Der Gilden-Dienst Nr. 48-2019
Alles außer gewöhnlich

von Eric Toledano und Olivier Nakache

(Prokino, Kinostart 5. Dezember 2019)

Kein Film wie andere. Es geht um ganz bestimmte Themen und Dramen – hier in Frankreich, doch es kommen auch viele andere Länder in Frage.

Es gibt erwiesenermaßen über 250 Formen von Autismus. Das ist eine gewaltige Zahl. Wie kann diesen meist jungen Menschen geholfen werden? „Alles außer gewöhnlich“ zeigt es.

Autisten isolieren sich, sprechen nicht, sind oft gewalttätig, haben die ungewöhnlichsten Verhaltensweisen. Wie können Eltern, Ärzte, Politiker, Gesundheitsfunktionäre, Betreuer beeinflusst werden, um Hilfe zu leisten?

In diesem Film machen zwei seelisch ziemlich stabile Männer, Bruno und Malik, einer Jude, einer Moslem, dies vor. Sie schaffen – wenn nötig außerhalb der geltenden Gesetze – Gemeinschaften und Heime für junge, meist minderjährige Autisten, meist aus Brennpunktvierteln.

Sie lehren sie normales gesellschaftliches Verhalten und eine Wiedereingliederung in die alltägliche Realität; mit ihrer Empathie und ihrer Obhut sind sie oft Retter in der Not; ihr charismatisches Engagement ist völlig selbstlos; die Religion spielt dabei keine Rolle; angesichts der Behinderungen ist Durchhaltevermögen gefragt; sie bildeten bereits erfolgreich junge Pflegekräfte aus; sie rütteln die „Entscheider“ wach; viel Geld bräuchte es, das leider nicht da ist.

Nimmt man das Gesagte zur Kenntnis, möchte man meinen, es handle sich um einen rein ernsten und traurigen Film. Doch das ist absolut nicht der Fall. Es geht menschlich, manchmal lustig, manchmal dramatisch zu. Die Autismus-Symptome selbst liefern immer wieder Ideen. Und sozialer könnte dieser Film gar nicht sein! Inszeniert sowie montiert ist er außerordentlich gut. Dazu kommt das unübertroffene Spiel von Vincent Cassel als Bruno und von Reda Kateb als Malik.

Ein zutiefst humaner Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Dicktatorship

von Gustav Hofer und Luca Ragazzi

(Déjà-vu, Kinostart 28. November 2019)

Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende galt das patriarchalische System. Auch in jüngerer Zeit dauerte es noch an: z.B. gegenüber den britischen Wahlrechtskämpferinnen vor mehr als 100 Jahren bis zur heutigen Me-Too-Debatte.

Der Feminismus gewinnt jedoch an Boden.

Gustav und Luca, ein homosexuelles Männerpaar, das zum Schluss dieses Dokumentarfilms heiratet, will die Ursachen dieser angeblich geschlechtlichen Oberhoheit der Männer analysieren und zwar in Italien.

Sie, die auch ihre eigenen Gegensätze immer wieder überwinden müssen, untersuchen und befragen in den Sektoren Schule und Bildung, Politik, Medien, Kirche und Familie. Sie nehmen, um das Testosteron-Gerede erträglicher zu machen, Zuflucht zur Ironie und zur Komik.

Schon der Filmtitel verrät dies.

Wo liegt die Ursache dieses Chauvinismus von Casanova oder Mussolini bis hin zu Berlusconi, beschönigt durch die Formulierung Latin Lover? Es gibt übrigens in dem Film eine aufschlussreiche Szene: Man gibt in einem Versuch Affen Spielzeug an die Hand. Das Ergebnis: Die männlichen Tiere greifen nach den Waffen. Patriarchalisch?

Luca und Gustav geht es „um Akzeptanz nicht Dominanz“. In Rom, Mailand, Venedig oder Padua suchen sie nach Gründen für eventuelle „Frauenfeindlichkeit“. Sie erfahren – und das war lange und überall so -, dass die Männer arbeiten und die Frauen zu Hause sein müssen. Sie interviewen neben mehreren Wissenschaftlern ebenso einen Priester wie einen Pornodarsteller. Sinngemäß kommt unter anderem folgendes zutage: „Frauen sind unterwürfig“ oder: „Italien ist vom Pimmel besessen.“ - „Männer schlagen ihre Frauen aber nicht ihre Chefs.“ - „Männer wollen keine Frauen an der Macht.“ - „Fast alles wird von Männern geschrieben.“ - „Sie haben schließlich auch die Kathedralen gebaut.“

Eine solche „Kultur“ manipuliert die Natur. Wer Frauen, beispielsweise Prostituierte, als Ware behandelt ist dümmlich und vulgär.

Es gibt gottlob immer mehr Proteste seitens der Frauen. „Die Hexen sind da“, rufen sie dann.

Bis die Machos die richtige Sichtweise erkennen, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Aber mit Filmen wie dieser ist ein guter Anfang gemacht.

 

A Rainy Day In New York

von Woody Allen

(NFP, Kinostart 5. Dezember 2019)

Gatsby und Ashleigh sind ein junges Liebespaar. Gatsby, Student, kommt aus einem begüterten Hause. Ashleigh, angehende Journalistin, freut sich, in New York ein Interview mit dem Regiestar Roland Pollard machen zu können, das für ihre Schulzeitung vorgesehen ist.

Deshalb wollen sich beide in Manhattan eine schöne Zeit machen. Das auch deshalb, weil Gatsby beim Pokern, das er lieber macht als studieren, eine schöne Summe gewann.

Der Aufenthalt in New York verläuft allerdings etwas anders als vorgesehen. Nach dem Interview will Pollard Ashleigh seinen Film zeigen. Die zeitliche Verabredung mit Gatsby platzt zum ersten Mal. (Es wird noch mehr solche Pannen geben.)

Mittendrin macht sich Pollard wegen persönlicher Probleme aus dem Staub. Ashleigh fällt in die Hände des Drehbuchschreibers Davidoff, später in die des Filmstars Francisco Vega. Sie soll verführt werden. Halb angezogen kann sie fliehen.

Draußen regnet es.

Allein unterwegs soll Gatsby einem befreundeten Regiestudenten bei einer Kussszene helfen. Die zu Küssende ist Chan, jüngere Schwester einer früheren Freundin von ihm. Zusammen mit dieser begegnet Gatsby einer Tante und einem Onkel, was nicht hätte sein dürfen, weil er nicht in New York sein sollte sondern auf einem Empfang seiner Mutter, den er schließlich mit einem Callgirl besuchen muss, weil Ashleigh ihm zu sehr abhanden kam.

Nach dem Empfang macht ihm seine Mutter ein Geständnis, das ihn umhaut.

Wer wird jetzt als Nächste geküsst?

Über die künstlerische Qualität der Filme von Woody Allen braucht nicht mehr debattiert oder gar gerätselt zu werden. Er hat sich seinen Platz unter den Top-Filmemachern längst verdient.

Auch „A Rainy Day In New York“ gehört zu den guten Produktionen. Die Handlung ist wie so oft bei ihm flott ausgedacht. Die Stadt spielt eine Rolle; manches was Allen dazu zu sagen hat, klingt wehmütig – verständlicherweise.

Das Beste sind wie meistens die Dialoge. Sie sprudeln nur so.

Und bei Allen als Darsteller mitzuwirken ist sicherlich auch für die Schauspieler etwas Erstrebenswertes, vor allem wenn so gut agiert wird wie hier. Dabei sind Thimothée Chalamet als Gatsby, Elle Fanning als Ashleigh, Jude Law als Davidoff, Liev Schreiber als Pollard, Selena Gomez als Chan oder Diego Luna als Francisco Vega.

Auf jeden Fall eine köstliche Unterhaltung.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Aretha Franklin: Amazing Grace

von Alan Elliott und Sydney Pollack

(Weltkino, Kinostart 28. November 2019)

Aretha Franklin – man kennt sie als eine der größten Gospel-Sängerinnen. Gut, dass von ihrer Kunst so viele Aufnahmen gemacht wurden.

In diesem Dokumentarfilm (Regie Alan Elliott und Sydney Pollack) geht es um so einen Fall. An zwei Abenden – bereits 1972 – werden rund zehn/zwölf sehr schöne ausdrucksstarke Songs von ihr aufgenommen. Alles findet nicht in einem Studio, sondern in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, statt. Viele Zuhörer sind da. Begleitet wird Aretha von einer Band.

Begleitet wird sie aber vor allem von ihrem Bruder, der die Veranstaltung leitet, die Sängerin am Klavier lebhaft begleitet und der zum Teil mit ihr singt.

Am zweiten Abend ist auch ihr Vater zugegen, ein Geistlicher, der eine Ansprache hält, der von Arethas Kindheit und Talent erzählt, der erkennen lässt, wie sehr er den Menschen Aretha und ihren Gesang schätzt und dafür Gott dankt.

Wichtig ist auch der Southern California Community Gospel-Chor, der auf eine perfekte und mitreißende Weise alle Gesänge begleitet.

Dann die Sängerin selbst: Ihre religiösen Songs, ihre Stimme, ihre Ausdruckskraft, ihre Melodiosität, ihre Improvisation, ihre Coloratur, ihr Rhythmus, ihre Ausdauer, insbesondere ihre dabei spürbare Frömmigkeit – einfach phänomenal.

Das Publikum geht mit, tanzt mit, jubelt mit. Das geht bis zu Tränen, das geht bis zur Trance.

Wem Aretha Franklin, wem Musik, wem Gospel-Gesang und -Chor, wem Rhythmik, wem Gemeinschaftserlebnis, wem nicht zuletzt ständige Verbindung mit Jesus und tiefe Frömmigkeit etwas sagt, der ist hier richtig.

(Aufgrund technischer und juristischer Schwierigkeiten wurden die Aufnahmen jedoch nie öffentlich gezeigt. Erst jetzt, 42 Jahre später, erstrahlt der Film erstmals auf der großen Leinwand.)

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Hustlers

von Lorene Scafaria

(Universum, Kinostart 28. November 2019)

New York. Wall Street. Vor dem Jahr 2008. Die jungen Bankmanager machen Kohle, viel Kohle. Jedoch nicht zu Gunsten der Allgemeinheit, sondern zu ihrem Vorteil. Täglich verdienen sie nicht Hunderte, sondern Tausende. Wie es der zum Teil hoch verschuldeten Bevölkerung geht, scheint ihnen egal zu sein.

Nach getaner „Arbeit“ vergnügen sie sich mit Whisky usw. in speziellen Clubs. Dort treten viele junge Damen auf: Leicht bekleidet tänzeln sie herum und suchen sich Opfer aus. Das Wichtigste danach: die Bankkarte. Ob die persönliche oder eine von der Firma ist gleichgültig. Die Damen lassen wahllos abbuchen. Erst am nächsten Morgen kommt bei den Herren das böse Erwachen. Das kann bis zum Konkurs gehen.

Ramona (Jennifer Lopez) ist eine gewisse Anführerin der sich in anbiedernder Weise verhaltenden Mädchen. Sie wird sich bald der noch schüchternen Destiny (Constance Wu) annehmen.

Dann kommt das Jahr 2008. Zusammenbruch an der Wall Street. Schwere Finanzkrise überall. Die Folgen für die gewöhnliche Bevölkerung sind katastrophal. Pleiten wo man hinschaut.

Die Banker haben kein Geld mehr. Ihre Clubmädchen ebenfalls nicht.

Da verfallen Letztere auf die Idee, den Herren selbstgebastelte Betäubungsmittel in die Getränke zu mixen. Damit klappen die nächtlichen Raubzüge wieder. Bis es zwischen Destiny und Ramona aus moralischen Gründen zum Zerwürfnis kommt – und schließlich die Polizei auftaucht.

Die Urteile – nach wahren Begebenheiten – fallen verhältnismäßig milde aus.

Die Auswahl der weiblichen wie der männlichen Schauspieler ist frappant, die Milieuschilderung – Dialoge, Spannung, Schauplätze, Gewänder, Musik, usw. - überschäumend.

Das politisch-gesellschaftlich-finanzielle Geschehen absolut akzeptabel dargestellt.

Interessierten zu empfehlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

 

 

  

  

 

 

 

 
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Datum: 25.11.2019


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