Der Gilden-Dienst Nr. 49-2017
Lieber leben

Von Grand Corps Malade und Mehdi Idir

(Neue Visionen, Kinostart 14. Dezember 2017)

Benjamin ist begeisterter Baseballspieler. Und er liebt seine Mitspieler. Dann das Unglück: Ben macht beim Baden einen Kopfsprung, aber das Wasser im Becken ist nicht tief genug. Vollständige Lähmung.

1. Station Krankenhaus. Die Bewegungsfähigkeit ist gleich null. Es geht nur mit Kathedern, Schläuchen, Atemhilfen, mit kleinsten Bewegungen einer Zehe oder nach langer Zeit eines Fingers. So vergehen Wochen, Monate.

2. Station Reha. Alles ist da: Pflegerinnen, Pfleger, Physiotherapeuten, Psychologen. Ohne sie geht gar nichts. Aber langsam, sehr langsam erste Fortschritte. Mit Benjamin wird ein Stehversuch gemacht. Schwierig wenn nicht unmöglich. Weiter: Ben kann –noch mit großen Schwierigkeiten- allein essen. Jetzt kommt der Rollstuhl. Es klappt. Nach unendlich langer Zeit können seine Eltern ihn abholen.

Sein Sportstudium muss er vergessen.

Glücklicherweise gibt es in der Klinik und in der Rehabilitation auch noch die anderen: Farid, der offenbar seit seinem vierten Lebensjahr behindert ist; Eddi oder Steeve, einer, der einen Selbstmordversuch unternimmt; Samia, mit der Ben kurz anbandelt; Toussaint, der nicht überlebt.

Manchmal wird die Traurigkeit besiegt. Die Freunde kiffen einen, sprechen sich Mut zu, machen Witze, sind selbstironisch, sind bei den Mahlzeiten beisammen, helfen einander.

Das ist inszenatorisch hervorragend gemacht: kurze Passagen, flott geschnitten, menschlich, witzig auch, weitgehend authentisch, unpathetisch.

Die jungen Darsteller haben’s drauf. Man empfindet für alle Sympathie.

Und dazu kommt natürlich noch die „Botschaft“, an die Raser, an die Leichtsinnigen, an die jüngeren Menschen vor allem: bei aller begrüßenswerten und notwendigen Lebenslust, wie Benjamin darf man es auf keinen Fall machen. Und: Die Betroffenen sind nicht in erster Linie Behinderte sondern Menschen. Der Film soll sie auch würdigen für den Mut, den sie aufbringen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Drei Zinnen

Von Jan Zabeil

(NFP, Kinostart 21.Dezember 2017)

Ein Drama in den Dolomiten. Lea und Aaron bilden ein Ehepaar,  der achtjährige Tristan gehört ebenfalls zur Familie. Ein zunächst klein erscheinendes Problem gibt es schon, denn Aaron ist nicht Tristans Vater. Also Patchwork-Familie und Patchwork-Risiken.

Die drei machen Urlaub auf einer Berghütte. Landschaft und Natur könnten schöner nicht sein, denn wir befinden uns in der Nähe der berühmten „Drei Zinnen“. Es fällt auf, wie rührend sich Aaron um Tristan kümmern möchte, doch so richtig klappt das nicht. Denn Tristan bekommt sehr viele Anrufe von seinem leiblichen Vater, und auch Lea scheint nicht besonders begeistert zu sein, als Aaron ihr voller Freude erzählt, er sei von Tristan „Papa“ genannt worden.

Man hat als Kinozuschauer von dem in dieser Familie herrschenden Gefühlszustand also nicht gerade den besten Eindruck. Auch können Aaron und Lea offenbar viel zu wenig allein sein.

Aaron versucht trotzdem das Beste daraus zu machen. Er geht mit dem Buben auf eine Bergtour. Da die beiden nicht harmonisch genug miteinander auskommen, rennt Tristan davon. Plötzlich finden sich die zwei nicht mehr. Der hohe Schnee ist dafür genauso verantwortlich wie der Nebel und die hereinbrechende Dunkelheit. Auf der Suche nach Tristan verletzt sich Aaron schwer. Er kann sich kaum mehr rühren. Der Bub kommt zwar wieder dazu, doch beide müssen die eisige Nacht im Gebirge verbringen. Vom Suchtrupp werden sie nicht gefunden, vom Hubschrauber ebenfalls nicht.

Als sie am nächsten Tag sich mühsam fortbewegen wollen, stürzen sie in eisiges Wasser. Eine große Chance haben sie jetzt nicht mehr. Da treffen endlich die Retter ein. Lea rettet sofort ihren Sohn.

Aber was ist mit dem schwer verletzten Aaron? Wird Tristan dafür sorgen, dass auch er gerettet wird?

Herrliche Landschaften, aber erheblicher familiärer Kummer. Die harte Bergwelt dürfte hier so etwas sein wie eine Metapher für die nicht zu verleugnenden Patchwork-Probleme – übrigens bei ansonsten gekonnter Regie manchmal in zu gedehnten Passagen aufgezeigt.

Gespielt wird glänzend. Alexander Fehling ist ein sich bemühender  Ehemann und „Vater“, Bérénice Bejo gibt die gefühlsmäßig zwischen Aaron und Tristan stehende Lea, und den manchmal desorientierten Buben spielt Arian Montgomery.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.   

  

Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

Von Thomas Riedelsheimer

(Piffl, Kinostart 14.Dezember 2017)

Goldsworthy, sicherlich ein Ausnahmekünstler und auch ein Ausnahmemensch.

Man hat den Eindruck, er verlasse mit dem, was er denkt, empfindet und vollbringt, den „normalen“ Alltag - ganz in seinen einzigartigen Ideen, in der Natur, in seiner Kunst aufblühend.

Er geht über die gewöhnliche menschliche Denkweise hinaus und macht den Betrachter dieses Films stutzig: warum selbst nicht auch ein wenig weitblickender, schöpferischer, origineller,  vielschichtiger, das Übliche hinter sich lassend denken und sich verhalten?

Wie Goldsworthys Gedanken und geistigen Vorstellungen sind, ist dann auch, was er als seine Kunst betrachtet: Er verziert mit Zweigen und Astwerk den von ihm geliebten Bach und auch Bäume; er schmückt Treppen mit farbigen Streifen; er hinterlässt auf zunächst trockenen Straßen und Plätzen die Umrisse seines Körpers, nachdem Regen eingesetzt hat; er klettert durch undurchdringlichstes Gehölz, um eben Undurchdringlichstes zu besiegen; er „arbeitet“ mit Blüten; er stellt sich dem Wind entgegen – „Leaning into the Wind“; er hebt in Stein eingelassene Gräber aus; er baut Mauern und denkt darüber nach, was sie für ihn bedeuten.

Er kommentiert all das auf kluge und sympathische Weise.

Dies in Schottland, Brasilien, Frankreich – und manch anderen Orten.

Mit feinstem Gespür wird er während langer Zeit mit der Kamera von Thomas Riedelsheimer begleitet. Wer Riedelsheimers frühere Filme (z.B. „Rivers and Tides“) kennt, weiß, was er künstlerisch zu erwarten hat. Schöne und bezugreiche Bilder sind wieder entstanden.

Wer den nötigen Zugang hat, wird diesen Film faszinierend finden.



Forget About Nick

Von Margarethe von Trotta

(Warner, Kinostart 7. Dezember 2017)

New York. Ein Frauenfilm. Gerade wird Jade wegen einer jüngeren Frau von Nick verlassen. Maria, mit der Nick zwei Kinder hat, ging es vor geraumer Zeit ebenso. Also zwei verlassene Frauen und eine dritte, die Nick gerade erst angemacht hat.

In Manhattan gibt es Nicks eindrucksvolles Loft, das er beiden Verlassenen je zur Hälfte vermacht hat. Sie werden also jetzt zusammen wohnen müssen. Das wäre vielleicht nichts Besonderes, wenn sie nicht so verschieden wären. Jade ist eine Designerin, die flott leben will, den Luxus liebt und die beispielsweise den Kühlschrank mit allem füllt, was es im Supermarkt so gibt. Maria ist die ruhigere, sie befasst sich mit Literatur, hält etwas von der Familie und stopft ihrerseits den Kühlschrank  mit Gemüse voll, aber nicht bevor sie Jades Lebensmittel in den Mülleimer geworfen hat.

Und der Kleinkrieg der beiden bezieht sich ebenso auf die Einrichtung. Ein großes Gemälde, das der einen gefällt und der anderen nicht, wird immer wieder ausgewechselt. Und wie soll mit dem eher unseriösen Nick umgegangen werden, wenn der vorbeischaut? Auch in dieser Beziehung sind Maria und Jade unterschiedlichster Auffassung.

So geht es weiter.

Lange, sehr lange dauert es, bis die derart festgefahrenen Verhaltensweisen sich ändern, bis, überspitzt gesagt, aus Feindinnen Freundinnen werden. Aber immerhin ist so etwas möglich – und natürlich auch zu begrüßen.

Margarethe von Trotta widmete sich hier – auf der Grundlage eines Drehbuches von Pamela Katz - ausschließlich dem gewiss vielschichtigen Thema der Beziehungen zwischen Frauen.

Darauf beschränkt sich der Film.

Manche sprechen von einer Komödie, doch der Stoff liegt näher am Drama. Professionell getroffen sind Ambiente und Inszenierung auf jeden Fall. Und gespielt wird auch gut. Nicht mehr und nicht weniger.

Katja Riemann stellt die seriöse Maria dar, Ingrid Bolso Berdal die ausgeflippte Jade und Haluk Bilginer den Schwerenöter Nick.



Meine schöne innere Sonne

Von Claire Denis

(Pandora, Kinostart 14. Dezember 2017)

Isabelle ist eine gut aussehende Künstlerin, die schon einige Jahrzehnte hinter sich hat. Von einer befreundeten Galeristin wird ihr ein interessanter Job angeboten; eigentlich könnte alles bestens sein.

Ist es aber nicht. Das liegt wohl an ihrer charakterlichen und inneren Unausgewogenheit, vor allem aber an ihrem Verhältnis  zum männlichen Geschlecht und zur Liebe schlechthin. Was hat sie in dieser Beziehung nicht alles versucht: mit dem Bankier, der im Grunde ein (verheirateter) Dreckskerl ist; mit Mathieu, der ihr jedes Mal vor dem Fischgeschäft unverbindliche Angebote macht; mit dem Schauspieler, der sich überlegt und feinfühlig gibt, aber sichtlich nicht weiß, was er (sagen) will; mit ihrem Ex-Mann Francois, der sich nach einem kurzen Sex schnell wieder mit ihr bekriegt, auch weil es um ihre kleine Tochter geht; mit Fabrice, mit dem keinerlei Verliebtheit zu spüren ist; mit Sylvain, der Isabelle zwar wirklich liebt, mit dem es aber nicht klappt, weil beide sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten angehören, er der einfache bescheidene Mann, sie die intellektuelle, auf bestimmte Ansprüche nicht verzichtende Frau.

Am Schluss bleibt nur noch ein Wahrsager, dessen endlose gesalbte Worte aber auch nichts bringen werden, der jedoch von Gérard Depardieu in gewohnt souveräner Weise dargestellt wird.

Es gibt keine durchlaufende und durchdramatisierte Handlung, es gibt nur Dialoge, die sich um das ewige Thema Frau und Mann drehen. Aus diesen ist sicherlich einiges mitzunehmen: über Kompromisse, über Ängste, über Hoffnungen, über Unentschlossenheit, über Konventionen, über Unverbindlichkeit, über die Diskrepanz zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von der Liebe, über Anerkennung, über Erwartungen, über Enttäuschungen über „Fragmente“ des menschlichen Lebens.

Überhöht wird das Ganze von Juliette Binoche als Isabelle, die einmal mehr beweist, dass sie zu den ersten französischen Filmschauspielerinnen gehört.

Wann wird die „schöne innere Sonne“ endlich aufgehen?

 




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Datum: 04.12.2017


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