Der Gilden-Dienst Nr. 49-2018


RGB – Ein Leben für die Gerechtigkeit


von Betsy West und Julie Cohen

(Koch, Kinostart 13. Dezember 2018)

In vielen Teilen der Welt ist es heute noch so, dass die Frauen weniger Rechte haben als die Männer. Das hat historische und, was zum Beispiel den Islam betrifft, religiöse Gründe, ist aber deshalb nicht richtiger. Auch in den USA war dies bis in die 70er Jahre noch der Fall. Die damalige Situation stützte sich auf Texte, die 200 Jahre alt waren.

Allmählich wurde der Protest stärker. Und hier ist vor allem eine Frau zu nennen, die ihren Geschlechtsgenossinnen in einem Maße Rechte verschaffte, wie sie kaum möglich schienen. Ihr können Millionen amerikanischer Frauen ewig dankbar sein.

Sie wissen es auch und feiern sie deshalb mit Gebühr.

Es handelt sich natürlich um Ruth Bader Ginsburg, kurz RGB (offenbar nach einen Rapper) genannt. Sie ist jetzt bereits 85 Jahre alt geworden; ihr bewegtes Leben schildert dieser hochinteressante Dokumentarfilm.

Über 50 Jahre war sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Marty verheiratet, den sie innig liebte, hatte zwei Kinder, Jane und James (die in dem Film übrigens zu sehen und zu hören sind). Ausgesprochen witzig erzählt Marty (anhand von Archivaufnahmen) vom Leben mit dieser außergewöhnlichen Frau - wie er sich ihr ein wenig unterordnete, wie er kochte, während sie Juristisches trieb.

Sie hatte in ihrem Leben wichtige Posten, aber vor allem trat sie als Anwältin in einem Dutzend Prozessen meist als Siegerin auf, wo es um haarsträubende Diskriminierungen, Löhne, Zulassung zum Militär, die Bevorzugung von Männern vor Frauen, Abtreibung oder die Wiederwahl von  George W. Bush ging.

Präsident Clinton machte sie zur Richterin des Supreme Court, der letzten und absolut verbindlichen Rechtsinstanz der Vereinigten Staaten. Sie gehört dem Gericht heute noch an. Aber es ist keineswegs so, dass sie immer Ruhe gäbe. Wenn sie mit den Beschlüssen der Mehrheit nicht einverstanden ist, verfasst sie ein Minderheitsvotum – wird jedoch von ihren Kollegen hoch geschätzt.

Sie tritt in dem Film oft selbst auf, in ihren verschiedensten Lebensphasen wird sie gezeigt und angehört. Viele Freunde, Kollegen, Bewunderer und Gegner sprechen von oder mit ihr - der Archivpassagen und Milieuschilderungen sind viele - und aus alledem ist ein erlebenswertes Dokument geworden, das durchaus auch beim Kinozuschauer ein gewisses Bewusstsein für das Recht ganz allgemein wieder in Erinnerung rufen kann.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Gegen den Strom


von Benedikt Erlingsson

(Pandora, Kinostart 13. Dezember 2018)

Ganz ohne Zweifel brauchen wir die Industrie. Doch die Großindustrie kann schweren Schaden anrichten, wenn sie sich nicht an die Gebote der Umwelt hält.

In Island existiert ein Unternehmen – in diesem Film ein Aluminiumwerk - , das dies offenbar nicht tut. Und das gefällt Halla nicht. Deshalb hat sie sich Sabotageakte einfallen lassen. Sie lebt allein, hat eine Schwester und leitet einen gemischten Chor.

Und was hat sie sich denn gegen das Aluminiumwerk einfallen lassen? Nun, sie zerstört Stromleitungen. Wenn das Werk wegen Stromausfalls das Metall nicht schnell genug behandeln kann, entsteht ein Riesenverlust.

Vor Jahren hat sich Halla bereit erklärt, ein kleines (ukrainisches) Mädchen zu adoptieren. Jetzt, mitten in der Sabotage-“Arbeit“, kommt der entsprechende positive Bescheid. Das passt gar nicht ins Konzept, aber es muss gehen. Die Schwester kann ja helfen.

Die Behörden sind ob der Sabotage entsetzt. Doch Halla ist das alles nicht genug. Sie sprengt jetzt einen riesigen Strommasten. Nun wird es ernst. Gottlob wird niemand verletzt – und hilft ihr der Bauer Sveinbjörn, sich zu verstecken.

Sie wird mit Drohnen und Hubschraubern gesucht. Vergeblich, denn sie tarnt sich vorzüglich. Sie veröffentlicht zudem ein vielsagendes Manifest zu ihrem Anliegen.

Und dann wird ihre DNA-Spur doch gefunden. Jetzt muss die Schwester ran. Das gelingt. Und die kleine Nika aus der Ukraine kann adoptiert werden.

Man darf vielleicht nicht so wild vorgehen wie Halla, aber die Grundrichtung stimmt natürlich. Der Film ist ein lauter Aufschrei zum Schutz der Umwelt, des Klimas, der Erde, der Menschen. Wenn man an die Plastiktonnen in den Weltmeeren denkt oder an die Schlussszene von „Gegen den Strom“, wo alle nur noch durch eine Überschwemmung waten können, dann sind solche Filme Pflicht.

Besonders originell ist hier die gesangliche und übrige musikalische Untermalung, doch auch sonst ist der Film nicht von schlechten Eltern: thematisch wie gesagt Spitze, hervorragend inszeniert und wirklich toll gespielt von Halldora Geirhardsdottir (Halla) und Johann Sigurdarson (Sveinbjörn).

Der Film ist ein Muss.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Die Erscheinung


von Xavier Giannoli

(Filmperlen, Kinostart 13. Dezember 2018)

Erstaunlicherweise bekennt Autor und Regisseur Xavier Giannoli ganz offen, dass er sich, vielleicht sogar intensiv, mit Religiosität, mit dem Glauben, mit der Existenz Gottes auseinandersetzt. Zu einem abschließenden Ergebnis ist er nicht gekommen – weil es dieses überhaupt nicht geben kann.

Doch wollte er über das ihn beschäftigende Thema einen Film drehen, der wie folgt ausgefallen ist:

Im südlichen Frankreich lebt das Mädchen Anna, das eine Erscheinung der Jungfrau Maria, der „Mutter Gottes“, gehabt hat oder periodisch immer noch hat. Eine Menschenmenge hat sich unmittelbar und immer wieder gebildet: mit Gesängen, Gebeten, mit Schildern und persönlichen Anliegen ziehen sie zum Erscheinungsort.

Die katholische Kirche muss derlei natürlich prüfen, speziell im Auftrag des  Vatikans. Ein Ausschuss aus Ärzten, Theologen, Psychiatern und einem für den sogenannten Exorzismus Verantwortlichen wird zusammengestellt und Befragungen werden vorgenommen.

Der Journalist Jacques Mayano wird beauftragt, über all dies einen ausführlichen Bericht an den Vatikan zu senden.

Leicht ist das nicht, vor allem weil Anna eine solche Reinheit, Bescheidenheit und Demut an den Tag legt, dass man nie an ihr zweifeln möchte. Der Ortspfarrer, der einen  fragwürdigen Eindruck macht, hat das Mädchen längst unter seine Fittiche genommen, weiß Gott welchen Nutzen er daraus ziehen möchte. Dann gibt es da noch einen deutschen Priester, der aus alledem am liebsten eine Weltsensation machen würde.

Dass sich dann doch nicht alles als so heilig darstellt, wie es am Anfang den Anschein hatte, ergibt sich bald durch die Nachforschungen Mayanos, der zu Anna ein brüderlich-nahes Verhältnis gefunden hat.

Dass eine enge thematische Verknüpfung zwischen Giannolis eigenen Glaubensproblemen, der Darstellung der Erscheinungsgeschehnisse, des Auftrags und der Arbeit Mayanos sowie des Mysteriums um Annas Freundin Mériem restlos gelungen wäre, kann man nicht sagen. Doch es gibt auch eminente Vorteile. Wie das Drumherum der Marienerscheinung gezeigt wird, ist so realistisch dargestellt, dass man daran glauben könnte.

Und dann ist da noch die schauspielerische Leistung von Vincent Lindon. Sie ist so glänzend und überzeugend, dass es wie immer bei ihm eine Freude ist. Ähnliches kann man aber auch von Galatea Bellugi als Anna sagen.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos gut möglich.




Männerfreundschaften


von Rosa von Praunheim

(MissingFILMs, Kinostart 13. Dezember 2018)

Für die Homosexuellen hat Rosa von Praunheim viel getan. Früher, viel früher, galt Homosexualität ja als Krankheit, als Verbrechen und was sonst noch alles. Das ist vorbei. Heute gibt es die gleichgeschlechtlichen Ehe, die „Ehe für alle“.

Praunheims Interesse galt für diesen Film dem 18. und 19. Jahrhundert. Angeregt wurde er offenbar durch Robert D. Tobins Buch „Warm Brothers – Queer Theory at the Age of Goethe“. Und sofort wird die immerhin ungewöhnliche Frage gestellt: „War Goethe schwul?“

Zurück ins 18. und 19. Jahrhundert. Die Gefühlsausbrüche scheinen andere gewesen zu sein als heute, das Liebesvokabular in einer anderen Kultur weiter gefasst als jetzt. Es gab, auch zwischen Männern, Liebesbriefe, feurige Liebesbekundungen, Küsse noch und noch, viele Freundschaften. Dass damit sofort Homosexualität verbunden war, ist nicht bewiesen. Auch nicht zwischen Goethe und Herzog Carl August von Sachsen Weimar, zwischen Goethe und Johann Georg Jacobi oder zwischen Goethe und seinem Diener Seidel. 

Anspielungen auf die (griechische) Knabenliebe gibt es indessen genug („Knaben liebt' ich wohl“ - „einen Mann am Busen“) auch bei Goethe, der mit 37 Jahren in Italien diverse sexuelle Erlebnisse gehabt haben dürfte. Dafür sprechen Faust-Zitate, Gedichte, Briefstellen, Themenstellungen.

Doch: Goethe war während seines ganzen Lebens sehr eng mit Frauen verbunden. „War Goethe schwul?“ Sehr unwahrscheinlich!

War Schiller schwul? Absolut unwahrscheinlich! (Auch wenn laut Praunheim in seinen unvollendeten „Maltesern“ einige Andeutungen vorhanden sein könnten.)

Dieselbe Frage in Bezug auf die erotische Liberalität wird hier beispielsweise auch den Gebrüdern Humboldt oder Heinrich von Kleist gestellt. Antwort: Kein Mensch weiß das genau.

Praunheim versucht in seinem Dokumentarfilm all das auch schauspielerisch zu zeigen. Und er gibt für den, der nicht so gut Bescheid, weiß eine ganze Menge historischer Auskünfte.

Behandelt werden auch die Fälle, in denen (auch lesbische) Homoerotik wirklich vorliegt: August von Platen, Emil August von Sachsen Gotha („bewundernswert und widerwärtig zugleich“), Johann Ludwig Wilhelm Gleim oder Adele Schopenhauer und Sybille Mertens.

Alles in allem ein menschliches, gesellschaftliches, erotisches, historisches, filmisches Experiment.




JOTA – mehr als Flamenco


von Carlos Saura

(Cine Global, Kinostart 6. Dezember 2018)

Wie in Argentinien der Tango gehören in Spanien der Flamenco und die  Jota zur Musik schlechthin. Der Altmeister Carlos Saura hat sich schon seit längerer Zeit die kulturelle Aufgabe gestellt, diese vielfältigen Musikgenres, unterschiedlich nach Regionen, zu zeigen, damit Freude zu erzielen, zu bewahren, zu archivieren – auch für spätere Generationen.

Von den Kleinsten bis zu den künstlerisch Höchststehenden, von den Solisten bis zu den Gruppen, von den Damen bis zu den Herren, von den Chören bis zu den Solosängern, von den Orchestern bis zu den Quartetten oder Sextetten, von der Primaballerina bis zum männlichen Einzeltänzer. . .

. . . da wird (in einer einfachen Aneinanderreihung ohne jeden speziellen inszenatorischen oder dokumentarischen Aufbau) studiert und trainiert; da wird „performed“; da wird vor allem von der Liebe gesungen und dabei Freude ausgestrahlt; da wird mit den Kastagnetten geklappert; da kommen alte und moderne Stilarten zum Zug; da werden wunderschöne Trachten getragen; da gilt Präzision und Perfektion; da treten nur erstklassige Kräfte auf; da klingen Mandolinen und Gitarren; da gibt es einen Lichteffekt nach dem anderen; da gibt es einen Farbeffekt nach dem anderen; da wird gespiegelt noch und noch; da wird es kraftvoll und dann wieder wehmütig (beim Fado); da folgt ein Einfall auf den anderen; da werden Geschichte und Tradition lebendig; da werden regionale und lokale Besonderheiten sichtbar; da werden physisch und künstlerisch virtuose Leistungen geboten, über die man nur staunen kann.

Wie es im Filmtitel heißt: „mehr als Flamenco“.

Saura hat sich hierbei vor allem der in seiner Heimat Aragonien gängigen Jota-Tanzart gewidmet.

Und er hat eines nicht vergessen: bedrückende Bilder aus dem mörderischen spanischen Bürgerkrieg der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Interessierten auf jeden Fall zu empfehlen.






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Datum: 03.12.2018


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