Der Gilden-Dienst Nr. 44-2017
Simpel

Von Markus Goller

(Universum, Kinostart 9. November 2017)

Ben und Barnabas sind Brüder, zwischen 20 und 30 Jahre alt. Barnabas wird Simpel genannt, denn er ist geistig behindert, ein Kind. Sein Kuscheltier, ein Hase, gibt er praktisch nie aus der Hand. Auch beim Schlafen ist das Tier natürlich dabei. Zuvor betet er, und seine Gebete beinhalten ausschließlich, was er an dem betreffenden Tag erlebte. Dann braucht er noch Bens Hand und schläft ein.

Soeben ist die Mutter gestorben. Ben wird sich um Simpel allein kümmern müssen. Der Vater ist schon seit 15 Jahren verschwunden, hat sich in Hamburg eine neue Familie aufgebaut.

Der müsste seine Zustimmung dazu geben, dass Barnabas nicht in ein Heim muss, aber diese Genehmigung ist nicht aufzutreiben.

Als das zuständige Jugendamt mit der Polizei Simpel abholen will, fliehen die beiden Brüder. Es fehlt ihnen jetzt an allem, an Essen, an einer Schlafgelegenheit, an Ruhe. Gottlob kommen Aria und Enzo vorbei, Sanitäter, die die beiden mitnehmen. So ist wenigstens fürs erste gesorgt.

Der Vater, der schließlich gefunden wird, feiert gerade mit anderen den Geburtstag seiner Frau. Das Fest endet nach dem Erscheinen von Ben und Simpel hochdramatisch.

Einmal landet Simpel sogar in einem Bordell.

Als auch Ben alles zu viel wird, gibt es Streit. Simpel haut ab. Aria und Enzo helfen bei der Suche. Diese gestaltet sich sehr schwierig. Nirgends ist der geistig Behinderte zu finden.

Dann endlich auf dem Dach eines Geschäftshauses wird Simpel gesichtet. Er verliert seinen geliebten Hasen und droht deshalb abzustürzen. Das ist zu viel. Er wird künftig im Heim für Behinderte leben müssen.

Und jetzt wird auch Ben sich um seine Zukunft kümmern können. Vielleicht wird dabei sogar Aria eine Rolle spielen. Angedeutet wird es jedenfalls.

Hier ist einmal ein Film, in dem es nicht nur um Rock und Pop sowie um banale Liebesbeziehungen geht. Wirklich ein zutiefst humaner Film um das schwierige aber menschlich gebotene Zusammenleben zweier so unterschiedlicher Brüder. Ein französischer Stoff liegt zugrunde, und daraus wurden Filmhandlung und Filminszenierung gut, professionell und plausibel gestaltet.

Doch in diesem Fall setzt das Schauspiel dem Ganzen die Krone auf. Wie David Kross diesen Barnabas alias Simpel spielt (und durchhält) dafür ist der Begriff sensationell dieses Mal nicht übertrieben. Aber Frederick Lau als Ben steht ihm in nichts nach.

Ebenfalls gut dabei Annette Frier als „Freudenmädchen“, Emilie Schüle als Aria, Axel Stein als Enzo und vor allem Devid Striesow als Vater.

Bravo Regisseur Markus Goller!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    

 

Life On The Border

Von Bahman Ghobadi

(Eksystent Distribution, Kinostart 9.November 2017)

Die Jesiden sind vor allem im Nordirak und in Teilen der angrenzenden Länder eine selbständige ethnische Volksgemeinschaft, in deren Religion christliche, jüdische und islamische Elemente sowie solche aus Zarathustras Lehre miteinander verbunden sind. Kein Wunder, dass die menschenverachtenden Mitglieder des sogenannten Islamischen Staates diese Jesiden als Ungläubige betrachten und verfolgen.

In der Zeit nach 2014 wurden sie geschändet, in die Berge vertrieben, versklavt, ermordet. Hunderte von ihnen sind umgekommen.

Der vorliegende Film ist ein Experiment. In einem ihrer Flüchtlingslager wurde Kindern eine Kamera in die Hand gedrückt. Damit sollten sie (jeweils unterstützt von einem Berater) über ihr Leben, ihr Leid, ihre Verluste, ihre Albträume erzählen. In gesonderten kleinen Episoden taten dies Hazem, Basmeh (verlor eine Hand durch eine Mine), Sami, Rounahi, Diar, Delovan, Mahmod und Zohur.

Sie verloren den Vater; die Schwester wurde verkauft oder vergewaltigt; Kinder wurden getötet oder einfach in die Wüste geworfen; Selbstmorde waren nicht zu verhindern; Körper mit furchtbaren Brandverletzungen sind zu sehen; die kleine Sängerin Zohur singt nicht mehr, seit ihr Vater tot ist; ein anderes Kind, das eine Woche lang in der Gewalt des IS war, kann nicht mehr sprechen; es gibt weder genügend Wasser noch genügend zu essen; die Medizin fehlt; es existiert so gut wie kein Schulunterricht; es wird viel geweint; die Kinder, meist um die 12, 13 Jahre alt, filmen die schlimme Realität des Lagers.

„Die Mädchen der Ungläubigen werden genommen, die Soldaten getötet, die Muslime aber geehrt“, sagen die Islamisten.

Ab und zu gibt es bessere Momente: Buben die Fußball spielen, junge Leute, die wahrscheinlich bei einer Hochzeit tanzen, oder Kinder, die „Filmunterricht“ erhalten. Sogar von einer befreiten Stadt ist einmal die Rede.

Es geht nicht darum, hier einen hochkünstlerischen Film zu betrachten. Vielmehr sind die Authentizität (der manchmal etwas nachgeholfen wird) und die Wahrheit wichtig.

Deshalb sollte man ihn sehen.

„Leben an der Grenze“ heißt der Titel. Er ist zweifach auslegbar: Alles spielt sich geographisch tatsächlich in Grenzregionen ab, andererseits sind hier auch die Grenzen dessen zu spüren, was ein Mensch ertragen kann.

Wichtig sind Filme wie dieser auch als Beweismittel für die schweren Verbrechen, für die die Urheber einmal zur Rechenschaft gezogen werden müssen!

            

Machines

Von Rahul Jain

(Pallas, Kinostart 9. November 2017)

Eine riesige Textilfabrik im indischen Gujarat. Die meisten Maschinen liegen unter Tage. Sie scheinen alt zu sein, funktionieren aber. Sie fertigen die betörend schönen Stoffe, wie man sie aus dem Orient gewohnt ist. Und zwar kilometerweise.

Es ist dunkel und schmutzig hier. Wahrscheinlich auch sehr heiß. Die Beschäftigten arbeiten unter katastrophalen Bedingungen. Es sind Hunderte. Die Schichten dauern nicht weniger als 12 Stunden. Dafür gibt es einen Lohn, der je nachdem zwischen 1,70 und 4,20 Dollar liegt. Davon müssen die Männer sich ernähren und, falls möglich, einen Teil an ihre Familien schicken. Wochenarbeitszeit zwischen 70 und 80 Stunden.

Gewerkschaften gibt es nicht oder nur ganz wenige. Wer Arbeiter anzuführen wagt, riskiert sein Leben.

Einer der Chefs sagt, es sei ganz gut, dass die Menschen nicht so viel verdienen, weil sie sonst gegenüber der Geschäftsführung mit ihren Forderungen anspruchsvoller würden und das Geld ohnehin für mehr Dinge wie Alkohol ausgäben.

Das ist nicht viel besser als vorindustrielle  Zwangsarbeit.

Im ganzen Land sind Millionen Arbeitskräfte betroffen. Darunter auch unzählige Kinder. Man sieht in diesem Film Arbeitsplätze, Aufenthaltsplätze, Schlafplätze, Industrieanlagenplätze und Müllplätze, die jeder Beschreibung spotten. Bei ein paar Aufnahmen merkt man, welch unsäglich schlechte Luft über dieser Industrieregion herrscht. Manchmal dürfte es nicht einmal mehr taghell werden.

„Meine einzige Genugtuung“, sagt ein deprimierter Arbeiter, „ist, dass alle sterben werden. Und dass auch die Reichen diese Welt mit nichts verlassen werden.“

Monoton rattern die Maschinen. Immer und immer wieder. Diese Atmosphäre und ein paar Interviews fängt der Film gut ein. Formal ist er nicht gerade ein Highlight. Aber solche Filme müssen zu einer immer besseren Bewusstmachung gesehen werden. Solange in Indien –und natürlich auch in der übrigen Welt- derart schlechte Arbeitsbedingungen nicht besser werden, wird auch das Bewusstsein für mehr Menschlichkeit nicht besser.

Nicht zuletzt deshalb zu empfehlen.

   

Suburbicon

Von George Clooney

(Concorde, Kinostart 9. November 2017)

Die Rassentrennung ist in den USA seit 150 Jahren aufgehoben, was jedoch nicht bedeutet, dass es keinen Rassismus mehr gäbe. Wohl auch im Sinne des Kampfes gegen den Rassismus wurde dieser Film von George Clooney gedreht.

1950er Jahre. Der Krieg ist längst vorbei, jetzt werden wieder schöne neue Wohnviertel erstellt. Suburbicon heißt dasjenige, um das es hier geht. Selbstverständlich leben hier nur Weiße.

Gardner und Rose Lodge wohnen da mit ihrem Sohn Nicky. Es sind –wie sich später herausstellt nur scheinbar- gutbürgerliche Leute. Gardner ist Buchhalter und in einem Finanzvorstand tätig. 

Selbstverständlich nur Weiße? Eben nicht. Denn nun ist das  Ehepaar William und Daisy mit Sohn Andy eingezogen, und die sind farbig. Schon ist es mit dem Frieden vorbei. Die umliegenden weißen Familien protestieren, verfassen eine Petition, stimmen Gesänge an, machen stundenlang Lärm, errichten Sperren, rennen mit brennenden Fackeln herum, setzen später das Auto der Meyers in Brand und hissen eine Konföderierten-Fahne.

Hass und Gewalt. Die Schuld wird auf die Farbigen geschoben.

Wenigstens tun sich Nicky und Andy zusammen. Sie sind schlauer als die Alten.

Inzwischen hat sich bei den Lodges einiges getan. Die (vielleicht vermeintlichen) Einbrecher Ira und Louis überfallen die Familie und betäuben sie mit Chloroform. Die nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselte Rose erhält eine derartige Dosis, dass sie daran stirbt. Nun muss sich ihre Zwillingsschwester Margaret um Nicky kümmern.

Bei dem Buben entsteht der Verdacht, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugeht. Woran ist Gardner beteiligt? Hat er mit der Mafia zu tun? Jedenfalls muss er nachts Leichen entsorgen. Oder ist ein Versicherungsbetrug im Gange?

Regisseur Clooney ging es bei diesem Film (Entwurf der Coen-Brüder) ganz offensichtlich auch darum, die enthaltenen Thriller-Elemente mit der Bigotterie (Gottesdienst mit Kirchenchor) und dem Rassismus (die Vorgänge gegen die Meyers in Levittown, Pennsylvania, entsprechen wahren Vorkommnissen) in Amerika zu verbinden.

Hauptdarsteller Matt Damon erklärt dazu ergänzend: „Suburbicon handelt von der Jetztzeit.“ Er würde es wohl nicht sagen, wenn es nicht zuträfe!

Es musste ein wütender Film werden, sagt Drehbuch-Ko-Autor Clooney, weil er von einer kranken Familie in einer kranken Gesellschaft handelt.

Julianne Moore (Margaret) und wie gesagt Matt Damon (Gardner Lodge) runden mit ihren wie üblich sehenswerten darstellerischen Leistungen das Ganze ab.

Vor allem wegen der aktuellen Themenverbindungen Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    

 

Jetzt. Nicht.

Von Julia Keller

(Heimatfilm, Kinostart 21. September 2017)

Walter und Nicola führen eine Routine-Ehe. Sie arbeiten beide, er ist Marketingmanager, sie kümmert sich um einen Verlag und den Buchhandel.

Walter war immer erfolgreich, doch jetzt wurde ihm gekündigt. Ein schwerer Schlag. Nicola tröstet und umarmt ihn, sagt dass damit vielleicht eine neue Chance verbunden sei, doch er hat die Fassung bereits komplett verloren. Er fährt mit dem Auto durch die Nacht, dann in einer Kurzschlussreaktion in einen See und versenkt das Fahrzeug, rettet sich in letzter Sekunde, trifft später auf Anton, der ihn in seinem Auto mitnimmt.

In Köln angekommen bemerkt er entsetzt, dass Anton, der dabei war, sich eine „Auszeit“ von seiner Ehe zu nehmen, einem Herzinfarkt erlegen ist. Ohne sich lange zu überlegen nimmt Walter dessen Identität an; steigt in seinem Namen im Hotel ab; nimmt an dessen Stelle an einem Bewerbungsgespräch teil, das er jedoch willkürlich abbricht; klopft ein paar Kneipen ab; trifft auf eine Frau, mit der er tanzt, die jedoch schnell wieder verschwunden ist; begegnet einem Boxer, gegen den er kämpft; kommt dann endlich wieder zu Hause an, wo er zuerst zusammenbricht und weint; und wo Nicola sich verständlicherweise mehr als wundert.

Sie beschließen, intim geworden, einen Neuanfang, Walter setzt sich wieder ans Klavier und hat sogar einen neuen Job in Aussicht.

Nächster Morgen. Wo ist Nicola? Ist sie nur im Verlag, oder ist sie  fort?

Nicht gerade ein fröhlicher Film. Doch es wäre auch völlig falsch, wenn man davon ausginge, dass solche Zusammenbrüche nicht passieren. Hier ist alles in einem düster aber ehrlich gestalteten Fall zu erleben. Rein filmisch wurde professionell gearbeitet.

Die Botschaft kann nur sein, dass man versuchen muss, sich in einer ausweglos erscheinenden Situation besser in den Griff zu kriegen.

Auf jeden Fall spielen Godehard Giese als Walter und Loretta Pflaum als Nicola ihre Rollen perfekt.

Die Geschichte bietet in Walters Verhalten ein Exempel, das man nicht nachahmen sollte.

 

 
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Datum: 30.10.2017


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