Der Gilden-Dienst Nr. 36-2017
The End of Meat

Von Marc Pierschel

(Mindjazz, Kinostart 14. September 2017)

Das Fleisch ist noch nicht am Ende, wie dieser Filmtitel sagt, doch der Tag wird kommen, an dem eine Einschränkung des Fleischverbrauchs nicht mehr zu umgehen ist. Wie ist die jetzige Lage?

In mehrstöckigen Riesenlastern wird heutzutage das Vieh zu Tausenden oft mit Gewalt in die Schlachthäuser gekarrt; Aufnahmen im Film beweisen, dass auf die Gesundheit und den Zustand der Tiere keine große Rücksicht genommen wird; die Öko-Aktivisten, die dagegen protestieren, richten nichts aus; der übermäßige Fleischverzehr (z.B. 132 Pfund pro Mensch und Jahr) wirkt sich wegen des Gasausstoßes der Tiere, wegen des Wasser- und Landverbrauchs und nicht zuletzt wegen der dadurch bedingten Entwaldung verheerend aus; zwischen Fleisch und Klima besteht demnach ein direkter Zusammenhang; dass 2050 etwa 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, macht die Sache nicht besser.

Die Gegenbewegung hat  eingesetzt und wächst schnell. Bis 2040 müsste der Fleischverzehr um 50 Prozent reduziert werden; (die schockierte Fleischindustrie dürfte von einer Tierfleischkrise sprechen;) Tofu, Algen und vegetarisches bzw. veganes Essen nehmen zu; selbst Metzgereien bieten mehr und mehr „künstliches“ Fleisch an; Flexitarier heißen nunmehr diejenigen, die sowohl Fleisch als auch vegetarische Kost verzehren; Wissenschaftler haben errechnet, dass bei gesünderen Essensgewohnheiten (das heißt vor allem auch weniger Fleisch) in einem verhältnismäßig kleinen Zeitraum zwischen 5 und 8 Millionen Menschen gerettet werden können; in Indien essen Hunderttausende von Menschen aus ethischen und religiösen Gründen kein Fleisch; an manchen Orten ist Fleischverkauf verboten.

Nicht zu vergessen die tierliebenden Idealisten, die die Tiere als den Menschen gleichgestellte Mitbürger mit ganz bestimmten Rechten, als Individuen, als „keine Ware“ und auch als Opfer betrachten.

Die Natur muss sich erholen. Und auch im menschlichen Verhalten beginnt anscheinend ein ebenso politischer wie sozio-kultureller Wandel. Über Nacht wird das allerdings nicht gelingen. Schon arbeiten Forscher in mehreren Ländern an der Nahrungsmittelerfindung, an einer Supernahrung, an  Ersatzprodukten, an Prototypen, an DNA-gestützten „tierischen Produkten ohne Tiere“, z.B. an Fleisch, Milch oder Eiern. „Cultured meat“ nennt man das.

Das alles wird in diesem interessanten und vor allem notwendigen Dokumentarfilm auf überzeugende und professionelle Weise gezeigt und belegt.

Jedermann sollte ihn sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Mr. Long

Von Sabu

(Rapid Eye Movies, Kinostart 14.September 2017)

Der eher elegante schweigsame Taiwanese Mr. Long ist Profikiller. Gerade hat er fünf Kerle umgebracht, die auf die Verteilung der Beute aus einem Raub warteten. Seelenruhig nimmt Long von seinem Arbeitgeber den nächsten Fall an, der ihn nach Tokio führt. Dort soll er einen blonden japanischen Gangster erledigen – doch die Sache geht schief. Mit Müh und Not kann er fliehen.

Verwundet landet er ohne alles in einem Abbruchhaus. Der kleine Jun, der offenbar Mitleid mit ihm hat, bringt ihm Essenszutaten. Das trifft sich gut, denn Long kann ebenso gut kochen wie töten.

Die Nachbarn kommen hinzu, helfen ihm besser zu wohnen, laden ihn ein, beschaffen ihm sogar einen fahrbaren Essensstand. Mit dem, was er da anbietet, kann er das Geld für seine Heimreise verdienen. Das geht nur noch per Schiff, denn im Lauf einer Verfolgung ging der Pass verloren.

Juns Mutter Lily ist schwer drogensüchtig. Sogar ihr kleiner Junge muss für sie Stoff besorgen. Manches verdiente sie mit Prostitution. Long kann das nicht mehr mit ansehen und zwingt sie –gefesselt- zum kalten Entzug.

Jetzt, da Lily clean ist, entsteht zwischen ihr und Long und natürlich Jun ein überaus herzliches Verhältnis. Das könnte etwas werden.

Doch ein Freier spritzt Lily Heroin. Und Kenji, der Vater des kleinen Jun, kommt zurück, vergewaltigt sie. Das ist zu viel. Sie tötet sich.

Long und Jun sind nun allein. Immerhin hat Long gelernt, nicht nur Killer zu sein sondern human zu werden.

Typisch asiatisch und hochprofessionell gestaltet. Natürlich fehlen überspitzte Martial-Art-Sequenzen nicht ganz, doch die Dramatisierung und das allgemeine Ambiente sowohl auf Taiwan als auch in Japan können sich sehen lassen. Man folgt den Protagonisten gerne, dem rührenden kleinen Jungen Jun (Runyin Bai), dem Schmerz sowie der Gesundung der schönen Lily (Yiti Yao), der Wandlung des Mr. Long vom eiskalten Mörder zum sorgenden Menschen. Wird er noch einmal Killeraufträge annehmen?

Das Spiel der drei ist außerdem hervorragend. Und das gilt zudem für den Darsteller des Kenji (Sho Aoyagi).

Sehenswerte dramatische asiatische Schicksale.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Logan Lucky

Von Steven Soderbergh

(Studiocanal, Kinostart 14. September 2017)

Gut dass Steven Soderbergh nach seinem mehrjährigen Ausflug zum Fernsehen zum Kino zurückgekehrt ist, denn er hat hier mit der Unterstützung einer anscheinend äußerst fähigen Drehbuch-Autorin (Rebecca Blunt) einen Gauner-Unterhaltungsfilm abgeliefert, der den Leuten gefallen wird.

Jimmy Logan arbeitete bisher als Bergmann, muss jedoch aus medizinischen Gründen leider entlassen werden. Er steht, sowieso wegen Eheschwierigkeiten von seinem geliebten Töchterchen getrennt, gänzlich ohne Geld da. Seinem Bruder Clyde geht es nicht viel besser. Der musste in den Irak-Krieg und verlor eine Hand.

Geld muss her – und sei es nur wie einst in früheren Zeiten, nämlich durch einen Raubüberfall. Allerdings braucht es dazu die Hilfe von Joe Bang, und der sitzt derzeit im Gefängnis. Also muss auch Clyde kurz hinter Gitter, damit mit dessen Hilfe ein unentdeckter vorübergehender Ausbruch Joes vorbereitet werden kann.

Nach einigen Schwierigkeiten gelingt dies. Das Ziel: Der Coca-Cola-Cup 600, eine Art Volksfest und Autorennen mit unendlich vielen zahlenden Zuschauern. Die eingenommenen Summen werden aus Sicherheitsgründen durch eine unterirdische Saugpostanlage weitergeleitet, für den Bergmann Jimmy Logan die beste Möglichkeit an das Geld zu kommen.

Der Coup gelingt. Zum Schein wird ein beachtlicher Teil des Geldes zurückgegeben, jedoch nur zur Täuschung der völlig irritierten Polizei. Der größte Teil verbleibt bei Jimmy & Co. Wer immer, bewusst oder unbewusst, als Teil des Raubes freiwillig mitwirkte oder mitwirken musste, bekommt seinen Lohn.

Daneben laufen noch ein paar verzwickte Liebesbeziehungen, sozusagen als Ausgleich für die böse Tat. Dramatisiert und filmisch gestaltet sind die vielen passenden Zutaten zu diesem Film einfach fabelhaft. Echt Soderbergh. Die Liebesgeschichten am Schluss sind ein wenig dünn geraten, aber sonst!

Dass alles so gut gelungen ist liegt natürlich auch am Schauspielerensemble: Channing Tatum, Daniel Craig, Adam Driver, Katie Holmes, Hilary Swank – was will man mehr!

Ein reines Vergnügen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Das Löwenmädchen

Von Vibeke Idsoe

(NFP, Kinostart 1. Juni 2017)

Norwegische Provinz um 1912. Der Bahnstationsmeister Arctander und seine Frau Ruth freuen sich auf ihr Baby. Doch leider kommt es anders. Ruth stirbt bei der Geburt, und das zur Welt gekommene kleine Mädchen, Eva genannt, ist im Gesicht wie am ganzen Körper völlig mit blonden Haaren bedeckt.

Letzteres ist eine Katastrophe für den Mann, der auf äußerste Korrektheit achtet, dem wichtig ist, ob die Leute im Dorf wegen seines familiären Missgeschicks etwas zu bereden haben, der befürchtet, sein Ansehen zu verlieren.

Also wird Eva mehr oder minder versteckt. Solange sie noch sehr klein ist, wird sie, wenn sie von den Anordnungen ihres Vaters abweicht, einfach in einen Verschlag gesperrt. Glücklicherweise hat sie Hannah, die sich wegen des Todes der Mutter um sie kümmert. Und es gibt am Bahnhof auch einen Mitarbeiter, zu dem sie ein sehr herzliches Verhältnis aufbauen kann.

So langsam wird sie sich nun emanzipieren. Sie geht zur Schule, findet gegen ihre „Erziehung“ durch den Vater Widerworte, trifft sich mit anderen Kindern, einem Jungen auch, spricht mit einer Frau, die schön ist und die Eva lehrt, dass Schönheit unendlich viele Seiten haben kann und dass auch sie, Eva, schön sein könne.

Irgendwann tritt ein Mann auf, der vorgibt, ein Professor zu sein und über Besonderheiten der menschlichen Natur eine Konferenz abhalten zu wollen. Arctander lässt sich übertölpeln, besucht mit seiner kleinen Tochter die Veranstaltung, wendet sich aber rasch ab. Denn in Wirklichkeit ist dieser Johannes Joachim eher ein Scharlatan, der mit einer Kuriositätenschau durch das Land tingelt.

Evas Leben und Schicksal wird offenbar nicht mehr sehr viel glücklicher. Denn sie landet schließlich in eben dieser Kuriositätenschau.

Ein Film darüber, zu welchem Missgeschick eine irdische Existenz werden kann; darüber, dass man gegen ein negatives Schicksal ankämpfen muss; darüber, dass gegen angeborene „Hässlichkeit“ keine falsche Haltung und Erziehung hilft, sondern nur Toleranz; darüber, dass sich echte „Schönheit“ nicht nur hinter diesem gängigen Begriff findet, sondern in unendlich vielen Dingen.

In einem sehr ruhig ablaufenden, gut gespielten, inszenatorisch und ästhetisch angenehmen Film wird das alles präsentiert.

Auf Probleme tiefer eingegangen wird aber nicht!

 

On the Milky Road

Von Emir Kusturica

(Weltkino, Kinostart 7. September 2017)

Krieg auf dem Balkan. Doch die Soldaten brauchen ja Nahrung, auch Milch zum Beispiel. Die bringt ihnen Kosta jeden Tag auf seinem Esel. Er muss dafür durch ein höchst gefährliches Gebiet reiten.

Doch es gibt auch Positives. In der Nähe lebt jedenfalls die junge athletische Milena. Heirat mit Kosta keineswegs ausgeschlossen.

Aber da taucht ja plötzlich auch die schöne Italienerin auf, die ganz einfach die Braut genannt wird. Kosta ist hingerissen. Doch die soll in Kürze Milenas Bruder Zaga heiraten. Pech.

Und noch mehr Pech: Die Braut ist nämlich auf der Flucht vor einem alten General, der ihretwegen sogar seine Frau umbrachte. Auf Rache verzichtet der General auf keinen Fall, und deshalb sind hinter der Schönen Soldaten her.

Soweit das Handlungsgerippe. Aber wer Kusturica kennt, weiß, dass bei ihm die Ausschmückung noch wichtiger ist. Und die besteht aus fröhlicher und lauter Musik; aus Schießereien und Explosionen; aus ebenso lustigen und schönen wie bizarren und spinnigen Tierszenen – aus in Blut badenden Gänsen, aus einer Milch trinkenden Schlange und in einer thematisch wie filmisch furchtbaren Sequenz aus auf einem Minenfeld explodierenden Schafen; aus surrealen und Märchen-Passagen; aus beruhigenden Landschaftsbildern; dann wieder aus schrillen Schussfolgen; aus reichlich Komik. . . 

. . . und aus rührenden Liebesszenen.

Alles, mit Kusturicas Herkunft zusammenhängend, den Balkan charakterisierend.

Natürlich muss das alles auch gespielt werden. Kusturica umgab sich dafür mit einer Riesentruppe. Er selbst stellt den Kosta dar, absolut glaubwürdig und untadelig. Die schöne Braut, die er liebt, ist keine Geringere als Monica Belluci, die verhalten aber wie immer mit Grazie agiert.

Wer einen vielschichtigen, bunten, burlesken, furiosen, lauten, kriegerischen aber auch zarten romantischen Film sehen will, der ist bei Emir Kusturica richtig.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wie die Mutter, so die Tochter

Von Noémie Saglio

(Prokino, Kinostart 14. September 2017)

Avril, deren Beruf und Arbeit mit Düften zu tun hat, darf nach längerer Zeit ihr eigenes Parfum kreieren, zwar nur fürs WC aber immerhin. 

Sie lebt glücklich mit Louis zusammen. Mit dessen Eltern Irène und Michel soll ein Essen stattfinden. Geladen ist auch Avrils Mutter Mado und –ausnahmsweise- Marc, deren ehemaliger Mann Marc, ein erfolgreicher Dirigent, von dem sie längst getrennt lebt. Der Anlass für das alles: Avril wird verkünden, dass sie schwanger ist.

Alle freuen sich, außer Mado, denn die lebt bei Louis und Avril, und da jetzt ein Kinderzimmer gebraucht wird, wird sie, das wird ihr klar, sich sehr einschränken müssen. Deshalb ist bei ihr die Freude sehr reduziert.

Und jetzt kommt’s: Auch Mado ist schwanger. Dass ihr Geschiedener Marc der Vater ist, verschweigt sie. Für Avril ist das zu viel. Zerwürfnis. Sie verlässt mit ihrem Louis sogar die eigene Wohnung und zieht zu ihren Eltern. Dass das nicht ihre beste Idee war, stellt sich bald heraus.

Mado ist ja als Avrils Mutter schon etwas älter, aber ihr Kind wird gesund sein, das ist die Hauptsache. Bei Avril bestehen ohnehin keine Schwierigkeiten.

Jetzt müssen nur noch die Gefühle aller für alle wieder in Ordnung kommen. Und das geschieht natürlich auch.

Aus Frankreich kamen in den letzten Jahren eine ganze Anzahl netter Komödien. „Wie die Mutter, so die Tochter“ gehört dazu. Wesentlich dazu beigetragen hat, dass es der Autorin und Regisseurin Noémie Saglio gelungen ist, für die Rolle der Mado Juliette Binoche zu gewinnen. Mit einer Schauspielerin wie ihr könnte man, wenn es nötig wäre, wohl jeden Film retten.

Aber auch Camille Cottin als Avril ist dabei. Sie gilt als eine der talentiertesten jungen Darstellerinnen Frankreichs, und in diesem Film beweist sie es. Und schließlich übernahm kein Geringerer als der sympathische, charismatische Lambert Wilson die Rolle des Marc. Ein beachtliches Trio also.

Und nicht zuletzt insofern ein beachtlicher Film.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.

 
zum Download
Datum: 04.09.2017


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