Der Gilden-Dienst Nr. 45-2018
Assassination Nation

von Sam Lewinson

(Universum,15. November 2018)

Ein großer Einfluss der Social Media auf das Geschehen in der heutigen Welt ist nicht mehr zu leugnen. Es geschieht dabei Gutes, Rettendes, Zuverlässiges, Informatives, Erzählerisches, Ermutigendes und vieles Positive mehr.

Aber es besteht eben auch die Kehrseite: Falsches, Verleumderisches, Beleidigendes, Übertriebenes, Verführerisches, Verächtliches, wirklich Schlechtes.

Das gilt natürlich auch für die amerikanische Kleinstadt Salem, von der dieser Film handelt. Da gibt es eine regelrechte Gang der Mädchen Lily, Sarah, Em und Bex, die außer ein bisschen High School sich nur für Rockmusik, Flirts, Party, Tanz, Smartphone-Blogs sowie Sex, Sex und noch einmal Sex interessieren.

Jetzt brechen ein Hacker-Aufruhr, Unglück, Mord und Totschlag los. Alles wird aufgedeckt: Privates, Verborgenes, Vertrautes, Intimstes, angeblich Pornographisches. Der Bürgermeister wird „entlarvt“, auch ein Lehrer, dem Pädophilie vorgeworfen wird – nur weil von seinem eigenen Töchterchen Bilder von der Badewanne zu sehen sind.

Die Mädchen-Gang wird beschuldigt – zu Unrecht. Es bilden sich Gruppen von Rächern. Es wird aufgelauert, gekämpft, geschossen, getötet.

Aber werden die jungen Frauen am Schluss nicht doch die Siegerinnen sein?

Hier wird während der kompletten Filmhandlung alles beschleunigt, vergröbert, übersteigert: das Milieu, die Musik- und Partyszenen, die sehr ordinären Dialoge, die vielen Smartphone-Kontakte, die Auseinandersetzungen, die angeblichen Entlarvungen, die Morde und natürlich auch der Sex.

Aber dies geschieht natürlich absichtlich – um zu zeigen, was in der heutigen Welt wirklich los ist.

Der Film ist nichts anderes als dafür eine deutliche Metapher.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Loro - Die Verführten

von Paolo Sorrentino

(DCM, Kinostart 15. November 2018)

Silvio Berlusconi muss, als er seine Sommervilla auf Sardinien für die Dreharbeiten zur Verfügung stellte, gewusst haben, dass er dabei wahrscheinlich nicht allzu gut wegkommen würde. Dass er es trotzdem alledem tat, spricht für ihn.

Natürlich gibt es eine detaillierte Handlung, doch die ist in Paolo Sorrentinos Film eigentlich zweitrangig. Es geht hier insbesondere um die Entlarvung einer bestimmten italienischen Oberschicht - einer angeblichen Oberschicht -, ob es sich um Immobilienspekulanten handelt oder um Politiker, Regierende oder politisch Abgehalfterte, Börsianer oder Betrüger, Zuhälter und Veranstalter von Orgien und Sexpartys oder Klatschreporter, Jungfrauen oder Nutten, Angeklagte oder Verführer, Medienunternehmer oder Beamte.

Sorrentino hat zugeschlagen: mit einer lebendigen und lauten Bilderfülle, mit Sexpartys, mit Silvios „Kauf“ von Senatoren, mit deutlichen Argumenten jeweils beider gegnerischer Seiten, mit der Ehekrise zwischen Silvio und seiner Gattin Veronica, mit Machtspielchen, mit Bunga-Bunga, mit drohenden Gerichtsverfahren, mit  Witzen, mit dem Kampf politischer Konkurrenten. . . 

. . . und einer besonders charakteristischen Szene, in der ein minderjähriges Partygirl den sich nähernden Silvio mit den Worten abfängt: „Du riechst nach altem Mann.“

Natürlich gibt es auch das andere Italien! Ein gutes, ein tüchtiges, ein christliches, ein kulturelles.

Und doch beleuchtet der Film ein unleugbares Phänomen, das zuzunehmen scheint. Dekadenz in höchster Vollendung – und übrigens übertragbar auf viele andere Länder und Gesellschaften.

Höchstes Lob für Toni Servillo, der den auch äußerlich total auf Berlusconi zurecht gemachten Silvio spielt. Alle Achtung vor seiner schauspielerischen Leistung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr zu empfehlen.

 

Suspiria

von Luca Guadagnino

(Capelight, Kinostart 15. November 2018)

Die junge Amerikanerin Susie Bannion, die strenger mennonitischer Gläubigkeit entfliehen will, kommt in den 70 Jahren während des Kalten Krieges nach Westberlin. Sie will in der Tanzakademie Markos studieren, trainieren und tanzen. Da ihr Talent sofort erkannt wird, wird sie angenommen und insbesondere von Madame Blanc protegiert.

Die Übungen sind außergewöhnlich hart, und es geht auch nicht um Ballett im klassischen Stil, sondern um modernen expressionistischen Tanz. Gespielt wird das Stück „Volk“, das rasch auf politische Bezüge hindeutet.

Da mit einer einzigen Ausnahme nur Frauen auftreten auch auf feministische?

Merkwürdig erscheint bald, dass zwei oder drei der Mädchen auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Was geht hier genau vor? Immerhin hat Susie eine Freundin gewonnen, die Sara.

Tanz darf nicht nur schön und glücklich sein, wird einmal gesagt. Das bewahrheitet sich in „Suspiria“ schnell. Denn angedeutet durch das Tanzstück „Volk“ tauchen sofort politische, gesellschaftliche und auch mysteriöse Themen und Theorien auf: die kriminelle RAF; die „Revolution“ der 68er; das Ende der Nachkriegszeit und damit verbunden das Auftreten und die Demonstrationen einer anderen Generation; neue Formen der Kunst und Ästhetik; deutliche Anzeichen des seit langem notwendigen Feminismus; wohl auch Bezüge zur äußerst problematischen Jetztzeit; in dieser Darstellung all dies auch verbunden mit Hexerei, mit Okkultem, mit Mysteriösem, mit Geisterhaftem, mit Horror, mit viel Blut.

Wer sich thematisch schwertut, wer nicht alles als metaphorisch für gezielte Themen werten kann, wird filmisch reich entschädigt: durch den Tanz, durch ausdrucksstarke Bilder, durch kraftvolle bis schwindelerregende Szenen, durch Farben und Licht, durch einen spektakulären Sound und durch exzellentes Schauspiel vor allem durch Tilda Swinton als Madame Blanc und Dakota Johnson als Susie Bannion.

Ein ebenso bewundernswerter wie monströser Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Rememory

von Mark Palansky

(Kinostar, Kinostart 8. November 2018)

Der Psychologie-Professor Gordon Dunn erfand eine Maschine, die frühere Erlebnisse und Erinnerungen vollständig ins Gedächtnis zurückruft und auch speichert.

Der Modellist Sam Bloom braucht Hilfe, weil sein Bruder Peter, ein Rock-Star, bei einem Autounfall starb und ungenaue letzte Worte sprach.  Sam will sich Dunns Erfindung zunutze machen und diese Worte aus dem Unbewussten hervorholen.

Doch plötzlich ist Dunn tot. Sam bleibt nichts anderes übrig als den Detektiv zu spielen. Er eignet sich die Gedächtnis-Maschine des toten Professors an – und nun tun sich auf den entsprechenden Test-Clips Welten auf: Er sieht, welche Person Dunn als letzte sah; dass dieser eine Geliebte, Wendy, hatte, von der Dunns Frau Carolyn wusste (und die auch bereits Clips an sich genommen hatte); dass eine Testperson Selbstmord beging; dass außerdem bei seinen Untersuchungen Halluzinationen auftreten.

Dabei sieht er nicht nur seinen toten Bruder, sondern auch seine eigenen Verhaltensweisen und sein Erinnerungsvermögen, die im Falle des Autounglücks offenbar nicht nur Gutes aufweisen. Er weiß jetzt, wer im zweiten Unfallauto saß und wer zu Tode kam. Er erkennt, dass Dunn starb, weil und als er alle seine unguten Erinnerungen und Gedächtnisfetzen löschen wollte.

Carolyn und Sam tun offensichtlich gut daran, ihre Dunn-Clips im Meer zu entsorgen.

Immerhin eine neue Idee. Und ein Puzzle von einem Film. Die Zuschauer werden einigen Scharfsinn brauchen, um alles auseinanderzuklamüsern. Vielfalt ist genug da, eine gute Dramatisierung und Montage ebenfalls.

Und Peter Dinklage (Sam Bloom) oder Julia Ormond (Carolyn Dunn) spielen prima.

 

Pink Elephants

von Susanne Bohlmann

(wfilm, Kinostart 15. November 2018)

Schauspieler zu werden oder gar bis Hollywood durchdringen zu können ist der Wunsch nicht weniger junger Menschen. Davon handelt dieser Film.

Aber um Schauspieler zu sein muss man nicht nur gestalterisch biegsam sein, sondern eine sehr breite Gefühlsskala an den Tag legen können: Lachen und Weinen, Glück und Trauer, Liebe und Zorn, Empfangsbereitschaft und Ablehnung, innere Bewegung und äußere Ruhe.

All das kann man, so wird gemeldet, in vier Tagen für einige hundert Euro in einer Masterclass bei dem Acting-Coach Bernard Hiller lernen.

Es sieht so aus als ginge das – aber um welchen Preis! Denn der Mann ist eine problematische Natur, das ist das Mindeste, was man sagen kann. Er ist (vielleicht gibt er sich nur so) von sich überaus eingenommen, sagt, er irre sich nie. Er fordert, schreit, verurteilt, macht auf Psycho, schmeißt manche hinaus, duldet keinerlei Widerspruch, greift an, verletzt, manipuliert, ist willkürlich, treibt alles bis zum Äußersten, macht auf Dramatik, versucht zu „therapieren“, bringt manche zum Weinen.

Warum nicht auch das Gegenteil?

Doch bei nicht wenigen funktioniert es. Es ist ihnen eine Herzensangelegenheit, sie sind mit Leidenschaft dabei, es wirkt auf sie befreiend, sie halten es für sensibel, sagen zu ihm: „Du bist ein Geschenk für die Welt“. Sie fühlen dabei „Großes in sich“, den „Schlüssel für ihr Leben.“ - „Er sagte mir, wie ich zu leben habe.“

Nur wenige sehen ihn kritisch, nehmen entschieden Abstand: „Er verkauft Liebe, aber er liebt nicht.“

Das alles wird in dieser speziellen Dokumentation von Susanne Bohlmann filmisch professionell knallhart festgehalten. Ein Beispiel für möglicherweise wirksame Radikalität, aber ebenso stellt sich die Frage nach dem menschlichen Wert des Hillerschen Verhaltens.

Interessierten zu empfehlen.

 

Juliet, Naked

von Jesse Peretz

(Prokino, Kinostart 15. November 2018)

Bei einem Stoff wie hier von Nick Hornby hat man nicht viel zu befürchten. Und das gilt tatsächlich auch für diesen Film.

Annie ist eine patente junge hübsche Frau. Die Kunsthistorikerin leitet im englischen Sandcliff das Stadtmuseum. Seit vielen Jahren verbunden ist sie mit Duncan. Der allerdings interessiert sich inzwischen weniger für Annie, die gerne eine Familie und Kinder hätte, als für die Musik eines gewissen Tucker Crowe, der zwar ein guter Musiker gewesen sein soll, von dem jedoch nun während vieler Jahre nichts mehr zu sehen und zu hören war. Das allerdings hindert Duncan nicht daran, einer der größten Fans Crowes zu sein. Seine Sammlung ist beachtlich.

Eines Tages, Duncan ist nicht da, kommt ein Crowe-Demo-Band an. Annie, die auf ihren Partner sauer ist, nimmt es sich vor – und schreibt digital einen ganz schönen Verriss. Duncan ist fuchsteufelswild: es ist absehbar, dass die Beziehung nicht mehr lange halten wird.

Ganz anders die Reaktion von Tucker Crowe, der plötzlich aus der Versenkung auftaucht und Annie völlig Recht gibt. Denn er hält sich für einen Versager, nur noch als Großvater von mehreren Kindern von mehreren Frauen tauglich.

Er hat eine Tochter in England, die Lizzie, die zwar erst 20 aber schwanger ist. Ein Grund für ihn, nach England zu kommen.

Und natürlich auch um Annie zu treffen. Was daraus wird, kann man sich denken.

Eine intelligente, herzerwärmende und amüsante Komödie, die sich wie gesagt auf einen Roman von Nick Hornby stützt und schon deshalb von vornherein eine Qualitätsgarantie aufweist. Die einzelnen Phasen sind gut miteinander verquickt, Menschlichkeit, Romantik, Dialoge, Witz und Milieu stimmen. Gespielt wird zudem brilliant, bei diesen Namen (Rose Byrne als Annie, Ethan Hawke als Tucker Crowe und Chris O' Dowd als Duncan) kein Wunder.

Mehr kann man beim besten Willen nicht verlangen.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.

 

 

 
zum Download
Datum: 05.11.2018


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