Der Gilden-Dienst Nr. 32-2018


Finsteres Glück


Von Stefan Haupt

(Wfilm, Kinostart 16. August 2018)

Schnelle Autofahrt in einem Straßentunnel. Dann plötzlich Totenstille. Ein schwerer Unfall ging voraus. Nicht weniger als vier Menschen kommen zu Tode: Madeleine, die Mutter, Rico, der Vater, Lisa, die Tochter, Maurice der Bruder. Nur das eine Kind, der kleine Yves, überlebt.

Etwas muss in dem Auto passiert sein. Später wird es sich herausstellen.

Wegen des Kindes wird die Therapeutin Dr. Eliane Hess gerufen. Zuerst muss der verstörte Bub gesund werden. Frau Hess betreut ihn tagelang mütterlich. Aber dann. Wohin soll Yves kommen? Zur (zerstrittenen) Verwandtschaft? In ein Heim? Zu einer Pflegefamilie? Letztlich wird das Vormundschaftsgericht entscheiden müssen.

Zur Oma kann Yves nicht. Sie ist zu alt, zu schwach und zu sehr von bösen Vermutungen verwirrt. Zur Tante will er nicht. Auf keinen Fall.

Bleibt Eliane Hess. Sie hat zwei Töchter, Helen und Alice. Helen wäre wohl einverstanden, dass Yves bei ihnen lebt. Alice ziert sich sehr viel mehr.

Und Eliane? Sie hat selbst genug Sorgen. Ihren Mann, der eine Geliebte hatte, ist schon lange an Herzversagen gestorben. Mit dem späteren Partner, offenbar der Vater von Alice, kommt sie lange auch nicht zurecht.

Sie hat ein herrliches Buch über den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald verfasst. A propos: Ist bei Jesu Tod nicht eine Sonnenfinsternis eingetreten?

Mit der Sonnenfinsternis hat es, was den schweren Autounfall betrifft, eine besondere Bewandtnis. Yves‘ Familie war nämlich im Auto auf der Heimfahrt, nachdem im Elsass alle die damalige Sonnenfinsternis betrachtet hatten. Im Auto ein schwerer Streit zwischen den Eltern. Yves schubst den am Steuer sitzenden Vater, damit der seine Frau nicht wieder schlägt. Deshalb der Unfall.

Yves, der Meerschweinchen liebt und von seinem Bruder Maurice schon eine ganze Menge über die Gestirne erfuhrt, erzählt das alles, erlebt es wieder.

Eliane wird den Buben, der bei den Verwandten die Nahrung verweigerte, künstlich ernährt werden musste und krank wurde, bei sich behalten.

Und das ist das wesentliche Element dieses Films: das rührende Zusammenspiel zwischen der von eigenen Sorgen geplagten Frau mit dem hilfsbedürftigen Kind. Dieses durchgehende Zusammensein und Zusammenspiel ist wirklich bewegend. Begleitet wird es von einer authentischen Schilderung des Familienlebens, der Unfallfolgen, der (auch behördlichen) Suche nach der besten Lösung.

Auffallend die außerordentlich gekonnte Licht- und Beobachtungsdramaturgie, gepaart mit dem lebendigen und souveränen Spiel der beiden Hauptdarsteller: Eleni Haupt (Ehefrau des Autors und Regisseurs) als liebevolle Therapeutin sowie Noé Ricklin als bereits erstaunlich „professionell“ agierender Yves.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin


Von Alexa Karolinski

(Salzgeber, Kinostart 23. August 2018)

Der massenhafte Judenmord durch die Nationalsozialisten wird die Welt noch sehr lange, vielleicht immer beschäftigen. Gottlob hat die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wieder Fuß gefasst. Dieser Film (2. Teil einer Trilogie) ist ein jüdischer Streifzug durch Berlin.

Die Autorin und Regisseurin hat die unterschiedlichsten Personen besucht und befragt: ein jugendliches Paar aus Marseille, das vom Berliner Holocaust-Mahnmal beeindruckt ist; einen Archivar, der sich mit der erfolgreichen und berühmt gewordenen amerikanischen TV-Serie „Holocaust“ auseinandersetzt; eine Auschwitz-Überlebende; ihren eigenen jüngeren Bruder, der darüber sinniert, ob das Judentum eine Rasse oder eine Religion sei, der sich als Deutscher fühlt und sogar die Nationalhymne singt; Menschen, die das bekannte Kinderdenkmal pflegen, errichtet an jenem Bahnhof, von dem aus während des Zweiten Weltkrieges jüdische Kinder abtransportiert wurden  - die einen nach England, die anderen ins tödliche KZ; ältere Damen, die am Wannsee, nicht weit von dem Ort, an dem 1941 die berüchtigte Wannsee-Konferenz über die „Endlösung“ stattfand, den Blumengarten des geflüchteten Malers Max Liebermann pflegen; oder Historiker wie Atina Grossmann und Frank Mecklenburg, Spezialisten für deutsch-jüdische Geschichte, Holocaust-Forschung und Refugee-Studies; eine Dame, die noch jiddische Lieder singt; eine andere, die in ihrem Versteck während der NS-Zeit siebeneinhalb Monate in Dunkelheit verbringen musste, so dass sie heute nicht mehr ohne künstliches Licht leben kann.

„Schamgefühl, weil in diesem Land aufgewachsen“ – „Der Judenmord bewegt die Deutschen“ – „Kulturschock in Deutschland“ – „Züge in das Leben, Züge in den Tod“ – „Der größte Teil der Familie umgekommen“ – „Tochter zum Judentum übergetreten“ – „Sehnsucht nach dem, was man nicht hatte“ – „Leichtigkeit der Kindheit verloren“ – „Unmöglich in einem Raum mit einem Deutschen zu sein“.

Das sind Sätze, die man in diesem Film hört. Geben sie nicht etwa zu denken?

Ein weiteres filmisches Dokument zur historischen Bewältigung eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Forever My Girl


Von Bethany Ashton Wolf

(Kinostar, Kinostart 16. August 2018)

Hochzeitsvorbereitungen. Alle sind aufgeregt. Die Freundinnen wünschen Josie viel Glück. Denn in wenigen Minuten wird Liam eintreffen. Dann wird geheiratet.

Doch Liam kommt nicht.

Acht Jahre später. Liam ist ein berühmter Sänger geworden. Wahrscheinlich hat er für seinen persönlichen Ruhm Josie sitzengelassen. Und er hat mit seiner Band ja wirklich Erfolg. Die Menge der jungen Zuhörer flippt aus. Liams Manager hat alle Hände voll zu tun.

Ein Freund Liams ist gestorben. Deshalb fährt er nach Hause. Er will an der Beerdigung teilnehmen. Das Verhältnis zu seinem Vater –die Mutter ist bereits tot- ist kritisch. Wenige vergeben ihm, was er Josie angetan hat.

Diese war kurz vor der geplanten Heirat schon schwanger mit Billie. Die ist ein aufgewecktes hübsches 7, 8jähriges Mädchen, das mit seiner Mutter Josie lebt. Liam wusste von alledem nichts.

Jetzt aber hat er erfahren, dass er Vater ist. Ein Problem? Für Josie ja, für Billie ganz und gar nicht. Das Kind und Liam freunden sich nämlich sehr an.

Was er damals tat, ist dem Musiker seit langem bewusst geworden. Kann er es gutmachen und wie? Eine schnelle sentimentale Rückkehr zu Josie kann es nicht geben. Die junge Frau hat sich im Laufe der Jahre genug gefestigt. Es verstreicht denn auch viel Zeit, in der Josie, Inhaberin eines Blumengeschäfts, sich korrekt aber reserviert gibt.

Das Kind, der Vater, die Mutter. Langsam kommen sie halt doch zusammen – sie machen sogar vor dem großen Publikum gemeinsam Musik.

Und geheiratet wird jetzt endgültig.

Ein reiner Gemütsfilm (auf literarischer Grundlage), der professionell gedreht wurde und in dem die drei Hauptdarsteller sehr gute Arbeit leisten.

Er hat auch etwas zu sagen: Man kann, wenn man aufgeschlossen und human genug ist, vergangenes Unrecht wieder gutmachen.




The Darkest Minds – Die Überlebenden


Von Jennifer Yuh Nelson

(Fox, Kinostart 16. August 2018)

Die USA in einer futuristischen Zeit. Plötzlich setzt ein Kindersterben ein. Zu Hunderten sind die Kinder tot. Doch nicht nur das. Diejenigen, die überleben, bekommen übersinnliche Kräfte, können beispielsweise nur durch Gedanken Gegenstände bewegen.

Bei der Regierung bricht Angst aus, sie wittert Gefahr für ihre politische Macht. Sie lässt die Überlebenden je nach ihrem Übersinnlichkeitsgrad untersuchen und einteilen – in grün, gelb, rot, orange. Die 16jährige Ruby wird, was der behandelnde Arzt jedoch verschweigt, unter orange eingestuft, die stärkste Übernatürlichkeitsstufe; das wird sich später auszahlen.

Ruby wird von ihren Eltern getrennt und mit vielen anderen in dem Militärcamp Thurmand eingesperrt. Dort muss sie schuften – jahrelang.

Endlich gelingt zusammen mit drei anderen Opfern, Liam, Zu und Chubs, die Flucht. Nach East River soll es gehen. Unterwegs werden sie beschossen. Gottlob kann Liam die Angreifer mit seiner Gedankenkraft abwehren.

Die vier treffen später auf andere Jugendliche, die entkommen  konnten. Endlich kann es nun einmal Momente geben, in denen Ruhe, Gemeinsamkeit, Gespräche, sogar Party und Tanz sowie Verliebtsein zwischen Liam und Ruby möglich sind.

Doch die erwachsenen Gegner schlafen nicht. Mit militärischer Macht treten die, von denen die Kinder misshandelt wurden, gegen die jugendliche Übersinnlichkeit an.

Ruby aber wird, das verkündet sie öffentlich, mit ihren Freunden kämpfen, „um sich durch vereinte Kräfte die Kontrolle über ihre Zukunft zurückzuholen“.

Zugrunde liegt die Romantrilogie „Die Überlebenden“ von Alexandra Bracken. Wirklich neue Themen gibt es im Vergleich zu anderen Bearbeitungen oder Filmen des Genres nicht viele. Aber handlungsmäßig, filmisch-bildlich und digital gewaltig aufdonnern kann man ein solches Thema schon. Und das ist hier zumindest in der zweiten Hälfte der Fall.

Fans des Genres und vor allem Jugendliche könnten Gefallen daran finden.    

   

  
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Datum: 06.08.2018


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