Der Gilden-Dienst Nr. 50-2018


Die Schneiderin der Träume


von Rohena Gera

(Neue Visionen, Kinostart 20. Dezember 2018)

Mumbai. Eine Riesenstadt, in der die Wolkenkratzer hochschießen. Ashwins Vater baut ein solches Hochhaus. Entsprechend reich und (vermeintlich) gesellschaftlich hochgestellt ist die Familie. Und vor allem ihre Frauen tun auch so, beispielsweise wenn Empfänge sind.

Dazu kommen in Indien noch die unterschiedlichen Kasten, die einander behandeln, als gehörten sie nicht zu dem einen und gleichen Volk.

Ashwins Bruder starb, deshalb musste er aus Amerika zurückkommen. Der Vater braucht ihn. Er lebt allein in einer komfortablen Wohnung. Ratna ist sein Dienstmädchen. Sie stammt aus der Provinz, war schon mit 19 Witwe. Sie unterstützt ihre Schwester Choti, die studieren darf.

Ratna will aus ihrem Leben etwas machen. Sie hat den einen großen Wunsch: eine Schneiderlehre machen zu können und einmal so etwas wie eine Modedesignerin zu werden. Doch in der gesellschaftlichen Lage und der persönlichen Stellung, in der sie sich befindet, ist sie davon himmelweit entfernt.

Sie ist bescheiden, zurückhaltend, immer dienstbereit, in ihrer Arbeit sehr diskret.

Ashwin wollte heiraten, doch in letzter Minute platzte die Hochzeit. Entsprechend irritiert und bis zu einem gewissen Grad traurig ist sein Leben.

Es vergehen Wochen. Langsam, ganz langsam entstehen zwischen Ashwin und Ratna Gefühle, die vor allem von ihm ausgehen, doch auch bei ihr durchaus vorhanden sind. Aber sie wehrt sich. Die Standesunterschiede sind zu groß, sie hat Angst, zum Gespött von Ashwins Freunden und überhaupt der Öffentlichkeit zu werden, aufs Land zurück zu müssen, den Schwiegereltern zur Last zu fallen.

Deshalb kommt anscheinend nur eine Trennung in Frage.

Aber daraus wird nichts. Dafür sorgt eines der schönsten Film-Telefongespräche der letzten Zeit!

Das Milieu der Riesenstadt, die Klassenunterschiede, die persönlichen Gefühlslagen der Protagonisten, bewegendes Feingefühl, künstlerisches Niveau und von Tillotama Shome als Ratna sowie von Vivek Gomber als Ashwin bewundernswert gespielte Hauptrollen – alles ist da.

Ein wunderschöner Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Trouble


von Theresa Rebeck

(Kinostar, Kinostart 20. Dezember 2018)

Vermont, USA. Als Kinder liebten sich Maggie und ihr kleiner Bruder Ben. Sie spielten, pflanzten Blumen. Ihr Vater sah ihnen liebevoll zu.

Als der Vater starb, war natürlich ein Erbe da. Und damit beginnt der Film. Ben, der lange weg war, taucht plötzlich auf. Aber nicht nur das. Er fängt auf Maggies Grund und Boden mit einem Bagger an zu graben, will ein Haus bauen.

Maggie schaut nicht lange zu. Denn es handelt sich – aus der Erbschaft - um Grund und Boden, den Ben seiner Schwester verkaufte – oder sollte es heißen verkauft haben soll? Es sieht so aus, als habe Ben ein krummes Ding gedreht; einen guten Ruf hatte er als Erwachsener sowieso nicht.

Unterstützt wird Ben von seinem Sohn Curt, und der wiederum ist der Freund der Frau vom Vermessungsamt, die in der Sache eigentlich für Korrektheit hätte sorgen müssen – was sie jedoch nicht tat.

Als der Streit einen Höhepunkt erreicht, schießt Maggie auf ihren Bruder und veretzt ihn schweer. Das macht die Angelegenheit natürlich nicht besser. Sheriff Logan wird jetzt gebraucht – doch der verliebt sich in das Mädchen vom Vermessungsamt. Also wieder nichts?

Gottlob ist auch Gerry noch da, der immer wieder versucht, die Lage zu entschärfen. Seit vielen Jahren ist er hinter Maggie her, nur hat er sich offenbar nie getraut, es ihr zu gestehen.

Am Ende ist alles doch wieder in Ordnung – weil die Streithähne endlich zur Vernunft kommen. Jetzt kann man sogar gemeinsam feiern.

Es ist ein kleiner Film, aber einer der eindringlich zeigt, dass nicht Streit, Beleidigungen, Betrügereien oder gar Feindschaft und Schüsse den Menschen helfen, sondern ruhig Blut, Vernunft und Verständigung.

Das macht auf jeden Fall den Wert dieses Films aus.

Dazu kommt, dass großartige und beliebte Schauspieler wie Anjelica Huston, Bill Pullman, Julia Stiles oder David Morse am Werk sind, von denen man nicht besonders betonen muss, wie gut sie ihre Sache machen.




Postcards from London


von Steve McLean

(Salzgeber, Kinostart 13. Dezember 2018)

Der 21jährige schöne Jim aus dem britischen Essex begibt sich, eigentlich entgegen dem Willen seiner Eltern, nach London. Er will wie jeder junge Mensch seine Zukunft aufbauen, einen Job finden, etwas erleben.

Einfach ist das in London nicht , denn Geld hat Jim keines. Und überfallen wird er auch sofort. In einer Bar gerät er an eine Gruppe junger Kerle, die sich aber nicht als sexy boys, als Strichjungen betrachten, sondern die Homoerotik in höhere, intellektuelle Sphären zu ziehen versuchen. Caravaggio, Oscar Wilde, Francis Bacon und George Dyer oder Pier Paolo Pasolini werden in diesem Zusammenhang genannt.

Jim verkehrt mit einem gealterten Tänzer, mit einem Maler, der sich mit dem heiligen Sebastian, einstmals römischer Prätorianer, befasst und „Diokletian“ (wie der gleichnamige römische Kaiser und Christenverfolger) genannt werden will. Jim wird als „Muse“ immer wieder gemalt und fotografiert, gilt als schön. Ob Schönheit gefährlich sei, wird in diesem Zusammenhang einmal gefragt.

Viele kunstvolle Bilder werden ihm gezeigt, doch er leidet am sogenannten Stendhal-Syndrom. Das bedeutet in der Psychologie und Gehirnfunktion, dass eine zu intensive Kunstbetrachtung, etwa in Florenz oder beispielsweise bei der Beurteilung, ob es sich bei einem Gemälde um das Original oder um eine Fälschung handelt, zumindest   vorübergehend eine geistige Störung auftreten kann, die beispielsweise bei Jim sogar zur Ohnmacht führt, während der er irreale Szenen wie etwa seinen Fechtkampf mit Caravaggio durchleidet.

Irgendwann glaubt Jim seinen Weg gefunden zu haben und nun seine Seele nicht mehr dem Teufel verkaufen zu müssen, wie ihm einmal gesagt wurde. Aufrecht verlässt er sein bisheriges Leben.

Inszenatorisch, was zum Beispiel Licht, Farbe und Sound angeht, hat der Film Niveau. Harris Dickinson, der den Jim verkörpert, liefert künstlerisch eine beachtliche Leistung ab. Was die behandelten Themen Sex, Kunst oder Schönheit betrifft, stehen hier viele Reflexionen zur Debatte, reale und irreale.

Da liegt es vornehmlich am Betrachter des Films, das für ihn möglicherweise geistig Bedeutsame herauszuziehen.




Meine Welt ist die Musik


von Marie Reich

(Filmperlen, Kinostart 10. Januar 2019)

Er hält sich zurück, spielt sich nicht in den Vordergrund, sagt, dass er auf der Straße nicht erkannt zu werden braucht und es ihm viel lieber sei, wenn die Leute auf der Straße seine Lieder pfeifen. Und er sagt das obwohl er ein absolut erstklassiger Musiker, Komponist und Musikproduzent mit einem überaus erfolgreichen Wirken und Leben ist.

Die Rede ist von (Professor) Christian Bruhn, der Mozart über alles verehrt und dessen heimliche Liebe auch dem Jazz gehört.

Aber: Er hat musikalisch einen großen Bogen geschlagen. Gegen die volkstümliche Unterhaltungs- und Schlagermusik hat er nur nicht nichts, er ist vielmehr einer ihrer erfolgreichsten Vertreter. Man braucht nur an „Marmor, Stein und Eisen bricht“, an „Wunder gibt es immer wieder“, an „Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben“, an die Musik zur Serie „Timm Thaler“ oder an die vielen anderen Ohrwürmer und  Werbeuntermalungen zu denken. Er hat Hunderte von Melodien erfunden – man sieht es in diesem Film, zu dem er in sein Münchner Haus und seine Studios geladen hat: Wann immer er sich ans Klavier setzt, ergibt sich eine Komposition.

Er sagt viel über sich selbst aus, beispielsweise dass er für Mireille Mathieu an die 100 Lieder geschaffen habe, aber auch die Freunde und Kollegen kommen zu Wort: Ralph Siegel und Klaus Doldinger oder Toni Netzle und seine frühere Ehefrau Katja Ebstein. Alle sind, was Bruhns Werk betrifft, des Lobes voll.

Ein wenig schwieriger war es offenbar privat. Er bekennt selbst, dass er immer, aber wirklich immer, der Arbeit den Vorrang gegeben und dabei die Familie vernachlässigt habe.

Die Autorin und Regisseurin Marie Reich hat da - filmisch professionell - ein musikalisch-fachlich höchst interessantes und menschlich sehr rührendes Bild von dem 84jährigen geschaffen.

(Der Start war etwas holprig, und der Vater hielt im Gegensatz zur Mutter einst nicht allzu viel von der vom Sohn gewählten musikalischen Laufbahn.  Er wurde eines Besseren belehrt.)

Wenn Talent und persönliches Engagement sich ergänzen, dann entsteht oft Bedeutendes – wie bei Christian Bruhn.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


zum Download
Datum: 10.12.2018


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