Der Gilden-Dienst Nr. 38-2019
Gelobt sei Gott

von Francois Ozon

(Pandora, Kinostart 26. September 2019)

Die hundertfache Pädophilie geistlicher Herren kommt in letzter Zeit immer mehr und in einer fast gespenstischen Weise ans Tageslicht. Hunderte wenn nicht Tausende verlassen deshalb die Kirche.

Es war zu erwarten, dass sich früher oder später das Kino des Themas annehmen würde, Dass es hier durch Francois Ozon geschehen ist, ist eine gute Sache, denn er ist ein seriöser und künstlerisch hochstehender Autor und Regisseur.

Es geht in diesem speziellen Fall um einen pädophilen französischen Pater, den für ihn zuständigen Kardinal in Lyon und nicht zuletzt auch um den Vatikan. Es geht weiter um jahrzehntelange Vertuschung, um mögliche Verjährung, um eine Verurteilung und eine Berufung gegen dieses Urteil. Es geht zudem um die heutige Haltung des genannten Paters, darum, dass er zwar zu bereuen vorgibt ihm jedoch nur schwerlich verziehen wird.

Alexandre, Francois und Emmanuel stehen im Mittelpunkt. Sie sind es (unter vielen anderen), die als junge Pfadfinder missbraucht wurden. Alexandre ist ein frommer Mann, verheiratet, fünf Kinder. Jahrzehntelang lebte er mit dem Widerspruch zwischen seinem Glauben und den bösen Taten des Priesters. Erst mit vierzig Jahren bringt er alles ins Rollen. Francois ist robuster, schließt sich jedoch Alexandre in sehr aktiver Weise an. Emmanuel, der Dritte im Bunde, ist sowohl körperlich als auch seelisch am meisten verwundet.

Die drei Ehefrauen sind den Männern trotz problematischer Familienszenen immer wieder eine starke Stütze.

Die Kirchenoberen müssen bloßgestellt werden, die Sache muss an die Öffentlichkeit, an die Presse, ins Internet. „Das gebrochene Schweigen“ (La parole liberée) heißt die Gemeinschaft, die sie dafür gründen. Die Widerstände sind enorm, denn es besteht neben dem staatlichen Recht ja auch das Kirchenrecht, das noch immer in hohem Maße dominieren will und davon ausgeht, dass es alle innerkirchlichen Dinge selbst regeln darf.

Der Kardinal lenkt ein, doch es gibt auch einen Prälaten, der alles relativieren und davon ausgehen will, dass dies alles viele Jahrzehnte her sei und keine wirkliche Bedeutung mehr habe. Er hat keinen Erfolg. (Mehrere Gerichtsverfahren sind noch zu erwarten.)

Francois Ozon hat einen hochklassigen wenn auch (wohl aus stichhaltigen Gründen) quasi-fiktiven Film gedreht, doch besteht die Grundlage natürlich aus bekannten Tatsachen.

Es ist kein Film, der die katholische Kirche verdammt . . .

. . . aber ein absolut notwendiger Film!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.              

 

Celebration

von Olivier Meyrou

(Salzgeber, Kinostart 26. September 2019)

Gut, dass dieser Dokumentarfilm nun verfügbar ist; er war es lange nicht. Gut, weil er von einem der größten Modeschöpfer berichtet, dem Couturier Yves Saint Laurent.

Einfach dürfte es nicht gewesen sein, „Celebration“ zustande zu bringen, denn Saint Laurent, immer mit einer Zigarette und von seinem Hund begleitet, war zwar in seiner Kunst - „keine vollständige Kunst“, wie er es nannte - mit seinen Hunderten von Entwürfen und Modezeichnungen schöpferisch, genial, ja magisch. . .

. . . rein privat jedoch zog er Schlichtheit vor, war oft und gerne allein, „isoliert“, musste immer wieder, wie er sagte, gegen unerträgliche Ängste kämpfen, musste für sich selbst „beschließen glücklich zu sein“, wollte die „Eleganz des Herzens“.

„Manchmal gelingt es.“

Gut, dass er den Verwaltungsdirektor Pierre Bergé hatte. Der dirigierte das große (noble) Haus; der unterstützte Saint Laurent, wenn er wieder einmal „schlafwandlerisch“ war; der kümmerte sich um die vielen Näherinnen und manchmal sogar um die Anproben; der sorgte dafür, dass nicht zu viele Fotografen den Meister belästigten; der war dafür zuständig, Kulturelles zu sponsern (wobei er übrigens aufdeckte, dass der berühmteste Pariser Obelisk falsch steht).

Vor jeder Kollektion ging es bei Saint Laurent um einen kreativen Kampf. Aber das lohnte sich natürlich. In dem Film sind in den Shows farbige Kleider zu sehen, eines schöner als das andere. Und das gilt ebenso für die Models, die weißen wie die farbigen.

Manches Mal Schönheit in Vollendung.

Gegen Schluss eine Feier, in der Yves Saint Laurent für sein Lebenswerk geehrt wird und zu der Freunde von überall her gekommen sind. Rührende Szenen.

Ein Film über die Schönheit. Ein Film über einen der größten Modeschöpfer. Ein Film, der nach der Kinoauswertung auch archivarisch eine Rolle spielen sollte.

Ein Film, der Interessierten gefallen wird.

 

Midsommar

von Ari Asters

(Weltkino, Kinostart 26. September 2019)

Christian und Dani sind zusammen. Noch. Es kriselt nicht zuletzt deshalb, weil Dani wegen ihrer kranken Schwester Terri diese und ihre Eltern verlor.

Die beiden werden von ihren Studentenfreunden nach Schweden zum Mittsommerfest eingeladen, über das einer eine Dissertation schreiben will.

Ankunft im nördlichen Schweden in einer wunderbaren blühenden Landschaft. Gleich zu Beginn gibt es Drogen. Warum?

Jetzt wird klar: Alle 90 Jahre – und heute ist es soweit – feiert eine sektenartige Kommune den Mittsommer mit festlichen, aber auch grausamen Ritualen. Es wird gegessen, getrunken und viel getanzt. Eine „Maikönigin“ wird gewählt. Dieses Mal ist es Dani.

Das Ende des Lebens – spätestens nach 76 Jahren – überlässt man nicht einer zufälligen Sterbestunde, man bestimmt dieses selbst. Also stürzt sich ein älteres Paar von einer Klippe.

Aber warum wehrt sich die Maikönigin Dani nicht, als ihr Geliebter Christian verbrannt wird? Weil er mit einem Mädchen aus der Schar ein Kind zeugen musste?

Von Ari Asters war – insbesondere nach „Hereditary“ - kein ruhiger, dramaturgisch konsequenter, „normaler“ Film zu erwarten. Und „Midsommar“ beweist das auch.

Entstanden ist ein Schocker, ein Thriller, ein zum Teil grausames Mittsommerfest: mit Entsetzen und Horror; mit Sex; mit Albträumen; mit geringer Betrachtung oder Bewertung von Psychologie, Anthropolgie oder schwedischem Recht; mit – offenbar vom Autor und Regisseur selbst erlebter – Trennung eines Paares; mit grotesken, blutigen, rituellen Morden; mit Halluzinationen; mit verstümmelten Körpern; mit Abscheu; mit Perversion; mit Gewalt . . .

. . . aber auch mit wunderbarer Natur; mit dekorativen Bildern; mit schönen Gewändern; mit idyllischen Ideen und Szenen; mit feierlichen Zeremonien; jedenfalls mit großer Aufmerksamkeit für Details.

Wer dazu Lust hat!

 

Get Lucky – Sex verändert alles

von Ziska Riemann

DCM, Kinostart 26. September 2019)

Mehmet, Hannah, Aaron, Julia, David und Emma haben endlich Ferien. Die wollen sie auf einer Ostsee-Insel verbringen.

Es trifft sich bestens, dass auf dieser Jungferninsel die Sexualtherapeutin Prof. Ellen Koller zu Hause ist, eine Tante von Julia und Emma. Da im Alter dieser pubertären Jugendlichen, etwa zwischen 16 und 22 das Sammeln sexueller Erfahrungen nicht ganz unwichtig ist, können die Belehrungen der Sexologin helfen.

Erster Kuss, erste Liebe, erster Geschlechtsverkehr. Alles wird durchgespielt. Irgendwelche anderen Themen, Fragen oder Probleme spielen in diesem Film keine Rolle – es geht so gut wie ausschließlich um Sex. Das ist nicht kritisch gemeint, nur eine Feststellung.

Viele Szenen treffen übrigens recht gut die Art und Weise, wie viele heutige Jugendliche sich geben und leben. Das betrifft das persönliche Verhalten, den Umgang miteinander, den Sport, die Partys, den Witz, die Musik, usw.

In der Werbung für den Film heißt es irgendwo: „Diesen Film wollt ihr auf keinen Fall mit euren Eltern sehen.“ Da ist was dran. Denn es kommen Dinge vor, die möglicherweise nicht alle Eltern goutieren würden: Sexshops mit Hunderten von schrägen Sexartikeln, Onanie, Homosexualität, falsche Begierde, nahezu schamlose Belehrungen, usw.

Natürlich fehlen auch die romantischen Gefühle nicht: wahre Liebe, echtes Verlangen, vergebliche Versuche, Enttäuschung.

Über den Wert dieses Films sollte jeder selbst urteilen.




















zum Download
Datum: 16.09.2019


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