Der Gilden-Dienst Nr. 49-2019


Aquarela


von Victor Kossakovsky

(Neue Visionen, Kinostart 12. Dezember 2019)

In gut einem halben Dutzend Länder (u.a. Schottland, Grönland, Mexiko, Venezuela, USA usw.) ging der Regisseur einem der wichtigsten Elemente auf der Erde nach, dem Wasser. In ganz besonderen Aufnahmeverfahren (96 Bilder pro Sekunde) spürte er den vielen Formen nach, in denen das Wasser sich zeigt. „Was wir wissen ist ein Tropfen, und was wir nicht wissen ist ein Ozean“ (Isaac Newton).

Das Eis in der Arktis, das weniger zu werden droht und auf das wir aufpassen müssen; das unendliche Meer; die Wolken, die zu Wasser werden; der stürmische Ozean mit haushohen Wellen, die Lebensgefahr in  sich bergen; der Regen, der zu alles vernichtenden Überschwemmungen führen kann; der ruhige See, der erholsam wirkt; der Wasserfall, der zeigt, wie wunderbar die Natur sein kann.

Ästhetik und Poesie fehlen dabei nicht.

Die Wandlung des Elements entspricht, könnte man sagen, Emotionen, wie der Mensch sie hat: Harmonie oder Aggression, Feingefühl oder Laune.

Victor Kossakovsky wollte nicht Wasserpolitik, Wassermangel, Wasserverschmutzung oder dergleichen behandeln, sondern einzig und allein das Element selbst in seinen zahllosen beeindruckenden Formen.

Die einzelnen Einstellungen dauern sehr, sehr lange. Man wird zum Nachdenken, zum Staunen, zum Bewundern geradezu gezwungen. Ein solcher „Zwang“ ist jedoch hier keineswegs ein Nachteil. Er kann das Gegenteil sein.

Trotzdem: Es wäre um einer eingehenderen Information willen wirklich sinnvoll gewesen, nicht nur Bilder zu zeigen sondern auch manche Daten hinzuzufügen!


Madame


von Stéphane Riethauser

(Salzgeber, Kinostart 12. Dezember 2019)

Der Schweizer Regisseur Stéphane Riethauser erzählt von drei Generationen seiner Familie: von seiner Großmutter, seinen Eltern, in erster Linie jedoch von sich selbst.

Die Großmutter: Sie wurde 90, war eine resolute Frau. Schon mit 15 Jahren wurde sie verheiratet, lief jedoch ihrem Mann, der sie bei der Geburt des ersten Kindes allein ließ, ziemlich schnell davon. Wirklich geliebt scheint sie nie geworden zu sein. Geschäfte machte sie aber noch und noch. Sie war Friseuse, handelte später mit Korsetts und Antiquitäten. Sie, die als Kind weder lesen noch studieren durfte, malte im Alter schöne Landschaftsbilder und gab Stéphane, als dieser mit seinem sich langsam herausbildenden Liebesleben Kummer hatte, gute Ratschläge: „Der Mut des Geistes ist stärker als die Stürme des Herzens.“

Die Eltern: Sie brachen zusammen, als Stéphane sich nach langer Zeit bewusst geworden war, dass er homosexuell ist und dies ihnen sagte. Ein Schock. Eine Katastrophe. Der Vater weinte, für ihn war es „wie ein Bajonett ins Herz.“

Stéphane selbst: Ein aufgeweckter Junge, der schon mit acht Jahren Filme drehte. Lange war er sich seiner Geschlechtlichkeit nicht bewusst, hatte Freundinnen wie Sybille und Freunde wie Etienne, David oder – später – Aris. Klar dass er als Bub Sheriff oder Offizier werden wollte. Danach: trinken und kiffen.

Es war wie eine lang andauernde äußere und innere, geistige und psychische Entwicklung, bis die Dominanz seiner Homosexualität voll und ganz eingetreten war.

Dann allerdings setzte er sich – inzwischen in den USA – an die Spitze seiner gleichgeschlechtlichen Brüder, schrieb ein Buch zu dem Thema, kämpft wohl bis heute für die menschliche und gesellschaftliche Gleichstellung und gegen die Homophobie.

Ein sehr vielfältiger, gut gestalteter, sogar historisch interessanter Film: über Familie, aufkeimende Liebe, langes Suchen, oftmaliges Leiden, sexuelle Bewusstwerdung, Kampf gegen die Homophobie und einen schlussendlichen Sieg.


Supervized


von Steve Barron

(Kinostar, Kinostart 12. Dezember 2019)

Supermänner oder -frauen gibt es im modernen Kino zuhauf. Von solchen handelt der Film.

Allerdings haben diese ein Problem: Sie sind alt geworden, sozusagen ausrangiert. Jetzt fristen Ray, früher „Maximum Justice“, Ted, alias „Shimmy“, Madera, früher „Moonlight“ (eine einstige Flamme von Ray) oder Pendle, alias „Total Thunder“ im irischen Seniorenheim Dunmanor ihren Lebensrest. Einige haben sich damit abgefunden, Ray ganz und gar nicht.

Nun verlieren sie ihr Gebiss, müssen den Treppenlift nehmen, gehen regelmäßig zur Blutabnahme, spielen miteinander oder erinnern sich an früher, klopfen witzige (ab und zu schlüpfrige) Sprüche, haben Prostata-Probleme („eingerosteter Pflegefall“), halten sich noch für Helden, nehmen schließlich wahr, dass es einen neuen, moderneren Superhelden gibt, als sie es je hätten sein können.

Irgendetwas stimmt nicht in Dunmanor. Das wird vor allem offenbar, als Jerry, früher „Rainbow Warrior“,  stirbt. Alicia, die Verwalterin, von der man annehmen konnte, dass sie ihre „Kunden“ pflegt, ist nämlich eine ganz Böse. Sie will den Superhelden die Kräfte nehmen und daraus eine eigene Superkraft aufbauen. Dessen werden Ray, Ted, Madera und Pendle gewahr – also werfen sie sich in ihre früheren Kostüme und treten gegen Alicia zum Kampf an.

Kein Wunder, dass sie diesen gewinnen.

Langsam kommt der Film ins Rollen; in der zweiten Hälfte geht es richtig los: mit Action, Tempo, Kampf, hartem Sound, Explosionen, raschen Bildfolgen.

Allerdings fallen bei weitem nicht alle Rezensionen zufriedenstellend aus.

Bemerkenswert sind die Schauspielernamen Tom Berenger (Ray), Beau Bridges (Ted), Fionnula Flanagan (Moonlight) Fiona Glascott (Alicia) oder Louis Gossett, Jr. (Pendle).

Thematisch nicht zu unterschätzen ist auf jeden Fall auch, dass der Film sich zwar um Humor bemüht, dass er sich aber ebenso gravierenden Fragen wie dem Altwerden und dem Tod widmet.




Die glitzernden Garnelen


von Cédric Le Gallo und Maxime Govare

(Salzgeber, Kinostart 5. Dezember 2019)

Der Kampf gegen die Homophobie ist noch nicht abgeschlossen, doch er scheint zu Ende gehen zu können. Dazu tragen auch Film wie der vorliegende bei.

Es geht hier um ein gutes halbes Dutzend Männer unterschiedlichen Alters, die eine Amateur-Wasserballmannschaft bilden. Von Paris aus wollen sie an Gay Games in Kroatien teilnehmen. Es geht ihnen jedoch nicht in erster Linie darum zu gewinnen – vielmehr darum, aus der Einsamkeit heraus, in der einige stecken, Freundschaften zu gewinnen; Sorgen mit den übrigen zu besprechen; mit ihnen feiern, lachen, witzig sein, tanzen und eine gute Zeit verbringen; mit sexuellen Eigenheiten, wie sie beispielsweise einer (oder eine) namens Fred aufweist, klar zu kommen; möglicherweise auch eine neue Liebe zu finden; akzeptiert zu werden, wie sie sind.

Hindernisse gibt es allerdings genug. Alex beispielsweise will die Liebe Jeans, „die Liebe seines Lebens“, zurückgewinnen. Vergeblich.

Ein Problem hat auch der Coach, Schwimmweltmeister Matthias Le Goff. Er beging die Unvorsichtigkeit, während einer Fernsehsendung eine homophobe Bemerkung fallen zu lassen. Sein Verband reagierte sofort. „Zur Strafe“ muss er die Wasserballspieler „glitzernde Garnelen“ auf die Gay Games vorbereiten.

Bald wird er seine abfällige Einstellung ändern!

Dazu ein echtes Unglück: Einer der „Garnelen“, der mit seiner Gesundheit schon immer Schwierigkeiten hatte, stirbt. Für die Truppe ein schwerer Schlag.

Inszeniert wurde professionell. Die von den Machern gewünschte, mit einer wichtigen Aussage verbundene lebendige Atmosphäre ist richtig getroffen. In erster Linie geht es wohl darum, zwei eventuell entgegengesetzte Welten einander näher zu bringen – und zwar so gut wie möglich.

Ein psychologisch unverzichtbarer Ansatz.     




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Datum: 02.12.2019


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