Der Gilden-Dienst Nr. 39-2018


Werk ohne Autor


Von Florian Henckel von Donnersmarck

(Walt Disney, Kinostart 3. Oktober 2018)

Eine Spanne von an die 40 Jahre umfasst dieser Film, in der viel geschieht.

1937, Dresden. SS-Ärzte vernichten „unwertes Leben“. Eine junge Frau, die Mutter des kleinen Kurt Barnert, wird abgeholt, weil man bei ihr Epilepsie vermutet. Der SSler „Professor“ Seeband spielt dabei eine entscheidende Rolle.

1945, Februar. Dresdens schöne, kulturell wertvolle Innenstadt, wird völlig zerstört.

1945/46. Seeband rettet als politischer Gefangener aber eben auch als erfahrener Gynäkologe bei der Geburt das Kind eines russischen Besatzungsoffiziers und wird deshalb von jetzt an als Freund betrachtet.

1950er Jahre. Kurt, malerisch sehr begabt, lernt auf der Akademie Elisabeth (Ellie), die Tochter Seebands, kennen und lieben. Er muss auf Weisung seines Lehrers in „sozialistischem Realismus“ malen.

1961, Bau der DDR-Mauer.

Seeband ist vom Super-Nazi zum Super-Kommunisten geworden. Er leitet eine Klinik. Und er wird zum Schiegervater von Kurt.

Seebands mörderische Nazi-Vergangenheit wird bekannt. Er verliert die Freundschaft des russischen Offiziers und muss mit seiner Frau „fliehen“.

60er Jahre. Kurt sucht sein malerisches Ziel. Jetzt lebt er mit Ellie schon längere Zeit im Westen. Die exotischen künstlerischen Modernisierungsversuche in Düsseldorf erweisen sich als Pleite, als der falsche Weg.

Ellie ist endlich schwanger.

Und Kurt hat mit seinem jetzigen Bilderstil, der gleichzeitig eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit ist, seinen Aufstieg, sein geistiges und menschliches Ziel gefunden.

Zwei Leben. Das absteigende Seebands, des SS-Mörders, und das aufsteigende des Kurt Barnert, der seine Reife auch aufgrund der schweren – hier vor allem auch historisch beleuchteten- Jugendjahre gewann.

Ein vielgestaltiger Film: menschlich anrührend; mit geschichtlicher Genauigkeit; mit einer echten Milieuzeichnung (bis in die kleinsten Details); mit einer glaubhaften Dramatik; mit überzeugenden Liebesszenen; mit einigen gewichtigen Aussagen zur Bedeutung der Kunst („was wahr ist, ist schön“); mit dem passenden Sound; mit typischen Propagandaszenen des SED-Kommunismus.

Und mit erstklassigen darstellerischen Leistungen. Sebastian Kochs SS-Offizier ist geradezu furchterregend. Dazu kommen die Liebes- und Eheszenen von Paula Beer als Ellie und Tom Schilling (!) als Kurt.

Besser geht's nicht. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Durch die Wand


Von Josh Lowell und Peter Mortimer

(24 Bilder, Red Bull Media House, Kinostart 4.Oktober 2018)

Klettern ist ein erhebender aber auch nicht ganz ungefährlicher Sport. Schon manch einer ist dabei verunglückt, und nicht selten endete es mit dem Tod.

Was allerdings in diesem Dokumentarfilm geschildert wird, hat mit normalem Klettern nichts zu tun. Es ist eine absolut einmalige menschliche Errungenschaft, eine sportliche Sensation.

Im kalifornischen Yosemite-Naturpark gibt es eine 1000 Meter hohe monolithische Felswand, die Dawn Wall. Auf Umwegen wurde sie schon bestiegen, nicht jedoch auf dem direkten senkrechten Weg. Dieser Weg galt schon immer als unbezwingbar.

Allerdings nicht für Tommy Caldwell und seinen Freund Kevin Jorgeson.

Tommy Caldwell galt zunächst als schwaches Kind, weshalb sein Vater ihn sportlich zu trainieren versuchte. Dabei war das Klettern einbezogen. Und siehe da: Tommy gewann einen Amateurwettbewerb und den professionellen gleich mit dazu. Von da an war klettern seine Leidenschaft.

Mit 22 kletterte er in Zentralasien. Seine Freundin Beth war ebenso mit dabei wie zwei weitere Freunde. Die Gruppe wurde von Rebellen als Geiseln genommen und nach sechs Tagen von kirgisischen Soldaten befreit.

Zu allem Unglück verlor Tommy die Hälfte eines der beiden Zeigefinger; er könne nie mehr klettern, hieß es. Doch der Kletterer aus Leidenschaft bewies wie besessen das genaue Gegenteil. Auch, weil die Trennung von Beth ihn so schmerzte. Sein Ziel: im Yosemite-Park im Freikletterstil die unbezwingbare Felswand, auch El Capitan genannt, zu beherrschen.

Jahre bereitete er sich vor, musste zudem einen zweiten Mann finden, denn allein war das Vorhaben nicht zu schaffen. Er fand ihn in Kevin Jorgeson.

Dezember 2014. Es ist soweit.

Es war klar, dass sie Tage brauchen würden. Logistik, Ausrüstung, Essen, Portalegdes zum Schlafen, Medizin, usw., alles musste exakt vorbereitet werden.  In etwa 30 Abschnitten sollte die Wand bezwungen werden. An Schwierigkeiten fehlte es nicht. An einer so gut wie unüberwindbaren Stelle musste Caldwell, in der Wand hängend, stundenlang auf seinen Freund warten. Ruhetage waren ebenfalls notwendig. Zuweilen spielte das Wetter nicht mit.

Nach 19 Tagen waren sie oben. Das absolut Unmögliche war geschafft. Die Weltpresse jubelte. Präsident Obama gratulierte.

Technisch perfekt und filmisch spektakulär ist das alles mit den Kameras eingefangen. Sportlich absolut einmalig. Man verfolgt es von Anfang bis Ende mit Spannung und Anteilnahme.

Ein packender Dokumentarfilm. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Alles ist gut


Von Eva Trobisch

(NFP,  Kinostart 27. September 2018)

Janne und Piet gehen mit ihrem kleinen Verlag baden. Insolvenz. Darüber, wie es weiter gehen kann, sind sie unterschiedlicher Meinung.

Janne hat bei Robert, offenbar ihr Onkel, einen neuen Job gefunden. Nach einem Empfang wird sie von Roberts Schwager Martin vergewaltigt. Es scheint im Grunde keine große Sache zu sein, er schläft ganz einfach mit ihr, ohne dass sie es will.

Oder doch eine große Sache?

Und jetzt setzt die psychologische Dampfwalze ein. Janne will ihr Frauenbewusstsein, ihre Lebensauffassung, ihr persönliches, alltägliches praktisches Leben nicht ändern, nicht von einem solchen peinlichen Vorfall beeinflussen lassen. „Alles ist gut“, meint sie sagen zu können. Sie verwehrt sich einem Scheitern. Sie will keine gedemütigte traumatisierte Frau sein.

Offenbar verändert es ihr Verhalten aber zwangsläufig. Das Verhältnis zu Piet ist immer mehr angeschlagen. Und führt sogar zur Trennung, als sie spürt, dass sie schwanger ist und das Kind abtreiben lässt, von dem Piet natürlicherweise annehmen muss, es sei sein eigenes.

Robert, der Jannes Ratschläge gerne annimmt, ist ahnungslos.

Martin ist ein Mann, der in seinem gewöhnlichen Leben viel moralischer handelt als in jener verhängnisvollen Nacht. Er versucht Janne um Verzeihung zu bitten, doch er rennt gegen eine Wand. Er versucht herauszufinden,was sie braucht. Er will sich nach ihr richten, fragt, was er tun kann. Jannes Nonchalance macht ihn ratlos.

„Alles ist gut“ (es gibt Schlimmeres) aber er bleibt der Täter.

Ein psychologisches Puzzle. Wie weit kann man sich festen Fakten entgegenstellen? Wie kann man vor allem seine eigenen Grenzen stecken? Wie handeln dabei Männer, wie Frauen? Wann ist man der Sieger, wann der Verlierer?

Der geistige Hintergrund der hier handelnden Personen ist lange rein psychologischer Natur – die Folgen dagegen sind realistisch, sehr realistisch.

Das ist filmisch und inszenatorisch gut gezeigt – und vor allem von Änne schwarz als Janne hervorragend gespielt.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




Waldheims Walzer


von Ruth Beckermann

(Salzgeber, Kinostart 4. Oktober 2018)

Kurt Waldheim war lange Jahre UNO-Generalsekretär und österreichischer Bundespräsident. Dieser die entsprechenden politischen Tiefen auslotende Dokumentarfilm  berichtet ausführlich darüber.

Es geht dabei um die 70er und 80er Jahre. Deshalb könnte man sagen, das der Film etwas spät dran ist. Doch auch die Jüngeren müssen über wichtige geschichtliche Fakten Bescheid wissen. Also erscheint der Film doch noch zur rechten Zeit.

Es geht dabei nicht nur um die Person Kurt Waldheim sondern um den „Fall Waldheim“. Der Reihe nach: Der Mann predigte oft von Christentum, Nächstenliebe, Moral, Ethik und was es dergleichen Schönes mehr gibt. Er schrieb auch seine Autobiographie. Da konnte man erfahren, dass er um 1941 bei der Wehrmacht in Russland kämpfte, verwundet wurde, dienstunfähig war und danach Jura studierte.

Merkwürdigerweise fehlen dann einige Jahre, etwa 1942-1944. Man spricht daher von der „Waldheim-Krankheit Gedächtnislücke“. Und wo war er während dieser Zeit? Es steht fest: auf dem Balkan im Stab des Generalobersten Alexander Löhr, der nach 1945 wegen Kriegsverbrechen gehenkt wurde.

Waldheim will nicht gewusst haben, dass dort unzählige Partisanen getötet wurden; dass es Massaker an der Zivilbevölkerung gab; dass 43 000 griechische Juden aus Saloniki deportiert wurden; dass genügend von ihm gegengezeichnete Akten vorliegen.

Wie steht es da mit der Ehrlichkeit, mit dem „anständigen Soldaten“, mit dem „reinen Gewissen“, von dem er oft sprach?

Es gab in jener Zeit natürlich auch genügend Österreicher, die auf seiner Seite Standen. Schließlich wurde er mit ca. 53 Prozent der Stimmen zum Bundespräsidenten gewählt. „Die Juden beherrschen die Welt“ hörte man da und dort in Wien sagen.

Oder es war von den „ehrlosen Gesellen des Jüdischen Weltkongresses“ die Rede. Aber gerade dieser Kongress war es, der das Waldheimsche Lavieren endlich aufdeckte, der die fehlende Glaubwürdigkeit entlarvte. Die Beweise waren überwältigend.

Schließlich befasste sich auch der US-Kongress mit der Angelegenheit. Waldheims Sohn wollte vor dem Untersuchungsausschuss seinen Vater verteidigen, aber er scheiterte kläglich. Das Ergebnis: Waldheim kam auf die Watchlist, was bedeutete, dass er nicht mehr in die USA einreisen durfte. Auch sei er, heißt es in dem Film, nie von westlichen Regierungen eingeladen worden.

Er brachte, auch dies sei gesagt, sein tiefes Bedauern über die damalige Zeit zum Ausdruck.

Minutiös wurde all dies von der Regisseurin Ruth Beckermann zum Teil miterlebt, gesammelt, erläutert, montiert. Und so ist ein politisch wie historisch sehr wichtiger Film entstanden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.   


zum Download
Datum: 24.09.2018


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