Der Gilden-Dienst Nr. 51-2018


Shoplifters


von Hirokazu Kore-Eda

(Wild Bunch, Kinostart 27. Dezember 2018)

Japanische „Unterschicht“. Reich ist die Familie Shibata gerade nicht: Osamu, der Vater, hat nur Aushilfsjobs, Nobuyo, die Mutter, verdient in der Wäscherei, in der sie arbeitet, nicht gerade viel, und die Rente der Großmutter Hatsue ist klein.

Also muss man etwas dazu organisieren. In diesem Fall sind es Ladendiebstähle. Osamu hat da mit seinem Sohn Shota schon einiges Geschick entwickelt. Als sie eines Abends auf dem Heimweg die Bilanz eines ihrer Diebstähle ziehen, entdecken sie die kleine, traurig blickende Yuri, die irgendwo allein gelassen wurde. Spontan beschließen sie, das Mädchen mit nach Hause zu nehmen, damit es erst einmal etwas zu essen bekommt. An sich ist diese „Entführung“ illegal, aber was soll's!

Yuri wird für immer dableiben. Eigentlich lebt die Familie glücklich, man spürt es in jeder Szene. Das gilt wohl auch für Shotas größere Schwester Aki, die sich in einen Blinden verliebt, „in dessen seelischen Schmerzen sie sich wiederfinden kann“.

In Wahrheit ist sie nur eine Halbschwester, denn Shota gehört auch nur provisorisch zur Familie; seine Mutter lebt in einem anderen Viertel der Stadt. Wurde Shota etwa auch „entführt“?

Auf jeden Fall fällt auf, dass es ihm schwerfällt, Osamu „Vater“ zu nennen. Und irgendwann lässt er auch alles platzen. Bei einem Ladendiebstahl lässt er sich von der Polizei schnappen. Jetzt könnte das Familienleben kaputt gehen.

Haben die Shibatas doch zu selbstbetrügerisch gelebt?

Der souverän arbeitende Hirokazu Kore-Eda will seinem eigenen Bekunden nach echtes Familienleben zeigen – in einer Zeit, in der viele Ehen nur noch kurze Zeit dauern, ist das nichts Falsches -; die gesellschaftliche Unterschicht stützen; reales Leben dokumentieren; offenbar auch den Unterschied zwischen einem kleineren (allerdings unerlaubten) Diebstahl aus Not und einem schweren Verbrechen sichtbar machen.

Er tut dies auf eine sehr unmittelbare, absolut natürliche und durchgehend sehr empfindsame Weise. Nicht umsonst bekam er in Cannes dafür die Goldene Palme.

Dabei spielte sicherlich auch eine Rolle, dass er ein solch glänzendes Team versammeln konnte – beispielsweise Lily Franky als Osamu, Kiki Kirin als Großmutter Hatsue oder den Kamermann Ryuto Kondo.

Ein sehr gefühlvoller Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Drei Gesichter


von Jafar Panahi

(Weltkino, Kinostart 26. Dezember 2018)

Die Ayatollahs und Mullahs haben im Iran weiß Gott viel verboten. Wenn man seinen eigenen anderen Standpunkt trotzdem durchsetzen will, muss man es anstellen wie der Filmregisseur Jafar Panahi, der zwar schon lange Arbeitsverbot hat aber trotzdem Filme (wie etwa „Taxi Teheran“) dreht. Seine Filmhandlungen sind dabei oft so gestaltet, dass er mit scheinbar harmlosen Einfällen, Szenen, Gesten und vor allem auch Dialogen Zustände entlarvt, die er in seiner Heimat für rückständig hält.

Das gilt sicherlich auch für die Rolle, die Koran und Islam den Frauen abfordern.

Die junge Marziyeh will Schauspielerin werden. Ihre Familie, vor allem der jähzornige Bruder, mag dies nicht dulden, schon gar nicht, solange Marziyeh nicht verheiratet ist.  Das Mädchen sieht keine andere Möglichkeit als sich an die bekannte Actrice Behnaz Jafari zu wenden und sie um Hilfe zu bitten. Als die Verbindung lange nicht zustande kommt, greift die junge Frau zu einem fingierten Selbstmord.

Dies erschreckt, als sie davon Kenntnis bekommt, Behnaz Jafar und ihren Regisseur Jafar Panahi derart, dass sich die beiden auf einer langen zum Teil nächtlichen Autofahrt in den ländlichen Norden des Iran begeben, wo Marziyeh zu Hause ist.

Anhand scheinbar unwichtiger Begebenheiten – raffinierte Hupsignale an einer Bergstraße; eine alte Frau, die sich schon einmal ihr Grab geschaufelt und es ausprobiert hat; die von einem geschwätzigen Alten vorgetragene Geschichte der Vorhaut eines Jungen, die lange nach dessen Beschneidung einem fähigen Mann übergeben werden soll, damit der Junge ebenso fähig werde; oder ein Zuchtbulle, der den Weg versperrt, eine besonders deutliche Metapher für das, was in Persien als „versperrt“ gilt – zeigt Panahi eben nichts Unwichtiges sondern das Gegenteil: vor allem auch, was die Frauen des Landes betrifft. Die drei Gesichter sind die drei Frauen, die hier im Vordergrund stehen: die Schauspielschülerin, die im Lande bereits bekannte Schauspielerin und eine dritte, die früher sang und tanzte, etwas was den Mullahs gar nicht passt; weshalb sie auch nur andeutungsweise zu sehen ist.

Die unverkennbare politische Kritik ist im Aberwitz verpackt, und so einfach, scheinbar undramatisch und von geringer Bedeutung alles erscheint, die Botschaft ist klar.

Das Ganze ist aber auch etwas, das filmisch gelungen ist, durchaus unterhält und gefällt – nicht zuletzt wegen des überzeugenden Spiels der drei Protagonisten Jafar Panahi, Behnaz Jafari und Marziyeh Rezaei.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Der Junge muss an die frische Luft


von Caroline Link

(Warner, Kinostart 25. Dezember 2018)

Hape Kerkeling ist einer der besten Unterhalter in unserem Land, Entertainer, wie man neudeutsch sagt. Dass er sich vom Fernsehen ziemlich zurückgezogen hat ist zwar schade, doch er wird seine Gründe gehabt haben. Nichtsdestoweniger werden seine „holländische Königin“ und vieles andere wie zum Beispiel der Horst Schlämmer so schnell nicht vergessen werden.

Nach seinem „Jakobsweg“ kommt nun der Film über seine jüngsten Jahre ins Kino. Aus dem tiefsten Ruhrpott stammt er, und das wird in der ziemlich authentischen örtlichen Inszenierung von Caroline Link auch gleich klar. Hier ist (ebenso durch die Drehbucharbeit von Ruth Toma) echt Recklinghausen zu spüren, wie es in den 70er Jahren gewesen sein muss.

Hans-Peter hat zunächst eine völlig unbeschwerte Kindheit. Er spielt und rauft mit seinen Kameraden; er feiert mit den Seinen Karneval; er zieht gerne Mädchenkleider an und ist eine Prinzessin; er freut sich, dass alle da sind: die Eltern, der Bruder, Oma und Opa, die diversen Tanten; vor allem die Oma liebt er; bei einer Theateraufführung in der Schule verblüfft er alle durch einen ebenso improvisierten wie komischen Auftritt; noch sehr klein übt er schon immer, witzig und lustig zu wirken.

Dann allerdings überkommt ihn die Traurigkeit. Denn die Mutter wird nach einer Operation immer depressiver und kränker, stirbt schließlich. Die Oma ist es nun, die sich um den Kleinen kümmert, damit er möglichst sorgenfrei leben und groß werden kann.

1.Caroline Link, die Oscar-Preisträgerin, weiß, wie man Filme macht. Wie flüssig und gut, das wurde oben schon angedeutet.

2.Dass Lebensabschnitte und Texte von Hape Kerkeling verfilmt und damit festgehalten werden, ist nur zu begrüßen.

3.Und dann gibt es da noch einen Punkt, der mehr als Beachtung verdient. Denn für die Rolle des kleinen Hans-Peter hat man  in Julius Weckauf einen Jungen gefunden, über dessen Begabung  man wirklich nur staunen kann. Wenn er so weitermacht, wird man von ihm noch einiges sehen und hören. Begleitet wird er von Akteuren wie Joachim Krol, Ursula Heyer oder Ursula Werner.

Der Junge muss an die frische Luft, und die Leute müssen ins Kino.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Colette


von Wash Westmoreland

(DCM, Kinostart 3. Januar 2019)

Eine kreative Frau, die von einem sich sehr fraglich gebenden Ehemann unterdrückt wird. Sie wird sich wehren müssen – und das tut sie schließlich auch.

Sidonie-Gabrielle Colette ist eine hübsche brave Frau, die auf dem Lande zu Hause ist. Sie gerät, wie auch immer, an einen Autor, der sie zwar liebt aber auch betrügt. Die beiden heiraten. Die junge Frau ist trotz allem ganz und gar nicht ohne Gefühle für ihren Mann; immer wieder flammt die Liebe auf.

Dass sie mehr akzeptiert als sie akzeptieren müsste, liegt daran, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts lebt, in einer Zeit also, in der man noch davon überzeugt war, dass die Frau eine untergeordnete Stellung habe.

Der Autor publiziert unter dem Namen „Willy“, und als er eine Schwächeperiode als Schreiber (und eine Menge Schulden dazu) hat, animiert er seine Frau, einmal selbst zur Feder zu greifen. Sidonie-Gabrielle tut das, und siehe da: Ihre ländlichen autobiographischen Geschichten aus der Kinderzeit schlagen ein. Willy erlaubt die Veröffentlichung aber nur unter der Bedingung, dass sie unter seinem Namen erscheinen.

Der literarische Erfolg bringt auch finanziellen und gesellschaftlichen Erfolg; das Paar gehört jetzt zur Haute Volée in Paris.

Auf Dauer kann und wird die Frau die erzwungene Unterordnung aber nicht ertragen. Die Ehe bekommt schwere Risse – nicht zuletzt deshalb weil beide Partner ihre Bedürfnisse auch auswärts befriedigen. Sidonie-Gabrielle fühlt sich mehr und mehr zu einer bestimmten Missy hingezogen.

Die Scheidung ist eine natürliche Folge.

Sidonie-Gabrielle kommt nun als Colette groß heraus. Sie greift als Autorin und Darstellerin wichtige Themen auf, zerbricht die Konventionen ihrer Epoche, ist erfolgreich, gewinnt an Ansehen, wird hoch geehrt.

(Sie wird später sogar als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhalten.)

Ein menschlich interessantes und erfülltes Frauenleben, seine intelligente und erlebenswerte Verfilmung, eine  besonders geglückte Milieu- und Epochenschilderung, ein schönes und wichtiges Beispiel des Kampfes für die Rechte der Frau sowie mit Keira Knightley als Colette und Dominic West als Willy zwei Hauptdarsteller, die wirklich nicht besser und überzeugender hätten agieren können.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.


Die Frau des Nobelpreisträgers


von Björn Runge

(Square One, Kinostart 3. Januar 2019)

USA, 90er Jahre. Es ist mitten in der Nacht und doch klingelt bei Joe und Joan Castleman das Telephon. Der Anruf kommt  aus Stockholm. Joe, der Schriftsteller, hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen. Die Freude ist groß.

Sohn David will ebenfalls Autor sein, doch das Verhältnis zum Vater ist nicht sonderlich gut. Eine Tochter ist noch da; sie erwartet ein Kind.

Joe, Joan und David fliegen nach Stockholm. Die festliche Verleihung geht über die Bühne. Joe verkündet überall, wie sehr er seine Frau liebe. Das mag sein, und doch scheint da etwas nicht ganz geklärt zu sein.

Rückblende. 60er Jahre. Joan gehört zu Joes Studentinnen. Joe doziert Interessantes, Joan verliebt sich. Für sie verlässt Joe letztlich seine Frau und sein Kind. Mit der Treue nimmt er es jedenfalls nicht sehr genau. Das wird auch später nicht anders sein.

Ganz langsam wird klar: Joan ist diejenige, die das bessere feeling für den Schriftstellerberuf hat. Sie korrigiert, was ihr Mann schreiben will oder schrieb. Sie ist die Bessere. Aber das muss geheim bleiben. Uneigennützig ordnet sie sich das ganze Leben lang unter. Denn, so wird ihr gesagt, sie sei ja „nur“ eine Frau, und Frauen, die schreiben, das sei nun einmal nichts.

Zwischen den Eheleuten kommt es immer wieder zu leidenschaftlichen Bekenntnissen, aber eben – nicht zuletzt wegen Frauengeschichten - auch zu großem Streit.

Unglücklicherweise erfährt Joe von einem  zufälligen und völlig unverbindlichen Gespräch zwischen seiner Frau und dem  unsympathischen, ein verführerisches Spiel versuchenden  Journalisten Nathaniel Bone, der gern eine Biographie über Joe schreiben würde, was dieser jedoch ablehnt.

Darüber kommt es zwischen den Eheleuten zu einer schweren Auseinandersetzung – an deren Ende Joe mit einem tödlichen Herzinfarkt zusammenbricht.

Joan aber wird, obwohl sie wegen der schweren Belastung während ihres ganzen Lebens letztlich an eine Scheidung gedacht hatte, im Gedenken weiter treu zu ihrem Mann stehen.

Kammerspielartig angelegt, hoch dramatisch, emotional, milieumäßig hervorragend  und herrlich gespielt ist das. Kein Wunder, dass es dafür eine Golden Globe-Nominierung gab. Glenn Close (Joan) und Jonathan Price (Joe) hätten ihre Rollen bei Gott nicht besser verkörpern können. Dazu ein Bravo für Regisseur Björn Runge und Drehbuchautorin Jane Anderson.

Möglichst nicht verpassen!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




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Datum: 17.12.2018


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