Der Gilden-Dienst Nr. 40-2017
Vorwärts Immer!

Von Franziska Meletzky

(DCM, Kinostart 12. Oktober 2017)

Keine schlechte Idee, die Ende Oktober 1989 ganz schön ins Rutschen gekommene politische DDR-Spitze einmal in einer Filmkomödie auf die Schippe zu nehmen. Franziska Meletzky hat das mit ziemlichem Erfolg getan (und erhielt dafür sogar  einen Bayerischen Filmpreis).

Otto Wolf ist erfolgreicher Theaterschauspieler. Mit seiner Tochter Anne hat er allerdings ein Problem. Die hat nämlich das eingeengte DDR-Leben satt und will „rübermachen“. Um einen Westpass zu bekommen, reist sie mit dem Aktivisten August nach Leipzig, was ihrem Freund Matti, Sohn eines Rivalen von Otto Wolf, ganz und gar nicht passt.

In Leipzig will sie natürlich an den „Wir sind das Volk“-Demonstrationen teilnehmen. Wolf erfährt jedoch, dass Erich Honecker dort Panzer dagegen auffahren lassen will. Er ist zwar ein guter DDRler, aber Panzer gegen seine Tochter, das geht gar nicht.

Da trifft es sich gut, dass Wolf gerade in einer Parodie über die kommunistische Parteiführung den Honecker exzellent imitiert. Da könnte er doch als Honecker im Zentralkomitee den Panzerbefehl in Leipzig rückgängig machen. Durch unglückliche Umstände landet er in der Bonzenresidenz Wandlitz. Dumm nur, dass der echte Honecker gerade von der Jagd zurückkehrt – und seine Ehefrau Margot so schnell nicht herausfindet, wer der echte Erich ist.

Die Grundidee ist hervorragend, dramatisiert und inszeniert ist das Ganze flüssig. Ein paar Mal gibt die Qualität der Dialoge ein wenig nach, aber das tut der amüsanten Komödie letztlich keinen Abbruch. Man unterhält sich bestens.

Jörg Schüttauf imitiert den Honecker mit Gesten und Tonfall derart echt, dass er für die Gestaltung der Rolle verdientermaßen einen Preis einheimsen konnte. Aber auch die übrigen Darsteller machten tapfer mit: Josefine Preuß als Anne, Marc Benjamin als Matti, Devid Striesow als Harry Stein, Rivale von Otto Wolf, Hedi Kriegeskotte als Margot Honecker und Jakob Matschenz als Aktivist August.

Eine erheiternde, burleske Angelegenheit.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Pre-Crime

Von Monika Hielscher und Matthias Heeder

(Rise and Shine Cinema, Kinostart 12.Oktober 2017)

Der Mensch und die Welt sind durch die Digitalisierung durchsichtig geworden. Das ist nicht neu. Bedenklich könnte nur sein, dass diese Entwicklung immer weiter fortschreitet.

Wie wird es in zehn Jahren aussehen?

Wie so gut wie alles hat die Digitalisierung zwei Seiten. Es gibt überall platzierte Kameras noch und noch; speziell digital ausgerüstete Polizeistreifen; unzählige Datensammlungen; ein Algorithmussystem nach dem anderen. Man kann damit zur Verbrechensbekämpfung Gebiete und Personenkreise eingrenzen; Wahrscheinlichkeiten berechnen; Verhaltensmuster aufspüren; Gefahren prognostizieren; Adressen ausfindig machen; Gesichter erkennen; Social-Media-Texte auswerten; Risiken voraussehen; Prognosen erstellen; Muster präventiv kategorisieren, usw.

Kann man auch, wie manche behaupten, Verbrechen wie z.B. Drogenhandel, Raubüberfälle oder Morde ermitteln, bevor sie begangen wurden? Die Frage bleibt offen.

Sieht man diesen Dokumentarfilm, so erkennt man, wie viel Gutes aus der Digitalisierung (auch  z.B. in der Medizin) zu ziehen ist.

Aber:

Die Gefahren sind gewaltig. Ein zur Datenfeststellung oder Datensammlung verwendeter Algorithmus ist neutral; sein Programmierer weiß nicht, was damit geschieht; Fehlinterpretationen sind an der Tagesordnung; Hacker operieren ständig; nie herrscht hier Objektivität; niemand übernimmt wirklich Verantwortung; Wirtschaftsverbrechen und Ausbeutung sind möglich; genaue Vorhersagen dagegen unmöglich; einer beängstigenden Manipulation sind Tür und Tor geöffnet; Menschen, die als negativ erfasst sind, können sich geändert haben.

Der Film arbeitet mit überzeugenden Beispielen u.a. aus Chicago, London, Paris oder München. Da wird dann auch gesagt (oder bewiesen), dass der Schwerpunkt auf der Beobachtung schwarzer männlicher Personen liege. Der junge Robert McDaniel etwa gilt schon allein deshalb als verdächtig, weil er einen Freund hatte, der ermordet wurde.

Was besagt das?

Die Digitalisierung ist und bleibt ein scharfes zweischneidiges Schwert. Der vorliegende Film ist schon deshalb äußerst nützlich, weil er viele aufklärerische Aspekte aufweist. Schon deshalb muss man ihn sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Happy End

Von Michael Haneke

(X Verleih, Kinostart 12. Oktober 2017)

Ein prächtiges Stadthaus. Hier scheinen die gesellschaftlichen Vorstellungen noch in Ordnung zu sein. Rachid, der Hausmeister, und Jamila, die Köchin, wohnen in einem kleinen Nebenhaus für Dienstboten.

In der großbürgerlichen Residenz sind zu Hause:

Georges, der betagte Großvater, anfangs leicht, dann durch einen selbstverschuldeten Autounfall schwer behindert. Früher hatte er mit Sicherheit eine gewisse gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung, nun scheint er nur noch auf den Tod zu warten.

Anne, Georges‘ Tochter. Sie führt das Bauunternehmen der Familie, muss sich jedoch gerade mit einer Entschädigung für einen schweren Unfall herumschlagen, der sich auf der Baustelle ereignet hat.

Thomas, Georges‘ Sohn. Er fällt in erster Linie durch sexistische Interneteinträge auf. Er wird entlarvt.

Eve. Sie ist 13 Jahre alt und eine Tochter aus Thomas‘ erster Ehe. Ihre Mutter stirbt. Glücklich kann man das Kind weiß Gott nicht nennen. Es lebt derzeit in Georges‘ Familie. Vielleicht muss es aber ins Heim.

Anais ist (noch) die jetzige Frau von Thomas. Dass die beiden viel miteinander zu tun hätten, kann man beim besten Willen  nicht sagen.

Lawrence ist Annes Partner. Sie sollen sogar verlobt sein. Er kümmert sich in erster Linie um wirtschaftliche Angelegenheiten.

Pierre ist Annes Sohn. Ein Schwerenöter, psychisch offenbar labil. Auf eine festliche Einladung seines Großvaters und seiner Mutter bringt er auf einmal unvorhergesehen ein halbes Dutzend Afrikaner als „Gäste“ mit. Dieses Einbrechen in das großbürgerliche Leben wird mit wenn auch diskretem Unmut wahrgenommen.

Hanekes Charakterzeichnungen sind wie immer ausgesucht! Dass er sein inszenatorisches Handwerk versteht, merkt man natürlich auch hier. Und dass er Darsteller wie Isabelle Huppert (Anne), Jean-Louis Trintignant (Georges) oder Mathieu Kassovitz (Thomas) zur Verfügung hatte, veredelt die Sache künstlerisch unbestritten.

Doch was will er zeigen, will er zum Ausdruck bringen?

Großbürgerliche Degeneration auf die noble Art präsentiert? Der Überfall mit den Afrikanern stützt diese Vermutung.

Auf jeden Fall ein Film mit Haneke-Niveau.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Wenn Gott schläft

Von Till Schauder

(RealFiction, Kinostart 12. Oktober 2017)

1979. Mit der Rückkehr Khomeinis aus dem Exil begann im Iran die neue politische und religiöse Ära, die heute noch gilt. Die iranischen Muslime sind Schiiten und befinden sich im Kampf gegen die Sunniten. Die schlimmste Zeitspanne war, als Ahmadinedschad Präsident war. Heute ist es besser.

Das ist das gesellschaftliche und politische Umfeld, in dem der Rapper Shahin Najafi wirkte. Jeder Bürger muss das Recht haben, die Regierenden seines Landes zu kritisieren. Und das tat Shahin – offenbar in ziemlich radikaler Weise. Das hatte mit der Zeit zur Folge, dass seine Ablehnung immer heftiger wurde. Bis eine Fatwa ausgesprochen wurde, was im Grunde einem Todesurteil gleichkommt. In dem Film sagt denn auch einer der religiösen Fanatiker: „Du bist schon tot.“

Shahin lebt seit einigen Jahren in Berlin. Er macht zwar Musik bzw. Rap und hat auch begeisterte Anhänger. Und doch lebt er in einer schlimmen Situation. Er muss sich verkleiden, sich verstecken, sich bewaffnen. Er darf praktisch nie zu tief schlafen, muss 24 Stunden pro Tag auf der Hut sein. Die Todes-Fatwa bedeutet, dass er als muslimischer „Ungläubiger“ getötet werden darf.

Was hat er getan? Seine „blasphemische“ Satire traf z. B. den Imam Ali al-Naghi, den die Schiiten verehren. Nicht weniger als 100 000 Dollar Kopfgeld wurden auf ihn ausgesetzt. Shahin: „Die Angst ist ein Teil von mir.“

Er will, dass im Iran die Menschenrechte gelten und dass die Stellung der Frau verbessert wird. Er setzt sich gegen religiösen und politischen Extremismus ein, will die Meinungsfreiheit.

Was soll daran falsch sein? Nichts. Gar nichts.

Seine Texte sind scharf, aber auch poetisch. Begeisterte Fans hat er, kleine Konzerte kann er geben.

Was aber, wenn ihm beispielsweise sein Schlagzeuger davonläuft, weil ihm die mögliche Verfolgung zu heiß wird!

Dabei wollte er sogar einmal Mullah werden. Doch dann entschied er sich für die Kunst. Er ist keineswegs ohne Glauben. Aber zur Zeit, sagt er, „schläft Gott“.

Regisseur Till Schauder hat das Verdienst, dieses Schicksal realistisch dokumentiert zu haben. Hier zählt weniger die filmische Form als das Bekenntnis. Solche Filme muss es geben! Je mehr die Welt über Ungerechtigkeiten erfährt, desto mehr kann und muss sie dagegen tun.

Menschen, Künstler und Rufer wie Shahin Najafi dürfen nicht mit dem Tode bedroht werden. Sie müssen leben und wirken!

Filmkunsttheater und Programmkinos zu empfehlen.

 

We Are X

Von Stephen Kijak

(Interzone Pictures, Kinostart 12.Oktober 2017)

Es gibt viele Rock-Bands, doch diese Gruppe, die japanische X-Band, ist mit Sicherheit etwas Besonderes.

Schon in der Schul- und Jugendzeit taten sie sich zusammen: Yoshiki, Toshi, Hide oder Taiji und wie sie alle heißen. Und bald wurde ihr Metal-Rock berühmt. Sie waren Freunde und wurden erfolgreich (30 Millionen Tonträger), aber sie zerstritten sich auch, brachten sich Wunden bei, trennten sich, kamen wieder zusammen. Nicht nur die Musik verband sie sondern auch ihre Charaktere und ihr Leben.

Das Auffälligste an den Bandmitgliedern ist, dass sie –von ihrem extravaganten Äußeren einmal abgesehen- mit vollem Körpereinsatz immer bis zum Letzten gingen, bis zur Verletzung, bis zur Bewusstlosigkeit, ja einige bis zur inneren Leere oder Zerstörung.

Zwei von ihnen nahmen sich denn auch das Leben.

Selten hört und sieht man eine solche alle menschlichen Regungen umfassende Emotion, eine solche Intensität, eine solche Power, eine solche Ekstase, einen solchen „Krieg“, was bei den Fanmassen bis zur Hysterie geht.

Das hat die (japanische) Kultur verändert, meinen einige. „Diese Band ist mein Leben“, sagt ein Mädchen. „Die mit uns durch das Leben gehen, stützen sich auf unsere Musik“, heißt es einmal. Oder: „Unsere Lebensquelle“. Oder: „Ihre Musik rettete mich.“

Kopf und Herz des Ganzen ist Yoshiki, ein bedeutender Musiker. Er schrieb die schönen Songs, unter Dauerschmerzen hämmert er auf das Schlagzeug, für den japanischen Kaiser, der zu seinen Fans gehört, schrieb er ein symphonisches Klavierkonzert. Ein suchendes, sich menschlich gebendes, charismatisches Vollblut, von dem seine Mutter einst meinte, er werde nicht lange leben.

Archivaufnahmen, eine Bilderflut, ohrenbetäubende Lautstärke, alles ist da. Für (Metal-)Rockfreunde ist das sicherlich ein Genuss.

Und nicht nur für sie.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.
zum Download
Datum: 02.10.2017


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