Der Gilden-Dienst Nr. 37-2018


Wir sind Champions


Von Javier Fesser

(Concorde, Kinostart 20. September 2018)

Marco ist zweiter Trainer eines spanischen Basketball-Spitzenclubs. Allerdings führt er sich auf, als wäre er der Trainer Nr.1. Das geht nicht lange gut. Er wird entlassen. Das Verhältnis zu seiner Frau Sonia war auch schon besser, Marco wohnt derzeit wieder bei seiner Mutter. Als er auch noch ein Polizeifahrzeug rammt und die Beamten beleidigt, ist das Maß voll. Er wird verurteilt.

Zu was? Entweder Gefängnis oder Trainingsarbeit bei einem Basketball-Club, dem nur Behinderte angehören. Behinderte Intellektuelle oder intellektuelle Behinderte? - fragt er sich ironisch. Er macht den Trainerjob.

Die Mannschaft ist sehr gemischt. Bei jedem ist die Behinderung anders ausgeformt. Jeder verhält sich spezifisch.  Jeder hat besondere Bedürfnisse. Eine bunte Mannschaft, doch für den Trainer alles andere als leicht.

Aber bei Marco tut sich menschlich etwas. Immer mehr wächst er in die Betreuung hinein. Sonia ist nobel und hilft ihm.

Die „Amigos“, so der Name der Mannschaft, machen Fortschritte. In ihrer Liga steigen sie auf. Sie sind bereits Zweiter. Da, ein Problem. Ein wichtiges Spiel - aber auf einer der kanarischen Inseln. Woher das Geld für die Reise nehmen? Wie alles organisieren? Auch das wird bewältigt.

Spiel um die Meisterschaft. Spannend. Bis zur letzten Minute steht es unentschieden. Die „Amigos“ gewinnen das Spiel nicht, sie sind stolzer Zweiter.

Die Behinderten haben trotz ihres schweren Lebens etwas Großartiges erreicht. Und was ist mit dem Trainer? Er ist ein anderer Mensch geworden! Zwei verschiedenartige Komponenten wurden zum Erfolg verbunden.

Neben der Zeichnung der einzelnen beeinträchtigten Charaktere –inszenatorisch sicher nicht ganz einfach- und der übrigen routiniert-professionellen Bewältigung des Stoffes, der Handlung und des Milieus ist hier, sehr offensichtlich, vor allem der humane Aspekt bedeutend: Ein behinderter Mensch ist ein Mensch wie jeder andere auch. Er kann seinen Fähigkeiten entsprechend Wichtiges leisten.

Das sollte nicht vergessen werden.




Shut Up and Play The Piano


Von Philipp Jedicke

(REM, Kinostart 20. September 2018)

In diesem Film ist von einem genialen Verrückten die Rede oder von einem verrückten Genie – wie man’s nimmt.

Es geht um den kanadischen Pianisten, Komponisten und Entertainer Jason Charles Beck, besser bekannt als Chilly Gonzales. Er lebt heute in Deutschland.

Vielleicht bekommt man eine Ahnung von seiner exzentrischen und provokanten, gleichzeitig glänzenden und unsinnigen Art, wenn er sagt, er wolle nicht nur geliebt sondern auch gehasst werden.

Schon früh gründete er in seiner Heimat eine Band: Rock, Punk, Elektro, Rap. Erkennbarer Stil: Fehlanzeige.

Dann Berlin. Underground. So laut, so wüst, so Porno, so absurd, so satirisch, so ironisch, so witzig, so grotesk, so live wie möglich. Probieren, scheitern, reüssieren. Der charakteristische Name einer der Bands: „The Shit“. „Origineller“ geht’s nicht.

Später: klassische Musik, nicht zu überbietendes schönes oder zuweilen wildes Klavierspiel –das Album „Solo Piano“-, Kammermusik, Piano mit Orchesterbegleitung, ein 27-Stunden-Konzert.

Viele (persönliche) Archivbilder aus Kindheit, Jugend, Berliner Zeit und Gegenwart, bemerkenswerte menschliche und „philosophische“ Aussagen des Außenseiters  Gonzales, Interviews (u.a. durch Sibylle Berg), altes und gegenwärtiges dokumentarisches Filmmaterial.

Es ist ganz schön was los hier, es geht Schlag auf Schlag: von der Musik wie vom Inszenatorisch-Filmischen, von den Dialogen wie vom Tempo, von der Originalität wie von der Absonderlichkeit her.

Danach kann man sich erholen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.






Utoya 22. Juli


Von Erik Poppe

(Weltkino, Kinostart 20. September 2018)

Von dem feigen Massenmörder, der das, was in diesem Film gezeigt wird, auf dem Gewissen hat, ist mit keinem Wort die Rede. Der psychisch völlig Perverse hatte, wie er selbst einmal bekannte, haufenweise extremistische Literatur in sich hineingefressen. Gewagt hat er die Tat dann doch wohl nur, weil er wusste, dass er mit dem Leben davonkommen würde, weil es ja in Norwegen die Todesstrafe nicht gibt. Er würde es wieder tun, sagte dieser Unmensch zusätzlich.

Was ist nun zu sehen? Eine bewaldete Insel, 40 Kilometer von Oslo entfernt. Für die Jugend der sozialdemokratischen Partei des Landes wurde dort ein Sommercamp eingerichtet. Dutzende von Zelten, eine Menge Jugendlicher. Das macht, einmal rein gesellschaftlich gesehen, einen ermunternden Eindruck.

Eine Gruppe diskutiert heftig über Politik. Natürlich gibt es Gegensätze. Gut so.

Kaja (sehr gut Andrea Berntzen) und ihre Schwester Emilie haben sich gestritten. Deshalb sind sie im Moment nicht beieinander.

Da plötzlich ein Krachen. Sind das etwa Schüsse? Findet in der Nähe vielleicht eine militärische Übung statt? Wieder Schüsse, schon sehr nah.

Dann die ersten Flüchtenden. So langsam wird klar, dass es sich eventuell um ein Verbrechen handeln könnte. Laute Schüsse, immer wieder. Fliehende.

Kaja fängt an, sich Sorgen um Emilie zu machen. Auf allen vieren kriecht sie durch das Lager. Sie findet die Schwester nicht. Nur leicht unterbrochen krachen die Schüsse weiter. 107 Minuten lang, heißt es.

Kaja irrt weiter. Sie findet ein Mädchen, dessen Rücken völlig offen ist. Die junge Frau wurde von hinten angeschossen. Sie muss schon viel Blut verloren haben. Kaja will ihr helfen, sie aufmuntern, sie trösten. Doch die Verletzung ist zu ernst. Das Mädchen stirbt.

Sie verliert fast den Verstand, irrt an der felsigen Küste weiter. Die ersten Retter treffen ein. Emilie hat Glück. Aber es sieht so aus, als sei Kaja nicht davongekommen.

Es wird am Schluss gesagt, dass es sich natürlich nicht um Originalmaterial handelt Wie könnte es auch! Dieses furchtbare Geschehen ist aber filmisch sehr realistisch nachempfunden. Sicher gut recherchiert.

Am besten ist es wohl, man fasst den Film als eine Art Gedenken für die vielen jungen Toten auf.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Styx


Von Wolfgang Fischer

(Zorro, Kinostart 13. September 2018)

Rike ist Notärztin. Man sieht sie in Köln bei einem schweren Autounfall tätig. Doch sie ist nicht nur Ärztin sondern auch Seglerin.

Sie hat ihren Urlaub verdient. Mit ihrem hochseetüchtigen Boot Asa Gray sticht sie in See. Sie hat viel vor: Von Gibraltar bis zur Insel Ascension soll es gehen.

Meisterhaft beherrscht sie den Kurs, die Technik und die Segel. Auch in der Nacht. Alles geht gut. Schöne Naturaufnahmen sind zu sehen.

Dann ein orkanartiger Sturm. Das Unwetter hört nicht auf. Jetzt besteht Lebensgefahr. Das Schiff könnte sinken.

Es ist wieder ruhig. Nun sieht Rike von Ferne etwas. Es scheint ein defektes Boot zu sein, auf dem sich Migranten befinden. Sie sind in Not, geben Zeichen, dass sie der Hilfe bedürfen.

Rike ist zunächst ratlos. Wie soll sie mit ihrer Asa Gray helfen? Sie funkt die Küstenwache an, meldet ihren Standort. Sagt, dass sie in unmittelbarer Nähe das offenbar in Seenot geratene Boot entdeckte. Von der Küstenwache nur mehr oder minder Unbrauchbares. Sie solle nicht eingreifen. Hilfe werde angefordert. Zum Teil Unverständliches. Von anderen Schiffen in der Nähe die Meldung, sie dürften auf Anordnung ihrer Reedereien sich nicht beteiligen.

Dem jungen Kinsley, der bis zur Asa Gray geschwommen ist, kann sie mit letzter Kraft helfen. Zuerst fällt er in Bewusstlosigkeit. Aber sie ist ja Ärztin, kann ihn versorgen.

Später wird er, wohl aufgrund schlimmer Erlebnisse, aggressiv. Er will ins Meer springen. Dann stößt er Rike ins Wasser. Er kippt kostbares Trinkwasser ins Meer.

Es kommt endlich, was man Hilfe nennen kann. Doch ein Teil der Flüchtigen ist bereits tot.

Rike kann nur noch schweigen.

Der Film ist eine Art humanistischer Aufruf, allen zu helfen, die in Not sind. Auf jeden Fall eine ehrenwerte Angelegenheit!

(Über die politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Ursachen oder Beweggründe der Migration verlautet allerdings nichts.)

Doch wie gesagt: ein eindrucksvoller humanistischer Aufruf.  




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Datum: 10.09.2018


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