Der Gilden-Dienst Nr. 45-2017
Wer war Hitler

Von Hermann Pölking

(Salzgeber, Kinostart 16. November 2017)

Wer war Hitler? Die Älteren unter uns wissen es noch, den Jüngeren muss es beigebracht werden. Und dazu ist ein Film wie dieser höchst geeignet. Eines kann man mit Sicherheit schon vorweg sagen: Er war einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte.

Regisseur Hermann Pölking stellte einen mehrstündigen Film zusammen: über Adolf Hitlers Lebensdaten, seine Untaten, seinen Größenwahn, seinen Judenhass, seinen Rassenwahn, seine innen- und außenpolitischen Rechtsbrüche, seine Kriege - und seine Vergötterung durch einen Teil der damaligen Deutschen.

Es sind tragische Lehrstunden – immer wieder von Entsetzen unterbrochen.

Geboren ist Hitler 1889 in Braunau am Inn; Schule in Linz; dann nach Wien; dort von der Malerakademie abgelehnt; danach in München; Soldat im Ersten Weltkrieg; bald Gründung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP); mit General Ludendorff Putsch gegen die Regierung in Berlin; Prozess und Haft in Landsberg; Abfassung von „Mein Kampf“; 1933 Wahlsieger und Reichskanzler; danach unmittelbar  Diktatur mit Ermächtigungsgesetz , Erbgesundheitsgesetz, Antijudengesetze; Ermordung des SA-Führers Röhm. . .

. . . Zerschlagung Österreichs und der Tschechoslowakei; Krieg gegen Polen („Polen vernichten“); Krieg gegen Frankreich, England sowie die Vereinigten Staaten und zahllose schwerste Kriegsverbrechen; unrechtmäßige Besetzung von ganz Nordeuropa; Nichtangriffspakt mit Stalin aber trotzdem  Unternehmen „Barbarossa“, d.h. Angriff auf Russland; Stalingrad! . . . 

. . . Pogrome, Ghettos, KZs und unzählige Massenmorde an Juden; Ermordung von „unwertem Leben“ („Gnadentod“ genannt).

Schuld am Tod von Abermillionen Menschen.

Zitate aus „Mein Kampf“ oder aus den „Tischgesprächen“ kommen ebenso zu Wort wie Aussagen des Jugendfreundes August Kubizek oder Berichte der Sekretärinnen, seines Chefdolmetschers Paul Otto Schmidt und zum Beispiel von „Putzi“ Hanfstaengl, zeitweise Hitlers Pressesprecher für das Ausland.

Künstler und Politiker, die, wie der Film zeigt, warnten, jedoch nichts ausrichten, die Katastrophe nicht verhindern konnten, gab es genug: etwa Klaus Mann, Vicky Baum, Carl Zuckmayer, Sebastian Haffner, Marie Louise Kaschnitz, Manes Sperber, Ernst Jünger, Julius Leber und andere. Sie erreichten nichts, riskierten nur ihr Leben.

Für alle Kinozuschauer ernüchternde aber notwendige historische wie aktuelle Lehrstunden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Das Kongo-Tribunal

Von Milo Rau

(RealFiction, Kinostart 16. November 2017)

Afrika ist ein so schöner und reicher Kontinent. Warum sind nach über einem halben Jahrhundert seit der Befreiung von den Kolonialmächten die Zustände immer noch so, wie sie sich darbieten?

In diesem Film geht es um den Kongo, einer der größten afrikanischen Staaten. Und dieser Staat ist nicht nur groß sondern vor allem im Osten auch reich an wertvollen High-Tech-Rohstoffen. Und was geschieht? Große Konzerne sichern sich  die Schürf- und Produktionsrechte; Regierungsmitglieder machen (natürlich gegen die Sicherung eigener Vorteile) mit; die Menschen werden von ihrem Land vertrieben, enteignet, zwangsumgesiedelt; ihnen gegebene Versprechen werden nicht eingehalten; Rebellengruppen und das Militär liefern sich in einem Bürgerkrieg blutige Kämpfe; das Niederbrennen ganzer Dörfer und Massaker an Menschen, vor allem auch an Frauen und Kindern, kommen immer wieder vor.

Mehrere Millionen Menschen haben im Laufe der letzten 20 Jahre so ihr Leben verloren.

Das „Kongo-Tribunal“, in mehrjähriger Arbeit von Autor und Regisseur Milo Rau initiiert, wollte dies öffentlich machen, wollte anklagen, wollte analysieren, wollte zeigen, „wer ein Interesse daran hat, dass das auch so bleibt“.

Immerhin gelang es, für das in Bukavu (Kongo) und Berlin abgehaltene mehrtägige Tribunal Richter, Anwälte, zuständige Minister, Militärs, Rebellen, Minenarbeiter (also Opfer) aber auch NGOs, Menschenrechtsaktivisten und Vertreter internationaler Organisationen zusammenzubringen. Und mit diesem Film ist Raus Arbeit keineswegs abgeschlossen.

Ob juristische Folgen zu erwarten sind, ist noch nicht sicher.

Sicher aber ist, dass solche großenteils bewusst herbeigeführten Zustände, solche menschenverachtenden Untaten, solche Schwerverbrechen hinausgeschrien werden müssen wie in diesem Film. . .

. . . denn nur so kann man hoffen, dass das politische, gesellschaftliche, menschliche Bewusstsein eines Tages endlich besser wird.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Silly – Frei von Angst

Von Sven Halfar

(Arsenal, Kinostart 16. November 2017)

Rockbands gibt es wahrlich viele, aber die, um die es in diesem Film geht, ist doch etwas Besonderes. Zwei Abschnitte gibt es nämlich in deren Dasein, dazwischen liegt eine jahrelange Pause.

Der erste Abschnitt stammt aus der DDR-Zeit.  Rock war sicherlich nicht gerade die Lieblingsmusik des Zentralkomitees und der obersten kommunistischen Parteiführung unter Honecker, und tatsächlich musizierte, wie eines der Mitglieder jetzt sagt, die Silly-Band im Rahmen des Möglichen auch gegen das Regime. Allein das Aussehen spielte da schon eine gewisse Rolle. Beim jungen Publikum war der Erfolg riesengroß. Der Musikstil war allerdings anders als heute. Ein Teil des Erfolgs ging auf das Konto der charismatischen Sängerin Tamara Danz, die allerdings leider sehr früh an Krebs starb.

Wie gesagt dauerte es Jahre, bis Richie Barton, Jäckie Rezniczek und Uwe Hassbecker sich wieder zusammentaten. Und es bedurfte auch einer neuen Sängerin. Sie wurde in Anna Loos gefunden. Und siehe da, der Stil ist anders, aber der Erfolg wieder überwältigend.

Packen, touren, proben, die Soundchecks vornehmen, diskutieren, streiten, die Charaktere der vier Musiker auf einen Nenner bringen, gemütlich zusammen sein, Neues finden, die Nervosität überwinden, eine immense Bühne aufbauen lassen, dann auftreten, alles geben, gekonnt Musik machen, Songs in die Menge schleudern, den Jubel des Publikums entgegennehmen . . .

. . . alles wird hier auf die natürlichste Weise vorexerziert. Das ist interessant und sicherlich einmal sehenswert. Denn meistens sieht man von anderen Bands nur final arrangierte Auftritte.

Insofern ist dieser Film etwas Besonderes.

(Man hätte allerdings noch mehr verstanden, wenn deutlicher gesprochen worden wäre.)

Für echte Rock-Fans ein Vergnügen und sogar bis zu einem gewissen Grade lehrreich.

 

Human Flow

Von Ai Weiwei

(NFP, Kinostart 16. November 2017)

„Menschlicher Strom“ heißt der Film. Ja, die Flüchtlinge strömen, vor allem seit 2015, 2016. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Ai WeiWei ist selbst Flüchtling aus China, und so ist es verständlich, dass er sich diesem Thema, dieser Tragödie widmet.

Man begreift, wenn man diesen Film sieht, in wie unendlich vielen Ländern, an wie unendlich vielen Orten die Menschen fliehen. An die 20 Länder sind hier behandelt: nicht nur Jordanien, der Libanon, Griechenland, Mazedonien, Italien oder die Türkei, sondern auch Länder wie Bangladesch, Mexiko, Thailand oder Malaysia.

Ai WeiWei ist an vielen Orten anwesend, ausrichten kann er nicht viel. Ab und zu streut er in seinen Dokumentarfilm dichterische Zitate ein oder es kommt zu einem kurzen Interview. Und dann spricht er auch mit einigen wenigen Flüchtlingen.

Filmisch ist das in erster Linie eine Aneinanderreihung von (Fernseh)-Bildern, die man seit langem kennt. Und doch ist es wichtig, diesen Film zu sehen. Unendlich ist das Leid, tragisch die politische Situation. Wo immer möglich muss den echten Flüchtlingen (jedoch nicht den illegalen Migranten) geholfen werden.

Einmal stockt man: In Italien landen mit einem Mal weit über hundert junge Afrikaner. Fast 100 Prozent Männer. Sind das Flüchtlinge?

Noch einmal: Erschütternd und unendlich ist das Leid, tragisch sind die politischen (Bürgerkriegs)-Situationen. Überfüllte Camps, Zäune an den Grenzen, Meeresüberquerungen unter Lebensgefahr.

Noch einmal: Wo immer möglich, muss den echten Flüchtlingen geholfen werden.

Und diesen Film nicht ignorieren!

 

Animals - Stadt Land Tier

Von Greg Zglinski

(Film Kino Text, Kinostart 16. November 2017)

Wien. Anna ist Schriftstellerin, ihr Mann Nick ein Koch und Küchenmeister, der  spezielle Rezepte sammelt. Die beiden beschließen, für ein halbes Jahr ein Chalet in der gebirgigen französischsprachigen Schweiz in der Gegend um Fribourg und Vevey zu mieten. Dort will jeder seiner Arbeit nachgehen. Ihr Verhältnis ist nicht immer ideal, aber man spürt letztlich doch, dass sie sich lieben.

Auf die Wiener Wohnung soll Mischa aufpassen, beispielsweise die Fische füttern. Aber da ist im gleichen Haus noch etwas: Eine Etage höher wohnt nämlich Andrea, mit der Nick eine Affäre hat. Wird sie sich später einmal aus dem Fenster stürzen – oder bildet Anna sich das nur ein?

Damit tauchen schon die ersten psychischen Fragen auf. Hat Anna Visionen? Wie sieht es mit ihrem Gedächtnis, ihrer Vorstellungskraft aus, sind es Wahnvorstellungen, sind es Träume, spielt das Unterbewusstsein mit, was ist real, was fiktiv - Themen, die während der an sich ruhig dahinfließenden Filmhandlung immer wieder aktuell werden.

Während der Hinfahrt spielen Nick und Anna ein Ratespiel. Die Aufmerksamkeit leidet, und schon ist der Autounfall da: Nick überfährt ein Schaf. Anna wird am Kopf verletzt – wie kurz davor schon Mischa in Wien. Oder war es Andrea?

Haben Annas Halluzinationen etwas mit ihrer Verletzung zu tun? Und sieht die Eisverkäuferin in Vevey nicht genauso aus wie Andrea? Oder wie Mischa?

Einmal ist Anna überzeugt, dass sie und Nick in den Bergen erst angekommen seien – obwohl sie bereits 12 Tage da sind. Ein andermal träumt sie, sie werde ermordet. Sie sieht einen Vogel, der sich an der Zimmerwand selbst zerschmettert – obwohl es diesen Vogel gar nicht gibt.  Dann wieder wird sie von einer sprechenden Katze gewarnt. Einem sie behandelnden Arzt fehlt, wie sie meint, ein Finger, obwohl dies gar nicht zutrifft – und er diesen Finger erst später verliert.

Raum und Zeit sind aufgehoben, präsentiert wird ein Psycho-Spiel, werden Spannungs- und Horrorelemente. Nichts ist gewiss, alles ist gewollt rätselhaft. Ein Wirrwarr auf gehobenem Niveau. (Manche wollen sogar schwarzen Humor entdeckt haben.)

Da fehlt weder die Originalität noch die Spannung, auch wenn man alles selbst entschlüsseln und so etwas wie ein Fan des Genres sein muss.

Die Feststellung, dass Darsteller wie Birgit Minichmayr als Anna und Philipp Hochmair als Nick ihre Rollen eindrucksvoll spielen, darf hier ebenso nicht fehlen.

Für Liebhaber des Genres.

 

Fikkefuchs

Von Jan Henrik Stahlberg

(Alamode, Kinostart 16. November 2017)

Ein Film, bei dessen Ansicht man Empfindlichkeiten zu Hause lassen muss.

Rocky hielt sich sexuell immer für einen Supermann, der „Größte in ganz Wuppertal“. Aber so ganz stimmte das wahrscheinlich nicht. Und nun sowieso nicht mehr.

Eines Tages taucht vor seiner Tür ein junger Mann auf, der sich als Rockys Sohn vorstellt. Gudrun ist die Mutter. Wer war nochmal Gudrun? Sicher ist die Herkunft nicht. Typisch, dass der junge Mann Thorben heißt, von Rocky aber wochenlang Thorsten genannt wird. So nah können die beiden sich also nicht sein.

Thorben ist sexsüchtig. Aus der Therapie, die er wegen einer Vergewaltigung durchmachen musste, haute er ab. Von seinem Vater möchte er vor allem erfahren, wie man seine Männlichkeit in den Vordergrund stellen kann, wie man körperlich potent bleibt oder wird, wie man Frauen „herumkriegt“, wie man so, glaubt er, ein befriedigtes Leben führen kann. Denn Sex, Sex und noch einmal Sex ist ihm das Wichtigste.

Die beiden besuchen sogar ein Seminar, in dem Frau Wilson Kerle in dieser Beziehung auf Vordermann zu bringen versucht. Es scheint sogar zu klappen, denn Rocky kann in schönster Urlaubsumgebung noch einmal eine Liebes- bzw. Sexbeziehung mit der jungen schönen Milena eingehen. Dann allerdings muss er sterben, denn er litt an einem fortgeschrittenen Prostatakrebs.

Hat er sich etwa deshalb nicht rechtzeitig operieren lassen, weil danach kein Sex mehr möglich gewesen wäre? Es ist ihm zuzutrauen. Und wie geht es sexuell und vor allem geistig (!) mit Thorsten weiter?

Es gibt zu dem hier behandelten Thema Versuch des totalen Männlichkeitsbeweises auch Literatur, aus der der Vater dem Sohn manchmal vorliest. Soviel zum Geistigen. Der Rest ist Sexpraxis.

Die Meinungen sind geteilt. Manche sprechen von einer „unglaublich mutigen Komödie über böckelnde Männlichkeitsideale“ (Deutschlandradio Kultur) oder von einem „grellen Schlaglicht auf die Frontverläufe im Krieg der Geschlechter“ (kino-zeit.de), andere haben während des Films das Kino verlassen!

Nichts für zarte Gemüter.  

                 

 

     

 

  

   

 

 

       

 

 

  

    

 
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Datum: 06.11.2017


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