Der Gilden-Dienst Nr. 48-2017
Clair Obscur

Von Yesim Ustaoglu

(RealFiction, Kinostart 7.Dezember 2017)

Dass Frauen im Islam noch keine vollgültige Gleichberechtigung haben ist kein Geheimnis. In den Ballungsräumen mag es Fortschritte geben, doch in der Provinz liegt noch vieles im Argen. Kein Wunder also, dass eine Autorin und Regisseurin in diesem Film sich des Themas angenommen hat. Langsam mag sich das Bewusstsein ändern, verbessern – doch es gibt auch Gegenbewegungen, beispielsweise unter dem jetzigen türkischen Präsidenten.

Zwei Frauen werden vorgestellt: Chehnaz und Elmas.

Chehnaz ist frisch ausgebildete Psychotherapeutin, die eigentlich mit ihrem Mann Cem in Istanbul zu Hause ist, derzeit jedoch ein Praktikum an einem winterlichen Küstenort absolvieren muss. Sie liebt Cem. Der aber scheint beim Sex ständig nur an sich selbst zu denken, immer und immer wieder. Für Chehnaz ist das eine totale Frustration. Langsam fühlt sie mehr und mehr diese menschliche und gesellschaftliche Herabsetzung. Dass dies schließlich in einem gewalttätigen Streit und der endgültigen Trennung enden muss, ist unausweichlich.

Elmas ist ein sehr junges Mädchen. Noch in der frühesten Jugendzeit wurde sie von ihren Eltern mit einem viel älteren Mann verheiratet. Dass er sie im täglichen Umgang nicht achtete, kann man nicht sagen. Doch die Geschlechtsakte der beiden sind wie Beinahe-Vergewaltigungen. Außerdem gibt es eine sehr unangenehme, sich herrisch gebende kranke Schwiegermutter.

Elmas muss Kohle nachlegen. Der draußen herrschende schwere Sturm drückt den schädlichen Rauch durch den Kamin zurück in die Wohnung. Sowohl der Ehemann als auch dessen Mutter kommen zu Tode. Jetzt wird Elmas sogar noch angeklagt, die beiden getötet zu haben.

Neben der Handlung ist hier nur eines wichtig: der psychologisch-psychiatrische Zustand, den die beiden Frauen aufgrund der seelischen und praktischen Minderbehandlung (durch die Männer im Islam) erfahren.

Diese Passagen sind im Film thematisch wie inszenatorisch durchaus plausibel und überzeugend dargestellt.

Dem inneren Geschehen entspricht formal die oft wütende stürmische See.

Ecem Uzun als Elmas spielt ihren Zustand in erschütternder Weise.  Aber Funda Eryigit als Chehnaz steht ihr in nichts nach.

Ein der Aktualität weiß Gott nicht entbehrendes türkisches Frauen-Drama.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Zwischen zwei Leben – The Mountain between us

Von Hany Abu-Assad

(Fox, Kinostart 7.Dezember 2017)

Ein Flughafen in den USA. Es geht nichts mehr, denn es drohen schwere Stürme. Sowohl Ben, der afroamerikanische Arzt, der zu einem in Not geratenen Patienten gerufen wurde, als auch Alex, die zu ihrer Heirat fliegen will, hätten den Flug dringend gebraucht. Sie werden aufeinander aufmerksam, merken, dass sie auf jeden Fall fortkommen müssen, und mieten deshalb gemeinsam ein kleines Privatflugzeug.

Zunächst geht alles gut. Dann aber setzen die Stürme, die sie umfliegen wollten, die aber ihre Richtung geändert haben, auch bei ihnen ein. Das Unglück geschieht: Inmitten des überflogenen Gebirges gerät die Maschine ins Trudeln, wird in zwei Stücke gerissen, stürzt ab.

Der Pilot ist tot, Alex schwer an einem Bein verletzt. Einiges an Vorrat ist im Flugzeug noch vorhanden, überleben können die beiden ein paar Tage. Sie hoffen natürlich, dass sie gefunden und gerettet werden.

Doch sie hoffen vergebens. Mehrere Tage sind schon vergangen. Wenn jetzt nichts Entscheidendes geschieht, werden beide sterben. Sie müssen trotz des verwundeten Beins von Alex aufbrechen.

Das Gebirge scheint endlos zu sein, niemand ist in der Nähe, Straßen gibt es nicht, die Hoffnung schwindet. Die Vorräte sind zur Neige gegangen, der Schnee ist meterhoch, immer wieder stürzt Alex beim Abstieg. Erst in letzter Minute entdecken sie in der Ferne ein Sägewerk – und werden gerettet.

Es kommt, obwohl in den erzwungenen gemeinsamen Tagen Gefühle entstanden waren, zur Trennung. Jeder der beiden ist wieder an seinem alltäglichen Platz. Alex wollte schließlich heiraten.

Doch das schlimme Geschehen hat beide verändert. Alex ist nicht mehr dieselbe, hat auch nicht geheiratet. Ben seinerseits verzichtete auf eine weitere Verbindung, weil er nicht stören wollte.

Doch die in den Bergen aufgekommenen Gefühle sind nicht verschwunden. Also beginnt jetzt doch noch die unvermeidliche Liebesgeschichte.

Inszeniert ist das höchst professionell. Letzten Endes ist daraus ein sehr brauchbarer Abenteuer- und Liebesfilm geworden. Das Tollste daran ist die Art und Weise, wie die Oscar-Preisträgerin Kate Winslet als Alex und der charismatisch wirkende Idris Elba als Ben dies alles schauspielerisch darstellen.

Vor allem wegen der darstellerischen Leistungen auch im Arthouse-Bereich gut möglich.

 

Miss Kiet’s Children

Von Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster

(Déjà-vu, Kinostart 7. Dezember 2017)

Eine Vorschule in Holland. Alter 6 bis 9 Jahre. Die Kinder heißen Haya, Ayham, Ahmad, Leanne, Nour, Jorj oder Maksem. Man sieht also, dass das nicht unbedingt niederländische Namen sind. Tatsächlich geht es um eine erste Ausbildung von Migrantenkindern. Einige vor ihnen haben noch nie eine Schule von innen gesehen.

Also müssen sie vor allem zwei Dinge bewältigen: die Sprache des Landes lernen und sprechen sowie den normalen Grundlehrstoff aufnehmen. Sie malen Buchstaben (manchmal verkehrt herum), Zahlen, Wörter. Sie treiben auch Sport und haben in den Pausen Gelegenheit zum Spielen. Zudem hat die Beschäftigung mit dem Nikolaus, mit Rotkäppchen oder mit einem „Musical“ ihren Platz. Wer etwas geleistet hat oder wem etwas besonders gelungen ist, darf sich einen Aufkleber aussuchen.

Es wird ihnen dringend geraten, auch mit holländischen Kindern zusammen zu sein und Freundschaft zu schließen.

Manche, wie etwa Haya oder Jorj, haben durchaus eigensinnige Charaktere und lassen Sätze fallen wie „Sie hat mich nicht geboren“ und „Ich tue, was ich will“ oder „O Gott, was kann ich nur tun mit dieser Lehrerin“. Einige, die beispielsweise aus Syrien kommen und damit keine falschen sondern echte Flüchtlinge sind, wirken traumatisiert, erzählen von den Bombardierungen; man sieht es ihnen an, sie wirken oft still und  zurückgezogen.

Ein Gottesgeschenk ist die Lehrerin, Miss Kiets. Zwar verlangt sie auf ziemlich strenge Weise Aufmerksamkeit („Sieh mich an, wenn ich mit dir rede“), Rücksicht, beispielsweise der Älteren gegenüber den Jüngeren, und den nötigen Gehorsam . . .

. . . aber sie zeigt sich auch besonders feinfühlig, legt eine bewundernswerte Geduld an den Tag, spricht mit jedem der Kinder, geht pädagogisch präzise vor und berücksichtigt jedes  kleinste Detail.

Zwei Punkte treten ganz besonders hervor: Das Thema des Films und seine Bewältigung könnten aktueller nicht sein.

Und: Hier spürt man an vielen Stellen, was Liebe ist; zudem kann man lernen, was echte Geduld bedeutet, zu der man so oft selbst nicht fähig ist.

 

Die Lebenden reparieren

Von Katell Quillévéré

(Wild Bunch, Kinostart 23. November 2017)

Ein hübscher blonder junger Mann, Simon, 17 Jahre alt. Er ist sportlich, fährt beispielsweise mit seinen Freunden in aller Herrgottsfrühe zum Surfen, hat bestimmt ein aufregendes Leben vor sich, eine aparte Freundin sowieso. Nur eines macht er nicht: Er schnallt sich beim Autofahren nicht an. Unfall. Die Verletzung ist schwer. Die Blutungen im Gehirn sind so stark, dass der Hirntod eintritt.

Als ein Arzt von Organspenden für lebensgefährlich erkrankte Menschen, die auf eine Transplantation warten, spricht, sind die Eltern des Jungen in ihrer Trauer zunächst entsetzt. Doch später stimmen sie zu.

Claire ist Mutter von zwei halberwachsenen Söhnen. Die sind ihre Freude und ihr Stolz. Aber etwas stimmt ganz und gar nicht: Sie ist schwer herzkrank. Treppen kann sie nicht mehr steigen, und mit dem Klavierkonzert ihrer besten Freundin hat sie als bloße Zuhörerin ihre liebe Not. Ihre Werte werden zusehends schlechter, wenn sie nicht bald ein neues Herz erhält, wird sie sterben.

Eine für Organspenden zuständige internationale Agentur, die 24 Stunden am Tag Daten aufnimmt, vergleicht, mitteilt, kontrolliert, vermittelt, hat einen Volltreffer gefunden: Das Herz des toten Jungen passt für Claire. Sofort werden alle Hebel in Bewegung gesetzt: Entfernung des gesunden Herzens, Transport mit dem Flugzeug, Begleitung von bestem Fachpersonal, Vorbereitung der Übertragung des Organs, Operation, Elektroschock für das neue Organ?

Wird es gelingen? Ja es wird gelingen.

Es ist eine gut dramatisierte und inszenierte Handlung – doch das scheint hier nicht die Hauptsache zu sein. Man will wohl auf spannende Weise zeigen –und es ist tatsächlich spannend-, wie das zu machen ist und vor allem dass es sein muss. Das dürfte die Botschaft sein: Es gibt Tausende von Menschen, die ein neues Organ benötigen: Herz, Lunge, Leber, Niere. Bekommen sie es nicht, sterben sie. Wer also gesund und jung genug ist, sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, im Falle des Todes eventuell ein Organ zu spenden.

Die sehr guten Darsteller lassen es an nichts fehlen.

Wegen des Themas sei der Film Filmkunsttheatern und Programmkinos ans Herz gelegt.

 

A Ghost Story

Von David Lowery

(UPI, Kinostart 7.Dezember 2017)

Ein zugleich umjubelter und umstrittener Film von David Lowery.

Ein kinderloses Ehepaar. Die beiden lieben sich, man spürt es und man sieht es. Wenig später der Ehemann tot im Auto. Ein Unfall.

Lowery nennt in seinem Drehbuch den Mann einfach C und die Frau M. M ist erstarrt vor Trauer. Dann in den ersten 10 bis 20 Minuten des Films eine Szene, in der die Frau minutenlang, wirklich minutenlang isst. Dazu Lowery sinngemäß: Wer nicht mitmachen will, verlässt bereits hier das Kino.

C ist nicht tot oder zumindest will er nicht tot sein. Er kehrt als Geist zurück. Hier stockt man schon wieder. Denn er hat als Geist nur ein riesiges Bettlaken mit zwei Löchern für die Augen übergestülpt. Diejenigen, die in einem solchen Phantom nichts Übernatürliches erkennen wollen, sprechen von einem billigen Halloween-Kostüm.

Der Geist ist in langen, stummen, melancholischen, fast hypnotischen Szenen immer da: wenn M noch hier wohnt oder Gäste kommen, wenn evtl. neue Mieter einziehen, wenn das Haus abgerissen wird, wenn an seiner Stelle ein Hochhaus errichtet wird, wenn der Film zu Menschen schwenkt, die lange vor C und M das Haus bewohnten.

Vieles wird wortlos, nur mit dem Bild und dem sehr passenden Sound angedeutet: die Liebe, der Verlust, der Raum, die Zeit, sogar der Kosmos.

Auf die verschiedenste, formal kühnste, ehrgeizigste Weise wird versucht, „mit der Macht von Kinobildern“ einem geistigen Zustand Ausdruck zu verleihen: experimentell, metaphorisch, symbolisch, interpretatorisch, sogar poetisch.

Ein Spiel nicht mit dem Tod, sondern mit dem Nachleben, mit der „endlosen Existenz“.

Die Rezensenten sagen zum Teil, der Film sei in der Art und Bedeutung, in der er geschaffen sei, „nicht für alle da“ (besonders nicht für diejenigen, die einen Horror-Film erwarteten). Aber allgemein ist das Lob groß; auch das, das man nicht verstehe, könne man nicht vergessen.

Casey Affleck als C und Rooney Mara als M spielen ihre Parts vortrefflich.

Trotzdem, es bleiben Fragezeichen. Hier muss jeder selbst entscheiden.

 
zum Download
Datum: 27.11.2017


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