Der Gilden-Dienst Nr. 47-2018


The House That Jack Built


von Lars von Trier

(Concorde, Kinostart 29. November 2018)

Lars von Trier denkt gar nicht daran, einfache Filme zu machen. Das hat er immer wieder bewiesen, vor ein paar Jahren auch mit „Nymphomaniac“.

Dieses Mal geht es um einen Serienkiller. Doch nicht nur das. Immer wieder reflektiert er zwischen den einzelnen Handlungsteilen, philosophiert oder redet abwegiges Zeug, lässt dazwischen Glenn Gould auf wunderbare Weise Musik von Bach spielen. Für ihn ist hier der Serienkiller so etwas wie ein Künstler, es geht ebenso hochinteressant wie pervers zu.

Jack, der Killer, ist unterwegs. Eine Frau hält ihn an, sie hat eine Panne und er soll ihr helfen. Das tut er auch mehrfach, aber da sie sagt, sie hätte nicht in den Wagen eines Fremden steigen dürfen, denn der könnte ja ein Serienkiller sein, lebt sie dann auch nicht mehr lange. Jack erschlägt sie.

Von Zeit zu Zeit spricht Jack mit einem mysteriösen Mann namens Verge, der ihm übrigens später die Hölle zeigen wird.

Jack ist wieder unterwegs. Er sieht eine Frau in ein Haus gehen und folgt ihr. Er gibt sich als Polizist aus, später als Versicherungsvertreter. Auch diese Frau lebt danach nicht mehr lange. Vor kurzem erwarb er ein altes Kühlhaus. Dorthin schleppt er seine Leichen. Dass Verge ihm vorwirft,er sei ein Psychopath, kümmert ihn wenig.

Beim 3. „Vorfall“ ist er mit einer jungen Frau und ihren beiden kleinen Söhnen zusammen. Zuerst wird gespielt. Dann kippt die Stimmung. Er tötet alle drei. Und er tötet die Menschen nicht nur, sondern er verstümmelt sie meistens auch. Später rühmt er sich, 60 Menschen umgebracht zu haben.

Die nächste ist Jacqueline. Als er sie immer wieder schmählich beleidigt und obszöne Reden führt, sucht sie Hilfe bei einem Polizisten. Jack gibt seine Untaten sogar zu, doch der Polizist rät den beiden lediglich, sie sollten nicht mehr soviel trinken. Jacqueline kann soviel um Hilfe schreien, wie sie will, retten kann sie sich nicht mehr.

Jetzt hat Jack die Idee, mit einer speziellen Munition und einem einzigen Schuss mehrere entsprechend aufgereihte Gefangene umzubringen. Er begibt sich damit selbst in höchste Gefahr, kann jedoch entkommen.

Dann eine Überraschung: Verge, bisher immer nur im Verborgenen, taucht auf – und zeigt im Epilog Jack eine höllische Welt, in der dieser schließlich untergeht.

Der Killer ist ein abgrundtief böser Mensch. Einen Anlass, ihn seine Morde filmisch feiern zu lassen, bestünde für den Autor und Regisseur eigentlich nicht. Aber:

Die Leichenbilder, die Lars von Trier von den KZs zeigt, beweisen, dass das Morden sehr wohl im Menschen stecken kann. Insofern sieht er sicherlich seinen ebenso bedenkenswerten wie abscheulichen Film als legitimiert an.

Inszenatorisch ist „The House that Jack built“ auf hohem Niveau. Und wie Matt Dillon diesen Jack spielt, das ist schon sehenswert. Das Gleiche gilt für den „Verge“ von Bruno Ganz oder die Darstellerinnen der ermordeten Frauen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Sauvage


von Camille Vidal-Naquet

(Salzgeber, Kinostart 29. November 2018)

Als Leo von einem Kumpel gefragt wird wie er heißt, antwortet er dem Fragesteller: „Such' dir was aus“. Die Antwort ist bezeichnend für ihn und das Leben, das er als Stricher auf einer Straße nahe dem Wald führt.

Ein Ziel hat er nicht: Ob er mit seiner Homosexualität einen Rollstuhlfahrer befriedigt; ob er einem älteren Mann lediglich etwas vorlesen soll; ob er einen Apfel klaut; ob er vor einem gewalttätigen „Pianisten“ gewarnt wird; ob er fürs Küssen 50 Euro mehr bekommt; ob er zwei Perversen in die Hände fällt, die ihn bis aufs Blut quälen; ob er mit „Freunden“ Crack konsumiert; ob er auf einer Party tanzt; ob er niedergeschlagen wird; ob er, egal mit wem, Sex hat; ob er seinen Durst mit Wasser aus einem Graben neben der Straße stillt; ob er staunt, wie ein anderer Stricher einen „Kunden“ betäubt; ob er allein umherirrt  - es ist typisch für sein Verhalten, offenbar typisch auch für seinen labilen Charakter.

Typisch, aber es bringt ihn auf keinen Fall weiter. Oder will er das gar nicht? Ein großes menschliches Problem hat er auf jeden Fall: Den Freund, den er möchte, bekommt er nicht, denn der ist nicht homosexuell – auch wenn dieser Freund, wohl um versorgt zu sein, mit einem Kerl nach Spanien abhaut. Immerhin sagt einer zuvor zu Leo: „Du verdienst es, geliebt zu werden.“

Leo  ist nicht gesund – kein Wunder. Immer wieder hustet er. Die Lunge? Immerhin ist da (neben einem ihn täuschenden falschen Arzt) die Ärztin, die ihn medizinisch auf Vordermann bringt – und die in einer besonders schönen Szene seine Umarmung hinnimmt.

Endlich taucht Claude auf, der Leo ein neues Leben verschaffen könnte. Er will ihn mitnehmen nach Kanada. Schon warten die beiden am Flughafen auf die betreffende Maschine.

Aber wird Leo wirklich mitgehen?

Eine filmisch eindrucksvolle Schilderung eines kaputten Lebens. Ebenso furchtbar und drastisch wie möglicherweise authentisch.  Eine moralische Bewertung wird nicht vorgenommen. Man kann Leo nur wünschen, dass es mit ihm aufwärts geht.

Eines ist sicher: Wie Felix Maritaud diesen Leo spielt, das ist künstlerisch durchgehend von allerhöchster Qualität.






Das krumme Haus


von Gilles Paquet-Brenner

(Fox, Kinostart 29. November 2018)

Der steinreiche Aristide Leonides stirbt. Er ist zwar schon alt, doch es stellt sich heraus, dass er nicht eines natürlichen Todes starb, sondern dass er vergiftet wurde. Wer hat so etwas getan?

In Aristides hochherrschaftlichem „krummen“ Haus leben viele Familienmitglieder und auch andere. Ein Mordmotiv könnte jeder haben, denn das Erbe ist ja riesengroß.

Da ist Aristides zweite Frau Brenda, der nachgesagt wird, sie habe mit einem gewissen Lawrence ein Verhältnis. Da ist Edith, Aristides unverheiratete Schwägerin, Schwester seiner ersten Frau, die die Erziehung der Enkel Eustache und Josephine überwachen soll. Da ist Roger, Aristides ältester Sohn, der beinahe einen Bankrott bewerkstelligte. Da ist Philip, Rogers jüngerer Bruder, der auf Roger eifersüchtig ist.

Und da ist vor allem die junge Sophia. Sie beauftragt ihren früheren Geliebten Charles Hayward mit der Aufdeckung des Mordes. Für sämtliche Verwandte kommt erschwerend hinzu, dass Aristide sein Testament geändert und alles Sophia hinterlassen hat, weil er der Ansicht war, sie müsse in Zukunft das Unternehmen führen und Familienoberhaupt  sein.

Wer nun hat Aristide vergiftet? Der Verdacht fällt auf Brenda und Lawrence; beide werden verhaftet. Doch dann stirbt trotzdem das Kindermädchen, das einen Kakao trank, der für eines der Kinder bestimmt war.

Josephine wiederum, die altkluge, behauptet, den Mörder zu kennen. Kurz darauf wird sie im Garten bewusstlos aufgefunden, niedergestreckt mit einem marmornen Türstopper.

Wer also hat den Mord begangen? Jedenfalls wird ein Tagebuch gefunden, in dem der Satz steht: „Heute habe ich den Großvater getötet.“

Dieser Agatha-Christie-Krimi ist im Stil der 50er Jahre in einer sehr, sehr gepflegten Form gestaltet, äußerst milieuecht, einigermaßen spannend , deshalb auch unterhaltsam – und bestens interpretiert. Schließlich sind Schauspieler wie Glenn Close oder Terence Stamp dabei.




So viel Zeit


Von Philipp Kadelbach

(Universum, Kinostart 22. November 2018)

Bochum. Tiefstes Bochum. Die Band „Bochums Steine“ vor 30 Jahren. Es ging damals gerade aufwärts, da verbockt der Gitarrist Rainers die Sache. Zum Leidwesen der Bandmitglieder Bulle, Konni, Thomas und Ole. Die vier haben das Rainers nie verziehen.

Und auch privat hat Rainers nicht besonders viel Glück. Seine Frau hat längst einen anderen, nur mit seinem Sohn Daniel klappt es noch einigermaßen.

Irgendwie muss eine Verbesserung her. Rainers verfällt auf die Idee, beim früheren Manager vorzusprechen. Und wofür? Er will die Band wieder auferstehen lassen. Die Bandkollegen halten ihn für verrückt. Und lassen sich letztlich doch überreden. Der Manager ebenfalls. „Bochums Steine“ sollen sogar unmittelbar vor den „Scorpions“ auftreten.

Doch da ist noch etwas. Rainers hat erfahren, dass er einen Gehirntumor hat, der operabel entfernt werden muss. Der Operationstermin liegt verdammt nah. Schon scheint der Wiederauftritt zu platzen. Die Bandkollegen sind enttäuscht. Aber das lässt Rainers nicht zu. Das Konzert muss steigen. Und wenn er im Operationshemd auftreten muss.

Natürlich hat jeder der Männer auch eine mehr oder minder komplizierte Frauengeschichte.

Das Ganze beruht auf einem Roman von Frank Goosen und ist milieumäßig wie dramaturgisch routiniert in Szene gesetzt. Daran, dass alles vorhersehbar ist, darf man sich halt nicht stören.

Der gute Unterhaltungswert ist insbesondere den Schauspielern zu verdanken. Jan Josef Liefers (Rainers), Jürgen Vogel (Ole), Richy Müller (Thomas), Matthias Bundschuh (Konni), oder André M. Hennicke  (Manager) wissen, wie man's macht. Das ist munter, da ist etwas los, und das Ganze ist ansehnlich.

Liebhabern der Geschichte, der Musik und der Darsteller wird’s gefallen.




Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte


von Ken Scott

(Capelight, Kinostart 29. November 2018)

Der indische Junge Aja hat zwar eine sehr liebe Mutter (die unglücklicherweise bald sterben wird) aber keinen Vater. Den sucht er immer wieder, bis eine Spur von Mumbai nach Paris führt.

Aja betrachtet sich als Zauberer und tatsächlich bedient er sich oft Fakir-ähnlicher Kräfte und Methoden (um es nicht negativer zu benennen), vor allem wenn es darum geht, Geld zu beschaffen.

In Paris trifft er die schöne Marie. Es sieht so aus, als verliebe er sich. Viel Geld hat er nicht, höchstens ein wenig Falschgeld. Weil er als Fakir ein Nagelbrett braucht, hält er sich lange bei Ikea auf, gerät wie auch immer in einen Koffer und wird auf diese Weise verschifft. Danach geschieht ziemlich viel: in England, in Barcelona, in Rom, in Tripolis. Trotz vieler Abenteuer ist jedoch Marie nicht vergessen, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn sie am Schluss nicht wieder aufgetaucht wäre.

Indien und Europa also. Das alles wird filmisch und inszenatorisch gemanagt von dem bekannten indischen Darsteller Dhanush, wie es denn hier überhaupt der Zweck gewesen zu sein scheint (natürlich auch mit dem Blick auf die Zuschauerzahl), viel Indisches mit viel Europäischem zu verbinden.

Was keineswegs negativ gemeint ist. Viel indische Musik ist ebenso zu hören wie indische Tänze zu erleben sind. Daneben reichlich europäische Schauplätze von touristischer Anziehungskraft, Massenszenen von überbordendem Leben, Ideen und Farben noch und noch, schöne Frauen und exzellente Schauspieler.

Die Moral und das Sentiment fehlen keineswegs – etwa wenn Aja indischen Halbwüchsigen, die zu Gefängnis verurteilt wurden, viele ermunternde Ratschläge erteilt, oder wenn er, wohl in Nordafrika, in ein Migranten-Lager kommt und mit viel Gefühl und auch schon etwas Rührseligkeit darauf aufmerksam macht, wie sehr und wie schnell den echten Flüchtlingen und den übrigen Migranten geholfen werden sollte.

Zweifellos so etwas wie ein auf einem Bestseller beruhendes Sammelsurium – aber ein überaus unterhaltsames.

Wetten, dass es vielen Kinobesuchern gefallen wird!      




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Datum: 19.11.2018


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