Der Gilden-Dienst Nr. 39-2019
Normal

von Adele Tulli

(Missing Films. Kinostart 3. Oktober 2019)

“Normal“ heißt der Film. Was ist normal? Was ist anormal? Was war früher normal und was ist es heute? Besteht ein Unterschied, und wenn welcher? Was ist männlich, was ist weiblich? Wie groß ist heute noch der Gegensatz?

Solchen Fragen geht Adele Tulli in diesem Film nach. Sie braucht keinen Kommentar, sie besucht ganz einfach Menschen und Ereignisse, und sie bringt wirklich viel Charakteristisches an den Tag.

Die „Frauen“: Sie schminken und verschönern sich ständig. Schon ein dreijähriges Mädchen bekommt Ohrringe. In allen Altern und bei allen Körperformen wird um der Schönheit willen Gymnastik betrieben – besonders auch von Schwangeren oder unter Wasser. Die Mädchen wollen Prinzessinnen sein, die Spielzeugindustrie jubelt.  Ungeachtet der Krebsgefahr legen sich junge Frauen unter die künstliche „Sonne“. Tattoos sind sowie längst gestochen.

Gerne stellt man sich dem Fotografen, am Strand oder wo auch immer. Natürlich fehlen die Miss-Wahlen und Schönheitswettbewerbe nicht. Junge Damen werden auf die Hochzeit vorbereitet; sie lernen den Haushalt, und es wird ihnen eingetrichtert, dass sie den Ehemann nicht vernachlässigen dürfen. Die Hochzeitstorten bestehen aus Penisnachbildungen.  Teenagerinnen kreischen vor dem jungen Sänger Antony di Francesco, das geht bis zu Tränen.  Sexy Tänze sind an der Tagesordnung.

Der Flirt-Versuch eines Mädchens wird leider abgewiesen.

Die „Männer“: Schon 4- bis 5jährige rasen auf kleinen Motorrädern um die Wette. Es wird geboxt. Es werden alte Autos zusammengeschlagen. Sie lernen schießen mit automatischen Waffen. Sie werden in speziellen Lehrstunden zu Machos, zu „Alpha-Männern“ ausgebildet.  Manche Männer sind geschminkt. Am Schluss die feierliche Heirat zwischen zwei Männern.

Es gibt von einem Geistlichen auch eine Predigt für junge Paare, Doch sie handelt weniger von Gott, dem Glauben, der Liebe oder der Vergebung. Im Vordergrund stehen mögliche Unzulänglichkeiten im Verhältnis zueinander, Vertrauensverlust, nachlassendes Interesse, Gefühle für einen anderen Partner.

So hat sich im Laufe der Jahre und Jahrhunderte die Geschlechtlichkeit herausgebildet. Ändert sich das? Müsste sich das ändern? Es wird auf jeden Fall interessant sein, das in Zukunft zu erfahren.

Ein wahrlich verblüffender Film.

 

Memory Games

von Janet Tobias und Claus Wehlisch

(Neue Visionen, Kinostart 3. Oktober 2019)

Das menschliche Gedächtnis – was für ein Phänomen! Es reicht – wie man in diesem Dokumentarfilm feststellen kann – von absolut bewundernswerten Leistungen bis zur Alzheimer-Krankheit.

Früher war man auf das Gedächtnis angewiesen, heute holt man sich vergessene Auskünfte digital. Welche Auswirkungen dies auf die Dauer haben wird, weiß man noch nicht. Dass sie positiv ausfallen werden ist nicht anzunehmen.

Ein paar Spitzenvertreter von Gedächtnisathleten werden hier vorgestellt: aus Deutschland, aus den Vereinigten Staaten, aus Schweden, aus der Mongolei. Was können diese Menschen?

Sie haben ihr Gedächtnis jahrelang trainiert und sind jetzt imstande, in wenigen Minuten fehlerlos Hunderte von Daten auswendig wiederzugeben: Zahlen, Bilder, Gesichter, Spielkartenzeichen, Namen, Passwörter, usw. Das grenzt an Genialität.

Jeder hat eine eigene Technik. Die meisten verbinden Zahlen mit gegenständlichen Vorstellungen, Bildern etwa oder auch Skulpturen, Geräten, usw.

Im Film wird das visualisiert, teilweise digital – auf eine sehr anschauliche Weise. Mit einem Kernspin-Verfahren wird beispielsweise gezeigt, wie bei solchen Gedächtnisleistungen das menschliche Gehirn arbeitet.

Natürlich werden auch Gedächtnismeisterschaften ausgetragen, mehrtägige Weltmeisterschaften etwa, und dieser Film ist dabei. Das sorgt für Spannung.

Und es wird berichtet, wie diese Gedächtnismeister leben, trainieren, ihre Fähigkeiten weiterzugeben versuchen. Die in Schweden lebende Mongolin Yanyaa zum Beispiel. Sie ist mehrfache Weltmeisterin. Und sie erzählt, dass ihre Erinnerungsfähigkeit vielleicht (!) damit zusammenhängt, wie in geschichtlicher Zeit die Menschen in der Mongolei sich auf riesige Entfernungen verständigen mussten.

Bemerkenswert bei dem Amerikaner Nelson: Während einer Mount-Everest-Besteigung funktionierte und reagierte je nachdem, auf welcher Höhe er sich befand, das Gedächtnis unterschiedlich.

Das sind nur zwei von vielen interessanten Erkenntnissen aus diesem Film.

Beim Kinozuschauer sollte wohl eine Erkenntnis noch dazukommen: nämlich, dass er sich besser um das eigene Gedächtnis kümmern müsste.

 

Barstow, California

von Rainer Komers

(Jip, Kinostart 3. Oktober 2019)

Unzählige Menschen aus aller Welt wollen in die Vereinigten Staaten, wo sie sich Arbeit, Auskommen, ein lebenswertes Leben und Glück erhoffen. Viele Regionen der USA versprechen dies tatsächlich – aber es gibt auch genügend Orte, die früher einmal blühend und lebendig waren, die heute verwaist und verödet sind, wo der Slogan „Make America great again“ nicht ungehört verhallt.

Von einem solchen Ort erzählt der Film, von Barstow, einer Stadt zwischen Los Angeles und Las Vegas, von der nur noch schäbige Reste übrigblieben. Wüste, ein verschwundener Fluss, in der Nähe ein riesiges Army-Camp, Bergbau (rote und grüne Erde, Silber – in 11 Jahren für 10 Millionen Dollar -, Gold).

Und ewig ratternde lange Güterzüge.

Der Niedergang wird in vielen typischen Bildern geschildert – oft trostlos und doch (politisch) so wichtig.

Der Afro-Amerikaner Stanley „Spoon“ Jackson lebte einst dort. Seit 1977 sitzt er wegen des Mordes an einer weißen Frau im Gefängnis. Dass er je wieder entlassen wird ist unwahrscheinlich. Aber er hat trotzdem aus sich etwas gemacht. Er ist mit Hilfe einer Betreuerin Schriftsteller, sogar Lyriker, geworden, hat eine Autobiographie („By Heart“) verfasst, aus der im Film immer wieder vorgelesen wird.

Erzählt wird, wie das Leben in den 60er/70er Jahren war; wie der Vater, der ebenfalls jemanden umgebracht hatte, vom Süden in den Norden fliehen musste; wie die Familie 15 Söhne hatte (von denen einige nicht mehr leben); wie die Familie Pferde, Kühe, Schweine, Hühner oder zum Beispiel wilde Hunde hatte; wie in der Familie der Begriff „ich liebe dich“ unbekannt war; wie der Familienzusammenhalt trotzdem nicht fehlte; wie Stanley nach dem Bibelwort „spar' die Rute nicht“ in der Badewanne oft mit einem Kabel geschlagen wurde; wie er vor Schlägen unter das Haus floh, wo es Schlangen und Spinnen gab; wie in der nahegelegenen Stadt Calico 12 000 Menschen lebten und heute noch 12; wie Gewalt herrschte und „der Vater die Mutter schlug und beide mich“; wie die ständig vorbeirollenden Güterzüge in der Nacht wie eine „Schlafmusik“ wirkten; wie Stanley „nichtsnutzig, gefühllos und ignorant“ für Drogen und Alkohol alles klaute, was ging; wie Gott und Gebete trotzdem eine wichtige Rolle spielten; wie dann mit 19 die Tragödie geschah, er jemanden tötete und in Haft kam.

Trotzdem: „Ich danke Gott und lebe mit Gott.“

Es wird wie gesagt immer wieder zitiert, und auch zwei von Stanleys Brüdern schildern viel.

Das Wort Politik fällt nicht ein einziges Mal, und doch ist der Film hochpolitisch darin, wie er das „andere“ Amerika zeigt.

Und weil er hochpolitisch ist, ist er auch nicht unwichtig, von den gelungenen rein filmischen Formen und Elementen einmal ganz abgesehen.

 

Zwischen uns die Mauer

von Norbert Lechner

(Alpenrepublik, Kinostart 3. Oktober 2019)

Die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Mauer zwischen Westberlin und Ostberlin steht seit 25 Jahren. Bei einem Übergang vom Westen in den Osten, der ohnehin nur beschränkt möglich ist, sind die Kontrollen sehr streng und total unpersönlich.

In der Bundesrepublik lebt die 17jährige Anna mit ihren Eltern und der kleinen Schwester. Sie kann an einer mehrtägigen von der Kirche organisierten Ostberlin-Reise teilnehmen, um dort mit DDR-Jugendlichen zusammen zu treffen.

Zu denen gehört auch Philipp. Anna wird auf ihn aufmerksam, die beiden lernen sich kennen, kommen einander ein wenig näher. Dann ist die Reise wieder zu Ende.

Doch etwas ist geblieben. Die beiden verlieben sich – wenn auch zunächst nur aus der Ferne.

Für Anna, inzwischen 18, und Philipp beginnt eine harte Zeit. Die gegenseitigen Briefe sind ein Trost aber keine Begegnung. In den Westen darf Philipp nicht, also muss Anna nach Ostberlin reisen. Sie muss es manchmal im Verborgenen tun, weil ihre Eltern sich sorgen. Einmal wird sie festgenommen. Auch Philipp wird verhaftet. Sein Vater ist Pfarrer – in der DDR verdächtig. Das Telefon wird abgehört oder abgeschaltet. Die Lage wird immer schwieriger.

Vielleicht ist eine Trennung doch das Beste.

Anna ist später mit ihrem alten Verehrer Lorenz zusammen.  Die beiden bereiten eine Reise nach Marokko vor. Es ist inzwischen 1989, die DDR-Grenze besteht nicht mehr.

Plötzlich steht Philipp vor der Tür. Die alten Gefühle waren nie vergangen. Sie waren nur unterdrückt. Nun wird die beiden nie mehr etwas trennen.

Ruhig, linear durchaus realistisch und mit einer einigermaßen überzeugenden Milieuschilderung wird das alles erzählt, dramatisiert und inszeniert. Natürlich ist es für die Älteren nichts Neues – aber was ist mit den 15- bis 25jährigen? Sie haben keine Ahnung wie es damals war. Für sie kann der Film durchaus eine Art Lehrbeispiel sein.

Empfehlenswert ist auf jeden Fall auch zu sehen, wie gut Lea Freund als Anna und Tim Bülow als Philipp ihre Rollen spielen. (Weitere Darsteller: Franziska Weisz als Annas Mutter, Fritz Karl als ihr Vater oder Götz Schubert als Philipps Vater.)

Vielleicht interessant zu wissen, dass der Film auf eigenen tatsächlichen Erlebnissen der Autorin Katja Hildebrand beruht, die in dem Roman „Zwischen uns die Mauer“ beschrieben sind.

Eine dramatische Liebesgeschichte vor historisch-politischem Hintergrund.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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Datum: 23.09.2019


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