Der Gilden-Dienst Nr. 44-2018


Leto


von Kirill Serebrennikow

(Weltkino, Kinostart 8. November 2018)

Leningrad 80er Jahre. Noch herrscht tiefste kommunistische Ideologie – bis zur Perestroika wird es allerdings nicht mehr allzu lange dauern. Natürlich blüht in der damaligen Sowjetunion der Rock und der Punk - auch wenn man ein wenig auf berühmte westliche Sänger und Musiker wie Bowie oder Dylan angewiesen zu sein scheint. Aber die staatliche Zensur ist nie weit.

Einer der führenden Protagonisten hier ist Mike Naumenko, Sänger der Band Zoopark, ein total in seiner Musik aufgehender Kerl aber gleichzeitig ein besonnener Mann. Er lebt mit seiner Frau Natascha und ihrem Söhnchen zusammen. Er hat neben seiner Musik eine einfallsreiche und lebendige Sprache gefunden, die im Rahmen dessen bleibt, was die Aufpasser tolerieren, die aber doch über die besungenen Glücksgefühle oder Schmerzen, laute Ausbrüche oder leise Töne viel aussagen.

Der junge Sänger Viktor Tsoi taucht auf, will dem erfahrenen Mike etwas vorsingen. Viktor stellt sich als sängerisches und ideenreiches Talent heraus. Es entsteht so etwas wie eine Freundschaft, übrigens auch mit  Natascha, mit der sogar etwas mehr zustande kommt.

Dem Regisseur Kirill Serebrennikow, der in Russland wegen Kritik am Regime unter Hausarrest steht, ist – in schwarz-weiß und mit einigen ästhetisch beachtlichen Farb- und Animationseinschüben – auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Film gelungen: mit einem damaligen Zeitbild; mit einer indirekten politischen Aussage; mit beeindruckenden Freundschaften; mit Leidenschaft überall; mit überschäumender Musik von Anfang bis Ende; teilweise mit musikalischer Ingeniosität; mit manchmal ebenso originellen wie kuriosen Texten; mit viel Alkohol; mit einer rebellierenden Haltung; mit einer leichtfüßigen Lebenseinstellung; streckenweise mit Subtilität; mit manchen Talenten: mit Einfallsreichtum; mit Emotionen; mit Kreativität und Atmosphäre.

„Mit Energie und Frische“, wie irgendwo gesagt wurde – was haargenau stimmt.

Für Fans und Interessierte eine Fundgrube, ein Lehrstück und ein großer Unterhaltungsmoment.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Der marktgerechte Patient


von Leslie Franke und Herdolor Lorenz

(Salzgeber, Kinostart 8. November 2018)

Es gab , und das ist noch nicht lange her, eine Zeit, in der es hieß, soviel wie möglich müsse der öffentlichen Hand entzogen, müsse privatisiert werden. Die Folgen dieser Fehlentscheidungen sind heute überall spürbar. Leider auch auf dem Gesundheitssektor.

Viele Kliniken wurden privatisiert und verstehen sich demnach heute nicht mehr so sehr als Krankenhäuser sondern eher als Unternehmen. Und Unternehmen müssen Gewinne machen: zwischen 10 und 15 Prozent aller Einnahmen.

Die Folgen: Personal wird eingespart; Betten müssen aus Pflegekräftemangel stillgelegt werden; manche Privatkliniken nehmen nur noch „rentable“ Patienten auf, die übrigen werden abgewiesen; oft gilt für die von vornherein festgelegte Verweildauer nicht das Ende der Krankheit sondern der wirtschaftliche Faktor; es wird zu viel operiert, weil das mehr Geld einbringt; „kranke Kinder bringen kein Geld“, wird einmal gesagt; die Kranken sind keine Patienten sondern Klienten; die gesetzliche Einführung der Fallpauschale war ein Fehler; die Versorgungspflicht und die Daseinsvorsorge sind nicht mehr gewährleistet; die privaten „Krankenhausfabriken“ sind bereits in der Mehrzahl; Investitionen, die die Länderregierungen tragen müssten, werden auf die Kliniken abgewälzt; bei einem schwer verletzten Bein ist die Amputation rentabler als die Gesundpflege; „Personalmangel“ kann tödlich sein; Kranke werden zu oft und zu lange allein gelassen, was sie schwer gefährdet; es besteht das Risiko einer erhöhten Sterblichkeit; zum Teil erschreckend, wie die Menschenwürde gedemütigt wird.

Das alles wird in diesem wichtigen Dokumentarfilm von den vielen Betroffenen unwiderlegbar erläutert und bewiesen. Hier gilt wirklich der Satz: „Die Stärke einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.“

Ist es nicht endlich Zeit, die schweren Fehler zu beheben?

Leslie Franke und Herdolor Lorenz ist für diesen Film zu danken. Jeder müsste ihn sehen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Bohemian Rapsody


von Bryan Singer

(Fox, Kinostart 31. Oktober 2018)

Auch wer von Rockmusik nicht viel versteht, kennt wohl den Namen Freddie Mercury, und dass dies zu Recht so ist, weiß man umso mehr, wenn man diesen Film gesehen hat. „We are the Champions“ singen sowieso alle.

In vielfacher Hinsicht war der Mann ein Riesentalent. Als eine verhältnismäßig unbekannte Band in den 70er Jahren ihren Sänger verlor, bot er sich an – und wurde genommen. Von der Religion seiner Eltern her war, was er trieb, jedoch eher ungewöhnlich.

Die Band „Queen“ wurde ab 1970 vor allem seiner Auftritte wegen schneller berühmt, als zu vermuten gewesen wäre. Schon bald trat sie in vielen großen Städten aller Kontinente vor Zehntausenden von Fans auf. Und obwohl die Konkurrenz groß war, blieb die Berühmtheit immer unangetastet.

In jungen Jahren hatte Freddie sich in Mary Austin verliebt. Die beiden haben sogar geheiratet. Das ging so lange gut, bis er ihr gestand, dass er bisexuell sei. Männer haben denn dann in seinem Leben auch nicht gefehlt.

Irgendwann kam es zur „Queen“-Krise. Freddie hatte ein viel zu ausschweifendes Leben geführt, außerdem strebte er eine Solo-Karriere an. Aber er scheiterte. Vielleicht auch deshalb, weil er sich angesteckt und bereits Aids bekommen hatte.

Die Bandfreunde nahmen ihn jedoch wieder auf, und nicht viel später kam es zu jenem „Live-Aid“-Konzert , an dem Hunderttausende teilnahmen. Die Performance Freddies, das Spiel der Band, die allgemeine Stimmung, der Jubel der Fans, sie waren absolut überwältigend.

Tim Hutton begleitete den erkrankten Freddie bis zu dessen  Tod, der 1991 eintrat.

Ein Bombenfilm ist das geworden. Die musikalische und  schauspielerische Leistung von Rami Malek als Freddie kann man nicht genug bewundern. Dazu der bildliche Aufwand, die Schilderung der Epoche, das Leben der Band, die weltberühmte Musik, die einzelnen Milieus, die Herbeizauberung der damaligen Zuhörerstimmung und natürlich auch die Darstellung der persönlichen Probleme des Sängers – all dies ist sehr, sehr gut gelungen.

Vor allem für Rock- und Mercury-Fans ein Filmerlebnis.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Nur ein kleiner Gefallen


von Paul Feig

(Studiocanal, Kinostart 8. November 2018)

Stephanie Smothers ist eine junge hübsche Frau, die mit ihrem kleinen Buben Miles zusammen lebt; der Mann ist leider schon tot. Als Social-Media-Bloggerin bessert sie ihre finanzielle Lage auf, Kochrezepte sind ihre große Spezialität.

Die sich eher mondän geben wollende Emily Nelson, deren Kind Nicky ein Schulkamerad von Miles ist, freundet sich mit Stephanie an und bittet sie, ein Auge auf ihren Nicky zu werfen, weil sie kurz abwesend sein müsste.

Aus der kurzen Zeit wird eine lange – denn Emily verschwindet auf Nimmerwiedersehn. Dass daraufhin Emilys Gatte Sean und Stephanie ein Paar werden ist eigentlich nichts Ungewöhnliches.

Ungewöhnlich ist eher, was dann geschieht. Stammt Emily nicht aus Drillingen, und warum ist eine der drei Schwestern ertrunken? Stimmt das, dass Stephanie mit ihrem Halbbruder eine sexuelle Beziehung hatte? Lebt Emily, die als tot galt, doch noch? Treffen die tödlichen Schüsse, die gegen Ende fallen, die Richtigen oder die Falschen?

Zwei völlig unterschiedliche und trotzdem äußerst sympathische aber auch herausfordernde Damen treten hier auf – wirklich herrlich gespielt von Anna Kendrick als Stephanie und Blake Lively als Emily.

Die Dialoge zwischen den beiden sind geschliffen, und was sonst noch an Witzigem und Ironischem, an Zynischem oder Schamlosem, an Dunklem und Traurigem, an Grausamem oder Tödlichem passiert:

„Die Wahrheit muss das Publikum herausfinden“, heißt es dazu irgendwo.

Das Ganze: amüsant und unterhaltsam.




In my Room


von Ulrich Köhler

(Pandora, Kinostart 8. November 2018)

Armin arbeitet für das Fernsehen, hat dabei aber augenscheinlich wenig Glück. Zudem weiß er, dass seine geliebte Oma im Sterben liegt. Sein Vater, den er aufsucht und bei dem die Oma bisher lebte, ist nicht mehr mit seiner Frau, also Armins Mutter, zusammen sondern mit einer anderen.

Dann ist es soweit. Die Oma verlässt das Zeitliche. Armin ist erschüttert.

Ein paar sehr schöne Szenen sind das.

Aber mit dem Tod der Oma ändert sich die Welt. Sie leert sich. Plötzlich ist Armin allein. Und zwar mutterseelenallein. Auf den Straßen ist niemand mehr, der Verkehr ruht total. Die Häuser sind verlassen. Die Geschäfte sind geöffnet aber verlassen.

Lange fährt Armin allein herum. Er sucht und sucht. Vergeblich.

Er kommt aufs Land, hält sich in einem aufgegebenen Haus auf, wohl ein kleiner Bauernhof. Menschen gibt es offenbar keine mehr aber wenigstens Tiere: eine Ziege, ein Pferd, Geflügel.

Nach langer Zeit, in der Armin herumgeirrt ist, taucht eine junge Frau auf. Eine gewisse Zeit leben die beiden zusammen, kommen sich auch nahe. Dann jedoch zieht die Frau weiter.

Wieder allein. Die totale Freiheit, die Armin nun schon seit langem genießt, ist wirklich zur totalen Einsamkeit geworden.

Gespielt wird dies von Hans Löw und Elena Radonicich sehr gut.

Und das Thema sowie den ganzen sehr ruhig inszenierten Zweistunden-Film wird man wohl als Allegorie, als Sinnbild für die Einsamkeit des Menschen verstehen müssen.   

 




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Datum: 29.10.2018


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