Der Gilden-Dienst Nr. 48-2018


Widows – Tödliche Witwen


von Steve McQueen

(Fox, Kinostart 6. Dezember 2018)

Chicago. Eine schöne Stadt, in der es aber natürlich auch im Dunkeln brodelt.

Harry Rawlin und seine Frau Veronica leben materiell nicht schlecht. Möglich ist das aber nur, weil Harry und seine kriminellen Kumpels mit den nötigen Raubüberfällen dafür sorgen. Dass aber nun einer der Überfälle nicht mit einer Beute sondern mit einer Explosion endet, ist in den Augen der Räuber ausgesprochenes Pech.

Wer hat die Explosion verursacht? Gegen Schluss wird man es erfahren.

Zunächst gelten einmal alle Verbrecher als tot. Veronica ist verzweifelt, denn ihr Mann hat ihr zwei Millionen Schulden hinterlassen, die der Gangster Jamal Manning nun eintreiben will. Dazu bedient er sich des alles andere als netten Jatemme, der, wenn es ans Morden geht, nicht viel Federlesens macht.

Übrigens steht Manning vor einer Wahl, die er gegen den ausgefuchsten Jack Mulligan gewinnen will. Einfach wird das nicht werden, denn Mulligan hat seinen gewieften Vater hinter sich, der seinem Sohn tüchtig die Leviten liest. Damit wird nicht nur in das Gangster-Chicago hineingeleuchtet sondern auch in das politische, das wohl nicht immer als ganz sauber erscheint.

Veronica gibt nicht auf. Wie wäre es, wenn sie einen der künftigen Raubpläne Harrys selbst umsetzen würde? Dazu braucht sie aber Helfer. Und die sucht sie in den Ehefrauen der bei der Explosion umgekommenen Freunde Harrys, Linda und Alice. Außerdem soll die Friseurin Belle den Fluchtwagen chauffieren.

Linda und Alice haben inzwischen ebenfalls versucht, über den Tod ihrer Männer hinwegzukommen. Da kann man sich zum Beispiel einen Liebhaber nehmen oder sich in den Job stürzen.

Minutiös wird nun der Überfallplan ausgearbeitet. Zugrunde liegt übrigens eine britische Mini-Serie aus dem Jahr 2002. Vielleicht ist dort das politische und kriminelle Chicagoer Zusammenspiel besser miteinander verquickt als hier in „Widows“ durch Steve McQueen und seine Mithelferin Gillian Flynn.

Die sehr unterschiedlichen Ehefrauen arbeiten nach einigem Zögern gut zusammen. Dass der Coup doch daneben geht, liegt an Harry. Ist der etwa gar nicht tot?

Der Name des Regisseurs steht für eine gewisse Qualität. Und die ist hier zweifellos gegeben. Viele thematisch wie dramaturgisch kraftvoll gestaltete Szenen folgen in diesem Krimi und Politfilm aufeinander. Und wenn man weiß, dass Akteure wie Liam Neeson (Harry), Viola Davis (Veronica), Colin Farrell (Jack Mulligan) oder Robert Duvall (Vater) dabei sind und beispielsweise Hans Zimmer den Soundtrack komponiert hat, braucht man sich um die allgemeine filmische Qualität, die Spannung, den thematischen Versuch und den Unterhaltungswert wirklich keine Sorgen zu machen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Climax


von GasparNoé

(Wild Bunch, Kinstart 6. Dezember 2018)

Climax. Höhepunkt oder Tiefpunkt? In diesem Film beides.

Die bekanntesten Swing-, Rock-, Elektro- und Rap-Tänzer wurden für diesen Film zusammengetrommelt. Shows in den USA sind geplant. Es ist die letzte Probe am Vorabend der Reise.

In den ersten 20 Minuten von „Climax“ wird, von erstklassigen Choreographen ausgedacht, eine Tanzshow geboten, wie sie im Kino so wohl noch kaum je zu sehen war. Viel, viel speziell ausgewählte Musik natürlich und dann Bewegungsarrangements, eines origineller, ästhetischer, anstrengender und verrenkter als das andere, teils von Solisten, teils von der ganzen Gruppe ausgeführt – das Ganze eine erstklassige, bewundernswerte Sensation, über die man nur staunen kann.

Alles gelingt, und deshalb sind alle glücklich. Jetzt kann gefeiert werden. Grüppchenbildung, Liebeserklärungen, Gespräche, Getränke.

Aber hat da nicht jemand Drogen in die Getränke getan? Doch! Die Wirkung lässt nicht lange auf sich warten. Zuerst ein Wohlgefühl, dann das Gegenteil. Noch einmal versuchen einige Solisten zu tanzen, doch viel geht nicht mehr.

Jetzt: Vorwürfe; Umherirren in der verlassenen nächtlichen Schule, in der das alles stattfindet; Stürze; Erbrechen; ein Gespräch zweier Männer über Sex, wie es ordinärer nicht sein könnte;  eine Choreographin, die ihr Kleinkind einsperrt und den Schlüssel verliert; Eifersüchteleien; eine Teilnehmerin, die bewusstlos wird; Geschlechtsverkehr; Blut. Totales Chaos, stundenlang.

Und eine junge Tänzerin, die geflohen ist, im Schnee erfriert, ihr Leben verliert.

Wie gesagt eine erstaunliche Himmels- und Höllenschau, Bestes und Bösestes, das meiste in verblüffender Tanzform dargeboten.

Möglicherweise auch ein gezielter Hinweis darauf, was Drogen anrichten!

Auf jeden Fall teilweise sensationell.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Under the Silver Lake


von David Robert Mitchell

(Weltkino, Kinostart 6. Dezember 2018)

Los Angeles. Es gibt wohl nicht viele andere Städte, in denen dieser Film spielen könnte.

Sam, Anfang 30, sagt zwar seiner Mutter am Telefon, dass er arbeite, in Wirklichkeit tut er das jedoch ganz und gar nicht, weshalb er auch keine Miete bezahlen kann und den Rauswurf aus seiner Wohnung riskiert.

Vielmehr hängt er herum, und wenn er ein junges Mädchen entdeckt, nimmt er gar das Fernglas, um auf seine Kosten zu kommen. Er spricht denn auch die junge Sara an, und die geht auch gleich mit ihm ins Bett, aber das Rendez- vous vom kommenden Tag hält sie dann nicht ein sondern verschwindet auf geheimnisvolle Weise.

Sam bleibt nichts anderes übrig als sich auf die Suche nach Sarah zu begeben, aber wie diese Suche ausfällt – à la bonheur!

Junge Damen noch und noch, eine hübscher und modisch besser ausgestattet als die andere; Begegnungen mit Freunden aber auch monströse Zusammenkünfte – beispielsweise mit Tieren oder jenem vermutlichen Komponisten bestimmter Songs, die Geheimnisse enthalten sollen; Masturbation und Geschlechtsverkehr keineswegs ausgeschlossen; viele mäandernde Handlungselemente; Musik in großem Ausmaß; Wiedersehen mit Sarah, die sich, unterirdisch mit einem Milliardär und anderen Gespielinnen in eine Art religiöse Sekte begeben hat. Nicht zu vergessen die Hundemörder, die offenbar auch eine Rolle spielen sollen.

Was wurde dazu gesagt: „eine verdorbene Welt, in der Sex, Drogen und Rock 'n' Roll eine Heilige Dreifaltigkeit bilden“.

Vieles bleibt dunkel, verführerisch, mysteriös, surreal. Es ist gewagt, zum Teil abschreckend. Zur puritanischen amerikanischen Tradition will manches nicht so recht passen. Der Kinozuschauer wird auf eine harte Probe gestellt.

Aber es ist eben auch ein ehrgeiziges, rauschhaftes künstlerisches Experiment. Es kann durchaus als metaphorische Darstellung der heutigen Welt gelten.

Und so gesehen wäre ein Besuch sogar nützlich.




Astrid


Von Pernille Fischer Christensen

(DCM, Kinostart 6. Dezember 2018)

Wer kennt Astrid Lindgren nicht! Die Kinder sowieso, die meisten Erwachsenen aber ebenfalls. Hier nun ein Film über einen sehr wichtigen Abschnitt ihres Lebens. Im Wesentlichen beruht er auf Ereignissen, die so wirklich geschehen sind.

Astrid, noch in sehr jugendlichem Alter, wächst in einer frommen Familie auf. Es wird gebetet, und die Gottesdienste werden besucht. Außerdem gehört das Grundstück, auf dem das Haus der Familie liegt, der Kirche. Moralisch kann man sich also keinen Fehltritt erlauben.

Astrid erhält eine Schreibkraft- und Volontärstelle bei der örtlichen Zeitung angeboten. Ihr Chef Reinhold Blomberg hat mit seiner Frau Olivia Schwierigkeiten; das Verhältnis ist irreparabel, die Scheidung lässt auf sich warten. Dagegen wird die Beziehung zwischen Blomberg und Astrid immer intimer, und schon bald erwartet sie ein Kind.

Das Ganze droht zu einem Skandal zu werden, denn zu jener Zeit ist Ehebruch in Schweden noch strafbar. Astrids Familie schwankt zwischen Wut und Sorge. Blomberg riskiert Gefängnis, Astrid hat nur die Möglichkeit, das Kind in Dänemark zur Welt zu bringen, wo der Name des Vaters nicht angegeben werden muss.

Die Verbindung zwischen Blomberg und Astrid geht in die Brüche. Die junge Frau muss ihren kleinen Lasse bei der Pflegemutter Marie belassen. Und zwar beinahe drei Jahre lang. Für Astrid eine schwere, fast nicht zu ertragende Zeit, zumal das Kind inzwischen Marie als seine eigentliche Mutter empfindet.

Erst nach langer Zeit also hat Astrid ihr Kind bei sich. Zu Hilfe kommt ihr neuer Chef Sture Lindgren, offenbar ein sehr gutherziger Mensch.

Wer einen derartig schwierigen Lebensabschnitt durchstehen muss und danach solche schönen und begehrten Kinderbücher (Gesamtauflage 160 Millionen) schreibt, der ist schon ein außergewöhnlicher Mensch.

Hier nun wird in einem realen, gut getroffenen zeitgemäßen Ambiente und einer geglückten Ausstattung alles geschildert: wie Astrid schon ihren kleinen Geschwistern fantasievolle Geschichten erzählt; wie sie später Reportagen verfasst; wie sie  bestens schreibt; wie sie Märchen erfindet; wie  sie anerkannt wird; wie sie Blomberg liebt; wie sie schwanger wird; wie die Eltern entsetzt sind; wie sie um ihr Kind jahrelang leidet; wie ihr schließlich geholfen wird und ihr Leben immer bedeutender wird.

Alba August als Astrid ist es, die neben dem thematischen Reichtum den Film absolut sehenswert macht. Das Ganze ist filmisch wie menschlich eine sehr schöne Sache geworden.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Climate Warriors


von Carl-A. Fechner und Nicolai Niemann

(W-Film, Kinostart 6. Dezember 2018)

Wenn wir an den vergangenen Sommer mit überhöhten Temperaturen, mit ausgetrockneten Flüssen, mit verdorrten Getreidefeldern und Waldbränden denken, dann sieht es so aus, als könnten wir am Thema Klimawandel wirklich nicht mehr sorgenlos vorbeigehen. Mit dieser existentiell gewordenen Sorge befasst sich dieser Film intensiv.

„Klimakrieger“ heißt er, und das ist schon bezeichnend genug.

Zwei Lager stehen sich immer noch gegenüber: diejenigen, die nichts dagegen haben, dass beispielsweise in den USA 99 Atomkraftwerke laufen; die wie Präsident Trump denken, der weiterhin für den Kohleabbau, die Dakota-Pipeline, Kohle, Öl und Gas, Fracking, die „Lobbyisten der Vergangenheit“ und offenbar auch für die hohen Gewinne  aus der bestehenden Situation oder diejenigen eintritt, die die erneuerbare Energie schlechtreden.

(Der Ehrlichkeit halber muss aber hier auch gesagt werden, dass er damit unbedingt Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen will!)

Und dann gibt es diejenigen Aktivisten (wie z.B. auch Arnold Schwarzenegger), die für eine Energierevolution kämpfen; die nicht Kohle, Öl und Gas wollen sondern Sonne, Wind und Wasser; die belegen, dass durch die erneuerbare Energie schon mehr Arbeitsplätze geschaffen wurden als durch das alte System; die fordern, dass nicht Geld vor Gesundheit geht; die mit der Energiewende auch eine Verkehrswende verlangen; die beweisen, dass mit weniger Luftverkehr und weniger Fleischessen schon viel erreicht werden kann; die ihre Vorstellungen „Klimagerechtigkeit“ nennen; die zeigen, dass z.B. mit Verfahren wie Pellets oder Verwendung von Biomasse sehr wohl Strom erzeugt werden kann; die unbedingt gegen die allgemeine Verschmutzung der Welt vorgehen; die überzeugt sind, dass sie „überleben“ und diesen „Krieg“ gewinnen werden.

Ausführlich, unwiderlegbar und ermahnend wird das alles in diesem Film in professioneller Form vor Augen geführt. Man kann nur wünschen, dass möglichst viele Menschen ihn sehen – und sich Gedanken darüber machen, wie sie selbst dazu beitragen können, die möglicherweise gefährlich werdende Situation zu verbessern.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.    






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Datum: 26.11.2018


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