Der Gilden-Dienst Nr. 40-2018


Elternschule



Von Jörg Adolph und Ralf Bücheler

(Zorro, Kinostart 11. Oktober 2018)

Kleinkinder sind ein Kapitel für sich und ein schönes dazu. Doch nicht immer sind sie einfach zu haben oder auszuhalten. Davon handelt dieser Dokumentarfilm.

Es gibt Kinder, die den ganzen Tag schreien; die nicht essen; die nicht schlafen; die jammern; die sich kratzen; die bockig sind; die um sich schlagen.

Liegt es an der urzeitlichen Veranlagung des Menschen? Liegt es an genetischen Faktoren? Liegt es an einem individuell zu eruierenden Stressfaktor? Oder liegt es am Verhalten der Eltern, die erzieherisch alles falsch machen, was falsch zu machen ist?

In Gelsenkirchen existiert eine Kinder- und Jugendklinik, die sich solcher Probleme annimmt. Wenn die Mütter nicht mehr weiter wissen, wenn sie meistens den Tränen nahe sind, wenn die Beziehung der Eltern darunter zu leiden beginnt, wenn nichts mehr geht – dann springen die Ärzte, die Fachleute, die Krankenschwestern und die Pflegerinnen der Klinik ein.

Während einiger Wochen sind Kinder und Mütter stationär in der Klinik, und da wird dann analysiert, psychologisiert, diagnostiziert. Und natürlich Praxis betrieben: Verhaltenstraining, Esstraining, Schlaftraining.

Selbst Filmzuschauer, die mit den dargestellten Problemen nicht befasst sind, staunen, welche Zusammenhänge zwischen Erziehung und möglicher chronischer Krankheit der Psychologe Dietmar Langer auszugraben imstande ist. Vor allem die Eltern sind gefordert, festgefahrene Verhaltensweisen müssen aufgegeben werden; Rückschläge fehlen nicht.

Kein Wunder, dass Langer das Projekt „Elternführerschein“ leitet.

Die Kleinkindererziehung findet meistens hinter verschlossenen Türen statt. In diesem Film ist das anders. Hier wird in Seminaren und Praktika alles verständlich und sichtbar gemacht. In der Klinik wird sozusagen eine Grundausbildung nachgeholt.

Und siehe da: Nach einigen Wochen stellt sich der Erfolg ein.

Ein rein lehrhafter Dokumentarfilm, der aber denen, die betroffen sind, weiterhelfen kann.

 



Verliebt in meine Frau


Von Daniel Auteuil

(Weltkino,  Kinostart 11. Oktober 2018)

Ein Vier-Personen-Stück. Eine französische Komödie. Und eine köstliche dazu.

Daniel und Isabelle sind seit vielen Jahren ein Paar. Die Ehe ist nicht schlecht, doch es scheint bessere zu geben.

Daniel trifft auf seinen alten Freund Patrick, den er schon lange nicht mehr gesehen hat. Die beiden freuen sich. Und was gibt es da Besseres als dass Daniel Patrick zu sich nach Hause einlädt. Und zwar mit seiner Partnerin. Und da liegt das Problem. Patrick hat sich nämlich mit der attraktiven jungen Schauspielaspirantin Emma zusammengetan und dafür seine Frau Laurence und die Kinder verlassen. Die aber wiederum ist Isabelles beste Freundin.

Klar dass Isabelle angesichts dieser Einladung vor Wut kocht.

Sie kommt dennoch zustande. Und dann wird es spannend, komisch, sogar literarisch interessant und äußerst unterhaltsam.

Denn während der verschiedenen Gänge der Mahlzeit geht mit Daniel die Fantasie durch. Er stellt sich die hübsche Emma vor: wie sie in Tschechows „Onkel Wanja“ spielt; wie sie sich küssen; wie er mit ihr nach Venedig abhaut; wie er mit ihr zusammenlebt. Dass sie ihn später verlässt, kann er noch nicht sehen.

Die einzelnen Fantasieszenen sind wunderbar in die Haupthandlung montiert.

Doch es geht noch weiter. Isabelle, die zu Beginn kratzbürstig war, findet Emma plötzlich sympathisch. Patrick, der auf die Begegnung mit dem Freund viel gesetzt hatte, sagt, dass die Abend misslungen sei. Daniel weiß sowieso längst nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.

Wetten, dass dies alles der Liebe von Isabelle und Daniel gut tut („Verliebt in meine Frau“).

Wie gesagt eine entzückende Komödie. Die Regie lag in den Händen von Daniel Auteuil, und dass der weiß, wie Filmemachen geht, ist zur Genüge bewiesen. Er spielt selbst den Daniel, und er hat eine Mannschaft dabei, über die man nur staunen kann: die aparte Sandrine Kiberlain als Isabelle, die vielversprechende Adriana Ugarte als Emma und zum Schluss den Riesen Gérard Depardieu als Patrick.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Lemonade


von Ioanna Uricaru

(Déjà vu, Kinostart 4. Oktober 2018)

Mara ist eine rumänische Krankenschwester mit ihrem etwa 12jährigen Sohn Dragos, die jedoch vom Vater des Kindes getrennt lebt. Sie hat es geschafft, für die USA eine befristete Arbeitserlaubnis zu erhalten; von der begehrten Green Card, die ihr einen endgültigen Amerika-Aufenthalt verschaffen würde, ist das allerdings noch weit entfernt.

Immerhin kann Dragos nachkommen, und sie hat sogar ihren Patienten Daniel geheiratet. Sie sagt zwar, sie liebe ihn – aber wahrscheinlich ist es doch nur wegen der Green Card passiert. Sie erfährt später sogar, dass Daniel schon einmal wegen unsittlichen Verhaltens bestraft worden sei.

Von der Einwanderungsbehörde wird sie immer wieder strengstens verhört. Die Behörde gräbt alles aus, und das Ganze wird aufgezeichnet. Der entsprechende „Beamte“ entblödet sich auch nicht, Mara zu bedrohen, sie zu erpressen, sich von ihr sexuell befriedigen zu lassen. Daniel erfährt davon, gerät außer sich, nennt sie eine Lügnerin und Hure, schlägt sie, verfolgt sie.

Glücklicherweise hat sie ihre Freundin Aniko, bei der sie und Dragos unterkommen. Sie muss in Rumänien ihr Haus verkaufen, um einen Anwalt bezahlen zu können.

Wenigstens kann sie den kriminellen Beamten anzeigen.

Aufgeben kommt nicht in Frage.

Der Film passt in unsere Zeit: Auswanderung, Flucht, Suche -  aber auch die Frage nach dem Sinn einer Migration. Alltägliches Schicksal. Wie oft ist damit Erniedrigung oder Machtmissbrauch verbunden!

Mara ist lange ohne Illusion, doch sie wird ihr Ziel erreichen, weil sie kämpft.

Punktgenau wird von der Regisseurin Ioanna Uricaru das eher trostlose Milieu gezeigt, in dem sich alles abspielt. Bewundernswert ist dabei, mit welcher darstellerischen Kunst Malina Manovici ihren dauernden verhaltenen Schmerz zum Ausdruck bringt. Abgesehen von der Aktualität des Themas macht schon diese Leistung allein den Film sehenswert. Gut begleitet wird sie auch von den übrigen Mitwirkenden Dylan Smith als Daniel, Steve Bacic als erpresserischer Beamter und Milan Hurduc als Dragos.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Unser Saatgut - Wir ernten, was wir säen


von Taggart Siegel und Jon Betz

(Wfilm, Kinostart 11. Oktober 2018)

Wir essen Früchte, Beeren, Gemüse, Bohnen, Mais – aber wir machen uns dabei offensichtlich kaum Gedanken. Dieser Film hilft da ein wenig auf die Sprünge.

Idealisten sind hier am Werk, die mit diesem Dokumentarfilm darauf aufmerksam machen wollen, wie wichtig, wie wertvoll, wie unverzichtbar, wie gefährdet unser Saatgut ist. Sie sind es, die sammeln, horten, sichern, Saatbanken anlegen.

Ein Beispiel: Früher einmal, vor langer Zeit, gab es 540 Sorten Kohl. Nur 21 sind übrig geblieben. Verlust: 90 Prozent. Und für diese biologische Katastrophe gibt es noch viele andere Beispiele.

Aber wir müssen möglichst alles erhalten; wir müssen für Pflanzen- und Saatgutdiversität sorgen; wir müssten zum Beispiel wissen, wie wichtig der Mais ist und was daraus alles entstanden ist; wir müssen zugeben, dass in dieser Beziehung die Indios in Südamerika ungleich schlauer sind als wir.

Und wir müssen dagegen angehen, dass die Chemie-Weltkonzerne aus dem gesunden Saatgut Hybride herstellen; dass Chemie-Lobbyisten die Regierungen falsch beraten und somit falsche Gesetze entstehen; dass diese Großfirmen alle entsprechenden Patente an sich reißen; dass sie Pestizide noch und noch herstellen und verbreiten; dass sie in Indien den Bauern Land wegnehmen und diese dann vielfach Selbstmord begehen; dass viele gentechnische Veränderungen toxisch sind; dass Gene und Viren durcheinander geraten; dass Menschen kontaminiert werden; dass unübersehbare Schäden entstehen.

Mit reichlich Dokumentationsmaterial und wichtigen Kommentaren, mit warnendem Ernst und Überzeugung wird das alles nicht nur geschildert sondern auch belegt.

Jeder sollte diesen Film sehen und notfalls in sich gehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.      




Die defekte Katze


Von Susan Gordanshekan

(Alpenrepublik, Kinostart 4. Oktober 2018)

Mina lebte bis jetzt im iranischen Isfahan. So ganz jung ist die Elektroingenieurin nicht mehr. Zeit zum Heiraten. Wie in vielen islamischen Ländern üblich, haben die Eltern da ein Wörtchen mitzureden. In diesem Fall beschafft die Mutter eine Heiratsvermittlerin.

Ein Mann wird gefunden – es handelt sich um den in Deutschland als Anästhesiearzt arbeitenden Kian. Einige Monate nach der Hochzeit im Iran trifft Mina dann in Deutschland ein.

Die Wohnung muss zuerst eingerichtet werden, und mit der Leidenschaft zwischen den beiden frischgebackenen Eheleuten ist es auch nicht weit her. Kein Wunder, denn es handelt sich ja nicht primär um eine Liebesheirat sondern um ein eheliches Arrangement.

Der Alltag ist denn auch entsprechend. Mina langweilt sich. Sie schafft sich eine (offenbar verhaltensgestörte) Katze an, was Kian ablehnt. Sie geht einmal ohne ihn tanzen, was Kian ebenfalls ablehnt. Bleibt für sie nur noch das Schwimmbad übrig. Einen Job findet Mina nicht so ohne weiteres, weil hier ausländische Abschlüsse schwer anerkannt werden und auch weil sie nicht gut genug deutsch spricht. Ein unglückliches Missverständnis entsteht, als Kian einen Seitensprung seiner Frau vermutet.  

Auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Zum Entsetzen von Kians Eltern trennen sich die jungen Eheleute wieder. Monate vergehen.

Für westliche Verhältnisse sind östliche arrangierte Ehen, oft zwischen alten Kerlen und ganz jungen Mädchen, ein Graus. Doch -und darauf will die Autorin und Regisseurin des Films hinaus- ist es mit den „Liebesheiraten“ in unseren Gegenden im Grunde nicht besser. Es kommt also ausschließlich auf den persönlichen menschlichen Impetus und den Willen zur gegenseitigen Verständigung der Partner an, aus denen letztlich die andauernde Liebe hervorgehen kann.

Mina und Kian begreifen das. Sie werden wieder zusammenkommen.

Das ist es, was der Film zeigen will. Und er tut es auf einfache realistische und von Pegah Ferydoni (Mina) und Hadi Khanjanpour (Kian) gut gespielte Weise.    

 


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Datum: 01.10.2018


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