilin

(Salzgeber, Kinostart 8. August 2019)

Was ist seit dem Zusammenbruch des Kommunismus aus Russland geworden? Was ist aus seiner Jugend geworden? Vom Letzteren handelt dieser Film.

Wohl nach einer durchfeierten Nacht springt Wanja nackt vom Balkon. „Spring, wenn Du willst!“ hatte Petja ihm zugerufen. Und er sprang.

Doch gleich nach einem Grabbesuch geht die Party weiter. Der „Höhepunkt“: Ein provokanter „Künstler“, der die von seinem Vater geschaffenen Skulpturen mit einer Säure in verunstaltete Stücke auflöst – was sicherlich als Metapher anzusehen ist -, fotografiert den beschnittenen Penis von Sascha.

Sascha und Petja sind Freunde. Doch Petja geht es alles andere als gut. Er fühlt sich für den „Mord“ an Wanja verantwortlich. Bei Sascha ist es nicht viel besser. Statt mit seiner Freundin, die er offenbar nicht liebt, schläft er mit deren Schwester, einer Minderjährigen.

Wer könnte Ordnung in das Leben dieser kaum der Pubertät entwachsenen jungen Männer bringen: Die Eltern? Die Gesellschaft? Die Regierung? Die Kirche?

Mit den Eltern steht es nicht sonderlich gut. Verantwortungsvolle Väter gibt es nicht, die Mütter sind mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Ein kaputtes Kind-Eltern-Verhältnis.

Das kann zu Exzessen führen. Petja schluckt, wohl aus Versehen oder nach durchfeierter Nacht, Säure, kann nicht mehr sprechen, muss mit verbundenem Mund ins Krankenhaus. Sascha, der Musiker sein will aber von seiner Umgebung als schlechter Musiker angesehen wird, verfällt auf etwas sehr Schlimmes. Er schüttet in der Kirche, als ein Neugeborenes getauft werden soll, Säure in das Taufwasser – rettet immerhin in letzter Sekunde die Situation. Was er da getan hat, ist wirklich an Verwahrlosung, nicht zu überbieten.

„Wir bekommen alles serviert“, „Was können wir der Welt zurückgeben?“, sagen die beiden einmal. Vielleicht sind Fragen wie diese für den Zustand verantwortlich, in dem sie sich befinden.

Auf die tieferen Ursachen für das, was hier gezeigt wird, wird thematisch nicht weiter eingegangen! Aber wahrscheinlich ist das auch so schnell und so leicht nicht möglich.

Auf jeden Fall handelt es sich bei diesem Film um ein ernstzunehmendes, hervorragend dramatisiertes und gespieltes Gesellschaftsbild, das man zur Kenntnis nehmen sollte.




Axel, der Held


von Hendrik Hölzemann

(Wfilm, Kinostart 15. August 2019)

Axel ist ein junger Mann, allerdings ein wenig schwächlich. Das liegt vielleicht daran, dass er ohne Eltern lebt, dass er zudem hohe Schulden hat. Denn dem protzigen Hühnerfarmbesitzer Manne, dem im Dorf auch das Casino gehört, schuldet er ein paar Tausend Euro.

Dieser Manne, der seine Arbeiter schuften lässt, der für seine Untaten Helfershelfer hat und der wirklich kein Gentleman ist, will das ganz in der Nähe gelegene kleine Haus des alten Heiner haben und niederreißen, weil er seine Farm vergrößern will.

Doch Heiner, der wie der Indianer Winnetou spricht und sein einziges Huhn liebt, denkt gar nicht an einen Verkauf, auch wenn er von Mannes Leuten gequält wird.

Er wird unterstützt von Axel, der die schöne Jenny liebt. Das Problem: Jenny ist Mannes Freundin.

Axel wohnt in der ebenfalls in der Nähe gelegenen Datsche seiner Tante Vera – zu der er übrigens erheblich netter sein sollte (zumal sie ihm später die Datsche schenken wird). Er hat Tagträume: Immer wieder erlebt er sich im Film als Held – so wie er sein müsste, wenn er wirklich ein Held wäre und kein Angsthase.

Manne will es darauf ankommen lassen; Die beiden spielen um alles oder nichts. Axel verliert alles – doch dann gewinnt er.

Heiners Haus brennt lichterloh. Waren das Mannes Leute? Axel nimmt Heiner zu sich – bis der seinen Old Shatterhand Axel verlässt und als „Apache Winnetou“ stirbt..

Natürlich darf die Liebe nicht vergessen werden. Axel und Jenny können sich endlich in die Arme fallen. Und der böse Manne landet im Gefängnis.

Es ist eine Geschichte, die zeigen kann, wie man, wenn man schwach ist, durch Freundschaft stärker werden kann. Der Film wirkt zudem märchenhaft durch die immer wieder eingespielten Tagträume: Die sagen etwa mit aller Fantasie, dass man jeweils noch eine ganze Menge tun muss, bis man ein Held ist.

Natürlich fehlt auch wie gesagt eine leicht sentimentale aber durchaus sympathische Liebesgeschichte nicht.

Gespielt wird übrigens von allen Beteiligten – Johannes Kienast als Axel, Christian Grashof als Heiner, Emilia Schüle als Jenny und Sascha Alexander Gersak als Manne – sehr gut. 



 




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Datum: 29.07.2019


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