Der Gilden-Dienst Nr. 36-2019


Das Wunder im Meer von Sargasso


von Syllas Tzoumerkas

(RealFiction, 12. September 2019)

Elisabeth ist eine resolute Polizistin in Athen, die bereits einen ziemlich hohen Rang hat. Als sie jedoch eine Unterschrift verweigert, die eine Fälschung gewesen wäre, wird sie strafversetzt und zwar nach Messolonghi. Das ist eine eher trostlose Kleinstadt in Westgriechenland, berühmt geworden allerdings durch einen bedingungslosen Widerstand gegen die Türken in den 1825er Jahren. Sie trägt deshalb sogar den Ehrennamen „Heilige Stadt“.

Rita, ebenfalls in Messolonghi beheimatet, ist ein armes Hascherl. Untertags filettiert sie in der Fabrik Aale, manchmal putzt sie noch in der Kirche, um etwas dazu zu verdienen. Ihr Hauptproblem: Sie wird unterdrückt von ihrem Bruder Manolis, großspurigen und auf Ruhm bedachten Clubbesitzer und Sänger.

Elisabeths Leben hat durch die Jahre andauernde Versetzung einen Bruch erlitten. Manchmal ist sie mit einem befreundeten, verheirateten Arzt zusammen, vor allem scheint sie zu viel zu trinken.

Rita ist unglücklich. Oft sehnt sie sich fort – wie ihre Aale, die aus der Lagune von Messolonghi über den ganzen Atlantik bis in die Karibik schwimmen, um sich dort zu vermehren und dann zu sterben. Eine schöne Metapher.

Dann geschieht etwas, das alles ändert. Die von Manolis immer vernachlässigte Rita tötet diesen, indem sie ihn in einem unbewussten Zustand an einen Baum hängt. Elisabeth tritt auf den Plan. Nun kommt ein anderes Griechenland zum Vorschein: ein patriarchalisches, sumpfiges, dreckiges, gewalttätiges, sexuell perverses, religiös verbrämtes, nicht-touristisches.

Doch beide Frauen vermögen schließlich, dies zu überwinden und ein anderes, neues Leben zu beginnen.

Regisseur Syllas Tzoumerkas hat sich inszenatorisch gewaltig angestrengt und damit auch filmisch eindrucksvolle Szenen geschaffen. Manche seiner Einfälle, Visionen und Absichten erschließen sich jedoch nicht! Und manches ist ganz einfach zu viel des Guten.

Andererseits hatte er mit Angeliki Papoulia als energische Polizeikommissarin, Youla Boudalis als Brudermörderin oder Christos Passalis als großtuerischer Manolis erstklassige Darsteller am Set.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Mein Leben mit Amanda


von Mikhael Hers

(MFA, Kinostart 12. September 2019)

Das alltägliche, lebendige, manchmal etwas zu lebendige Paris. Sandrine lebt dort mit ihrem Töchterchen Amanda, und auch ihr Bruder David ist da zu Hause.

David ist Anfang 20. So recht scheint er noch nicht zu wissen, was er mit seinem Leben anfangen soll. Zunächst geht er nur Gelegenheitsarbeiten nach  - in Parks Baumäste schneiden zum Beispiel. Die Mutter lebt schon seit Jahren in London, und einen Vater gibt es ebenfalls nicht.

Umso besser verstehen sich die beiden Geschwister. Doch dann das Unglück: Sandrine stirbt. Und ein weiteres Unglück: die viele Menschenleben kostenden Terroranschläge vom 13. November 2015.

David hat eine Nachbarin, die Lena, die jung und hübsch ist und in die er sich verlieben könnte. Ab und zu funktioniert die Verbindung auch, sogar bis zur Intimität, aber so völlig sich verpflichten und hingeben, das will Lena nicht. Noch nicht.

Was soll aus Amanda werden? Wie kann David seiner kleinen Nichte beibringen, dass die Mutter nie mehr kommen wird? Wie können ein junger Mann, der noch nicht erwachsen ist und ein kleines Kind sich gegenseitig helfen zurechtzukommen? Wie kann ein Autor und Regisseur dies alles gleichzeitig realistisch und, sagen wir, poetisch darstellen?

Es ist gelungen! Der Film ist lebendig und doch sehr einfühlsam geworden. Moralisch ist von größter Bedeutung, dass David seine eigenen Bedürfnisse und eventuellen Ziele zurückstellt; dass er für das Kind da sein wird; dass er Amandas Vormund ist; dass er zutiefst menschlich und nicht egoistisch handelt.

Nun zu den Darstellern. Dass der junge Vincent Lacoste als  David schon alle Nuancen beherrscht, vom alltäglichen Dasein bis zu den schwierigsten Gefühlen, ist schon erstaunlich. Er ist eine Spitzenbesetzung.

Und dass man Kinder als gute Schauspieler findet ist oft ein Glücksfall. Bei der kleinen Isaure Multrier als Amanda ist dieser absolut eingetreten. Sie ist, lächelnd wie weinend, präsent und spielt, als hätte sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes getan.

Ein sehr menschlicher Film.




Hot Air


von Frank Coraci

(Kinostar, Kinostart 5. September 2019)

Radiostationen gibt es in den USA unzählige, doch hier ist eine, der man besondere Aufmerksamkeit schenken sollte.

Denn hier arbeitet der Moderator Lionel Macomb. Und der hält sich in seinen Kommentaren und den Gesprächen mit dem Publikum nicht an die Sprachregelungen der offiziellen Politik, an die sich die meisten Medien anlehnen. Er haut vielmehr etwa in Bezug auf die von Obama befürwortete Krankenversicherung oder die von Trump bekämpfte Migration auch Gegenteiliges heraus – und zwar in einem derart scharfen, zynischen, angreiferischen, beleidigenden und bösartigen Ton, dass einem geradezu die Spucke wegbleibt.

Er spricht davon, dass es nicht nur einer Mauer sondern zusätzlich eines Grabens bedürfe; von Massen und Invasion; vom Fehlen einer Heimat; von Abfall und vergiftetem Meer; von fehlender Würde, fehlendem Anstand; von rechts und links, reich und arm, Gläubigern und Zweiflern, von Wut und Bösartigkeit; von falschen Propheten und Wall-Street-Räubern; von Tausenden, die Zwangsarbeit verrichten müssten.

Das Problem: Es ist bei weitem nicht alles falsch, was er sagt.

Erschüttert wird er, als eines Tages seine dunkelhäutige 16jährige Nichte Tess auftaucht und sich entgegen Macombs Willen nicht mehr abweisen lässt. Tess hat zwar mit ihrer alkoholsüchtigen und einen Entzug abbrechenden Mutter Laurie ernsthafte Sorgen, doch sie ist es auch, die - zusammen mit Macombs früherem Zögling Gareth Whitley – ihm widerspricht, seinen Anordnungen zuwiderhandelt, ihm die Augen zu öffnen versucht, ihn vielleicht zur Besinnung bringen kann.

Wahrscheinlich ist Macomb zunehmend geschockt, er verlässt seinen Arbeitsplatz (nachdem ihn auch seine Mitarbeiterin und Geliebte Judith verlassen hat).

Ein Ersatzsprecher muss her. Der schlägt andere Töne an: „Man versteht einen Menschen nur dann, wenn man eine Meile in seinen Schuhen gelaufen ist.“

Lionel Macomb scheint sich zu bekehren. Jetzt redet er im Radio anders daher.

Szenisch und allgemeinfilmisch kein absolutes Spitzenwerk, aber eines, das in Bezug auf die heutigen politischen Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt thematisch und aktuell gesehen – und beide Seiten betrachtend – wichtiger und gravierender nicht sein könnte. Viele schwerwiegende und nahezu unlösbare Probleme werden angesprochen.

Und noch eines: Taylor Russel McKenzie als Tess spielt gut. Unübertroffen und wirklich sehens- und hörenswert aber ist Steve Coogan als Lionel Macomb.




Über Grenzen


von Johannes Meier und Paul Hartmann

(Streets Film, Kinostart 12. September 2019)

Sie heißt Margot Flügel-Anhalt, ist 64 Jahre alt, war zweimal verheiratet. Jetzt hat sie sich vorgenommen, innerhalb von  etwa vier Monaten eine 18 000-km-Motorreise um die halbe Welt zu machen. Die Vorbereitungen, darunter auch ein Selbstverteidigungskurs, sind getroffen, von Eschwege in Nordhessen aus kann es losgehen.

Ostdeutschland, Polen, Ukraine, Russland, usw., so sieht die Planung aus – doch in der Nähe von Gera schon die erste Panne. Ihr wird geholfen, es geht weiter. Dann ein Sturz. Offenbar nicht sonderlich schlimm.

Bis jetzt hat sie mit einem eigenen Gerät selbst gefilmt und kommentiert; nunmehr ist sie im Pamir-Gebirge angekommen – und da trifft sie auf das Team, das von jetzt an einen großen Teil der Reise mit ihr fortsetzen wird. Das ist auch notwendig, denn die weit über 4 000 Meter hohen Pässe in Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan usw. kann sie nicht allein schaffen. „Reisende helfen sich gegenseitig.“ Die Wegverhältnisse sind katastrophal, das Wetter ebenso. Das Ergebnis: Stürze und ein kaputter Fuß, der eine Pause bedingt.

Die Menschen, die sie auf diesen Höhen trifft, sind bettelarm aber herzlich. Es könnten Freundschaften werden – auch wenn sie über Badezimmer ohne Wasser verfügen und es insgesamt mit der Hygiene hapert. Doch das will sie: aus ihrem täglichen Trott heraus und spüren, wie außerhalb des reichen Europa Menschen leben (müssen).

Höhepunkte wechseln ab mit Tiefpunkten. Einerseits das kulturell hochstehende Samarkand, dann wieder kilometerweit nur Öde und Leere. Das Nirgendwo. Die Honda, die sie fährt, lässt sie mehrere Male im Stich.

Dann der Iran, die prächtige moderne Hauptstadt Teheran. Da sie als Frau Hosen trägt und Motorrad fährt, riskiert sie Peitschenhiebe oder gar Gefängnis. Denn das ist im Iran verboten. Heimlich gesteht ihr ein Mann, dass er an Jesus Christus glaubt; niemand darf es hören.

Dann geht es wieder heimwärts: Türkei, Balkan, usw. Eigentlich will sie gar nicht zurück in die alten Rituale. Doch die Reise ist zu Ende. 117 Tage und ca. 18 000 Kilometer. Mit Jubel wird sie empfangen.

Rein filmisch und inszenatorisch darf man nicht zu viel verlangen. Aber der Film hat auf jeden Fall seinen Sinn: Da ist eine Frau, die, obwohl nicht mehr ganz jung, ihr Leben ändert, die zu neuen Ufern aufbricht, die nicht aufgibt, die Mut hat, die die Gemeinschaft der Menschen auf der ganzen Erde hochhält.

Und das ist – wenn auch in vielen unterschiedlichen Formen – nachahmenswert.


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Datum: 02.09.2019


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