Der Gilden-Dienst Nr. 41-2017
The Square

Von Ruben Östlund

(Alamode, Kinostart  19. Oktober 2017)

Christian hat sich der Kunst verschrieben. Er leitet ein Museum in Stockholm. Gerade wird ein interessantes ethisches Projekt durchgeführt: Auf dem Vorplatz des Museums wird in kleinem Format das Viereck „The Square“ eingerichtet. Auf diesem Platz haben alle die gleichen Rechte und Pflichten. Wer hier zum Beispiel in Not ist, dem muss geholfen werden. Nur ein kleines Zeichen, aber ein starkes, idealistisches.

Während Christian auf einer belebten Straße unterwegs ist,  bettelt ihn eine Frau schreiend um Hilfe an. Sekunden später bemerkt er, dass dies nur geschah, um ihn bestehlen zu können. Handy weg. Brieftasche weg.

Mit seinem Mitarbeiter ortet er das Handy und verfasst einen an alle Familien des betreffenden Wohnblocks gerichteten Brief mit der Bitte um Rückgabe. Und tatsächlich erhält er alles zurück.  Allerdings kommt ein zweiter Brief, in dem einer, weil er sich zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt fühlt, eine  Entschuldigung verlangt, da er anderenfalls mit einem „Chaos“ droht.

Im Museum wird unterdessen zu Werbezwecken ein Clip über ein obdachloses bettelndes blondes kleines Mädchen angefertigt. Zu allem Unglück stimmt Christian flüchtig zu (was er nicht hätte tun dürfen), denn er ist mit dem Drohbrief aus dem Wohnblock beschäftigt.

Die Schwierigkeiten des geschiedenen Mannes mit zwei kleinen Töchtern lassen nicht nach. Mit der Reporterin, die Christian interviewte, hat er rein „mechanischen“ Sex; der Clip mit dem Mädchen wird missbraucht („Blonde Kinderbettlerin wird in die Luft gesprengt“); ein Festbankett gerät außer Kontrolle; der Junge, von dem der Drohbrief stammt, wird, weil er nachts Radau macht, von Christian die Treppe hinuntergestoßen und später nicht mehr gefunden; Christian verliert außerdem seinen Job.

Der genannte „Square“ steht für ein korrektes moralisches gesellschaftliches Leben. Das ist gut so. Aber dass das wirkliche Leben ungleich inkorrekter, schwieriger, persönlich schmerzlicher verlaufen kann und die meiste Zeit auch verläuft, ist in diesem Film an der Person Christians demonstriert. Es wird hier viel diskutiert und gestritten, doch vor allem an einem Beispiel wird das Gesagte klar: Was im Internet ein einziges missbrauchtes Video anstellen kann, ist furchtbar.

Die Inszenierung der ganzen Geschichte, dieses Lebensabschnitts Christians und dessen, was theoretisch-moralisch und politisch an den Mann gebracht werden sollte, ist im richtigen Ambiente sehr intensiv. Dennoch ist der Film von Wiederholungen nicht frei und zu lang geraten.

Wie Claes Bang seine Rolle als Christian präsentiert, ist eine Spitzenleistung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Daniel Hope – Der Klang des Lebens

Von Nahuel Lopez

(Mindjazz, Kinostart 19. Oktober 2017)

Geige spielende Musiker gibt es viele. Große Geiger sind selten. Daniel Hope ist einer von ihnen. In diesem Dokumentarfilm werden auf packende Weise sein Leben und das seiner Familie erzählt.

Berlin. Eine pompöse Grabstätte. Daniels Vorfahren sind dort begraben.

Weil sie jüdischer Abstammung sind, müssen seine Eltern Christopher und Eleanor –die hier beide zu Wort kommen- mit ihren Kindern vor den Nazi-Verbrechern nach Südafrika fliehen. Doch auch dort wird die Familie während der Apartheid-Zeit belästigt und verfolgt, weil der Vater Bücher von Schwarzen verlegt.

Es geht nach London. Die Mutter nimmt eine Stelle an. Bei wem? Bei einem der größten Geiger aller Zeiten: Yehudi Menuhin. Kein Wunder, dass dem kleinen Daniel, der seine Mutter begleitet, das Geigenspiel sozusagen auf dem Präsentierteller dargeboten wird: Menuhin-Musikschule, Unterricht von Menuhin, Freundschaft mit Menuhin – und mit anderen berühmten Musikern wie z.B. Menachem Pressler oder Zakhar Bron.

Daniel Hope zeigt in dem Film, was er gelernt hat. Sein Geigenspiel ist stupend.

Voller Rührung besucht er Orte seiner Kindheit oder Jugend – in London oder im schweizerischen Gstaad. Eine Frau und zwei Kinder hat er, aber er bereist ununterbrochen die Welt und hat es heute bereits zum Chef des bekannten Zürcher Kammerorchesters gebracht.

Natürlich spielt in seinem Leben die Musik eine beherrschende Rolle. Doch ist bei ihm immer auch das heute wieder so aktuell gewordene Thema Exil präsent. Man spürt das, wenn er sich mit den während der Nazi-Zeit nach Los Angeles geflohenen jüdischen (Film)-Musikern beschäftigt –sein Album „Escape to Paradise“ zeugt davon-, oder wenn er am Schluss des Films am (wiedergewonnenen) Grab seiner Urgroßeltern Maurice Ravels „Kaddisch“ spielt.

Ein lebendiges, auch privates, ebenso Interesse wie Mitgefühl weckendes Dokument, das filmisch sowieso professionell gestaltet ist9.

Wer unter den Freunden klassischer Musik sich diesen Film nicht anschaut, ist selbst schuld.

      

Borg – McEnroe – Duell zweier Gladiatoren

Von Janus Metz

(Universum, Kinostart 19. Oktober 2017)

Wimbledon. Noch immer ist es ein Zauberwort, vor allem für die Tennisspieler und die Tennisfans. Erinnern wir uns an die Zeit von Boris Becker und Steffi Graf. Ihre Spiele und Siege beschworen bei uns massenhaft herauf, was man heute einen Hipe nennt.

Natürlich gab es auch viele andere große Spieler, und von zweien ist in diesem Film die Rede, von Björn Borg und John McEnroe. Borg gewann das Wimbledon-Endspiel fünfmal, eine absolut einmalige und fantastische Leistung.

Die Macher dieses Films haben versucht, die beiden sehr unterschiedlichen Tennishelden, die zwischen 1978 und 1981 nicht weniger als 14mal aufeinander trafen, zu charakterisieren. Der dänische Regisseur Janus Metz spricht gar von wahren Begebenheiten - natürlich auch von fiktiven Elementen.

Sicher ist, dass beide viele Jahre lang ihr Talent und ihre ganze Kraft diesem ebenso kräftezehrenden wie eleganten Sport widmeten, anderenfalls wären ihre überragenden Erfolge kaum möglich gewesen. Vom Schweden Björn Borg wird hier gesagt, dass er mit der Zeit etwas kühl, ausgelaugt und müde gewirkt habe, auch dass er von Ängsten geplagt gewesen sei. Der New Yorker McEnroe dagegen galt immer eher als enfant terrible, als exzentrisch, aufbrausend, Wutanfälle produzierend.

Der zweite Teil des Films gilt dann dem legendären Wimbledon-Endspielmatch, von dem es heißt, es sei der beste gewesen, der jemals gespielt wurde. Stundenlang ging es hin und her, dann wieder hin und her. Das ist mit entsprechenden Kameras und Blickwinkeln gedreht und derart geschickt montiert, dass die Spannung sich unwillkürlich auf den Kinozuschauer überträgt. Da wird man wirklich zum Mitmachen animiert.

Dazu helfen auch die beiden Darsteller Sverrir Gudnason als Borg und Shia LaBeouf als McEnroe. Ihre Wahl als Hauptpersonen ist total geglückt. Ergänzt wird alles durch die Kinoikone Stellan Skarsgard als Björn Borgs Trainer.

Und noch eines ist wichtig: Aus den beiden „Gegnern“ wurden Freunde.

Ein gelungenes Projekt – besonders für Sportfreunde.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Clash

Von Mohamed Diab

(missing FILMs, Kinostart 19. Oktober 2017)

Jahrhunderte lang war es um den Islam friedlich, war er auf die arabische Welt beschränkt. Nunmehr ist das anders; er scheint kriegerischer geworden zu sein. Und er kam nach Europa.

Man spricht von der arabischen Revolution. Sie hat natürlich auch Ägypten erfasst. Armee und Muslimbrüder heißen die Fronten – von den christlichen Kopten einmal abgesehen, die von fanatischen Muslimen verfolgt werden.

Vom Kampf der Muslime gegen die Soldaten und Polizisten, und umgekehrt, handelt dieser Film.

Es ist die Zeit um 2012, 2013. Der muslimische ägyptische Präsident ist gestürzt. Die Muslimbrüder veranstalten nicht nur eine Riesendemonstration sondern eine Art Revolution. Polizisten nehmen eine Gruppe Demonstranten fest. Sie sperren sie in einen Armee-Truck. Da die Gefängnisse bereits voll sind, muss der Truck stundenlang warten.

Nun hat es sich ergeben, dass nicht nur Muslimbrüder festgesetzt wurden sondern auch Gegner. Zudem ist ein Amerikaner ägyptischer Abstammung bei ihnen, außerdem ein Kameramann. Die Aussicht, dass sich alle vertragen, ist sehr gering.

Und so ist es denn auch: Die Situation wird dramatisch, es fehlt an Luft; die Gefangenen sind eingeschlossen; sie werden von Wasserwerfern überflutet und mit Tränengas besprüht; man weiß nicht, ob Spitzel oder Verräter an Bord sind; Sniper schießen mit scharfer Munition; die Soldaten und Polizisten ebenfalls; die Gegner unter den Gefangenen streiten sich; Blut fließt; einige sind in Lebensgefahr; gottlob ist eine Krankenschwester an Bord und besitzt einer ein Handy; doch einer verweigert Hilfe, weil es verboten ist, von einer Frau berührt zu werden; „der Islam wird siegen“ – „Gott ist allmächtig“ – „Gott wird den wahren Gläubigen Kraft geben und sie zum Sieg führen“, heißen die Parolen; einer muss sein tätowiertes Kreuz verbergen; ein paar Mal kommt auch ein wenig Humor auf; dann wieder entbrennt eine regelrechte Schlacht, wird es dramatisch, wird es tödlich.

Gegen Filmende wird die filmisch professionell inszenierte Verwirrung total. Aber das ist natürlich Absicht – und symptomatisch für die Situation, in der Ägypten sich befindet,  auch heute noch. Nichts anderes wollte der Regisseur dokumentieren.

Etwas für den Arthouse-Bereich.

 

What Happened to Monday

Von Tommy Wirkola

(Splendid, Kinostart 12.Oktober 2017)

70er Jahre unseres Jahrhunderts. Die Erdbevölkerung wächst immer weiter. Bald wird sie nicht mehr korrekt zu ernähren sein. Der Klimawandel kommt hinzu. Etwas muss geschehen. Es ist die Ein-Kind-Politik. Nicolette Cayman ist die Chefin des Ein-Kind-Zuteilungsbüros. Sie hat in der eigenen Familie schlimme Erfahrungen gemacht, ein Teil ihrer Leute kam durch Hunger ums Leben. Deshalb ist sie besonders streng. Sie will dazu beitragen die Erde zu schützen. Sie hat Recht. Wenn die Erde weiterhin auf die verschiedenste Weise ausgebeutet wird, kann das nicht gut ausgehen.

Doch in der Familie Settman ist etwas passiert. Sieben Mädchen sind auf einmal auf die Welt gekommen, die Mutter ist dabei gestorben. Nun muss der Großvater die Schwestern erziehen. Er tut dies gleichzeitig in disziplinierter und liebevoller Weise. Weil es sieben sind, hat er sie einfach nach den Wochentagen benannt. Monday ist intelligent und zielstrebig, Tuesday gibt sich meist unbekümmert, Wednesday ist eine Athletin, Thursday will ein wenig rebellisch sein, Friday ist das stille, introvertierte Genie der Familie, Saturday gilt als Partytier und Sunday ist mitfühlend und religiös.

Als alle erwachsen sind, ist es Monday, die als Karen Settman das Haus verlassen darf. Sie arbeitet, damit die Mädels geldmäßig versorgt werden können. Doch eines Tages verliebt sie sich und kommt nicht mehr wieder.

Eindringlinge brechen ein. Aber da sind sie an die Falschen geraten. Die Schwestern verteidigen sich mit Pfannen, heißem Wasser, Bügeleisen und Boxkämpfen, dass den Einbrechern Hören und Sehen vergeht. Da sind drastische, nicht ganz ungefährliche Stunts zu erleben.

Und was ist mit Karen? Wann kommt sie wieder?

Ein Film, der ideen- und handlungsmäßig interessant ist, der aber, wie man sieht, auch durchaus existentielle Fragen behandelt!

Noomi Rapace spielt alle sieben Mädchenrollen. Das ist eine große Leistung. Technik, Doubles, Stunts, Make up, Masken, Kostüme, Darstellung jedes einzelnen der vielen Charaktere, Unverwechselbarkeit der Personen, all das musste organisch und psychologisch unter einen Hut gebracht werden.

Und das ist auf sehenswerte Weise gelungen.

Zumal auch die Kino-Ikonen Glenn Close als Chefin der Ein-Kind-Zuteilung sowie Willem Dafoe als Großvater der sieben Schwestern souverän mitspielen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

 

 

 

       

 

  

 

             

 

 

  

      

 

       

 

 
zum Download
Datum: 09.10.2017


Drucken