Der Gilden-Dienst Nr. 32-2019


Die Einzelteile der Liebe


von Miriam Bliese

(Arsenal, Kinostart 22. August 2019)

Sophie, um die 25/30, ist schwanger. Der Kindeserzeuger Richy ist längst abgehauen. Hochschwanger steht Sophie vor der aschgrauen Fassade des Berliner Mehrfamilienhauses, in dem sie wohnt. Die Wehen setzen ein, sie muss ins Krankenhaus.

Gott sei Dank ist Georg gerade da, mit dem sie entfernt befreundet ist. Er hilft ihr, da sein Auto eine Panne hat, mit einem Taxi aus.

Wenig später. Jakob ist geboren. Sophie und Georg sind längst ein Liebespaar. Informell hat Georg, der Architekt, die Rolle von Jakobs Vater übernommen.

Die ersten Jahre der Patchwork-Familie. Jakob wird getauft, von einer Adoption ist die Rede. Allerdings auch erste Schwierigkeiten. Wer muss arbeiten, wer nicht, wer muss abwesend sein, wer passt auf Jakob auf, der inzwischen sechs Jahre alt geworden ist.

Die Liebe schwindet, die Partnerschaft zerbricht. Sophie schläft mit dem Graphiker Marc, Georg hat möglicherweise etwas mit Lene. „Es ist nicht viel passiert.“ Beide feiern gerade eine „Nicht-Schwangerschaft“.

Der Ton wird rüde: „Wir müssen  uns trennen.“ - „Wir müssen uns nicht trennen.“ - „Ich will nicht mehr.“ - „Geh doch!“ - „Ich sitze nicht da und warte, bis Du gehst.“

Georg „entführt“ Jakob. Der Sorgerechtsstreit ist jetzt total. Sophie schaltet einen Freund ein, den Strafverteidiger Fred. Einmal haut Jakob ab. Die Polizei muss eingeschaltet werden.

Was aus Sophie, Georg, Jakob, Marc, Lene oder Fred wird, ist nicht genau feststellbar.

Eine Patchwork-Liebes- und Trennungsgeschichte, wie es unzählige gibt. Das Besondere daran: dass das Drama sich nicht innenhäusig abspielt sondern quasi vor der Tür, auf dem Flur, auf der Treppe, unterwegs, auf dem Rasen vor dem Haus, wo selbst das Geburtstags-Sofa aufgebaut wird – ein stilistisch originelles Zeichen für das Leben des Paares, die Brüchigkeit dieser Liebe und die Tatsache, dass diese Partnerschaft keinen Platz hat.

Aufgelockert wird alles durch die an den richtigen Stellen platzierten Volkslieder („Anneliese, Anneliese“, „ Am Golf von Biskaya“ oder „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“, usw.

Zu berichten ist auch von hervorragenden Darstellern: Birte Schöink als Sophie und Ole Lagerpusch als Georg.




Congo Calling


von Stephan Hilpert

(JIP, Kinostart 22. August 2019)

Afrika und Europa, noch immer ein großes Problem. Früher wurde Afrika von den Europäern ausgebeutet – keine Frage. Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind die Afrikaner allerdings frei. Sind ihre Bedingungen viel besser geworden?

Man hat nicht unbedingt den Eindruck. Warum sonst die Flüchtlingswelle?

Es geht in diesem Dokumentarfilm um den Kongo. Er war früher belgische „Kolonie“. Unter König Leopold I. wurde einem Dieb noch die Hand abgehackt.

Das ist ein für allemal vorbei. Aber sehr gut sind die Verhältnisse trotzdem noch nicht. Im Ost-Kongo wüten Rebellen. Ein Kongolese erklärt im Laufe des Films, dass die Entwicklungshelfer zwar Hilfe brächten, dass diese aber an der Oberfläche bleibe, zu begrenzt sei und sich nicht so anbiete, wie das Volk sie brauche. Ob dies zutrifft und nur die Schuld der Helfer ist, sei dahingestellt. Und was ist mit den vielen Straßenkindern, von denen eines herausschreit, dass auch sie haben haben wollten, was „die Weißen“ besitzen: Autos, Häuser, Essen?

Vor dem Hintergrund eines großen Festivals, das „der Musik, dem Tanz und dem Frieden“ gewidmet ist, wird an drei menschlichen Beispielen gezeigt, wie schwierig das europäisch-afrikanische Verhältnis sich darbieten kann.

Peter war in der Region Goma jahrzehntelang Entwicklungshelfer. Jetzt ist er 65, sein Vertrag ist abgelaufen, wird nicht verlängert. Peter steht vor dem Nichts, kann seine Miete nicht bezahlen,  muss ohne Perspektive zurück nach Deutschland.

Die flämische Entwicklungshelferin Anne-Laure, als „mutig und dynamisch“ charakterisiert, liebt(e) den Einheimischen Fred. Aber die natürliche (geographische) Distanz zwischen den beiden lässt die Liebe absterben, immerhin zur Freundschaft werden.

Der franko-spanische Wissenschaftler Raul forscht mit etwa einem halben Dutzend Kongolesen über die Ursachen des Rebellentums im Ost-Kongo. „Ihr seid im Krieg!“ Aber von einem seiner Mitarbeiter werden Forschergelder entwendet.

(Vertreter der Rebellen sinngemäß: „Egal wenn einer stirbt. Wenn er nicht arbeitet, soll ersterben. Kopf ab oder Bauch auf! Leber und Herz werden gegessen.“)

Das Verhältnis zur Polizei und zu den Behörden scheint auf das Äußerste gespannt zu sein. Die Diebe in den Ministerien und die Terroristen würden nicht verfolgt, schreit einer, dafür aber das gewöhnliche Volk.

„Congo Calling“: ein ehrliches politisches und menschliches Zustandsbild, das zeigt, welch große Aufgaben noch vor allen Beteiligten stehen.       




Ich war zu Hause, aber . . .


von Angela Schanelec

(Piffl, Kinostart 15. August 2019)

Dieser Film hat eine Handlung, wie alle Filme eine Handlung haben. Nur ist sie hier nicht das Wichtigste.

Kurz gesagt: Astrid hat zwei Kinder, den etwa 12-13jährigen Phillip und die kleine Flo. Der Vater ist tot.

Phillip verschwindet eines Tages eine ganze Woche lang, kommt mit schmutziger Kleidung und einem verletzten Fuß zurück. Hat die „Flucht“ mit dem Tod des Vaters zu tun?

Astrid, beruflich im Kunstbetrieb tätig, gibt im Lehrerzimmer eine Erklärung wegen Phillips Abwesenheit ab, die keine Entschuldigung oder Rechtfertigung ist, eher schon eine kurze Vision ihrer sich vom Üblichen unterscheidenden Lebenssicht.

Sie schafft ein Fahrrad an, das sich jedoch als defekt herausstellt und das sie zurückgeben will.

Phillip kommt mit einer auf seine Verletzung zurückzuführenden Blutvergiftung ins Krankenhaus.

Einer der Lehrer führt später mit seiner Partnerin einen heftigen Diskurs über ein Kind, das er möchte, sie jedoch nicht.

Die Kinder in Phillips Schule führen in einer völlig neutralen Sprache und Form Shakespeares „Hamlet“ auf.

Phillip zeigt der Mutter und Flo den schönen waldigen Platz, an dem er sich aufgehalten zu haben scheint. Die Verbindung der Geschehnisse des Film mit der (in schönen Aufnahmen gezeigten) Natur war schon eingangs klar: mit dem Esel und dem einen Hasen fressenden Hund.

Angela Schanelecs Film kann man nicht einfach nur konsumieren. Man wird gestoppt und zum Nachdenken über ihre Sichtweisen aufgefordert. Beispiel: „Das Leben kann man nicht spielen.“ - „Das Leben kann man nur spielen.“

Ist, was wir wahrnehmen die Realität, die Authentizität? Man kann die  Dinge nicht einschätzen, man muss sie erfahren. Stecken hinter unseren Urteilen Umstände, die sich nicht lösen lassen? Wie weit geht die Transzendenz im Alltäglichen, wie weit die Entfremdung?

Das sind Stichwörter und Gedankenspiele, die sich bei dem Stil der Regisseurin und den bei ihr offenbar tiefer gehenden Infragestellungen wohl ergeben.




Aardvark


von Brian Shoaf

(Kinostar, Kinostart 22. August 2019)

Zwei Buben, die Brüder Craig und Josh sowie ein Erdferkel (Aardvark) sind anfangs ein paar Mal in eher verschwommenen Aufnahmen zu sehen. Es heißt, dass vom Erdferkel ein Symbol ausgehe. Das wird hier allerdings nicht zum Ausdruck gebracht.

Viele Jahre später. Josh ist psychisch krank. Es könnte eine Paranoia sein. Er arbeitet in einer Bar, lebt jedoch sonst zurückgezogen und allein, ein Außenseiter, ein Einsiedler. Seine Behausung macht keinen sonderlich guten Eindruck. Seine Medikamente hat er abgesetzt.

Jetzt nimmt er die Hilfe der Psychotherapeutin Emily Milburton in Anspruch. Viel Erfolg ist aber nicht zu spüren.

Josh kann zwischen Realität und Täuschung nicht unterscheiden. Sein Bruder Craig, ein erfolgreicher TV-Schauspieler, ist nach Jahren in die Stadt zurückgekommen, um das Haus der verstorbenen Eltern zu verkaufen. Josh hat Visionen. Steckt hinter einer obdachlosen Frau sein Bruder? Steckt hinter einem Polizisten der verkleidete Craig? Wer steckt hinter der jungen hübschen Hannah, auf die Josh trifft?

Emily tut sich, nicht zuletzt aus eigener beruflicher Unsicherheit – in einem Text heißt es, sie brauche vielleicht selbst psychische Hilfe – mit Craig zusammen, auch sexuell. Kann dies Joshs Therapie verschlechtern?

Immerhin finden sich schließlich die beiden so unterschiedlichen Brüder.

Woher kommen Joshs Neurosen?  Das wird höchstens angedeutet, nicht vertieft. Es bleibt trotz mutiger Ansätze vieles eben nur skizzenhaft in diesem reinen Dialogstück, das indessen von Zachary Quinto als Josh, Jenny Slate als Emily, Jon Hamm als Craig und Sheila Vand als Hannah überdurchschnittlich gut gespielt ist.

Es sieht ganz so aus, als wären in unserer Zeit die psychischen Schwächen und Krankheiten auf dem Vormarsch. Die klinischen Diagnosen sind jedenfalls eindeutig. Insofern sind Filme wie dieser einigermaßen sinnvoll und aktuell – auch wenn die amerikanischen Filmkritiker mit „Aardvark“ nicht zufrieden sind. 


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Datum: 05.08.2019


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