Der Gilden-Dienst Nr. 47-2019
Mein Ende. Dein Anfang.

von Mariko Minoguchi

(Telepool, Kinostart 28. November 2019)

Ist die Wirklichkeit, wie wir sie nennen oder uns vorstellen, tatsächlich real? Wie verhalten sich Vergangenheit und Zukunft zueinander? Was ist vom Déjà-vu-Effekt zu halten? Folgen Menschen mit ihren scheinbar zufälligen Entscheidungen einem vorherbestimmten Plan? Haben Zukunft und Vergangenheit den gleichen Einfluss auf die Gegenwart?

In solche naturphilosophischen Zusammenhänge will Autor und Regisseur Minoguchi die Handlung seines Films gestellt wissen, und zwar erstens, weil es durchaus eine wissenschaftliche Diskussion zu diesen Fragen gibt, und zweitens, weil, wie er erzählt, sein Bruder, ein Physik-Doktorand, ihm darüber manches, zum Beispiel über die Relativitätstheorie, beigebracht hat.

Die Frage: Waren die Begegnung und das Verhältnis zwischen der Supermarktverkäuferin Nora und dem Kindsvater Natan, der schließlich Noras Geliebten Aron umbrachte, vorherbestimmt?

Die Handlung: Nora und Aron lieben sich innig. Als sie in einer Bank etwas erledigen wollen, überfallen zwei vermummte Gestalten die Filiale und der eine, Natan, tötet Aron, weil er Nora, die die Polizei rufen konnte und deshalb von den Kriminellen misshandelt wird, retten wollte.

Viel später trifft Nora, die sich von der Trauer befreien will, in einem Club unbekannterweise auf Aron. Auch der hat schwere Sorgen, weil seine kleine Ava an Leukämie leidet (zu der, wie sich später herausstellt, Nora die Stammzellenspenderin werden könnte).

Es kommt zu einer Annäherung, die beiden verbringen sogar die Nacht miteinander. Doch dann wird Nora eben gewahr, dass Natan der Mörder ihres Aron ist.

Bei einem Spaziergang an der Isar bei München könnte Nora, die eine Pistole bei sich trägt, Natan überwältigen. Sie tut es nicht.

Der mit der Geschichte verbundene Relativitätsgedanke verlangt, wie Minoguchi selbst meint, eine „puzzleartige“ Montage. Und die ist gut gelungen. Die Geschichte leuchtet ein, Intensität, Ambiente und Tempo stimmen.

Sehr gut agieren Saskia Rosendahl als Nora, Julius Feldmeier als Aron und Edin Hasanovic als Natan.

Ein Debütfilm, der noch einiges erwarten lässt.



Als ich mal groß war

von Lilly Engel und Philipp Fleischmann

(Pandora, Kinostart 28. November 2019)

Keine schlechte Idee, die diesem Film zugrunde liegt. Lucas, Renee und Marius sind die Protagonisten.

Sehr klein sind sie noch zu Beginn, kaum ein paar Jahre alt. Marius und Lucas wollen unbedingt Feuerwehrmänner werden; sie sind denn in Berlin auch bei der Jugendfeuerwehr.

Lucas will später Renee heiraten. Sie spielen schon als Kinder alles durch: die Freundschaft, die Liebe, die Verlobung, die Heirat. Marius sagt für sein Alter erstaunlich kluge Dinge. Ewige Freunde wollen sie bleiben.

Doch langsam wachsen sie. Die Zeit der Konfirmation kommt schon heran. Renee lebt im schwäbischen Stuttgart, Lucas wohnt in Berlin. Sie besuchen sich gegenseitig.

Kann diese Freundschaft etwa zerbrechen? Es hat den Anschein. Schule, Arbeit, Termine. Montag keine Zeit, Dienstag keine Zeit, Mittwoch, usw.

Lucas will nicht mehr Feuerwehrmann sein, sondern Astrophysiker. Er ist zudem unter die Ruderer gegangen. Auch Renee hat beruflich hochfliegende Pläne; man sieht sie später als Erwachsene in einer offenbar führenden Position beim Berliner Flughafen. Marius könnte bei der Feuerwehr geblieben sein. Er und Lucas sehen sich nur noch sehr selten.

Sechs Darsteller sind in Aktion. Man sieht sie in den verschiedensten Altersphasen – für die Montage des Films keine einfache Sache – bei Diskussionen, bei Spaziergängen, bei den gegenseitigen Besuchen, auf dem Volksfest, beim Fischen oder dann, wenn sie über die verlorene Freundschaft sprechen und trauern.

Eine Menge thematischer und szenischer Ideen bekommt man damit; die Regisseurin und ihr Partner haben sich wirklich etwas einfallen lassen – manchmal herzlich, ab und zu witzig, manchmal bitter.

Gespielt wird von allen Sechsen erstaunlich gut.

Menschlich und natürlich ist die Grundidee dieses Dokumentar-/Spielfilms. Man plant, man strengt sich an, man hofft, man träumt, man freut sich oder liebt – und was ist dann? Dann wird doch sehr oft alles anders: Misserfolg, Enttäuschung, Trennung.

Glücklicherweise nicht immer.

„Grad wie im richtigen Leben“.

 

Die Götter von Molenbeek

von Reetta Huhtanen

(Real Fiction, Kinostart 21. November 2019)

Eine Finnin begibt sich mit ihrem kleinen Sohn Aatos nach Brüssel zu ihrer Schwester – und ergründet, wie die Menschen dort leben.

Das Stadtviertel, in dem sie wohnen, ist Molenbeek, ein Ort, der nicht gerade als vornehm gilt. Dort wurde nämlich ein Teil der Terroristen (Dschihadisten) entdeckt und verhaftet, die für die schweren Anschläge in Paris und einen ebenso schweren Anschlag in Brüssel selbst verantwortlich sind.

In Molenbeek sind die Belgier in der Minderheit.

Aatos hat Freunde, Amine und Flo. Sie sind sechsjährig. Amine ist Muslim. Er will, sagt er, unter keinen Umständen Schweinefleisch essen. Für ihn gilt nur Allah. Er betet mit seinem Vater.

Die beiden reden oft über Gott und die Religion. Für Sechsjährige ist das immerhin erstaunlich. „Gibt es Gott?“ „Wie heißt er?“

Flo macht es sich leichter. Wer an einen Gott glaubt, der ist verrückt, meint sie.

Aatos will auch einen Gott. Er spricht sogar von den griechischen Göttern wie Zeus oder Apoll, Poseidon oder Hades. Er verkleidet sich gar als nordischen Gott wie Thor, der Hammer.

Dann der schreckliche Anschlag in Brüssel. Tote, Polizisten, Soldaten, Panzer, Blumen über Blumen, viele brennende Kerzen.

Bald aber muss Aatos unter Tränen wieder Abschied nehmen von Molenbeek, von seiner Tante, von seinen liebgewonnenen Freunden.

Das Thema: Die Beziehung der Kinder untereinander; wie sie spielend und diskutierend voneinander lernen; wie sie zur Gewalt der Großen stehen; wie sie unbedingt die richtige Religion und den wahren Gott ergründen wollen.

Eine nicht unwichtige Erkundung!

Dazu eine Charakterisierung der Regisseurin: „Sie hat die Fähigkeit, die Absurdität unserer Zeit mit ihrer ganz eigenen, verdrehten Sichtweise deutlich zu machen.“

 

Swimmingpool am Golan

von Esther Zimmering

(Arsenal, Kinostart 21. November 2019)

Wie viele jüdische Familien haben die Nazi-Verbrecher auseinandergerissen! Von dieser Tragik erzählt der Film.

Mehrere Jahre erkundete die Regisseurin, was mit ihrer großen Familie geschah. Wie in unzähligen Fällen wurden zahlreiche ihrer Angehörigen verschleppt und dann grausam ermordet. Von denen, die überlebten, ist hier die Rede. Das Schicksal und das Leben von drei Generationen kommt zu Sprache.

Esther Zimmering – Vater jüdisch, Mutter deutsch – gehört der dritten Generation an. Von der leben die einen in Berlin, die anderen in Israel. Langsam besuchen sie sich, lernen sich kennen. Die gegenseitige Sympathie ist groß, und doch spürt man, dass die Trennung nicht nur räumlich besteht.

Der zweiten Generation erster Teil. Esthers Vater zum Beispiel. Er, der Arzt, war überzeugter DDR-Kommunist (in Uniform), der die jüdische Gemeinde verließ.  Tätig war er für die „Verwaltung Aufklärung“, was immer das stasimäßig hieß.

Die DDR war wohl nicht gegen die Juden als solche – aber gegen den Zionismus, gegen die Verdrängung der Palästinenser, gegen die enge Verbindung des Staates Israel mit den USA, gegen den damit verbundenen Neoliberalismus. Was sagte Esthers Vater damals: „Zuerst sind wir Kommunisten, dann Deutsche, dann Juden.“

Der andere Teil der zweiten Generation. Es gelang diesem damals noch, nach Palästina zu fliehen. Er baute das Land mit auf. Er arbeitete im Kibbuz. Er kann stolz darauf sein, dass es heute einen starken Staat Israel gibt. Allerdings vernimmt man bei der älteren Generation auch die Enttäuschung darüber, dass es den Kibbuz-Sozialismus, der sich über Jahrzehnte bewährte, nicht mehr gibt.

Die erste Generation. Von der erfährt man, dass beispielsweise Esthers Großvater ein hoher kommunistischer Funktionär war – sogar Gesandter bei der UNO.

Vor allem für die heutigen Jüngeren dürfte ein solcher Film interessant und wichtig sein – nicht nur historisch sondern auch menschlich, verbunden mit der Erkenntnis, dass alles getan werden muss, damit die unmenschlichsten Taten, die man sich vorstellen kann und die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschahen, nie mehr möglich sind.

 

Official Secrets

von Gavin Hood

(Entertainement One, Kinostart 21. November 2019)

Man kann nicht sagen, die Region Irak/Iran sei vor dem Jahr 2003 ruhig und befriedet gewesen. Doch seit 2003 ist absolut die Hölle los.

Präsident George W. Bushs Außenminister Colin Powell verkündete damals lauthals, der Irak unter Saddam Hussein – der zuvor bereits Kuweit angegriffen und die kurdische Bevölkerung wahrscheinlich mit Gasgranaten bombardiert hatte – besitze Massenvernichtungswaffen und müsse deshalb unschädlich gemacht werden. Und so wurde ab 2003 von amerikanisch-britischer Seite aus Krieg geführt.

Zuvor: Katharine Gun, beim britischen Geheimdienst beschäftigt, fällt ein brisantes Dokument in die Hände. Inhalt: Kleinere der UNO angehörige Staaten sollten in gewisser Weise erpresst werden, eben in der UNO einem Krieg gegen den Irak zuzustimmen. Daraus wurde allerdings nichts.

Warum? Weil  Katherine Gun auf verschiedenen Wegen dafür sorgte, dass ihre geheimen Informationen, die sie natürlich nie hätte nach außen geben dürfen, am Ende in der Londoner Zeitung „The Observer“  an die Öffentlichkeit kamen.

Natürlich wurde sie schließlich ausfindig gemacht, verhaftet. Ihr Mann, muslimischer Kurde, den sie geheiratet hatte, damit er keine Abschiebung riskierte, wurde ebenfalls festgenommen.

Lange sah es nicht gut aus. Doch dann musste Katherine Gun freigesprochen werden. Warum? Weil der Versuch, der UNO angehörige Staaten zu erpressen, absolut illegal war.

Eine interessante Geschichte. Noch interessanter aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Der Film ist perfekt inszeniert, berührt historisch-politisch ebenso wie menschlich. Glänzende Schauspieler wurden verpflichtet, beispielsweise Ralph Fiennes oder Matthew Goode. An erster Stelle allerdings steht hier Keira Knightley als Whistleblowerin Katherine Gun. Ihre Verkörperung der Rolle hinterlässt Eindruck – noch nach dem Kinogang. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

 

 

 

  

 

     

 

 

 

 
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Datum: 18.11.2019


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