DER GILDEN-DIENST Nr. 32 - 2017
Ein Sack voll Murmeln

Von Christian Duguay

(Weltkino. Kinostart 17. August 2017)

Paris 1942. Die Deutschen haben die Stadt schon längst besetzt. Die Joffos, der Vater Roman, die Mutter Elsa, zwei ältere Sohne und dann die beiden kleineren Maurice und Joseph, betreiben einen Friseursalon. Aber sie haben nach Meinung der Gestapo und der SS einen schweren Fehler: Sie sind Juden.

Als der Gelbe Stern getragen werden muss, geht gegen Maurice und Joseph in der Schule das Mobbing, wie man heute sagen würde, schon los. Also beschließt die Familie, sich in den unbesetzten südlichen Teil Frankreichs abzusetzen. Das muss jedoch getrennt geschehen. Joseph und Maurice werden nach Nizza geschickt, wo sie auf die älteren Brüder treffen sollen. Die Fahrt und die nötigen Wanderungen sind äußerst mühsam, doch es geht dann doch alles einigermaßen gut. Auch die Eltern sind jetzt da.

Schlimm wird es, als die Wehrmacht und die SS in die zuvor unbesetzte südliche Zone einfallen. Die Familie wird wieder getrennt. Joseph und Maurice kommen in ein Heim für Jugendliche. Eines Tages werden sie von den Deutschen festgenommen und verhört. Ein Pfarrer ist es, der sie rettet. Die Buben müssen sich als katholisch und in Algerien geboren ausgeben. Später treffen wir sie in einem Dorf, wo sie Arbeit gefunden haben. Maurice ist in einem Restaurant beschäftigt, Joseph verkauft Zeitungen. Dessen Chef ist Buchhändler und ein Kollaborateur – und der wäre nach der Befreiung aus Rache vermutlich getötet worden, hätte Joseph sich nicht für ihn eingesetzt, behauptend, dass er als Jude von diesem Kollaborateur gerettet worden sei.

Also endlich ist die Befreiung da. Die allgemeine Erleichterung könnte größer nicht sein. Und auch die Heimkehr nach Paris ist jetzt wieder möglich. Joseph wäre zwar gerne der jungen Francoise, die er lieb gewann, nähergekommen, aber das klappt nicht.

Und Roman? Er ist verschollen! Wohl ermordet.

Eine wahre Geschichte. Sie ist nicht nur, was sowohl das Thema als auch die Handlung angeht, ausführlich, dramatisch und intensiv erzählt, sondern sie muss auch dann und wann wieder geschildert werden, damit die vielen Menschen nicht vergessen werden, die durch die Hitler-Verbrecher zu Tode gekommen sind.

(Leider aber geht über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg das Morden in der Welt weiter.)

Natürlich haben die Macher von „Ein Sack voll Murmeln“ jene Zeit nicht selbst erlebt, was dazu führte, dass manches überspitzt und zu kinomäßig ausgefallen ist. Aber insgesamt ist ein überaus beeindruckendes, an manchen Stellen packendes, an manchen Stellen ergreifendes Werk entstanden, das sowohl von den beiden Jungen Dorian Le Clech (Joseph) und Batyste Fleurial Palmieri (Maurice) als auch von den Eltern Patrick Bruel (Vater Ramon) und Elsa Zylberstein (Mutter Elsa) sowie von Christian Clavier (als Dr. Rosen) ganz hervorragend gespielt wird.  

 Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

The Promise – Die Erinnerung bleibt

Von Terry George

(Capelight, Kinostart 17. August 2017)

Seit einem Jahrhundert versucht die Türkei, den von ihr an den Armeniern verübten Völkermord herunterzuspielen und zu verleugnen. Und da so etwas nicht geschehen darf und dieser Film über die vergangenen Verbrechen historisch glaubhaft berichtet, ist er, von seinem künstlerischen Format vorerst einmal abgesehen, auf jeden Fall wichtig.

Herbst 1914. Die Türkei tritt an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg ein. Zur gleichen Zeit setzt die Verfolgung der christlichen Armenier durch die islamischen Türken verstärkt ein.

In Sirouan lebt und arbeitet die Apothekerfamilie Bohosian. Der Sohn Mikael reist nach Konstantinopel, um dort Medizin zu studieren. Mit Maral ist er bereits verlobt, für sein Studium hat er sogar schon die Mitgift von Marals Familie erhalten.

Der amerikanische Associated-Press-Korrespondent Chris Myers beobachtet in Konstantinopel die politische Lage. Die schöne Ana ist bei ihm. Mikael und Ana verlieben sich.

Mikael wird vom Militärdienst freigestellt, weil sein neuer Freund, der Türke Emre, der Beziehungen hat, sich für ihn einsetzt.

Chris muss sofort in die südöstliche Türkei. Dort hat die Verfolgung und Vertreibung der Armenier durch das türkische Militär und den türkischen Mob eingesetzt. Türkischerseits ist von „Umsiedlung“ die Rede. In Wirklichkeit sollen die Menschen in die Wüste getrieben werden, damit sie dort umkommen.

Mikael, der trotzdem zum Militär musste aber dann als Armenier  gefangengenommen wird, kann nach einer von den Häftlingen verursachten Explosion nach Hause fliehen. Dort bittet ihn seine Mutter, nun Maral zu heiraten. Das geschieht. Bald wird Maral schwanger sein.

Die „Umsiedlung“ wird fortgesetzt. Chris und Ana helfen. Ana will vor allem Waisen retten. Chris wird als Spion verhaftet. Emre, der ihn aus der Haft herausbringt, bezahlt seine Hilfe als türkischer „Verräter“ mit dem Leben.

Die tragischen Ermordungen gehen weiter. Die armenischen Dörfler fliehen ins Gebirge, können, verzweifelt kämpfend, das türkische Militär abwehren, und unter Artilleriebeschuss werden sie schließlich von der französischen Marine gerettet. Doch viele, zu viele sind tot: Ana, nahezu Mikaels ganze Familie und andere mehr.

(Chris stirbt 1938, nachdem er Mikaels Nichte Yeva retten und aufziehen konnte.)

1,5 Millionen Armenier wurden Opfer des Genozids.

Das armenische Milieu, das türkische Herrschaftsgebaren, die beiden sehr problematischen Liebesgeschichten, die verbrecherische „Umsiedlung“ vieler Armenier sowie deren Tod, und schließlich die Rettung. . .

. . . all dies wurde mit Ernst, mit großem Aufwand und durchaus auch mit Können inszeniert, auch wenn verschiedentlich die ganz große künstlerische Spitze vermisst wird.

Oscar Isaac als Mikael Boghosian, Charlotte Le Bon als Ana und Christian Bale als Chris Myers spielen ihre Rollen ganz vorzüglich.

Das Wichtigste an diesem durchaus sehenswerten Film ist aber, dass er auf etwas hinweist, das niemals vergessen werden darf: der Völkermord an den Armeniern.

„Die  Erinnerung bleibt.“

 

Träum was Schönes

Von Marco Bellocchio

(Movienet, Kinostart 17. August 207)

Die junge Mutterliebt ihren neunjährigen Massimo. Sie tanzen oder singen miteinander oder sehen sich im Fernsehen Sendungen mit Belphégor an. „Träum was Schönes“ sagt sie zu ihm, wenn sie ihn ins Bett bringt.

Dann ein harter Schlag für das Kind. Ein Priester muss dem Jungen erklären, dass seine Mutter von nun nur noch als Engel vom Himmel auf ihn wird herabsehen können. Sie hat sich offenbar aus dem Fenster gestürzt.

Der Vater veranlasst, dass eine Frau sich um Massimo kümmert. Er will sich dem Buben annähern, geht mit ihm ins Fußballstadion. Aber der Trennungsschmerz weicht nicht. Weder in der Jugendzeit bei Freund Enrico und dessen Mutter noch im Erwachsenenalter, da er beispielsweise im Bosnien-Krieg als Journalist arbeitet.

Der Verlust der Mutter hat ihn krank gemacht: Ängste, Phobien, Distanz von der menschlichen Gemeinschaft, Introvertiertheit, Obsessionen, Panikattacken. Er sucht eine Ärztin auf, Elisa. Sie wird ihn nicht nur gesundheitlich weiterbringen, sie wird ihn auch lieben.

Bei seiner Zeitung geht ein Brief ein, in dem einer schreibt, wie sehr er seine Mutter wegen ihres Fehlverhaltens hasst, warum er sie hassen muss. Massimo erhält den Auftrag, die Antwort zu verfassen. Und diese Antwort propagiert nicht Hass sondern das Gegenteil. Sein Brief wird bei den Lesern ein Riesenerfolg.

Jetzt sieht man ihn mit Elisa sogar auf einer Party.

Ist das Massimos Wiedergeburt, von der Regisseur Marco Bellocchio spricht?

Mutterliebe, Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Stimmung, Sentimentalität auch, das sind die Elemente, von denen dieses auf einem Roman von Massimo Gramellini basierende reine Gefühlskino gut lebt. Mit der Montage muss man sich zu Recht finden, eine tiefere psychologische oder psychoanalytische Auseinandersetzung mit den gezeigten Emotionen findet nicht statt. Die Kameraarbeit beeindruckt, und von den Darstellern ist vor allem Berenice Béjo zu nennen, die dem Film sozusagen einen Teil Schönheit und Liebe verleiht.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

Tigermilch

Von Ute Wieland

(Constantin, Kinostart 17. August 2017)

Nini und Jameelah sind quicklebendige Teenager und Freundinnen. Nach der Schule trinken sie Tigermilch, ein Gebräu aus Maracujasaft, Milch und Weinbrand, klauen auch ab und zu etwas oder geben sich als Prostituierte aus, allerdings nur um Freier mit dem im Voraus bezahlten Geld übers Ohr zu hauen.

Jameelah stammt aus dem Irak. Sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder wurden getötet. Sie ist ehrgeizig und will so gut wie möglich reüssieren. Doch ihre Mutter machte damals bei der Einreise nicht ganz korrekte Angaben; also droht die Abschiebung.

Nini stammt aus einer eher lädierten Familie. Ihre Mutter tut nur zwei Dinge: sich ausruhen und fernsehen. Nini hat die Versetzung gerade noch geschafft.

In der Nähe wohnt der Serbe Dragan. Er ist verliebt in Jasna, doch die stammt aus Bosnien und ist wohl Muslimin. Auf dem Balkan: Ein Serbe und eine Bosnierin, also ein Orthodoxer und eine Islamgläubige, das geht gar nicht. Jasnas Bruder Tarik hat seiner Schwester denn auch verboten, sich mit Dragan zu treffen. Die Tragödie ist nicht weit. Jasna wird sie nicht überleben. Zunächst wird allerdings der Falsche verhaftet.

Nini und Jameelah sind reife Teenies. Zeit, die Jungfräulichkeit zu verlieren. Wer kommt dafür in Frage, Lukas oder Nico?

Dieses Teenie-Leben in Berlin ist natürlich begleitet von guter Laune, von Freude, von Partys, von Musik. Doch immer stärker dringen auch die Sorgen durch: als die Mädchen Zeugen eines Mordes werden; als sie der Konkurrentin Anna-Lena helfen müssen, eine Schwangerschaft zu unterbinden; als Nini und Jameelah sich streiten und sich nie mehr sehen wollen; als unter großem Leid Jameelah abgeschoben wird.

Das dürfte mit der Sinn dieses Films und des zugrunde liegenden Romans sein: zu zeigen, dass mit zunehmendem Alter das Leben realistischer und härter werden kann. Dies am Beispiel von Nini und Jameelah zu demonstrieren ist ganz gut gelungen. Die Inszenierung stimmt. Vor allem jungen Kinobesuchern dürfte die „Tigermilch“ etwas bringen.

Kommt hinzu, dass man mit dem Casting der beiden Hauptdarstellerinnen riesiges Glück hatte: Flora Li Thiemann als Nini sowie Emily Kusche als Jameelah könnten besser nicht sein.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 

Ana, Mon Amour

Von Calin Peter Netzer

(RealFiction, Kinostart 20. August 2017)

Ana und Toma lernen sich auf der Universität kennen. Ihr erster Gesprächsstoff: Nietzsche, Nazismus und Antisemitismus. Es dauert nicht lange, bis sie intim werden. Sowohl Anas Eltern als auch die von Toma, alles konservative, bürgerliche Nach-Kommunismus-Rumänen, halten nichts vom Verhältnis der beiden zueinander. Es fällt sogar das Wort Sabotage. Die zwei sind also auf sich allein gestellt.

Das Problem: Ana ist psychisch sehr labil. Sie empfindet Ängste, Phobien, Panikattacken. Zeitweise kann sie nicht einmal das Haus allein verlassen. Toma hält zu ihr, pflegt sie. Die Medikamente helfen kaum. Nützen möglicherweise Placebo-Effekte?

Immerhin heiratet das Paar, Ana bekommt ein Kind. Sieben Jahre hält die Ehe. Dann Risse zwischen den beiden. Verlust der Freunde. Scheidung. Warum?

Ana ist aus ihrer Psychiatrie erwacht, ist selbstsicher geworden. Jetzt scheint sie die Dominierende zu sein und Toma der Untergeordnete. Sie arbeitet, ergattert als Chefredakteurin eine führende Position. Toma hütet das Kind. Die Rollen sind total umgekehrt.

Auf der Couch des Psychiaters versucht Toma herauszufinden, wie die Auflösung des Liebesverhältnisses und die radikale Umkehrung der anfänglichen Konstellation zustande kamen.

Nicht linear sondern elliptisch in unterschiedlichen, sich ablösenden Zeitabschnitten wird das ziemlich kunstvoll erzählt, ohne dass dabei die Kohärenz verloren ginge. (Silberner Bär für den besten Schnitt.)

Leicht angedeutet werden die einstigen und jetzigen Zustände Rumäniens, wenn etwa von „unter den Teppich gekehrt“, vom Verhältnis einiger zum Westen während der Ceausescu-Periode oder gar einmal von Kindemissbrauch die Rede ist.

Eine Botschaft fehlt nicht. Sie kommt in der Beichtszene zum Ausdruck.

Und noch eines wird deutlich: Etwas Schwierigeres als die Liebe, als die Beziehung zwischen Mann und Frau, als die Ehe gibt es kaum.

Keine Frage, wie glaubwürdig und überzeugend Diana Cavallioti als Ana und Mircea Postellnicu als Toma das verkörpern.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.   

 
zum Download
Datum: 07.08.2017


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