Der Gilden-Dienst Nr. 43-2017
Lady Macbeth

Von William Oldroyd

(Koch Media, Kinostart 2.November 2017)

Englische Provinz in früherer Zeit. Die in schlossartigen Gebäuden residierende Oberschicht hält schwarze Frauen und „Gastarbeiter“ wie Sklaven. Katherine, die Hausherrin, wurde für Geld und ein Stück Land soeben an Alexander verkuppelt. Er führt sich herrisch auf, befiehlt Katherina nur im Haus zu verweilen, ist psychisch derangiert und ein Schlappschwanz.

Der Vater Alexanders ist als Hausherr noch schlimmer. Er betrachtet die junge Ehefrau seines Sohnes ganz einfach als Untergebene.

Katherine, die eine Zeit lang mitgespielt hat, wacht auf. Sie nimmt sich, während ihr Mann auf Reisen ist, den strammen Sebastian aus der Dienerschaft zum Geliebten. Ihre Dienerin Anna ist erstaunt, unsicher und so entsetzt, dass sie wirklich die Sprache verliert.

Katherine hat längst aufgehört, ihr Liebesleben geheim zu halten. Als ihr Ehemann nach längerer Zeit von einer Reise zurückkehrt, beschimpft er sie als Hure. In einem Streit mit ihr und Sebastian kommt er zu Tode. Er wird insgeheim vergraben, sein Pferd erschossen.

Alexanders Vater starb an einer Pilzvergiftung. Weiß Gott, wer ihm die Pilze servierte.

Dann taucht noch ein angebliches Kind Alexanders auf. Auch dieses darf nicht weiterleben. Die Schuld dafür schiebt die völlig gewissenlos gewordene Katherine Anna und dem inzwischen alles bereuenden Alexander zu.

Und sie bekommt Recht. Die beiden werden abgeführt, riskieren die Todesstrafe.

Ein für diesen Film nach England verlegter ursprünglich russischer Stoff, an dem sich schon Fjodor Dostojewski und Dimitri Schostakowitsch versucht haben. Die haarsträubenden amoralischen gesellschaftlichen Zustände in der geschilderten Epoche sowie die sich daraus ergebende Tragik sind auf erlesene Weise dargestellt. Das Ganze ist eine klassische, ruhige, nüchtern aber ästhetisch und überzeugend gefilmte Geschichte geworden, in der eine wegen früherer Unterdrückung zum Tollweib gewordene Frau Tod und Verderben verursacht.

Eine außergewöhnliche Darstellerin hat man für die Rolle der Katherine gefunden. Sie heißt Florence Pugh.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

The Secret Man

Von Peter Landesman

(Wild Bunch, Kinostart 2.November 2017)

Watergate, 1972. Die Republikaner lassen bei den Demokraten einbrechen. Sie wollen möglichst an geheime Dokumente kommen, denn die nächste Präsidentenwahl ist schon absehbar. Die Einbrecher werden entdeckt, und bald stellt sich heraus, dass das Weiße Haus etwas damit zu tun hat. Das geht so weit, dass Präsident Nixon abdanken muss.

Doch warum wurde schließlich die Crew um Nixon entdeckt? Darum geht es in diesem Film.

Es gibt offenbar viele Gründe –und Beamte-, die schuld daran sind, dass das FBI, die CIA und das Weiße Haus sich nicht grün sind: Geheime Operationen, nicht selten am Rande der Legalität;  Rivalität zwischen den Behörden und Institutionen; Ehrgeiz und Neid zwischen den Beschäftigten.

Der langjährige FBI-Chef Edgar Hoover stirbt. Mark Felt ist sein Stellvertreter. Normalerweise müsste er jetzt nachrücken, FBI-Chef werden. Doch Nixon übergeht ihn und ernennt Patrick Gray. Der setzt sich sofort dafür ein, dass die Watergate-Ermittlungen rasch beendet werden. Das ist nicht normal, das ist auffällig, das ist verdächtig.

Mark Felt ist seit 30 Jahren FBI-Mann. Er wirkt anders als viele andere Beteiligte, nämlich korrekt und loyal – sowohl persönlich als auch in seinem Verhältnis zur wichtigen Institution FBI. Er ist hin- und hergerissen, entscheidet jedoch schließlich zu Gunsten des Rechts und der Moral.

Er  lässt als mysteriöser Whistleblower „Deep Throat“ der „Washington Post“ die nötigen Informationen zukommen. Der Rest ist bekannt.

Später wird Mark Felt deshalb der Prozess gemacht. Er wird verurteilt, jedoch später von Präsident Reagan begnadigt.

Intensiv und authentisch wird das alles abgespult. Es ist historisch wie politisch gleich  interessant. Die Dialoge und das Milieu wirken sehr echt, die Spannung fehlt nie. Doch es ist auch ein in der Art und Weise, seine Werte zu verkünden, durch und durch amerikanisches Produkt (à la Hollywood).

Natürlich spielte beim Gelingen dieses Films eine Rolle, dass Liam Neeson den Mark Felt spielt. Er tut dies absolut souverän wie man es von ihm gewohnt ist. Er hat, wie er selbst sagt, das Action-Genre verlassen und wendet sich nun ernsteren Rollen zu. Das kann man nur begrüßen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Die Reise der Pinguine 2

Von Luc Jacquet

(Wild Bunch, Kinostart 2.November 2017)

Der erste Pinguin-Film von Luc Jacquet war ein beträchtlicher Erfolg. Mit ein Grund, das Thema noch einmal anzugehen, zumal seither wissenschaftlich wie technisch große Fortschritte erzielt wurden und somit erzählerisch entsprechend mehr Aussagen möglich waren.

Es geht wieder um den Kaiserpinguin, der in der riesigen, eisigen, menschenleeren, extrem lebensfeindlichen Antarktis am Südpol zu Hause ist. Er lebt auf einem unzählige Kilometer vom Ozean entfernten Brutplatz, und doch kann er feste Nahrung nur aus dem Wasser beziehen. Also wandern, wenn junge Vögel geschlüpft sind, Männchen und Weibchen abwechselnd zum Meer, um mit den angesammelten Vorräten (Krill und Fisch) die Jungen zu füttern. Zwischen 60 und 120 Tagen können die „Alten“ dabei ohne Nahrung sein.

Der Wind ist scharf und schnell, der eisige Schnee und der Wetter- und Temperaturwechsel kommen dazu. Dann drängen sich alle Pinguine zusammen, um sich zu wärmen. Hunderte sind es in dem Film an diesem Ende der Welt voller Schönheit. Instinktiv erkennen sich die „Partner“ an der Stimme.

Irgendwann, wenn die Aufzucht beendet ist, brechen die Jungen im Gänsemarsch bzw. Pinguinmarsch zum Meer auf. Es ist ein köstliches Bild, die Jungvögel zum ersten Mal in einer langen Reihe über das Packeis zum Ozean watscheln zu sehen.

Mit Drohnen und unterschiedlichen Kamerasystemen wurde, manchmal auf durchaus riskante Weise, dies alles sorgfältig, originell und vor allem nahe an den Tieren dokumentiert. Die Unterwasseraufnahmen in großer Tiefe (Pinguine tauchen pfeilschnell bis zu 500 Metern) dürften nicht ohne Gefahr zustande gekommen sein.

Luc Jacquet geht es in seinem durchaus sehenswerten Film jedoch nicht nur um das nahezu menschenähnliche Verhalten und Leben der bis einem Meter großen Kaiserpinguine sondern auch um den Klimaschutz, um die Umwelt. Beispielsweise hat es in der Antarktis nun seit Jahrhunderten zum ersten Mal geregnet. Für das noch wasserdurchlässige Gefieder der Jungtiere ist das lebensgefährlich. Sie können auf der Stelle erfrieren. Und was ist mit der Arterhaltung?

Also indirekt auch so etwas wie ein Aufruf an die Menschheit, alles dafür zu tun, dass der Klimawandel möglichst glimpflich vor sich geht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Casting

Von Nicolas Wackerbarth

(Piffl, Kinostart 2.November 2017)

Nach diesem Film begreift man besser, was Casting bedeutet. Es geht nicht darum, für ein geplantes Filmprojekt eine Schauspielerin oder einen Schauspieler auszusuchen, die gerade frei oder blond sind oder mit denen man zufällig befreundet ist.

Es geht vielmehr um eine gewisse „Verwandtschaft“ zu der in Frage kommenden Rolle, um ein mögliches Charisma, um den Blick, um die Stimme. Nur wenn solche Merkmale zusammenkommen, wenn das Vorsprechen und Vorspielen stimmt, wenn dazu genügend Zeit investiert wird, ist das Casting, dem ein ausgewachsener Beruf zugrunde liegt, gelungen.

In diesem Film wird es vorexerziert. Man will Rainer Werner Faßbinders Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ nachspielen, nachempfinden. Stundenlang wird diskutiert, widersprochen, ausprobiert, wiederholt. Die Charaktere und Auffassungen der Mitwirkenden sind unterschiedlich. Die Casterin ist unzufrieden. Sie scheint auch noch nicht genau zu wissen, was sie will. Es kommt sogar zum Streit. Der vorgesehene Hauptdarsteller ist plötzlich nicht mehr interessant, weil der Ersatzmann, der nur während der Proben mitwirken sollte, zu gut ist. Es sieht sogar so aus, als habe die Casterin sich in ihn verliebt.

Dann ist die Arbeit getan, die Proben sind beendet. Die eigentlichen Filmaufnahmen können nun beginnen.

Von einer Handlung kann man nicht sprechen. Die Dialoge sind es, die im Vordergrund stehen und die sich ganz und gar nicht  um den Inhalt des Stücks oder des Films drehen sondern ausschließlich um die Machart.

Dazu kommen die darstellerischen Leistungen. Nahezu ein Dutzend Aktricen und Akteure sind beteiligt (u.a. Andreas Lust, Judith Engel, Nicole Marischka, Corinna Kirchhoff oder Andrea Sawatzki), und sie spielen alle ganz hervorragend.

Aus all diesen Elementen ist schließlich ein absolut sehenswerter Film geworden (und wie wichtig ein Casting sein kann, weiß man danach auch).

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Sommerhäuser

Von Sonja Maria Kröner

(Prokino, Kinostart 26.Oktober 2017)

70er Jahre. Das Internet in seiner heutigen Form, die Smartphones, die Apps gab es noch nicht. Die Menschen scheinen noch mehr miteinander gesprochen zu haben als nur ins Handy. So wie beispielsweise hier.

Ein besonders schöner halbwilder Garten. Alte Bäume, Hecken, Blumen. Ein paar Sommerhäuschen stehen darin. Zwei, drei Familien tauchen auf: die Schwestern Ilse und Mathilde, Erich und Frieda mit ihren Kindern Bernd und Gitti (die schon eine kleine Inga hat), weiter Bernd und Eva mit den Kindern Jana und Lorenz.

Vor allem die Kinder können hier herumtollen, auf das Baumhaus klettern und in den Pool springen. Alle wollen ein paar Tage lang diesen einladenden Ort genießen.

Doch wie es bei Menschenansammlungen halt so ist: Es gibt ein paar Mal auch Aufregungen, es gibt eine Wespenplage, aus der die Kinder jedoch ein Spiel machen, einmal verschwindet auf verdächtige Weise in der Nachbarschaft ein Kind, dann kommt es zu Eifersüchteleien zwischen den Frauen und zum Streit. Inga ist traurig, weil ihr Vater nicht wie fälschlicherweise versprochen zu ihrem Geburtstag erscheint.

Freude und Trauer, Komik und Tragik zugleich. Vor allem mit Bezug auf das Verschwinden des Kindes heißt es dazu: „Raffiniert wird in ‚Sommerhäuser‘ auf eine nicht greifbare, latente Bedrohung hingewiesen, die sich wie ein  Sommergewitter aufbaut und den Zuschauer in Spannung versetzt.“

Es ist wieder Frieden eingekehrt. Aber die schönen Sommer-, Ruhe- und Spieltage sind auch schon vorbei. Die Natur ist jetzt  für sich.

Schöne Sommerstimmung, Zusammensein, gemeinsam essen, trinken und reden, der Versuch miteinander auszukommen. Mehr an Dramatik  ist in diesem Film nicht zu sehen und zu erleben.

Dieses Ambiente allerdings ist perfekt eingefangen. Nicht umsonst gab es für den Film und auch für die Darsteller (Ursula Werner, Laura Tonke, Günther Maria Halmer, Mavie Hörbiger und andere) viel Lob, das Prädikat „besonders wertvoll“ sowie Förderpreise. 

Halb autobiographische Erinnerung der Autorin und Regisseurin an eine anscheinend vergangene Zeit.

 

Gauguin

Von Edouard Deluc

(Studiocanal, Kinostart 2.November 2017)

Gauguin war einer der Wegbereiter der gegenständlichen modernen Malerei. Aber es ging ihm wie vielen. Während seines Lebens musste er oft und lange darben, heute sind seine in den Weltmuseen hängenden Bilder viele Millionen wert.

Dieser Film ist keines der üblichen Biopics. Er umfasst nur einige Jahre des Gauguinschen Lebens, nämlich die seiner ersten Reise nach Polynesien.

Ende des 19. Jahrhunderts. Gauguin passt das gesellschaftliche und politische Leben in Frankreich nicht mehr. Und seine Maler- und Schriftstellerfreunde scheinen ihm nicht mehr allzu viel zu bedeuten. Mit ihm auf eine große Südseereise zu gehen lehnen sie ab. Er fährt allein.

Aber er hat doch seine Frau Mette und nicht weniger als 5 Kinder! Egal.

Nun sehen wir ihn, der sich selbst gleichermaßen wild und kindlich nennt, auf einer Südseeinsel. Er malt; er schnitzt einheimische Holzfiguren; er hat kein Geld; er lebt lange in einer Waldhütte; er ist mit der schönen jungen Tehura zusammen; er erleidet einen Herzinfarkt; er muss sich als Hafenarbeiter verdingen; er korrespondiert häufig mit seiner Frau; er kehrt schließlich nach Frankreich zurück.

Erst im Zuge seiner zweiten Tahiti-Reise ist das bedeutende künstlerische Schaffen intensiver und die Anerkennung endlich größer.

Hier geht es also um Gauguins zeitbezogenenSeelenzustand, um sein Umherirren, um die problematische Liebe zu der jungen Frau, um seine Geldnot, um seine Krankheit, um sein charakterliches Wesen, um seine emotionalen Ausbrüche, angesichts der frommen Einheimischen auch um sein Verhältnis zur Religion.

Wie gesagt kein umfassendes Biopic im üblichen Sinne sondern eine Abhandlung über einen kurzen Lebensabschnitt, den der Autor und Regisseur sehr subjektiv  sieht, sehr persönlich, fast „westernartig“, wie er selbst meint.

Großartig ist vor allem eines: das Spiel von Vincent Cassel als Gauguin. Das ist absolut sehenswert!    
zum Download
Datum: 22.10.2017


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