Der Gilden-Dienst Nr. 43-2018


The Cakemaker


Ofir Raul Graizer

(missingFILMs, Kinostart 1. November 2018)

Thomas ist in Berlin Bäcker und Konditor. Eine Frau hat er nicht, denn er ist homosexuell. Jeden Monat kommt aus Jerusalem der Geschäftsmann Oren zu ihm; die beiden lieben sich.

Ganz so einfach ist das jedoch nicht, denn Oren ist mit Anat verheiratet , und außerdem sind die beiden die Eltern des kleinen Itai. Offenbar will sich Oren aber doch von Anat trennen. Auf dem Weg zu dem dafür ausgesuchten Hotel verunglückt er tödlich.

Immer wieder wartet Thomas auf einen Anruf von seinem Oren. Vergeblich. Jetzt entschließt er sich nach Jerusalem zu fliegen.

Anat betreibt dort ein kleines Café. Thomas erscheint, er muss ja wenigstens indirekt erfahren, was los ist. Da Anat Hilfe brauchen kann, stellt sie Thomas zunächst einmal stundenweise ein. Soll das ausgerechnet ein Deutscher sein, wird deshalb einmal gefragt. Mit der Zeit spült er nicht mehr nur Geschirr ab sondern backt Kuchen und Torten. Allerdings muss alles orthodox und koscher sein, und auch der Sabbat, die jüdischen Rituale und Gebete mit einem Amen am Schluss müssen eingehalten werden. Darüber wacht sehr streng Moti, Itais Onkel.

Die Leute mögen Thomas' Kuchen, Anats Café wird zum vollen Erfolg. Es kann wohl auch nicht ausbleiben, dass Anat und Thomas Gefühle (und mehr) für einander entwickeln; die Initiative geht von ihr aus.

Ein wenig Glück scheint eingekehrt zu sein.

Dann aber entdeckt Anat in Orens Gepäck unmissverständliche Spuren vom Verhältnis zwischen ihrem verstorbenen Mann und Thomas.

Mit einem Schlag ist das Glück zunichte. Thomas wird zurückgeschickt.

Drei Monate später. Wer ist es, der da in Berlin auftaucht? Keine andere als Anat.

Zwei, die etwas Kostbares verloren haben, finden nach einer gewissen Zeit wieder etwas Kostbares, und wäre es nur eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen. Mit welchem bewegenden und diskreten Feingefühl und mit welcher filmischen und inszenatorischen Meisterschaft ist das gemacht! Man kann nur staunen und sich als Zuschauer darüber freuen.

Und da sind zwei Akteure, die ihre Rollen überzeugender nicht spielen könnten: Sarah Adler als Anat sowie Tim Kalkhof als Thomas. Bravo, bravo.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.






Der Klang der Stimme


von Bernard Weber

(Mindjazz, Kinostart 1. November 2018)

Die Stimme ist eines der wichtigsten Organe der menschlichen Äußerung. Mit ihr sind ungezählte Modulationen des Ausdrucks möglich. Sie tritt nach außen auf, kann jedoch auch mit unzähligen inneren Regungen verbunden sein – je nachdem ob sie laut oder leise, hoch oder tief, weiblich oder männlich, gefühlvoll oder gefühllos klingt.

Der Regisseur dieses Dokumentarfilms hat viele Situationen stimmlichen Lebens zusammengetragen. Das geht vom Spiel der Kinder bis zur wissenschaftlichen Untersuchung; von der Arbeit einer Stimmtherapeutin bis zur Beherrschung der Wehen bei einer menschlichen Geburt; vom Jodeln bis zum herrlichen klassischen Gesang der Sopranistin  Regula Mühlemann; vom Duo für Nähmaschine und Mundharmonika bis zu Stimm- und Lautexperimenten des Jazz-Sängers Andreas Schaerer mit seinen Auftritten in Japan und mit großem Orchester; von der Opernarie bis zum Chorgesang; vom nahezu „sportlichen“ Training und Gebrauch der Stimme bis zu den weltweit höchsten Tönen einer weiblichen Stimme – um nur einige Beispiele zu nennen.

Zweifellos treten bei gewissen stimmlichen Äußerungen auch transzendente Phänomene auf: Glück, Schmerz, das Gefühl  der Einstimmung und des Einklangs etwa beim gemeinsamen Singen, ein Ausdruck der Schönheit oder der inneren Bewegung, die Möglichkeit der Entspannung und Ruhe - und auch des Gegenteils, eine Euphorie oder Faszination.

All das kommt in diesem Film zum Ausdruck, wird professionell und ziemlich lehrreich angedeutet, untersucht, gefeiert. Auf jeden Fall ein ganz besonderer Film.

Und man wird nicht nur unterhalten sondern lernt wie gesagt eine ganze Menge.

Interessierten in Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Der Trafikant


von Nikolaus Leytner

(Tobis, Kinostart 1. November 2018)

Wien in den 30er Jahren. Otto Trsnjek betreibt in einem einfachen Stadtviertel einen Tabak- und Zeitungsladen, in Österreich Trafik genannt. Er ist vom Ersten Weltkrieg her beinamputiert und kann Hilfe gut gebrauchen. Die erhält er von dem 17jährigen Franz Huchel, der sein Lehrling bei ihm sein wird.

Franz ist ein aufgeweckter junger Mann mit einem sehr lebendigen Seelenleben. Nachts hat er nicht selten Träume, schlimme und schöne. Er ist in einem Alter, in dem er sich wohl bald verlieben wird.

Einer der Trafik-Kunden ist Sigmund Freud. Franz bemerkt bald die Bedeutung des Mannes und wünscht sich immer öfter, den für die Psychologie und Psychiatrie wichtigen Mann öfter befragen zu können. Es entsteht so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden – bis Freud mit den Seinen nach London fliehen muss.

Denn die Nazis stehen vor der Tür.

Trsnjek ist ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. Es dauert denn auch nicht lange, bis sein Geschäft von den Nazis zerstört wird. Wenig später wird er selbst abgeholt. Und auch die Todesnachricht lässt nicht lange auf sich warten.

Wahrscheinlich wurde er gefoltert.

Franz, der das Geschäft nun allein führen muss, verliebt sich in die Varieté-“Künstlerin“ Anezka. Er macht sich Hoffnungen, aber es dauert nicht lange, bis sie ihn stehen lässt und sich mit einem anderen davonmacht.

Und schließlich wird auch er von den NS-Schergen abgeholt.

Wien politisch vor dem „Anschluss“; Otto Trsnjek, der im zurückliegenden Krieg seine Gesundheit opferte und von den Machthabern trotzdem erniedrigt und getötet wird; das Coming-of-Age des jungen Franz, der persönlich und politisch schlimme Erfahrungen machen muss; eine Geistesgröße wie Sigmund Freud, die von verbrecherischen Dummköpfen vertrieben wird.

Das alles – gestützt auf Robert Seethalers Roman – ist in einem gepflegten Rhythmus und bester Milieuzeichnung geschildert und charakterisiert - wie beispielsweise die NS-Atmosphäre, die Albträume oder die Liebesszenen. Der Film hinterlässt thematisch, menschlich und dramaturgisch Eindruck.

Das liegt auch daran, dass Schauspieler beteiligt sind, die ihr Handwerk wirklich bestens verstehen: Bruno Ganz als Sigmund Freud, Simon Morzé als Franz Huchel, Emma Dragunova als Anezka sowie vor allem Johannes Krisch als Otto Trsnjek.

Ein ansehnliches Zeit-, Politik- und Menschenbild.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Touch Me Not


von Adina Pintilie

(Alamode, Kinostart 1. November 2018)

„Seid fruchtbar und mehret Euch!“ (Bibelwort) Die Sexualität ist ein bedeutendes, nicht ganz einfaches  Faktum der menschlichen Existenz. Zu unterscheiden ist wohl auch zwischen der männlichen und der weiblichen Sexualität.

Zur Sexualität bedarf es eines Zugangs. Ansonsten kommt es eventuell zur falschen Einschätzung des Selbstwertgefühls, zur verkehrten Einschätzung des Sexual- oder Liebespartners, zur Angst vor der Intimität, zu unziemlichem Verlangen, usw.

Die Sexualität und die Liebe bilden zusammen so etwas wie eine Lotterie.

Und wie steht es mit den Menschen, die psychische Hindernisse oder körperliche Gebrechen haben? Dieser Film beschäftigt sich auf eine einigermaßen begreifliche und dezente Weise damit. Mit jener Frau in den Fünfzigern, die Angst vor körperlicher Berührung hat; mit Hanna, halb Frau, halb Mann; mit dem schwer gelähmten Christian, dessen Penis offenbar besser funktioniert als seine Arme; Thomas ist ebenfalls dabei – bei ihm wechseln wenn er mit Christian in Berührung kommt, Sympathie und Ekel; es fehlen aber auch diejenigen nicht, die, ohne menschliche Gefühle zu beteiligen, in dunklen Höhlen die Sexualität rein mechanisch begreifen oder sie sogar bis zur Perversion betreiben.

Autorin und Regisseurin Adina Pintilie hat zusammen mit Schauspielern und Nichtschauspielern, mit Gesunden und „Kranken“, mit „Normalen“ und „Anderen“ hier versucht, die oben angedeuteten Probleme beinahe klinisch zu erhellen. Sie ging relativ sorgsam (und langsam) vor, wird für das von ihr ohne Prüderie behandelte Thema „behutsame und doch radikale Entblößung seelischer und körperlicher Hemmungen“ sicherlich Interessenten finden.

Eine letzten Endes gerechtfertigte Analyse und ein mutiges Unterfangen.

Goldener Bär in Berlin.

Ein Experiment.




An den Rändern der Welt


von Thomas Tielsch

(Filmtank Audience, Kinostart 1. November 2018)

Die Modernisierung der Welt schreitet immer schneller voran. Das bringt vielen Menschen Vorteile. Aber dadurch wird auch vieles zerstört. In diesem Dokumentarfilm wird das auf erschreckende Weise sichtbar.

Thomas Tielsch und Markus Mauthe haben sich im Südsudan, nach Äthiopien, nach Indonesien oder auch nach Brasilien auf den Weg gemacht, um auf Fotos und Film zu zeigen, was unterzugehen  droht.

Viele indigene Stämme, die bis vor kurzer Zeit ihr ursprüngliches Leben führten; die ihre Herden hüteten; ihre Nahrung auf dem Feld oder im Wald und auf dem, Meer fanden; die Milch und Blut tranken; die ihre Tänze, Gesänge und Rituale feierten; die ihre Vorfahren hochachteten und mit Geistern in Verbindung standen; die nackt und barfuß waren; die Kämpfe trainierten; bei denen die Männer jagten und die Frauen für Wasser, Holz und Essen sorgten; die ihre Kinder nach den Namen der Kälber benannten; die einsam und abgelegen lebten und starben dabei aber glücklich waren. . .

. . . haben inzwischen ein anderes Dasein: Sie empfangen Touristen; sie nehmen Geld für Fotos von ihnen; sie tragen Maschinenpistolen; sie trinken viel Alkohol; sie haben Schuhe an den Füßen; sie sind geldgierig geworden; sie verlieren ihre eigene Kultur; sie leiden an Krankheiten, die es bei ihnen früher nicht gab; sie verlieren ihre Wasserquellen, weil Staudämme gebaut werden; sie büßen ihren Wald ein, weil industrielle Holzfäller (in Brasilien) den Regenwald gnadenlos abholzen.

Das alles wird hier nicht nur filmisch ausgezeichnet geschildert sondern auch bewiesen. Nur Wehmut kann dabei aufkommen. Wenn die Menschen nicht zur Besinnung kommen, wird dies immer so weitergehen.

Der Film ist auch so etwas wie ein Warnsignal, und jeder sollte ihn deshalb sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


zum Download
Datum: 22.10.2018


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