Der Gilden-Dienst Nr. 51-52-2017
The Greatest Showman

Von Michael Gracey

(Fox, Kinostart 4.Januar 2018)

Wenn vom weltbekannten internationalen Zirkus die Rede ist, dann taucht neben Namen wie Knie (Schweiz) oder Krone (Deutschland) automatisch immer auch der Name Barnum (USA) auf. Und den verschiedenen Lebensstationen von P.T. Barnum ist dieser Film nachempfunden.

Ende des 19. Jahrhunderts. Barnum hat eine liebe Familie, Frau, zwei noch junge Mädchen, und ebenso eine gute Arbeit. Allerdings nicht mehr lange. Er wird nämlich entlassen. Was tun, um seine Familie, die er über alles liebt, zu schützen und über die Runden zu bringen?

Er hat eine Idee, mietet ein altes Museum, stellt kurios aussehende Menschen (z.B. einen Riesen, einen Zwerg und eine Frau mit Vollbart) an und versucht, die Leute in die Vorstellungen zu locken.

Besonders gut läuft es anfangs keinesfalls, doch er gibt nicht auf. Noch nie hat jemand etwas verändert, wenn er es so machte wie die anderen, lautet seine Devise. Er baut seine Schau aus, holt Artisten, Sänger, Tänzer, Akrobaten und einen treuen Assistenten wie Philip Carlyle hinzu – und siehe da, der überwältigende Erfolg bleibt nicht aus. . .

. . .auch wenn die Bourgeoisie lange die Nase rümpft.

P.T. geht mit der Sängerin Jenny Lind auf Tournee – was seine Frau Charity, die sich verlassen glaubt, mehr als irritiert und verständlicherweise traurig macht. Doch Barnum liebt seine Charity viel zu sehr, und so wendet sich, wie das im Kino meistens der Fall sein muss, alles zu Guten.

Ein Musical. Aber was für eines! Aus den Zeitabschnitten, aus der gekonnten Inszenierung, aus der Begleitmusik, aus den schönen Songs, aus den Chören, aus den Gruppentänzen, aus den Ballettpassagen, aus den Soloparts, aus den Stunts, aus den Farben, aus dem Licht, überhaupt aus alledem wurde so etwas wie ein magisches filmisches Ereignis. Der Begriff scheint hier nicht übertrieben zu sein.

Hugh Jackman als Barnum ist die Idealbesetzung. Er spielt, tanzt und singt wirklich auf einem hohen künstlerischen Niveau. Bestens begleitet wird er von Michelle Williams als Barnums Ehefrau, Zac Efron als Philip Carlyle oder Rebecca Ferguson als Jenny Lind, die ein besonders schönes Lied wiedergibt.

Ein Musical vom Feinsten. Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

      

Loving Vincent

Von Dorota Kobiela und Hugh Welchman

(Weltkino, Kinostart 28. Dezember 2017)

Vincent van Gogh, der große schon zu seiner Zeit in die Zukunft weisende Maler, während seines Lebens verkannt und verschmäht, weil bei ihm Genie und Wahnsinn dicht nebeneinander lagen.

Biographien über ihn gibt es mehrere, doch wie Dorota Kobiela und Hugh Welchman ihn in diesem Film darstellen ist doch etwas ganz anderes, Interessantes, in seiner Form Einzigartiges.

Sie drehten nämlich Schwarz-weiß-Szenen, ließen diese jedoch mit einigen Ausnahmen, die die Handlung zu van Goghs Lebzeiten betreffen, von Dutzenden Spezialisten im van-Gogh-Stil übermalen. Zehntausende von Bildern waren dazu erforderlich, weil es darum ging, einen Animationsfilm von über 80 Minuten herzustellen.

Grundlagen waren van Goghs überbordende, wogende, beinahe orgiastische  Gemälde, also die Portraits, die Landschaften, die Blumen, die Felder, die Farben, das leuchtende Rot, Gelb, Blau, Grün.

Geschildert wird nicht sein Leben sondern in einer gewissen Zeit danach das fast krimiartige Rätselraten darüber, wie er gestorben ist.

Armand, der Sohn des mit dem Maler befreundeten Postmeisters Roulin, erhält von seinem Vater den Auftrag, einen der letzten Briefe Vincents –er schrieb mehrere hundert- dessen Bruder Theo zu überbringen. Das dient als eine Art Handlungsgerüst, doch im Wesentlichen geht es danach um die Frage, wie van Gogh zu Tode kam. Er war, vielleicht auch wegen einer labilen Vergangenheit als vernachlässigtes Kind, als Bergarbeiter, als Hilfspfarrer und ständiger Geldnot,  psychisch gefährdet, verletzte sich selbst, verbrachte eine Zeit lang in einer Irrenanstalt (heute würde man sagen in einer psychiatrischen Klinik) und tötete sich wahrscheinlich selbst.

Da treten sie nun gemalt und animiert auf: der Postmeister Joseph Roulin, sein Sohn Armand, der Bootsmann, sein Arzt Dr. Gachet, der ihn liebevoll bis zum Schluss pflegte, dessen Tochter Margaret als Mädchen am Klavier und andere wie z.B. der Gendarm und der Besitzer des Nachtcafés.

Wurde er getötet oder tötete er sich selbst? Man weiß es bis heute nicht genau.

Ein filmkünstlerischer Höhepunkt, aber auch für diejenigen, die das „Normale“ bevorzugen ein bestimmtes Wagnis.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Oper – L’opéra de Paris

Von Jean-Stéphane Bron

(Kool, Kinostart 28. Dezember 2017)

Konzert, Oper, Ballett – diese Kunstformen müssen hochgehalten werden in einer Zeit, da fast alle nur noch Rock, Pop und Rapp hören und sehen wollen.

Hier ist nun in langer Arbeit ein Dokumentarfilm entstanden, der auf höchst interessante Weise zeigt, was mit seriösem Bemühen zur Kunst, zur hohen Kunst wird.

Es geht um die Pariser Oper, die einen neuen Direktor bekommt, der mit seinem Stab ein Spieljahr gestalten will, das mit Wagners „Meistersingern“ oder Schönbergs „Moses und Aaron“ und vielen anderen Projekten (in zwei Theatern 9 Opern und 8 Ballettaufführungen) seinesgleichen sucht.

Einfach ist das nicht, einen vielstimmigen Chor, 154 Tänzer, erstklassige Solisten und 200 Bedienstete, die hinter der Bühne arbeiten, unter einen Hut zu bringen. Denn allzu viel Geld ist nicht vorhanden, Sponsoren sind Mangelware, ab und zu gibt es Absagen, manchmal müssen Leute entlassen werden, und gestreikt wird auch noch.

Da wird geprobt und wieder geprobt; da wird gemeckert, wenn der Chor nicht im Viereck sondern diagonal stehen muss und ein Ton oder  ein Tempo nicht stimmt; da wird beim Ballett die Choreographie wieder und wieder korrigiert; da muss stimmen, was nach außen der Presse erklärt werden kann; da muss für „Moses und Aaron“ ein leibhaftiger Stier mit dem Namen „Easy Rider“ auf die Bühne gebracht werden; da muss geschminkt werden und müssen die Kleidung und die Perücken stimmen; da wird jungen Schülern (den „Petits Violons“) das Geigenspiel und eine Beethoven-Symphonie beigebracht; da wird der Opfer eines während der Drehzeit erfolgten terroristischen Attentats gedacht; da kontrollieren Produktionsassistentinnen am Rechner präzise jede Phase einer Aufführung; da muss über die hohen Eintrittspreise diskutiert werden. . .

. . . und da freuen sich nach getaner Arbeit die Künstler über den riesigen Applaus.

Ab und zu wird ein großes Talent entdeckt – in diesem Falle der 21jährige russische Sänger Michail Timoschenko, von dem wahrscheinlich noch viel zu hören sein wird.

Das alles ist mit Intensität, vielfältigem Fachwissen und filmischer Eleganz beobachtet, montiert und inszeniert, so dass das Interesse an dem Gezeigten immer größer wird.

Für Opern- und Ballett-Liebhaber ein Genuss.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Das Leuchten der Erinnerung

Von Paolo Virci

(Concorde, Kinostart 4.Januar 2018)

Ella und John sind nicht mehr die Jüngsten, schon einige Jahrzehnte verheiratet. Das macht sich bemerkbar. Arztbesuche sind jetzt häufiger als Freundschaftsbesuche. Vor allem John hat es erwischt. Er leidet schwer an Vergesslichkeit, bis zur Demenz ist es nicht mehr weit.

Autofahren kann er aber immer noch gut. Und so beschließen Ella und John, in ihrem alten Wohnwagen von Boston bis Florida eine längere Ostküstentour zu unternehmen – sehr zum Missfallen ihrer natürlich längst erwachsenen und selbst schon mittelalterlichen Kinder Will und Jane.

Viel ist jetzt zu erleben: herrliches Wetter; immer wieder Sehenswürdigkeiten oder Volksfeste; eine Panne; ein Überfall; zwei kurze Trennungen, weil John einmal seine Frau vergisst und allein losfährt, und ein anderes Mal, weil er in seiner Demenz ein ziemlich langes Fremdgehen gesteht; eine Nacht in einem feudalen Hotelzimmer statt auf dem simplen Wohnwagenbett; viele schöne gemeinsame Stunden und Abende; und wie gesagt schon eine ganze Menge Vergesslichkeit.

Dazwischen immer wieder besorgte Anrufe der „Kinder“.

Sowohl Ella als auch John spüren wohl bis zu einem gewissen Grade, dass es in nicht mehr allzu langer Zeit zu Ende gehen wird. Denn Ella ist offenbar schwerer krank als sie zugibt. Und John? Besser wird es bei ihm auch nicht.

Da erscheint es nur folgerichtig, dass Ella eine letzte Entscheidung trifft.

Hier sind einmal die Alten dran und nicht nur immer die Rock- und Pop-Generation. Aber was für ein wunderbarer Film! Er lebt voll und ganz von zwei Kinoikonen, die die meisten jungen und alten Kollegen an die Wand spielen: Helen Mirren, eine Grand‘ Dame und hier rührende Ehefrau, dann Donald Sutherland, der ihren schon leicht abwesenden aber umso liebenswerteren Mann darstellt.

Als sehenswerter Film ein Volltreffer.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.



Eine bretonische Liebe

Von Carine Tardieu

(Arsenal, Kinostart 21.Dezember 2017)

Ein ruhiges und ungefährliches Leben hat der 45jährige Witwer Erwan nicht gerade, denn er entschärft Bomben, Handgranaten und Minen. Außerdem erwartet seine Tochter Juliette ein Kind, weiß aber nicht, wer der Vater ist, denn der Mann war damals als Zorro verkleidet, wahrscheinlich auf so etwas wie einem Maskenball.

Doch es kommt noch dicker. Erwan hat zwar mit dem umgänglichen Bastien seit Jahrzehnten einen Vater, doch ein Gentest ergibt, dass das gar nicht stimmt. Also muss er auf die Suche gehen, denn das liegt ihm sehr am Herzen. Er trifft nach einiger Zeit auf den sympathischen Joseph, der auf jeden Fall seine Mutter einige Zeit kannte – wenn nicht mehr.

Eine wichtige Rolle spielt auch die anfangs resolut erscheinende Ärztin Anna, auf die Erwan per Zufall stößt  - und ziemlich rasch etwas für sie empfindet. Aber, oh du Schreck! Anna ist ausgerechnet Josephs Tochter. Was also, wenn sie eventuell Geschwister wären?

Ein ziemliches Durcheinander entsteht, und dazu kommt noch, dass letzten Endes auch Juliette einen Vater für ihr gerade geborenes Kind braucht, eine Rolle, die ein zu Unrecht etwas vernachlässigter Mitarbeiter Erwans glücklicherweise übernimmt.

Nett ausgedacht, einwandfrei dramatisiert und inszeniert, auch musikalisch sehr gut begleitet und darstellerisch in bester Ordnung.

Man kann den Film als (französische) Komödie einstufen, doch es  ist rein menschlich mehr drin! Francois Damiens gibt einen guten Erwan ab, und das Lob von Cécile de France als Anna braucht nicht mehr extra gesungen zu werden; es gilt immer. Gut mit dabei sind auch vor allem André Wilms als sich als klug erweisender Joseph, Guy Marchand als eher gemütlicher Bastien sowie Alice de Lencquesaing als sich unbesorgt gebende Juliette.

Auch im Arthouse-Bereich gut möglich.



Die Flügel der Menschen

Von Aktan Arym Kubat

(Neue Visionen, Kinostart 28. Dezember 2017)

Eine kirgisische Hochebene. Kein Großstadtgetriebe sondern Natur, Licht, Stille, Freiheit, wenig Menschen. Pferde spielen hier eine entscheidende Rolle. Es gibt gar in einem alten Mythos einen Gott der Pferde. Menschen, die reiten, haben Flügel, heißt es.

Aber ist das heutzutage wirklich noch so? Oder gibt es nur noch wenige, die einen Bezug zur Vergangenheit haben? Es hat den Anschein. Denn die Oligarchen halten ihre Rennpferde wie eine Ware, um damit Geld zu machen, um Macht zu demonstrieren, um nicht zu sagen aus Gewinnsucht.

Zentaur ist ein Mann, der die Verbindung zur alten Zeit und ihren Werten nicht aufgegeben hat. Früher einmal war er Filmvorführer. Er lebt mit seiner taubstummen Ehefrau Maripa und dem Söhnchen Nurberdi zusammen. Dass er Pferde stiehlt weiß niemand. Doch er tut dies keineswegs, weil er ein ordinärer Dieb wäre. Vielmehr entlässt er die Tiere wieder in die Freiheit. Immer wieder. Auch wenn er weiß, dass sie wieder eingefangen werden.

Natürlich ruft das die reichen Besitzer auf den Plan. Sadyr, ein echter Pferdedieb, wird geschnappt und für schuldig befunden, obwohl er dieses Mal gar nicht der Richtige ist.

Zentaur trinkt gerne seinen Maksym. Er kauft ihn bei der schönen Sharapat. Einmal begleitet er sie nach Hause. Und schon geht im Dorf das Gerede um. Schließlich wird offenbar, dass Zentaur den Pferden die Freiheit schenken will – und das geht für ihn gar nicht gut aus.

Es gibt eine berührende Szene, in der Zentaur mit Tränen in den Augen sagt, wie sehr es ihn schmerzt, dass die Harmonie zwischen Mensch und Natur der Vergangenheit angehört, dass es das Bewusstsein für die frühere Zeit nicht mehr gibt, dass man von einem Verlust der Wurzeln sprechen muss. Es ist eine hochmoralische Passage!

Der kirgisische Regisseur, auch schon einmal „Poet des Alltäglichen“ genannt, wollte nach eigenen Aussagen keine Ästhetisierung wie in manchen seiner früheren Filme sondern eher einen minimalistischen Stil – dieses Mal anscheinend mit Schwerpunkt auf der Ethik.

Im Arthouse-Bereich gut möglich.


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Datum: 20.12.2017


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