Der Gilden-Dienst Nr. 33-2019


Gloria – Das Leben wartet nicht


von Sebastian Lelio

(Square One, Kinostart 22. August 2019)

Gloria ist an die 55/56 und seit zwölf Jahren geschieden. Die Kinder, Anne und Peter, sind längst erwachsen. Ihr Vater Dustin ist mit Fiona wiederverheiratet. Anne ist dabei, sich mit ihrem schwedischen Liebhaber aus dem Staub zu machen, Peter ist derzeit alleinerziehender Vater, denn seine Partnerin Rachel erlebt eine Selbstfindungsphase und ist fort; wann sie wiederkommt weiß kein Mensch.

Gloria, in einer Versicherung beschäftigt, besitzt zwar eine fröhliche Natur, fühlt sich jedoch oft allein. Wenn sie es nicht mehr aushält, geht sie tanzen.

Jetzt trifft sie Arnold. Die beiden werden ein Liebespaar – aber . . . ja, wenn im Leben die Abers nicht wären.

Er ist relativ frisch geschieden. Seine Ex-Frau ruft um „Hilfe“ genau so oft an wie seine Töchter. Zwischen Gloria und seiner Ex-Familie schleudert es Arnold hin und her.

Sie hat viel Geduld mit ihm, versucht es ein paarmal, auch wenn sich Arnold mehrere Male aus dem Staub macht. Einmal lässt er sie sogar ohne alles in Las Vegas zurück, so dass ihre Mutter sie retten muss.

Gloria hat nicht die Wahl, sie beendet die Affäre und dies sogar auf eine ziemlich drastische Weise.

Geraume Zeit später geht sie wieder tanzen. Mal sehen! Vielleicht ein neuer Versuch.

Wie das Leben so spielt, kann man da wieder einmal sagen. Alles ist ziemlich authentisch hier: Glorias Persönlichkeit; ihre Einsamkeit; ihre Tanzlust; die ein paarmal aufkeimende Leidenschaft mit Arnold; die Enttäuschungen; Arnolds verdruckte Haltung, wenn es um seine Familie geht; die Verlegenheitsszene auf Peters Geburtstagsparty; Glorias Verhältnis zu ihrem Ex-Mann Dustin und zu ihren Kindern;  ihre Kraft, nach Rückschlägen wieder neu anzufangen. . .

. . . die die Handlung kommentierenden guten Songs; das schöne Gedicht, das Arnold Gloria einmal vorliest. . .

. . .und vor allem die volle künstlerische Kraft, mit der Julianne Moore die Gloria spielt. Auf jeden Fall ein darstellerisches Ereignis. Ohne Julianne Moore gäbe es diesen Film nicht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Paranza – Der Clan der Kinder


von Claudio Giovannesi

(Studiocanal, Kinostart 22. August 2019)

Die Mafia ist überall aktiv aber ganz besonders in Süditalien. Sie erpresst Schutzgelder, sie tötet, es wird gesagt, sie sei auch eine – gute oder schlechte? - wirtschaftliche Macht. Kein Wunder, dass sie Nachahmer findet, vor allem bei den Heranwachsenden, die sich bluffen lassen und natürlich altersmäßig noch keinen eigenen Standpunkt haben entwickeln können. Davon handelt dieser Film.

Neapel. Es gibt gewisse Stadtviertel, in denen das Gesetz aufgehoben zu sein scheint. Schon rein äußerlich nimmt man dies wahr. Der Film, der nicht soziologisch exakt sein will, zeigt, wie nach einer gewissen Auflösung der Camorra der „Nachwuchs“ aufsteigt und handelt.

Die Jungens unter der Anführung von Nicola schlossen sich zu einer Gang zusammen. Sie haben – zum Beispiel über die Medien – wahrgenommen, was Geld, Reichtum und der Besitz von schönen Autos oder Villen bedeutet. Sie wollen ebenfalls „besitzen“. Von ihrem Milieu her können sie das nicht auf natürliche Weise. Also mit Gewalt.

Zusammengerottet fahren sie mit ihren Rollern durch die Stadt. Sie wollen Tische in feinen Restaurants, sie erzwingen den Eintritt in nächtliche Clubs, die gerade en vogue sind, sie erpressen das dafür nötige Geld von den anwohnenden Geschäftsleuten, sie schießen, sie töten, sie räumen die Konkurrenz aus dem Weg.

Auf ihr eigenes Schicksal nehmen sie dabei wenig Rücksicht. So gibt es denn dabei auch Opfer. Gefängnis oder Tod – was soll's!

Immerhin ist es auch die Zeit des sexuellen Erwachens. Und da hat Nicola das besonders schöne Mädchen Letizia entdeckt. Er liebt sie und will sie. Aber immer wieder hat die Gang, hat das Unvorhergesehene Vorrang. Die wichtigsten Gefühle des jugendlichen Alters müssen notfalls dem Machtstreben und der Kriminalität weichen.

Mit gnadenloser Konsequenz wird das alles in diesem Film gezeigt. Es hat den Anschein der Realität und Authentizität, obwohl man sich wohler fühlen würde, wenn dem nicht so wäre. Rein filmisch und professionell wurde sehr gute Arbeit geleistet (Preis für das Drehbuch), und auch für die jungen Darsteller gilt das.

Ein dunkles Stadt-, Jugend-, Lebens- und Schicksalsbild.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Das zweite Leben des Monsieur Alain


von Hervé Mimran

(NFP, Kinostart 22. August 2019)

Alain Wapler ist ein Geschäftsmann, wie es heute viele gibt. Was zählt ist die Spitze im Geschäftsbereich, in diesem Falle Autos, der Erfolg, der Gewinn, das Ansehen.

Alain behandelt die meisten seiner Mitarbeiter von oben herab, verweigert Gespräche, gibt kurze Befehle, das Tempo zählt. Ausruhen könne er sich, wenn er tot ist, sagt er einmal.

Eine Zeit lang geht das gut. Doch der Gehirnschlag lässt nicht allzu lange auf sich warten. Alain ist schachmatt. Manche Synapsen in seinem Gehirn funktionieren nicht mehr, er kann nur noch stammeln, verwechselt Buchstaben und Wörter. Ohne Logopädin wird er nicht mehr auskommen.

Diese, Jeanne, gibt sich die größte Mühe. Immer wieder muss sie ihn korrigieren, Geduld aufbringen, sein Kauderwelsch ertragen.

Er weiß nicht einmal mehr, dass seine Frau gestorben ist.

In der Firma will man ihn nun auch nicht mehr. Von den eigenen Kollegen wird er kaltgestellt. Ein Sturz von der Spitze auf Null.

Soll das das Ende sein? Nein, ist es nicht. Alain macht sich auf einen Weg, der schon viele an ein neues Ziel gebracht hat – auf den Jakobsweg!

Der Film ist als Komödie angelegt, aber es steckt doch mehr dahinter. Die Erkenntnis nämlich, dass man verunglückt, wenn man sein Leben ständig wie ein Wettrennen führen will. Also: Auch hier führt nur die Vernunft weiter.

Ein Kompliment denen, die sich hier die Sprachverwirrung ausgedacht haben, und zwar sowohl in der deutschen als auch in der französischen Originalfassung.

Ein Volltreffer ist wieder einmal Fabrice Luchini als Monsieur Alain. Er spielt herrlich. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




Stuber- 5 Sterne Undercover


von Michael Dowse

(Fox, Kinostart 22. August 2019)

Eine Krimikomödie. Freunde des Genres wird es freuen, dass es losgeht wie bei einem Erdbeben. Während fünf Minuten schießt und kracht es. Alles wird klein gehauen, der nötige Sound kommt dazu.

Worum geht es? Der Polizeidetektiv Vic ist einem Schwerverbrecher auf die Spur gekommen, der seinen Kollegen und Freund umgebracht hat. Daher die erwähnte Schlacht zu Anfang. Unglücklicherweise kann der Killer entkommen – und zwar auf eine ziemlich sensationelle Weise. Also jetzt die Verfolgung.

Pech ist, dass Vic eine Augenoperation hinter sich hat und fast oder manchmal gar nichts sieht. Er steigt zu Stuber in dessen Uber-Taxi ein. Stu soll die Verfolgung des Mörders aufnehmen. Der Fahrer ist damit überfordert. Seine Bewertung weist fünf von fünf möglichen Sternen auf. Wie soll er die bei einem solchen Auftrag behalten können?

Jetzt wird alles Krimikomödienhaltige zusammengepackt: der Umstand, dass Vic fast nichts oder manchmal gar nichts mehr sieht aber seine Ermittlungen trotzdem fortführt; Stubers Verzweiflung; der häufige Witz zwischen den beiden; immer wieder der Streit zwischen ihnen; ein gewisser Zoff mit Vics Tochter; die nicht gerade empfehlenswerte Beschaffung von Waffen und Munition; Verfolgungsfahrten; Verkehrsunfall und Verkehrschaos, usw., usw. - alles begleitet von möglichst leichter Musik.

Kein schlechter Einfall, den stämmigen, manchmal furchterregenden Wrestler Dave Bautista mit dem schmächtigen und oft furchtsamen Kunail Majiani zusammenzutun. Von Haus aus ist da für Theater und Komik gesorgt. Dazu kommt, dass die beiden das alles herrlich spielen.

Die Inszenierung lahmt keinen Augenblick. Gute Regie also.  Da steckt zwar kein geistig hochwertiges Thema dahinter, doch das Genre wird bestens bedient. Der milieugerechte Aufwand ist beträchtlich, die Stunts sind sensationell.

Wie gesagt eine ziemlich originelle Krimikomödie.




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Datum: 12.08.2019


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