Der Gilden-Dienst Nr. 46-2019


Pferde stehlen


von Hans Petter Moland

(MFA, Kinostart 21. November 2019)

1999. Trond Sanders ist alt geworden – wie das Jahrtausend geht sein Leben zu Ende. Er zieht sich zurück in sein hoch über dem Dorf gelegenes Haus in der Wildnis an der schwedisch-norwegischen Grenze. Er hat seine Frau, mit der er Jahrzehnte verheiratet war, bei einem Autounfall verloren, bei dem er selbst am Steuer saß. In seiner Trauer blickt er zurück auf sein Leben.

Er trifft auf Lars. Der erzählt ihm, dass er einen Rehkitze jagenden Hund habe erschießen müssen. Das sei der erste tödliche Schuss in seinem Leben gewesen. Trond hört sich das an, weiß aber, dass es nicht der Wahrheit entspricht.

Jetzt geht der Film 50 Jahre zurück. 1948. Trond arbeitet mit seinem Vater im Wald: Bäume fällen, diese in den Fluss geben, usw. In der Nähe wohnt die Familie des jungen Jon, mit dem Trond ab und zu ausreitet; Pferde stehlen nennen sie das. Eines Tages lässt Jon seine beiden kleinen Brüder Lars und Odd, auf die er aufpassen sollte, aus den Augen. Da geschieht das Unglück: Lars erschießt beim Spielen Odd. Daraufhin verschwindet Jon für immer.

Jons Mutter ist eine attraktive Frau. Trond verliebt sich in sie. Aber es ist nichts zu machen. Da gibt es Konkurrenz und Eifersucht. Tronds Vater macht sich an die Frau heran, die ohnehin schon verheiratet und Mutter ist.

Was ist mit den Geheimnissen seines Vaters, der ebenfalls für immer verschwindet?

Trond muss in seiner Einsamkeit nun eine Bewertung seines beinahe abgelaufenen Lebens finden.

Autor und Regisseur Hans Petter Moland hat sich dafür viel vorgenommen – manchmal fast ein wenig zu viel, wenn das Donnergrollen und die Musik zu laut sind, wenn das Tempo des Films zu schnell ist, wenn die sich überschlagenden Filmschnitte dieser (Literatur)Verfilmung zu viel werden und damit eine zu komplexe Struktur ergeben. (In den bösesten Besprechungen ist gar von Klischees, Edelkitsch

oder Plattitüden die Rede.)

Doch das können nur geringe Einwände sein gegenüber den gefühligen Schilderungen der Schicksale, dem oft subtilen Aufzeigen der Emotionen, der rauen Wildnis, den einsamen Gebirgs-. Wald- und Flusslandschaften, den vielen schönen filmischen Aufnahmen. . .

. . . und dem bewegenden Spiel von Stellan Skarsgard als alternder Trond Sanders.

Ebenfalls bemerkenswerte Darsteller: Bjorn Floberg als Trond in jungen Jahren sowie Tobias Santelmann als Tronds Vater.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Land des Honigs


von Ljubomir Stefanov und Tamara Kotevska

(Neue Visionen, Kinostart 21. November 2019)

Der Norden Mazedoniens. Das also ist offenbar das Land des Honigs. Und insbesondere der Bienen. Um diese geht es in erster Linie. Denn der jahrzehntelang verwendete giftige Dünger gefährdet ihren Bestand. Es ist eine bekannte Tatsache: Sollten die Bienen die Pflanzen nicht mehr bestäuben können, sieht es um das Obst und Gemüse, das Getreide, um unzählige Pflanzenarten, um die Blumen oder das Gras, usw. schlecht aus.

Also hat der Film neben seiner zugleich epischen und poetischen, seiner spielerischen wie erzählerischen Natur gleichzeitig eine politische Aussage.

Hatidze, an die 50, lebt mit ihrer schwerkranken Mutter unter den denkbar einfachsten Bedingungen im bergigen Nordmazedonien. Dass sie nicht verheiratet ist, ist die „Schuld“ der Eltern; die waren mit dem in Frage kommenden Mann offenbar nicht einverstanden.

Neben ihrer Mutter kümmert sich Hatidze in erster Linie um ihre Bienen. Die Bienenkörbe hat sie selbst gebaut. Aber vor allem nützt sie die Waben in den Felsenlöchern oder den ausgehöhlten Baumstämmen. Nie löst sie den ganzen Honig heraus, denn auch die Bienen brauchen Honig als Nahrung, sagt sie.

Es ist eine filmische Pracht, sie über die weiten Wiesen wandernd und in den Bergen kletternd zu sehen.

Schön ruhig war es bis jetzt. Nun allerdings fällt eine türkische Nomaden- und Imkerfamilie ein: mit Hussein und seiner Frau, vielen Kindern, Hühnern, Eseln, Schweinen und Kühen. Und vor allem lautem Geschrei. Und ziemlich viel Schmutz.

Hatidze lässt sich davon nicht unterkriegen, im Gegenteil. Oft tut sie sich mit der Familie zusammen, spielt mit den Kindern. Bis, ja bis Hussein Geschäfte machen will, die auch ihre Bienen und ihren Honig betreffen würden, also das Wichtigste, das sie hat.

Wunderbar ist das erzählt, ebenso kraftvoll wie farbig.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




But Beautiful – Nichts existiert unabhängig


von Erwin Wagenhofer

(Pandora, Kinostart 14. November 2019)

So langsam scheint es der Menschheit zu dämmern, dass sie falsch gelebt hat bzw. lebt: Fortschritt, Wachstum, Gewinn, Konkurrenzdenken. Resultat: Klimawandel, Artensterben, weniger Tiere, versteppte Böden, schmelzende Gletscher, Waldbrände. Nicht nur manche, so ziemlich alle haben Fehler gemacht bzw. machen Fehler.

Dieser Dokumentarfilm ist eine spirituelle Wohltat, denn er zeigt, wie man anders leben kann. Ein Beispiel der Wald. Ein Baum. Wenn er sein Alter erreicht hat und gefällt und geschnitten wird, sieht man an den Ringen: wie er in den 200 Jahren, in denen er lebte, wuchs, Wasser zog, eine Pause einlegte, irgendwann mal krank war, langsamer oder schneller gedieh, mit den Nachbarbäumen in Verbindung stand. Plausibler als der Förster Erwin Thoma dies hier erklärt, kann man es nicht sagen – und einsehen.

(Inzwischen ist haltbar und wissenschaftlich bewiesen, dass Bäume die menschliche Psychologie messbar beeinflussen und zwar positiv. Krebsabwehrzellen vervielfachen sich, wenn man sich über Zeiträume im Wald oder in einem Gebäude aus Holz aufhält, das ganze Immunsystem wird davon beeinflusst.)

Anderes Beispiel: Erich und Barbara Graf. Sie erstanden ein bergiges Stück Land, das brach und verwildert da lag. Sie pflanzten, schnitten, pflegten, rackerten 12 Jahre lang. Heute sind sie, was ihre Ernährung und ihr Auskommen betrifft, autark. Und nicht nur das. Sie sind zufrieden.

Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch, dass die Stellung und Rolle der Frau endlich ihren angemessenen Rang erhalten. Dazu gibt es in dem Film ein Beispiel aus Indien:

Im Rahmen des in den 70er Jahren gegründeten sogenannten „Barefoot College“, das ohne Ansehen von Rasse und Religion insbesondere für arme und benachteiligte Menschen gegründet wurde und sich beispielsweise neben der medizinischen Pflege oder der Wasserversorgung auch um die Solarenergie kümmerte (und weiter kümmert), beliefern bis heute an die 2200 im indischen College ausgebildete „Solar Mamas“ über eine Million Menschen mit Sonnenenergie. Diese Frauen, die teilweise schon als Kind von ihren Eltern verheiratet wurden, keinerlei eigenständige Persönlichkeit hatten und als Frauen das Haus nicht verlassen durften, haben sich handwerklich durchgekämpft.

Der Regisseur ist ein Jazz-Fan. Das spürt man. Einen erklecklichen Teil seines Films hat er mit Jazzmusik oder -gesang bestritten.

Auch der Dalai Lama ist dabei. Mit entwaffnenden Worten und Humor sagt er viele einsichtige Dinge: über die Kriege, die Gesellschaft, das geistige und materielle Eigenleben des einzelnen, die Religion und das Verhältnis zu Gott, darüber, dass alles von allem abhängig ist.

Dies alles verschönt durch viele ansehnliche Aufnahmen.

Es ist ein Film, der zwangsläufig zum Nachdenken führt (oder zwingt).

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Smuggling Hendrix


von Marios Piperides

(Filmperlen, Kinostart 14. November 2019)

Zypern, 70er Jahre. Die Türkei besetzt willkürlich den Nordteil der Insel. Diese ist Mitglied der EU, der Nordteil allerdings wird von niemandem anerkannt.

Yiannis ist eigentlich Musiker, doch sein Erfolg war nicht gerade groß. Zudem ist seine Ex-Freundin längst bei einem anderen Kerl. Die Miete kann er auch nicht bezahlen. Also will er in drei Tagen Zypern verlassen.

Das einzige, was ihm geblieben ist, ist sein Hund Jimy. Doch der haut eines Tages ab über die zyprisch-“türkische“ Grenze. Yiannis darf zwar mit den nötigen Papieren diese überqueren, findet auch seinen Jimy, zudem sein Geburtshaus und auch den Türken Hasan, der es jetzt mit seiner Familie bewohnt. Nach einem Streit ist Hasan sogar bereit, Yiannis zu helfen, aber: Tiere dürfen die Grenze nicht überqueren! Yiannis hat keine Chance.

Also bleibt nur die Möglichkeit, den Hund für viel Geld einem Schmuggler zu übergeben. Doch dessen Auto wird gefilzt, der Schmuggler haut ab. Wieder ist alles völlig offen.

Schließlich kann nach einem langen Palaver zwischen Yiannis, dem Schmuggler, Hasan und Yiannis Ex-Freundin Kika, die wegen des Hundes, auf den sie ebenfalls Anspruch erhebt, dazu kam, Jimy aus einem Tierheim befreit werden, doch damit sind die Schwierigkeiten noch lange nicht behoben.

Und was macht Jimy? Der rennt eines Tages fröhlich wieder heim – unbemerkt über die Grenze.

Sehr gut ausgedacht diese Geschichte. Und eine ebenfalls sehr gute Darstellung des dortigen griechischen und türkischen Milieus. Oft sehr witzig und zudem ausgezeichnet gespielt.

Die groteske, von türkischer Seite unentschuldbare, international völlig unhaltbare politische Situation nicht zu vergessen, die hier mit originellen Mittel aufgezeigt wird.

Eine gute, zum Teil köstliche Komödie.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Sterne über uns


von Christina Ebelt

(Real Fiction, Kinostart 14. November 2019)

So skizzenhaft er auch gezeichnet ist, spiegelt der Film doch eine aktuelle gesellschaftliche Realität wieder, die zeigt, wie groß die Probleme vor allem in unseren Großstädten wie beispielsweise Köln geworden sind.

Melli ist eine junge alleinerziehende Mutter, die ihren 9jährigen Sohn Ben über alles liebt. Doch beider Leben ist überschattet. Denn sie haben derzeit keine Wohnung, also obdachlos. Sie müssen tagelang in einem Zeit im Wald unterkommen. Melli wird wohl bald Flugbegleiterin sein, doch sie hat ihre Stelle noch nicht. Was geschieht, wenn Ben krank wird? Wie schwierig ist es, eine Wohnung zu finden, vor allem wenn man wenig Geld und offenbar keine Kreditwürdigkeit mehr hat?

Gottlob können die beiden ab und zu bei Freunden unterkommen. Melli muss immer wieder perfekt gestylt in ihrem Flugzeug erscheinen; sie ist noch in er Probezeit. Benn muss jeden Morgen pünktlich zur Schule.

Niemand darf wissen, in welcher Lage sich Melli und Ben befinden. Denn es bestünde die Gefahr, dass das Jugendamt der Mutter das Kind wegnimmt, etwa eine Pflegefamilie vorschreibt, und das würde Melli nicht durchstehen.

Oder muss sie es schließlich doch?

Die Ängste der alleinerziehenden Mutter, die strengen behördlichen Regeln, das zum Teil erbarmungslose Leben in unserer heutigen Zeit, das alles wird in „Sterne über uns“ - manchmal etwas überspitzt – angedeutet. Ein eher furchterregendes Spiegelbild mancher Verhältnisse, unter denen wir leben und von denen man nur hoffen kann, dass sie sich nicht noch verschlimmern sondern verbessern.

Wenigstens steht dem die innige Liebe zwischen dieser Mutter und ihrem Sohn gegenüber . . .

. . . und übrigens auch die Perfektion, mit der beide, Franziska Hartmann als Melli sowie Claudio Magno als Ben, ihre Rollen spielen.

 


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Datum: 11.11.2019


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