Der Gilden-Dienst Nr. 40-2019


Der Glanz der Unsichtbaren


von Louis-Julien Petit

(Piffl, Kinostart 10. Oktober 2019)

„Obdachlos“, ein trauriges Wort. Und doch scheint die Obdachlosigkeit immer mehr zuzunehmen. Was ist dagegen zu tun? Natürlich muss in erster Linie eine entsprechende Sozialpolitik her. Gibt es auch andere Mittel?  Ja, es gibt sie, wie der Autor und Regisseur Louis-Julien Petit mit diesem Film bewiesen hat. Er spielt in Frankreich, wo der Anteil der Frauen an der Obdachlosenzahl rund 40 Prozent ausmacht (in Deutschland an die 30 Prozent).

Es gibt für die obdachlosen Frauen in Nordfrankreich – dort spielt der Film – Nachtunterkünfte, die lediglich eine bestimmte Anzahl von Stunden geöffnet sind. Und auch Tagesunterkünfte, in denen die betreffenden Frauen sich pflegen können – auch nur während einer bestimmten Zeit.

Der Film erzählt von den vier Betreuerinnen Audrey, Manu, Hélène und Angélique, die unter Hintanstellung eigener Bedürfnisse und manchmal sogar gegen das Gesetz handelnd mit ebenso viel Schläue wie Menschlichkeit denen helfen, die ärmer sind als sie.

Und er erzählt von denen, die Hilfe, Lebensaussichten, ein Nachtlager, Geld, etwas zu essen, Kleidung und Zuspruch brauchen.

Die Rollen der Betreuerinnen wurden mit (exzellenten) Schauspielerinnen besetzt, die übrigen Frauen, mindestens ein Dutzend, sind echte Obdachlose.

Da geht es wahrlich bunt zu. Da wird gelacht und geweint. Da wird zusammen gestanden und gestritten. Da wird den Obdachlosen ein Zeltlager weggenommen. Da wird eine Unterkunft von den Behörden geschlossen – heimlich aber weitergeführt.

Da treten die vielfältigsten Persönlichkeiten der obdachlosen Frauen zutage – eine kann gar Waschmaschinen reparieren – ebenso wie die tiefe Humanität der Helferinnen.

Eine dramaturgische Meisterleistung des Regisseurs, das alles unter einen Hut zu bringen.

Politisch ist es wichtig, diese soziale Realität zu zeigen. Die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen erhalten damit die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Die Wirkung wird vor allem dann nicht ausbleiben, wenn Dokumentation und lebensnahes Drama ohne Klischees und Voyeurismus, wenn Komödie und Tragödie so gut verbunden werden, wie dies hier der Fall ist.

Es ist ein rührender, würdiger Film, eine, wie gesagt wurde, „Ode an die Freundschaft“.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Bruder Schwester Herz


von Tom Sommerlatte

(Kinostar, Kinostart 10. Oktober 2019)

Im Osten unseres Landes. Ein weites Territorium aus Weiden, Feldern und Wäldern. Irgendwo ein kleines Dorf mit einer Kneipe, in der der Whisky fließt.

Ein größeres Landgut (Engelbach). Pferde und eine Menge Rinder. Das Problem: Der Bauernhof hat schon bessere Tage gesehen; es sieht nach Ende aus.

Die Geschwister Franz und Lilly leben und arbeiten hier. Der Vater ist auch da, doch er kann nicht mehr gehen, er ist fast bewegungslos. Ein paar Mitarbeiter gibt es noch, mehr oder minder mit Franz befreundet. Sophie kümmert sich um das Geschäftliche.

Eines wird sofort sichtbar: Franz und Lilly sind einander herzlich zugetan. Sie arbeiten zusammen, sie verbringen viel Zeit miteinander, sie umarmen sich, sie reiten gemeinsam aus.

In der Dorfkneipe. Alle sitzen zusammen, trinken, witzeln. Eine Band tritt auf. Chris, der Frontman, singt nicht schlecht. Lilly ist nicht abgeneigt, schließt sich ihm sofort an - sowohl im Bett als auch im Reisebus der Gruppe. Lange bleibt sie fort.

Viel ist inzwischen geschehen. Franz hat das Vieh verkauft, will alles aufgeben, muss mit dem Geld für den Verkauf die Schulden bezahlen. Franz und Sophie sind schon seit längerer Zeit ein Liebespaar.

Lilly kehrt zurück. Aus der früheren Geschwisterliebe wird ein Spannungsverhältnis. Zwar wird mit dem Vater noch festlich Geburtstag gefeiert, doch die Stimmung und das Vertrauen sind dahin. Dass es zwischen den beiden Frauen kracht und Lilly versucht, der „Konkurrentin“ zu schaden, ist bis zu einem gewissen Grad verständlich.

Der Sänger ist wieder da. Lilly stimmt im Gegensatz zu früher dem Verkauf des Landgutes zu – und wird mit ihrem neuen Mann weggehen.

Schon ist der Reisebus unterwegs.

Franz schwingt sich auf ein Pferd und galoppiert dem Auto hinterher. Wird Lilly zurückkehren? Ist den Geschwistern ihre enge freundschaftliche Beziehung wichtiger als alles andere?

Entscheidend für die Qualität dieses Films sind die stimmigen Schilderungen der Landschaft, in der sich alles abspielt; ist das überzeugende Milieu auf dem Landgut selbst; ist die Zeichnung der engen und herzlichen aber diskreten Liebe zwischen der aufgeweckten Lilly und dem eher passiven Franz; ist die Art und Weise, wie Karin Hanczewski als Lilly, Sebastian Fräsdorf als Franz, Wolfgang Packhäuser als Vater, Jenny Schily als Sophie und Godehard Giese als Sänger Chris ihre Rollen verkörpern.




Ama-San


von Claudia Varejao

(Steppenwolf, Kinostart 3. Oktober 2019)

Eine portugiesische Regisseurin hat sich in diesem Dokumentarfilm japanischer Taucherinnen angenommen.

Es sind die zwei, drei Generationen angehörenden Frauen, alles Mütter, die, wenn das Meer es zulässt, wenn der Wasserstand nicht zu niedrig ist, wenn kein Sturm droht, wenn die Wellen nicht zu hoch sind, hinausfahren, um Fische, Krabben, Muscheln, Kreiselschnecken oder Seeohren und insgesamt Schalentiere aufzusammeln.

Von Männern ist nichts zu sehen.

Die Frauen müssen dabei schwere Steine und Geröll entfernen und tief in den Algen suchen. Mühselig, gefährlich, höllisch sei dies, sagen sie. Zudem greift das Salzwasser die Haut und die Ohren an. Auch von schwindlig werden ist die Rede. „Es passiert viel.“ Vor allem müssen sie eine bestimmte Meeresströmung, die Kuroshio-Strömung beachten. „Der schwerste Beruf.“

Trotzdem fahren sie immer wieder auf das Meer hinaus – wie  in alten Zeiten. Zuvor sprechen sie Gebete und opfern ihren Göttern, damit kein Hai komme und kein Unfall geschehe.

Früher war es besser, sagen sie - heute finden sie weniger.

Sie bilden, das sieht man, eine sehr enge Gemeinschaft, helfen einander, singen, feiern Geburtstag oder Muttertag oder genehmigen sich ganz einfach einen Sake. Immer wieder sieht man charakteristische, anregende Familienszenen.

Dann geht es darum, das Gefundene zu wiegen und zu verkaufen. Im Verhältnis zur Schwere der Arbeit bekommen sie nicht gerade viel. „Furchtbar, so geht es uns allen.“

Sicherlich nicht ganz zufällig ist in dem Film über den Fernseher auch zu hören, dass China sich im südchinesischen Meer breit mache, dass die Chinesen dort nach Öl und Rohstoffen suchen und dass insoweit auch Vietnam gefährdet sei. Das politische Verhältnis zwischen Japan und China, das weiß man, ist alles andere als prima.

Alles in allem ein mit schönen Naturaufnahmen gespickter, familienfreundlicher, sympathischer Dokumentarfilm über einzigartige Frauen in Japan, die – wie an vielen anderen Orten der Welt auch – auf eine ganz besondere Weise „ihren Mann stehen“.




Dora und die Goldene Stadt


von James Bobin

(Paramount, Kinostart 10. Oktober 2019)

Die jugendliche Dora hat Eltern, die Archäologie betreiben, eine verlorene Inka-Stadt mit viel Gold suchen und deshalb immer im Dschungel unterwegs sind. Bisher war das Kind im Dschungel dabei, doch jetzt muss das Mädchen in Los Angeles auf die High School. Da Dora eher den Dschungel gewohnt ist als das Großstadtleben, ist die Eingewöhnung schon eher dramatisch und komisch als leicht.

Dora und drei Freunde werden während eines Museumsbesuchs von Gangstern, die offenbar die goldene Stadt ebenso finden wollen, entführt. Ein gewisser Alejandro, der ein ausgesprochener Bösewicht zu sein scheint, tut sich dabei besonders hervor.

Dora ist im (kunstvoll hergerichteten) Dschungel gewissermaßen gefangen, muss jedoch auch ihre Eltern finden – was am Schluss natürlich glückt.

Ein langer Dschungelaufenthalt macht den Kern der Filmhandlung aus. Und da passiert nun in etwa Aufregendes, Gefährliches, Halsbrecherisches, aber auch manch Freundschaftliches, Gutes, Schönes.

Probleme – wie sie heute mehr und mehr erkannt werden – bleiben total unberührt. Es handelt sich eher darum, dass  eine – wohl einige Jahrzehnte früher spielende – bekannte und beliebte TV-Serie kinogerecht ausgewertet wird, die demnach hauptsächlich kindgerecht bleiben musste. Also alles so neutral wie möglich. Reine Unterhaltung, wie das so schön heißt.

Trotzdem: Sehr viele (beileibe nicht immer neue) Einfälle und Gags – in einer inszenatorisch, filmtechnisch, digital und animatorisch guten Form.

Abenteuer- und lebenslustig spielen die vier jungen Darsteller – allen voran die überaus lebhafte Isabela Momer als Dora.






zum Download
Datum: 29.09.2019


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