Der Gilden-Dienst Nr. 37-2017
Das System Milch

Von Andreas Pichler

(Tiberius, Kinostart 21. September 2017)

Vor ein paar Tausend Jahren diente die Milch lediglich dazu, dass die Muttertiere ihre Jungen säugen konnten. Dann kam der Mensch auf den Geschmack: „Milch kann man ja auch selbst trinken!“ Lange Zeit lief alles gut ab. Bis in die jüngste Zeit. Jetzt ist der Teufel los. Was ist mit der Milch und dem Milchmarkt passiert?

Die kleinen Weidebetriebe gehen ein; statt 40 bekommen die Bauern 27 Cent pro Liter; die Industrie hat alles an sich gerissen; ein Geschäft von 100  Milliarden Euro pro Jahr; die Molkerei- und Milchverarbeitungskonzerne dominieren, drücken die Preise, exportieren nach China und Afrika; die Hochleistungskühe werden rein für die Milchproduktion gezüchtet; Lebensdauer fünf statt früher zwanzig Jahre; ein Kalb pro Jahr muss drin sein; Embryonen werden auf dem Markt angeboten; unrentable Tiere werden getötet; nur noch 1/3 des Futters besteht aus Gras, 2/3 aus Soja und Mais; für dieses genmanipulierte Futter wird in Südamerika der Regenwald gerodet und demnach die Umweltkatastrophe verstärkt; außerdem wird dadurch das Zellenwachstum zu sehr beschleunigt, und das gilt auch für die ungesunden Zellen im menschlichen Körper (erhöht beispielsweise die Zahl der Knochenbrüche und kann sogar den Krebs verstärken); die Demonstrationen der Bauern gegen die Dumpingpreise brachten bisher nur ungenügende Verbesserungen; ein Zurück, sagen viele, ist nicht mehr möglich; auch weil die Weltbevölkerung schnell wächst; in manchen Ländern fängt der Milchverbrauch sogar erst an.

Gottlob gibt es auch Gegenbewegungen: Biomilchbauern, Menschen, die zur gesunden Weidewirtschaft zurückkehren wollen, die ein normales Tempo an den Tag legen, die aus der Sackgasse herauszutreten versuchen, die den unbedingt notwendigen Paradigmenwechsel betreiben.

Regisseur Andreas Pichler ist zu danken, dass er dieses geradezu warnende Dokument aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, Archivaufnahmen, Interviews, vielfältigem Bildmaterial, realen bäuerlichen Szenen, großspurigen Konzernerklärungen und absoluter Authentizität professionell zusammengestellt hat.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Schloss aus Glas

Von Destin Daniel Cretton

(Studiocanal. Kinostart 21. September 2017)

Rex, früher US-Soldat, ist ein dominierender, manchmal brutaler, dem Alkohol verfallener, dann wieder rührender, den Kindern die Sterne vom Himmel versprechender Vater. Seine Frau, eine Kunstmalerin, ist ihm total untergeordnet. Jeannette ist die älteste Tochter, doch da sind noch drei weitere Kinder.

Eine feste Arbeit hat Rex nicht, trotzdem will er den Kindern ein Schloss bauen, sogar eines aus Glas. Da der Mann gesellschaftlich oft anstößt, ist die Familie ständig unterwegs. Manchmal muss sie vor der Polizei mitten in der Nacht Hals über Kopf fliehen. Die Unterkünfte, in denen sie dann leben muss, wünscht man niemandem. Dann kriegen die Kinder auch nur sporadisch zu Essen.

Hauptsache Rex kann sich oft genug besaufen.

Dann bereut er es wieder, fällt auf die Knie, fängt an zu weinen. Einmal ersucht er einen kalten Entzug. Schreiend liegt er gefesselt auf einem Bett.

Viel später –Rex ist bereits tot- trifft sich die Familie zum Thanksgiving und tauscht Erinnerungen aus. Der Clou: Was im Film berichtet wird, ist so geschehen! Jeannettes Buch darüber wurde zum Bestseller.

Die häufigen verschiedenen Zeitabschnitte; die „Reisen“, die meistens Fluchten waren; der Zusammenhalt der Familie, der Mutter und der Kinder vor allem; die ständig variierenden Stand- und Schauplätze; die originellen Ideen des Vaters, wenn er gut drauf war; die schrecklichen Szenen, wenn er sich gefühlsmäßig vergaß oder wieder einmal betrunken war; sein Ende; das Wahre, das in allem steckt (auch wenn es natürlich kinomäßig aufgepäppelt werden musste) . . .

. . . das alles ist ausführlich mit einer solchen Kunst und Intensität erzählt, dass man als Kinozuschauer gepackt wird und staunt.

Beste Darsteller wie Brie Larson als Jeannette oder Naomi Watts als künstlerische Mutter sind am Werk – aber wie Woody Harrelson seine Rolle als Rex meistert, das ist nicht nur gut sondern absolut phantastisch. Wer weiß, ob dafür nicht irgendwann eine Auszeichnung herausschaut.

Filmkunsttheater und Programmkinos zu empfehlen.

 

Körper und Seele

Von Ildiko  Enyedi

(Alamode, Kinostart 21. September 2017)

Ein Schlachthof als Arbeitsplatz. Die Kühe und Ochsen kommen an. Die Kamera geht auf ihre Augen. Ihr Blick greift tief, als wüssten die Tiere, dass sie spätestens am nächsten Tag getötet und geschlachtet werden. Es verstört zu Recht dermaßen, dass man unwillkürlich daran denkt, weniger oder gar kein Fleisch mehr zu essen.

Weitere Filmschauplätze: ärmliche Zimmer, billige Restaurants, Krämerladen und Fernsehcouch. Doch auch ein wunderbarer Ort: Winterwald, Schnee. Ein Hirsch und eine Hirschkuh. Sie äsen, finden ein paar Blätter, trinken am Bach, berühren sich kurz, paaren sich aber nicht.

Die Hirschszenen haben mit den beiden Protagonisten zu tun: mit Maria, der neuen Schlachthofkontrolleurin, einer unzugänglichen, zurückgezogen lebenden, zuweilen etwas schroffen, einsilbigen, offenbar jeden Kontakt meidenden, unter einem Ordnungszwang leidenden, starr blickenden aber schönen Frau. . .

. . . und mit Endre, einem der führenden Schlachthofmitarbeiter, der einsam wirkt, der mit dem Leben und der Liebe abgeschlossen hat, dessen linker Arm gelähmt ist, der erfolglos Interesse an Maria zu haben scheint.

Im Schlachthof wird etwas entwendet. Im Laufe der darauf folgenden Untersuchungen stellt sich heraus, dass Endre und Maria in der Nacht das gleiche geträumt haben: die Szenen mit den Hirschen. Besteht zwischen den beiden etwa eine geheime, rational nicht zu begründende seelische Verbindung?

Es sieht zuerst nicht so aus. Ihre Begegnungen verlaufen lange ungeschickt, peinlich, kontrovers, gescheitert. Marias depressiver Zustand geht so weit, dass sie sich das Leben nehmen will.

Dann kommt doch noch in letzter Sekunde der entscheidende Anruf mit Endres Liebesschwur.

Die schönen winterlichen Bilder mit den Hirschen, die berührenden Aufnahmen der Kühe oder die Sache mit den identischen Träumen sind wohl eher schmückende oder auch zum Nachdenken führende Originalideen der Autorin und Regisseurin Ildiko Enyedi - im Hauptverlauf der trotz allem leidenschaftlichen Liebesgeschichte treffen zwei psychisch angeschlagene, wunde, aber immerhin wahlverwandte Seelen aufeinander; lange dauert deshalb dieser schmerzliche Prozess des Zusammenfindens.

„Ich wollte eine überwältigende und leidenschaftliche Liebesgeschichte erzählen – auf so wenig überwältigende und leidenschaftliche Weise wie möglich“, sagt Frau Enyedi. Und genau das ist ihr gelungen.

Bleibt noch zu sagen, wie eindrucksvoll Alexandra Borbely als Maria und Geza Morcsanyi als Endre ihre Rollen interpretieren.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Radiance

Von Naomi Kawase

(Concorde, Kinostart 14. September 2017)

Blinde haben kraft dessen, was sie hören, was sie berühren, was sie fühlen und was sie erleben zwangsläufig eine andere Vorstellungswelt als Sehende. Das ist eines der Themen dieses Films.

Die junge Japanerin Misako liebt das Kino. Es verleiht die Möglichkeit, aus der Realität und ihren unumstößlichen Gegebenheiten zu fliehen. Die Regisseurin dieses japanischen Films sagt sogar, das Kino könne einem „die Kraft geben, ein schlechtes Leben in ein gutes zu verwandeln“. Ein gewagter aber ein schöner Satz.

Misako verfasst und liest Audiodeskriptionen, also Filmbeschreibungen für Menschen, die nicht sehen können. Es läuft ein Test. Das Thema: eine Liebesgeschichte zwischen einem alten Mann und einer jüngeren Frau. Im Zuschauerraum sitzt Nakamori, ein Fotograf, der langsam sein Augenlicht verliert. Da er deshalb bereits von anderen Vorstellungen auszugehen scheint, ist er mit dem, was Misako liest und wie sie es vorträgt, nicht voll und ganz einverstanden.

Hängt das etwa mit deren Schicksal zusammen? Sie verlor als Kind ihren Vater, ihre Mutter hat dies nie überwunden. Sie leidet heute an Demenz. Mit diesem Verlust kämpft Misako.

Sie begegnet Nakamori mehrmals. Die Gegensätze zwischen beiden treten klar zutage. Aber die Kraft des Kinos eint sie auch. Und sie werden sich lieben.

Es geht in Kawases Film um das Licht, um die Ästhetik der Fotografie, um das Festhalten der Schönheit auf den Fotos – nichts ist schöner als das, was man nicht mehr wahrnehmen kann, heißt es einmal sinngemäß.

Es geht um das Verschwinden des Lichts, die Dunkelheit, den damit verbundenen zwangsläufigen Beginn eines neuen Lebens.

Da entstehen Metaphern, das ist zart und poetisch gemacht, mit wunderschönen Natur- und Menschenbildern auch – und mit zwei Darstellern (Ayame Misaki als Misako und Masatoshi Nagase als Nakamori), die versuchen, das Ganze zur Kunst zu erheben.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Porto

Von Gabe Klinger

(MFA, Kinostart 14. September 2017)

Die Geschichte von Jake und Mati. Jake ist der ruhige aber auch unstete, nach innen gekehrt, mit angezogenen Schultern gehend, schweigsam und einsam.

Mati ist Französin, von Beruf Archäologin, schön und aufgeweckt, aber ebenfalls allein. Vor kurzen erst kam sie im nordportugiesischen Porto an.

Einst gab es einen Mann, mit dem sie allerdings nichts mehr zu tun hat. Doch es gibt eine kleine Tochter, die Madeleine. Manchmal sieht Mati ihre Mutter in Paris. Sie lässt erkennen, dass sie unter psychischen Störungen leidet.

Eine Kneipe. An einem Tisch sitzt Mati; ohne Zigarette sieht man sie selten. Weitab aber trotzdem ihr genau gegenüber Jake. Es ist offenbar nicht das erste Mal, dass sie sich sehen, doch dieses Mal entzündet sich ein Feuer. Es folgt eine leidenschaftliche Liebesnacht. Einsamkeit verbindet.

Es bleibt bei dieser einen Nacht.

Doch was Liebe genannt wird ist kompliziert. So auch hier. Waren sie für einander bestimmt? Kannten sie sich schon eher? Eine Liebesnacht umfasst mehr als ein paar Stunden. „Die Zeit ist nur Erinnerung“, sagte James Benning einmal. Und auf derlei gestützt, geht Regisseur Gabe Klinger auch achronologisch vor, also mit zeitlich versetzten Handlungsabschnitten, die zudem fragmentarisch und in unterschiedlichen Bildformen präsentiert werden – so wenn die beiden intellektuell gemeinsam philosophieren; wenn Mati gesteht, dass sie zum Lügen geneigt ist (Marcel Proust sinngemäß: „Alles was Liebende sich als Lügen sagen, wird einmal wahr“); wenn sie bis zur totalen Erschöpfung Sex haben; wenn sie erkennen, dass „die Vergangenheit nicht zu ändern“ ist; wenn sie die Vergänglichkeit ihrer Liebe erkennen.

Ihre Liebe fühlt sich romantisch aber auch tragisch an, zeitlos aber auch vergänglich.

Mit Pianojazz und in sehr schönen Filmbildern sind diese bittersüßen Emotionen erzählt.

Lucie Lucas und Anton Yelchin (inzwischen leider tödlich verunglückt) spielen das fabelhaft.

Ein melancholisches Experiment für den Arthouse-Bereich.

 

Schule, Schule – Die Zeit nach Berg Fidel

Von Hella Wenders

(Real Fiction, Kinostart 21. September 2014)

Die Bundesrepublik ist ein föderales Land. Für die Schulen z.B. sind die (16) Länder zuständig. Dass es da keine optimale Anordnung gibt, kann man sich denken. Es gibt Gesamtschulen, Förderschulen für geistig Behinderte, Sonderschulen, Realschulen, Gymnasien, natürlich auch Privatschulen wie die Montessori-Schulen, usw.

Dieser Film von Hella Wenders (Nichte von Wim Wenders), der sich an eine erste Folge aus dem Jahre 2011 nunmehr als Studienabschlussfilm anschließt, befasst sich zumindest indirekt mit diesem Problem.

Er berichtet von vier Schülerinnen und Schülern, von Samira, Anita, David und dessen Bruder Jakob. Anita ist ein Flüchtling aus dem Kosovo, Samira kennt weder ihre Mutter noch ihren Vater und wurde adoptiert, David leidet am sogenannten Stickler-Syndrom und ist deshalb seh- und hörgeschädigt, Jakob lebt mit dem Down-Syndrom.

Alle vier waren einst in der Grundschule Berg Fidel gut aufgehoben, weil da auf ihre besonderen Bedingungen Rücksicht genommen wurde. Dann aber kam der Abschluss der 4. Klasse, und nun wurden sie auseinandergerissen, mussten mit anderen weiterführenden Schulen vorlieb nehmen.

Sechs Jahre später also setzt der Film wieder ein.

Anita, 17, tut sich schwer. Einen Ausbildungsplatz erhielt sie nicht. Sie arbeitet jetzt bei Burger King. Das hängt auch damit zusammen, dass sie, die Pubertierende, im Sozialverhalten und mit ihren Noten nicht mitzog, eine Ausbildung abbrach, als Flüchtling nicht wusste, ob sie ein Bleiberecht bekommen würde, aber immerhin mit Mühe den Hauptschulabschluss schaffte und auch im Land bleiben darf. Ihr Bestreben: den anderen helfen wollen!

Samira betrachtete sich lange aus Außenseiterin und einsam, fühlte sich in der Schule gemobbt und ausgelacht. Ängste und Druck kennzeichneten ihren Gemütszustand, sie hoffte auf Anerkennung und Freundschaft. Ihr Traum: ein Neurochirurgie-Studium in England.

David, der lange warten musste, bis er endlich am Gymnasium angenommen wurde, versuchte immerhin, schöne, akzeptierte Musik zu machen. Schon als ganz kleiner Junge wollte er Astronom werden, die Welt und den Kosmos ausmessen.

Und Jakob, er will einmal Gärtner oder Kellner sein. Annalinda war bereits in der Schule seine Freundin. Wie den anderen ist auch ihm eines mit vom Wichtigsten: die Freundschaft.

Der Film zeigt neben den rührend geschilderten Kinderschicksalen vor allem eines: dass im deutschen Schulwesen noch eine ganze Menge zu tun ist!

Sehr nützliches Anschauungsmaterial.

 

 
zum Download
Datum: 11.09.2017


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