Der Gilden-Dienst Nr. 45-2019


Bis dann, mein Sohn


von Wang Xiaoshuai

(Piffl, Kinostart 14. November 2019)

Eines kann gleich vorausgeschickt werden: Dieser Film beinhaltet eine der besten Zeit- und Milieuschilderungen, die man im Kino seit langem gesehen hat.

Er spielt um die Jahrtausendwende, etwa von den 80er Jahren bis ca. 2010 in der Volksrepublik China. LIU Yaojun und seine Frau WANG Liyun sind einfache Metallarbeiter aber ein glückliches Paar. 1982 bekommen sie einen Sohn, Xingxing. Tragischerweise kommt das Kind 12 Jahre später ums Leben; es ertrinkt in einem See. Yaojun und Liyun  adoptieren ein Waisenkind, dem sie den gleichen Namen geben wie ihrem verstorbenen Kind. Allerdings ist Xingxing nicht leicht zu erziehen – und verlässt später seine Familie.

SHEN Yingming und seine Frau LI Haiyan sind befreundete Arbeitskollegen. Am gleichen Tag wie Xingxing kommt ihr Sohn Haohao zur Welt.

Wie groß wird später seine Schuld am Tode von Xingxing sein?

Die Familien trennen sich. Yaojun und Liyun ziehen fort. Die Trauer, die Schuldgefühle, die ständige Suche nach dem verschwundenen Xingxing, der Umzug Yaojuns und Liyuns in eine Provinz, deren Dialekt sie nicht verstehen, die ärmliche Umgebung, die einfachen Wohnverhältnisse – diese persönlichen Bedingungen durchziehen die ganze Handlung.

Daneben die totale politische und gesellschaftliche Wandlung des Landes: die Kulturrevolution, die in Wahrheit die Kultur nicht förderte sondern zerstörte; der in wenigen Jahrzehnten durchgeführte wirtschaftspolitische Umbau, der China zu einer der führenden Wirtschaftsmächte der Welt machte; die radikale Ein-Kind-Politik, die Liyun zu einer Abtreibung zwang und dazu führte, dass das zahlenmäßige Verhältnis der Geschlechter in diesem Land völlig verschoben ist; politische und gesellschaftliche Bedingungen, die den einen Reichtum und „Glück“ brachten und den anderen Armut und Unglück.

Das alles ist in einer derart meisterhaften Realität und Emotionalität, mit einer derartigen Menschlichkeit und auch Schönheit inszeniert, dass man nur staunen und sich im Kino freuen kann. Die Meisterschaft betrifft die Bilder, das Ambiente, die einsichtige Verschmelzung der verschiedenen Zeit und Geschehnisebenen.

Und sie betrifft natürlich auch die Darsteller. Wie beispielsweise WANG Jingchun als LIU Yaojun, YONG Mei als WANG Liyun, Al Liya als LI Haiyan oder XU Cheng als SHEN Yingming agieren, das ist schon was! In Berlin gab es dafür Preise.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    




Gott existiert, ihr Name ist Petrunya


von Teona Strugar Mitevska

(Jip, Kinostart 14. November 2019)

Es gibt noch viele Länder, in denen total patriarchalische Verhältnisse herrschen. Mazedonien gehört offenbar dazu. Hier spielt dieser Film. Dass nicht zuletzt deshalb eine Mazedonierin ihn drehte, wird in jeder Szene spürbar.

Petrunya ist 32, Historikerin, unverheiratet, derzeit ohne Arbeit. Ihre Mutter Vaska drängt sie, sich eine Arbeit zu suchen. Doch nicht nur das: Sie, gänzlich der Tradition verhaftet, gibt ihr strenge Kleidungs- oder Verhaltensregeln. Sie fordert beispielsweise auch, Petrunya solle sich als Vierundzwanzigjährige vorstellen.

Petrunya stellt sich demnach also in einer großen Näherei vor. Nähen kann sie nicht, doch für die Büroarbeit wäre sie sicherlich geeignet. Der junge Chef aber hält sie nicht nur für beruflich ungeeignet, sondern beleidigt sie schwer. Sie sie sei zu dick, zu hässlich. Nicht einmal mit ihr schlafen würde er.

Ein unerträgliches „patriarchalisches“ Geschwafel.

Petrunya ist auf dem Heimweg. Es ist der Dreikönigstag. Eine orthodoxe Prozession wendet sich dem Fluss zu. Es besteht – wie etwa auch in Bulgarien, Rumänien oder Serbien - der Brauch, dass ein gesegnetes Kreuz in den Fluss geworfen wird und dass junge Männer danach tauchen. Wer es findet, ist ein Jahr lang glücklich.

Dann passiert etwas Ungewöhnliches: Petrunya springt ebenfalls ins Wasser – und sie ist es, die das Kreuz findet.

Die Empörung ist groß. Nur ein Mann darf nach dem Kreuz tauchen. Dass eine Frau Derartiges wagt, ist unerhört. Petrunya wird festgenommen. Alle sind gegen sie: die grölende Männerbande, die Polizei, der Pope. Das Fernsehen überträgt alles – die Moderatorin stellt sich schließlich auf Petrunyas Seite.

Diese hat den Kampf längst gewonnen.

Ein gut inszenierter, aktueller, politisch notwendiger, „feministischer“, in der Milieuzeichnung absolut stimmiger und in der Hauptrolle (Zorica Nusheva) exzellent dargestellter Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Die Sinfonie der Ungewissheit


von  Claudia Lehmann

(Déjà vu, Kinostart 2. November 2019)

Der Titel des Films ist richtig gewählt. Denn er beinhaltet eine Erkenntnis, die leider so ist, wie sie ist: Gewissheit existiert nicht.

Die Regisseurin promovierte einst bei der „Hauptrolle“ dieses Dokumentarfilms, dem Hamburger Professor für Theoretische Physik Gerhard Mack. Jetzt, nach Jahren, will sie ihm Fragen stellen, will vor allem für immer festhalten, was er zu sagen hat, denn er beschränkt sich dabei keineswegs auf Physikalisches.

Abspielen tut sich das Ganze auf dem Areal des sogenannten DESY, des Deutschen Elektronensynchrotron, wo einer der perfektesten Elementarteilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb ist. (Hier wird beispielsweise das stärkste Röntgenbild der Welt erzeugt.)

Überaus langsam tastet sich Claudia Lehmann (in s/w) an das Thema und ihren Doktorvater heran: in langen dunklen Gängen, vorbei an vielen geheimnisvollen Apparaturen, begleitet von verstörender Musik.

Mack ist natürlich in erster Linie Physiker. Er widmet sich der „Theorie der komplexen Systeme“ - aber, und das ist der große Gewinn dieses Films: Mack ist auch Philosoph. Bedächtig, die überzeugenden Begriffe suchend und findend, wählt er seine Worte, dabei weit über die Grenzen der Mathematik und Physik hinausgehend.

Er diskutiert mit seiner gescheiten Lebenspartnerin Rosemarie Dypka, u.a. Hypnose-Coach, oder mit dem Filmemacher Hark Bohm, bei dem Claudia Lehmann teilweise studierte.

Einsichten gewinnen – und niederlegen. Das tut Gerhard

Mack. Man sieht ihn in einer Bibliothek. Das Buch, das er ausleiht, trägt den Titel: „Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts“. Charakteristisch für ihn.

Was in der Diskussion mit den Partnern gesagt wird, vor allem was er selbst sinngemäß sagt:

Ist der Sinn des Lebens vorgegeben? Kann man alles physikalisch verstehen? Nein, nicht alles ist mathematisierbar. Ist eine unsterbliche Seele nachweisbar? Was war vor den Naturgesetzen? Das Universum war vor dem Urknall kleiner als ein Tennisball. Einstein soll seine Relativitätstheorie geträumt haben! Es gibt so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen gibt. Menschen sind wie einzelne Protonen . . .

. . . Werte finden, die den Sinn des Lebens ausmachen. Die objektive Wahrheit gibt es nicht. Jeder will die Wahrheit, die ihm gerade passt. Was ist Leben? Existiert die Zeit? Was ist ein Ort? Wo ist ein Ort? Wie sind Makrokosmos und Mikrokosmos mit einander verbunden, wie sind sie interdisziplinär zusammenzubringen?

Genügend Stoff zum Nachdenken!

Musik gibt es dazu auch. Konrad Hempel hat sie komponiert. Sie ist in ihrem Stil und ihrem hörbaren Ergebnis so außergewöhnlich wie der Film selbst.




Morgen sind wir frei


von Hossein Pourseifi

(Little Dream Pictures, Kinostart 14. November 2019)

Der Iran Ende der 70er Jahre. Der Schah regiert noch - aber nicht mehr lange. Es herrscht eine revolutionäre Stimmung sondergleichen. Reza Pahlavi muss schließlich abdanken, ja sogar fliehen.

Ayatholla Khomeini kehrt aus seinem Pariser Exil  nach Teheran zurück.

In Ostberlin leben der Perser Omid und seine Frau Beate mit der 8jährigen Sarah. Die Drei sind glücklich. Omid ist Kommunist. Trotzdem feiert er die Khomeini-Revolution, weil er glaubt, jetzt in sein Land zurückkehren und politisch in seinem Sinne arbeiten zu können.

Die Drei leben also künftig in Teheran.

Doch der Ayatholla ist nicht der Befreier, den sich alle erhofft hatten. Jetzt zählt nur noch Allah. Viele Rechte werden aufgehoben. Die amerikanische Botschaft wird gestürmt. Es gibt die ersten Toten.

Beate ist mehr und mehr entsetzt. Sie, die Chemikerin,  muss ein Kopftuch tragen, die Kleine wird in der Schule islamisiert. Schon ist das Kind angesteckt. Omids Mutter liest ihr ausschließlich aus dem Koran vor.

Der Krieg zwischen dem Irak und dem Iran bricht aus.

Omid, der Journalist, versucht lange, seine Frau davon zu überzeugen, dass eine Revolution eben mit Veränderungen und Opfern verbunden ist.

Doch langsam dämmert es ihm. Nicht zuletzt die Massenerschießungen, die die „Revolutionsgarden“ sich zuschulden kommen lassen, veranlassen seine Umkehr. Er schreibt einen Artikel gegen das Regime. Die Situation wird tragisch. Jetzt darf seine Frau mit dem Kind nur dann nach Ostberlin zurückkehren, wenn er sich opfert. Und dies tut er dann auch.

Ein wahrer, politisch überzeugender, dramaturgisch vom friedlichen Leben der Drei bis zur tragischen Hochspannung geschaffener Film. So etwas wie ein zeitgeschichtliches Dokument, das über die gesellschaftliche und religiöse Enge im Iran Aufschluss geben dürfte. Bei der diktatorischen iranischen Führung löst der Film wohl keine ungetrübte Freude aus.    

Reza Brojerdi als Omid, Katrin Röver als Beate und auch die kleine Darstellerin der Sarah spielen das übrigens absolut souverän.

„Nach wahren Begebenheiten.“

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Nur die Füße tun mir leid


von Gabi Röhrl

(Filmagentinnen, Kinostart 7. November 2019)

Mehr als 320 000 Menschen gingen 2018 den Jakobsweg. Manche nur 100 Kilometer, andere 900 Kilometer und mehr. Seit Jahrhunderten tun dies die Menschen. Ziel: die Kathedrale von Compostela und das Grab des Heiligen Jakobus. Aber manche treibt es noch weiter – bis zum Cap Finisterre, bis ans Ende der Welt sozusagen.

Warum tun die Menschen dies? Manche pilgern aus Glaubensgründen, sie suchen Gott. Andere wollen lediglich trainieren. Oder die Beziehung zum Partner stärken. Ein weiterer will über sein Leben nachdenken, zu sich selbst finden. Eine große Rolle spielt auch die Tatsache, dass Freundschaften mit anderen Pilgern geschlossen werden. „Buen Camino“.

Die Gastfreundschaft  und die Hilfe der Spanier werden allenthalben gelobt.

Der Weg ist lang. Und manchmal sehr schwierig. Immerhin herrliche Landschaften. Die Ausrüstung muss stimmen. Gewitter lösen den Sonnenschein ab. Disziplin und Pausen sind unverzichtbar. Die Füße gehen kaputt. Schmerzen ohne Ende. Eine Tortur.

Kathedralen, Klöster, Denkmäler und historische Gebäude säumen den Weg. Überall die Jakobsmuschel. An manchen Orten, an denen man vorüber kommt, werden kirchliche Feste und Brauchtum gefeiert.

Dann die letzten Wegstunden. „Die beste Zeit meines Lebens“, sagt eine Frau. Und andere am Ziel: „Erlebnis“, „Geschenk“, „Überwältigung“, „Gefühl von Frieden“, „Dank an Gott“.

Die Regisseurin dieses Dokumentarfilms hat den langen Jakobsweg selbst abgeschritten. Sie bewirkt mit ihrem Werk, dass man etwas sehr, sehr Interessantes erlebt und zusätzlich dass man auf jeden Fall ins  Nachdenken gerät – über sich selbst sowie über „Gott und die Welt“.

Interessierten sehr zu empfehlen.



  


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Datum: 02.11.2019


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