Der Gilden-Dienst Nr. 37-2019


Ein Licht zwischen den Wolken


von Robert Budina

(Neue Visionen, Kinostart 19. September 2019)

Eine albanische Gebirgslandschaft. Der Hirte Besnik lebt dort. Er hütet Ziegen. Er ist ein scheuer, stiller Mann. Wahrscheinlich hat er psychische Probleme. Hängen sie etwa mit seinem Vater zusammen, der in der Ära des Enver Hodscha ein strammer Kommunist war? Jedenfalls hängt im Haus noch immer ein Bild mit Marx, Engels, Lenin und Stalin.

Spielt eine frühere Liebschaft eine Rolle? Oder sind religiöse Gründe maßgebend? Besnik, der Muslim, betet viel - und er pflegt seinen kranken Vater, der bald sterben wird.

Besniks Bruder Alban trifft mit einer größeren Familie aus Griechenland ein. Dass die Ankömmlinge wahrscheinlich dem orthodoxen Glauben angehören, wird zu einem Problem werden – so sehr, dass sie sogar an getrennten Tischen essen. Auch zu Erbstreitigkeiten kann es kommen. „Die Menschen lieben Gott aber nicht die Menschen.“

In der uralten kleinen Moschee, in der Besnik betet, wird unter dem Verputz ein altes katholisches Fresko entdeckt. Es stellt sich heraus, dass die Moschee bis 1470 eine Kirche war. Eine Restauratorin wird sich um das Bild kümmern.

Wie es aussieht, würde sie sich sogar um Besnik kümmern, doch der öffnet sich nicht.

Es kommt unter den Alten zu einem heftigen Palaver darüber, wer das Gotteshaus nutzen darf – die Muslime, die Griechisch-Orthodoxen, die Katholiken? Jesus oder Allah, das ist hier die Frage. Es fällt  sogar einmal das Schimpfwort „Christenschwein“, doch schließlich kommt eine Einigung zustande.

Ein albanischer Film. Und zweifellos stecken hinter dem Geschilderten auch massive albanische Gesellschafts-, Politik- und Gegenwartsprobleme – selbst wenn sie hier nicht weiter vertieft wurden.

Insgesamt aber ist ein schöner, sensibler, in einer herrlichen Landschaft mit guten Aufnahmen spielender Film mit spirituellen Anklängen und ausgezeichneten Darstellern entstanden, den man Filmkunsttheatern und Programmkinos nur empfehlen kann.




Submission


von Richard Levine

(Kinostar, Kinostart 19. September 2019)

Ted Swenson ist Autor und Professor für Literatur. Gerade schreibt er seinen zweiten Roman, kommt aber nicht richtig voran.

Unter seinen Studenten, mit denen er regelmäßig Literatur zu ergründen versucht, befindet sich auch Angela Argo. Sie versucht selbst, einen Roman zustande zu bringen. Sie bittet Swenson, ihre bereits verfassten Kapitel zu lesen und zu beurteilen.

Swenson zögert. Denn mit den Studentinnen und Studenten will er eigentlich auf Distanz bleiben. Seine Ehe ist in Ordnung, die Frau sehr schön, die Tochter erwachsen. Außerdem hat er wahrlich genug zu tun.

Angela lässt nichts unversucht. Sie schmeichelt ihm, verlangt immer wieder Verabredungen. Es gelingt ihr zu erreichen, dass Swenson vor der Klasse, die Angelas Texte schlecht findet, mit Engagement für sie das Gegenteil wahrhaben will. (Und auch bei einem Abendessen mit Freunden geraten seine Ausführungen ausgerechnet über diese Freunde, die er letztlich als „rücksichtslose Idioten“ sieht, außer Kontrolle.)

Er dürfte seine Selbstkontrolle verloren haben.

Die Studentin wünscht, dass er sich bei seinem New Yorker Verleger für sie einsetzt. Sie kriegt Swenson, der wie offenbar die meisten Männer als verführbar gilt, zu sich in die Wohnung. Es kommt zur Annäherung und, wie erwartet, zum Sex.

Da die Nachricht aus New York für sie und ihre libidinöse wenn nicht obszöne „Literatur“ zunächst abschlägig beschieden zu sein scheint, dreht sie nun, ihr arglistiges Wesen voll zeigend, alles um. Sie lügt, beschuldigt den Professor der sexuellen Belästigung, erzwingt vor dem Professorenkollegium eine Anhörung, bei der sich herausstellt, dass sie alles auf Band aufnahm. Swenson ist nun zu Unrecht total bloßgestellt, wehrt sich unverständlicherweise kaum, zeigt sich vielmehr schuldig. Seine Karriere als guter Literaturlehrer scheint für immer beendet zu sein.

Kommt jetzt vom New Yorker Verleger gar eine gute Nachricht für Angela und ein Vertragsangebot?

Die Ehe ist nach einem dramatischen Gespräch kaputt, die Tochter wendet sich von ihrem Vater ab.

Wenigstens scheint Swensons Schreibblockade zu enden.

Ted Swenson steht gefallen da wie Professor Rath in Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ und im Film „Der blaue Engel“. Ein zerstörtes Leben. Die Romanvorlage für „Submission“ schrieb eine Frau. Vielleicht wollte sie u.a. den zum großen Teil berechtigten aktuellen feministischen Tendenzen entgegen darstellen, wie Frauen auch sein können.

Doch warum wehrt sich Swenson nicht besser? Das bleibt die Frage.

Ein thematisch (!) wie inszenatorisch gut nachvollziehbarer und gestalteter Film, der seine Höhepunkte sicherlich in der überragenden Darstellung des Professor Ted Swenson durch Stanley Tucci hat.  




Thinking like a mountain


von Alexander Hick

(Déjà vu, Kinostart 12. September 2019)

Der Filmtitel „Denken wie ein Berg“ mag kurios anmuten, doch er bringt genau zum Ausdruck, worum es in dieser Dokumentation geht.

Erzählt wird die Geschichte der Arhuacos, eines kleinen indigenen Stammes im kolumbianischen Hochgebirge (Sierra Nevada de Santa Marta). Immer weiter musste er sich im Laufe der Geschichte vor der „Zivilisation“, also vor den spanisch-portugiesischen Eroberern, vor den christlichen Religionsverkündern, vor den Landkäufern, vor den Bergbaufirmen, vor den Bürgerkrieglern (Regierung-Farc) zurückziehen, so dass diese Menschen jetzt praktisch nur noch zwischen den höchsten Erhebungen leben können.

Sie sind ausschließlich weiß gekleidet; sie pflegen eine spirituelle „heilige“ Beziehung zur Erde und zum Wasser; sie scheinen zu den Tieren, vor allem zu den Vögeln, ein besonderes Verhältnis zu haben; sie feiern an ausgesuchten Stätten Opfer- und Totenrituale; sie „schützen das Land“, sind Wächter über den Wald und das Gletschereis.

In den 90er Jahren wurden einige ihrer Anführer gefangen, gefoltert, hingerichtet – bis heute wurden sie nicht entschädigt. „Der Boden ist mit Blut getränkt“. Ihre Sprache wollte man ihnen verbieten. Mit den Drogenbossen   hatten sie ebenfalls zu kämpfen. Die heutige Welt, wie sie „unten“ besteht, ist ihnen fremd. Sie müssen um ihre eigene Identität fürchten.

Wenigstens ein Lichtblick: Der kolumbianische Staat und die vorwiegend kommunistisch orientierte gegnerische Rebellenorganisation Farc haben nach Jahrzehnten Frieden geschlossen. Das Ergebnis; Ein Sohn kann nach 20 Jahren zu seiner Familie, vor allem zu seiner geliebten Mutter zurückkehren.

Was europäische Eroberer während der letzten Jahrhunderte in Südamerika und Afrika angerichtet haben, ist bekannt und in vielem nicht mehr gut zu machen. Um so wichtiger ist, dass erstens Ureinwohner sich heute wehren können und mit ihrer Kultur ein für allemal bestehen bleiben.

Und dass es zweitens Filme wie diesen gibt, die das historisch schwer belastete Thema mit großer Achtung behandeln. Die außerdem die von den Eingeborenen so intensiv erlebte und gefeierte Natur filmisch so gut einbeziehen. Der „Menschenrechts-Preis“ (Abteilung Hochschule) für „Thinking like a mountain“ ist wahrlich verdient.




Ein leichtes Mädchen


von RebeccaZlotowski

(Wild Bunch, Kinostart 12. September 2019)

Naima ist 16 geworden. Die Schule ist abgeschlossen, nun muss sie einen Beruf wählen. Sie lebt mit ihrer Mutter an der Cote d'Azur in Cannes. Die Mutter ist Hausgehilfin in einem teuren Hotel. Mit dem dort gefeierten Luxus haben beide nichts zu tun.

Sofia ist eine Cousine von Naima und in Paris zu Hause.  Vor kurzem starb ihre Mutter. Trost sucht sie nun bei Naima. Der charakterliche Unterschied zwischen den beiden Mädchen könnte größer nicht sein. Naima hat vor, eine Lehre als Köchin zu machen, vor allem will sie eine eigene Persönlichkeit werden. Die etwas ältere Sofia kommt oft halbnackt daher, träumt von mondänem Luxus, wünscht sich Geschenke (von reichen Männern), will Objekt der Begierde sein, will Party machen, Sex nicht ausgeschlossen. „Nicht warten bis etwas passiert, die Dinge selbst in die Hand nehmen.“

Tatsächlich treffen die beiden auf den brasilianischen Luxusjachtbesitzer Andres und seinen Freund („Sklave“, wie er meint) Philippe.  Die beiden Männer sind ebenso unterschiedlich geartet wie Naima und Sofia. Andres „wärmt“ die dem Bad entstiegene Sofia im Schlafzimmer (!), der weit noblere Philippe achtet das Alter Naimas – und deren angenehme aber noch unsichere und unschuldige Art. Naima wird später sicherlich einsehen und bereuen, dass sie sich von Sofia faszinieren und blenden ließ, auch dass sie ihrem Freund Dodo davonlief.

Die sommerliche „Idylle“ wird gestört, als Sofia und Naima verdächtigt werden, von der Jacht etwas Wertvolles entwendet zu haben. Ungerechterweise?

Sofia hat sich aus dem Staub gemacht, Naima erlernt nun ihren Beruf.

In schönen und bekannten Meeres-, Strand-, Cannes-Milieu- und Cannes-Urlaubsaufnahmen läuft dieses professionell inszenierte moralische Drama ab, in dem es laut der Autorin und Regisseurin u.a. auch um die sexuelle Befreiung der Frau gehen soll. Der Gegensatz zwischen den beiden Lebensauffassungen, heuchlerisch und verlogen auf der einen, zurückhaltend, bemüht und – nach einer Verführung – suchend auf der anderen Seite ist sehr gut herausgearbeitet. Von Mina Farid als Naima oder Benoit Magimell als Philippe möchte man wieder etwas sehen.

 






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Datum: 09.09.2019


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