Der Gilden-Dienst Nr. 41-2019


Born in Evin


von Maryam Zaree

(RealFiction, Kinostart 17. Oktober 2019)

Iran 80er Jahre. Der Schah musste das Land verlassen, der – zu Recht oder Unrecht – verehrte, heilige, oberste Ayatollah Khomeini kam nach Teheran zurück. Wer gedacht hatte, dass nunmehr Liberalität, Neuaufbau und Frömmigkeit herrschen würden, sah sich schnell getäuscht.

Khomeini ließ unter seinen politischen und religiösen Gegnern ziemlich rasch aufräumen. Sie wurden in Gefängnisse gesteckt, verhört, beschuldigt, zum Teil gefoltert und hingerichtet. Wie viele Hunderte oder gar Tausende es waren, weiß niemand genau.

Das muss, wie es so schön heißt, „aufgearbeitet“ werden, genauso wie Stalins Morde an den russischen Bauern, wie Hitlers Massenmorde an den Juden, wie Pol Pots Morde an seinen kambodschanischen Landsleuten.

Warum? Weil die Betroffenen ansonsten offenbar keine echte und endgültige Ruhe finden.

Die Regisseurin, Autorin und Schauspielerin Maryam Zaree ist ein gutes Beispiel für eine solche Situation. Sie wurde 1983 in dem iranischen Gefängnis Evin geboren, in dem ihre Mutter Nargess aus politischen Gründen einsaß (auch ihr Vater war Gefangener der persischen „Glaubenswächter“).

Man stockt bei der Betrachtung dieses Films schon bei der Erzählung einer damals Anwesenden: Die Wächter durften von der Geburt auf keinen Fall etwas mitbekommen, weil ansonsten Schlimmes hätte passieren können.

Maryams Mutter konnte zwei Jahre nach der Geburt des Töchterchens nach Deutschland fliehen und sich in Frankfurt niederlassen. Dort ist denn auch Maryam Zaree aufgewachsen.

Eines konnte die Mutter nie: über die Gefangenschaft und über die Umstände der Geburt sprechen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Regisseurin diesen Film drehte.

Sie wollte gewissermaßen die eitrige Wunde zum Platzen bringen. Sie sprach immer wieder mit ihrer Mutter, mit anderen Gefangenen, mit Psycho-Fachleuten, mit ihrem Vater, mit einer Vereinigung iranischer Frauen in Deutschland. Sie musste dem geschehenen Unrecht gegenüber die „kollektive Verdrängung“ aufbrechen, vor allem in Zeiten, in denen ihrer Auffassung nach „wieder Hand angelegt wird an unsere menschlichen Werte“. Sie sah sich veranlasst, „über Dinge zu erzählen, für die es bis heute keine Worte gab“.

Nach einer solchen thematischen und filmischen Offenlegung sollten die Betroffenen und die übrigen Beteiligten nun freier leben können.

Filme wie dieser sind als Beitrag zur geschichtlichen Bewältigung (auch später in den Archiven) wichtig – vor allem auch für junge Menschen.




Joker


von Todd Phillips

(Warner, Kinostart 10. Oktober 2019)

Arthur Fleck ist in diesem Film eigentlich eine Comic-Figur, und die Stadt, in der er lebt, ist nicht New York oder Los Angeles sondern Gotham City.

Aber soviel von dem, was er durchmacht, widerfährt auch dem realen Menschen. Deshalb kann der Film als plastisches Zeugnis natürlicher Existenz gelten.

Arthur ist Stand-up-Comedian. Das führt dazu, dass er als Clown – Joker, wie er angekündigt werden will - die meiste Zeit stark geschminkt durch die Gegend läuft. Sehr viel Erfolg ist ihm auch nach mehreren Anläufen nicht beschieden.

Aber es gibt noch einen anderen Arthur, einen meist einsamen, unglücklichen, einen, der sehr schwer krank ist, einen, der seine hilfsbedürftige Mutter pflegen muss, einen, dessen Krankheit eine nicht ganz ungefährliche Nebenerscheinung mit sich bringt, nämlich dass er immer wieder lange und laut lachen muss, was zu den irrealsten Situationen führt.

Ist er der Sohn eines superreichen Mannes, bei dem seine Mutter arbeitete und von dem sie geschwängert wurde? Oder ist er ein Adoptivkind? Lange muss er mit dieser Ungewissheit leben.

Mehr als einmal wird er, der Clown, übel angegriffen. Doch er weiß sich zu wehren – auch wenn seine Krankheit ihn oft  weit überreagieren lässt.

Er erschießt seine Gegner ganz einfach.

Neben der menschlich-psychiatrischen und der Comic-Seite gibt es natürlich noch die dramaturgisch-inszenatorische Seite (Todd Phillips). Und, um es gleich vorweg zu sagen, die ist von hohen Graden. Es entstehen in „Joker“ durchgehend höchst eindrucksvolle, überzeugende (Dolby)-Milieubilder (mit dem jeweils dazugehörigen Sound), und es ist als Arthur Fleck ein Darsteller zu sehen, der seinen Namen wohl ein für allemal gemacht hat. Wie Joaquin Phoenix das spielt: Da kann man nur von Kunst sprechen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




M.C.Escher – Reise in die Unendlichkeit


von Robin Lutz

(MFA+, Kinostart 10. Oktober 2019)

Dieser Dokumentarfilm wird dazu beitragen, den niederländischen Graphiker M.C. Escher allgemein besser kennenzulernen. Und das ist eine gute Sache, denn es handelt sich um eine Persönlichkeit von höchstem künstlerischem Rang. 1898 ist er geboren, gelebt hat er bis 1972.

Das besonders Interessante ist hier, dass von Escher viele Tagebücher, Briefe, Kataloge oder Vorträge vorhanden sind, aus denen der Kommentar entstand. Der Film wirkt also, als hätte Escher ihn selbst gedreht.

Sein Talent war übergroß, dazu kam ein stetiger Arbeitswille. Berühmt wurde er durch seine vielen Holzschnitte und Druckgraphiken, die zunächst gegenständlich waren – italienische oder spanische Landschaften, Dörfer in der Toscana, Kirchen, Vögel oder Fische – dann jedoch immer geometrischer, perspektivischer, surrealer, visionärer, „unendlicher“ wurden. Die Schönheit und Qualität nahm deshalb keineswegs ab, im Gegenteil. Sieht man wie er beispielsweise die Alhambra-Ornamentik auf seine Weise schuf, kann man nur staunen.

Mit sich selbst war er oft im Zweifel. Was er gesucht, erkannt, gefühlt hat, was ihm gelungen, was ihm missraten ist, darüber spricht dieser geniale Mensch im Film immer wieder.

Eine nicht unwichtige Rolle spielt in dem Film die Musik, und zwar die Musik von Johann Sebastian Bach. Von der „mathematischen“ überirdischen Musik Bachs ließ er sich stets inspirieren.

Die Macher arbeiteten natürlich auch mit Animation. Das ist heutzutage selbstverständlich. Sie versuchten anschaulich zu zeigen, wie Eschers Graphiken zeichnerisch Gestalt annahmen. Doch nicht immer ist dabei der Unterschied zwischen Kunst und Computer klar zu unterscheiden.

Da ist Vorsicht geboten – übrigens auch, wie Escher in dem Film selbst einmal erklärt, vor einem gewissen Missbrauch seiner Arbeiten.

Insgesamt ist der Film über den übrigens mit der „Ritterwürde“ ausgezeichneten M.C. Escher, dem in Den Haag natürlich längst ein Museum gewidmet ist, ein kulturelles Geschenk.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




47 Meters Down – Uncaged


von Johannes Roberts

(Concorde, Kinostart 10. Oktober 2019)

Mia, Sasha, Alexa und Nicole sind junge Frauen, zwar noch in der Schule aber erfreulich gut gewachsen.

Der Vater eines der Mädchen ist Archäologe und gerade dabei, sich in Mexiko um eine Maya-Stadt mit wertvollen Gebäuden und Skulpturen zu kümmern. Das Problem: Die Stadt wurde im Laufe der Jahrhunderte überflutet. Die Forschungsarbeit ist also nicht ungefährlich.

Die vier Mädchen gehen mit auf Tauchstation. Sie sind zwar mit Gesichtsmasken und Sauerstoff gut ausgerüstet, aber einfach ist das trotzdem nicht, denn sie müssen durch Höhlen schwimmen, sich durch enge Gänge zwängen, die Orientierung behalten – was ihnen nicht gelingt -, zusammen bleiben und versuchen, zu dem Archäologen durchzustoßen, der in einem anderen Teil des verzweigten Unterwassersystems arbeitet. Das kostet viel Sauerstoff.

Plötzlich bricht ein Tunnel hinter ihnen zusammen. Sie sind gefangen. Ausbruchsversuche enden mehr als einmal in einer Sackgasse.

Doch das ist nicht das Schlimmste. Denn da unten leben aggressive weiße Haie, und nun werden die Girls immer wieder angegriffen. Sie schreien und schreien, versuchen zu fliehen, können die Angreifer jedoch nicht vertreiben.

Sie haben Todesangst.

Zweien gelingt es nach langer Zeit, an die Oberfläche zu gelangen, von einem Schiff wahrgenommen und gerettet zu werden. Es sieht so aus, als müssten die anderen ihr archäologisches Interessen und ihre Tauchgänge mit dem Leben bezahlen.

Zu Dreivierteln spielt sich der Film unter Wasser ab. Ziemlich viel Wasser! Und immer wieder Hai-Angriffe. Zuschauer müssen auf jeden Fall Interesse oder Liebe zum Horror-Genre mitbringen.  Technisch ist der Film ok – dank der digitalen Möglichkeiten.

Die vier jungen Schauspielerinnen, Sistine Stallone (Nicole), Corinne Foxx (Sasha), Brianne Tju (Alexa) und Sophie Nélisse (Mia) machen ihre Sache erstaunlich gut.

Wie anstrengend ihre Arbeit war wird berichtet: „Sie lebten wie Fische und verbrachten den Großteil ihrer Tage unter der Wasseroberfläche. Das Härteste war die Erschöpfung – und zwar jeden Tag. . . . Du verbringst 40 Minuten im Wasser, und es fühlt sich an wie zwei Stunden. Du bist völlig ausgeblutet, wenn du ständig schreist und den ganzen Sauerstoff aufbrauchst.“




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Datum: 07.10.2019


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