Der Gilden-Dienst Nr. 36-2018


Glücklich wie Lazzaro


Von Alice Rohrwacher

(Piffl, Kinostart  13. September 2018)



Italien in jüngster Vergangenheit. Dort liegt das Dorf Inviolata, über dessen Bewohner die Tabakpflanzerin Marquesa Alfonsina de Luna herrscht. Sie hält die Menschen noch wie Sklaven, obwohl die Gesetzgebung ihnen bereits viel größere Rechte einräumt. Alfonsina ist also nichts anderes als eine große Betrügerin und Räuberin.

In Inviolata lebt unter den dortigen Bauern auch der junge Lazzaro. Er ist nicht wie viele andere auf Ansehen und Vorteile bedacht – im Gegenteil. Für ihn scheint eher das biblische Wort zu gelten: „Geben ist seliger denn nehmen.“ Vorbildhaft. In unserer Zeit gilt es nicht mehr.

Tancredi, der Sohn der Marquesa, lehnt sich gegen das Gebaren seiner Mutter auf, sondert sich von ihr ab, geht in die Berge. Lazzaro wird sein Freund.

Später, nach dem Auffliegen des großen Betrugs, ziehen Inviolatas Bauern in die Stadt. Antonia ist es, die sie anführt. Doch das Leben scheint hier nicht viel besser zu sein als das frühere ländliche. Was ist aus der Gesellschaft - nicht nur in Italien – geworden!

Alice Rohrwacher, Autorin, Regisseurin und Darstellerin, legt hier eine Arbeit vor, die gesellschaftlich, moralisch und filmisch-inszenatorisch höchste Beachtung verdient.

Da sind, manchmal improvisiert wirkend jedoch intelligent konzipiert, (auch geistige) Höhepunkte wie die schweigsame aber tiefgründige innere Menschlichkeit des Lazzaro; die souveräne Schilderung des damaligen italienischen Landlebens;Thematisches, das sich immer wieder ins Gleichnishafte und Märchenhafte steigert; die wunderbare Passage mit der Orgelmusik; das stumme aber im Gedächtnis haften bleibende Spiel des Adriano Tardiolo als Lazzaro; die Ausmalung des im Grunde armseligen späteren Stadtlebens der Bauern im Gegensatz zu den früheren ruralen Szenen; die Leistungen der übrigen Darsteller wie Alba Rohrwacher als Antonia, Luca Chikovani als Tancredi oder Nicoletta Braschi als Marquesa.

Ein gesellschaftlich wie moralisch, menschlich wie gestalterisch außergewöhnlicher Film.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.




Book Club – Das Beste kommt noch


Von Bill Holdermann

(Square One, Kinostart 13. September 2018)

Das ist ein Film, wie es ihn nicht oft gibt und in dieser Form wahrscheinlich auch nicht so ohne weiteres wieder geben wird. Vier absolut hochkarätige weibliche schon etwas betagtere Freundinnen und Hollywood-Ikonen sind hier in einer Komödie zusammengespannt: Diane Keaton, Jane Fonda, Candice Bergen und Mary Steenburgen. Und was die loslassen das kann man sich denken.

Sie wollten sich immer bilden und gründeten daher einen Buchclub. Doch jetzt ist „Fifty Shades of Grey“ an der Reihe, und da ist nicht die Bildung das Thema sondern einfach nur der Sex. Da muss doch trotz des Alters noch was gehen!

Diane verlor vor einem Jahr ihren Mann. Natürlich trauert sie, doch sie sagt auch einmal, mit dem Glück sei es vorbei gewesen. Aber sie hat ein anderes Problem: Ihre beiden Töchter wollen, dass sie bei ihnen wohnt, zwingen sie fast dazu. Das könnte ja klappen – wenn nur dieser gutaussehende Pilot nicht wäre!

Vivian ist eine clevere Geschäftsfrau, besitzt ein Hotel mit vielen Angestellten. Auch  Sex hat sie noch, allerdings nur jeweils an Nachmittagen und nie mit jemandem, der ihr etwas bedeutet. Wie bei Diane wird sich dies auch bei ihr ändern, denn es gibt ja schließlich Arthur.

Sharon hatte einen eher üblen Kerl als Ehemann. Sie ist deshalb geschieden. Die Richterin streichelte lange keinen Mann mehr, sondern nur ihre Katze. Doch im Rahmen der neuen heftigen Alters-Aufbruchsstimmung der Freundinnen könnte ein Steuerberater –gespielt von Richard Dreyfuss- noch eine Chance haben.

Carol ist mit Bruce verheiratet, doch das Liebeslicht ist seit längerer Zeit wesentlich kleiner geworden. Man kann auf keinen Fall sagen, dass die beiden sich gar nicht lieben, nur machen sie wie alle Eheleute einmal oder ab und zu eine Krise durch, und vor allem Bruce kann mit Sex offenbar nichts mehr anfangen. Carol probiert es mit einem Tanzkurs und auch mit Viagra – zunächst kein Erfolg. Dass sich die beiden gut sind ist jedoch offensichtlich.

Die vier Frauen sind thematisch und darstellerisch eine Wucht. Der Film ist natürlich nach „alter“ Hollywood-Art gedreht, aber was soll’s? Schon lange gab es beispielsweise nicht mehr derart passende und witzige Dialoge. Und man spürt die Realität der einzelnen Fälle und Situationen ebenso wie die Freundschaft zwischen den Damen.

Übrigens sind auch Don Johnson, Andy Garcia oder Craig T. Nelson als männliche Partner mit dabei.

Alles in allem doch ein köstlicher Film. In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.




Cobain


Von Nanouk Leopold

(Wfilm, Kinostart 13. September 2018)

Cobain ist 15. Mit seinem Namen ist er nicht zufrieden – und mit seinem jetzigen Leben schon gar nicht. Denn er hat eine Mutter, die Mia, die zwar hochschwanger ist, die jedoch lieber feiert, trinkt und Drogen nimmt als sich um ihren Sohn und das ungeborene Kind zu kümmern. Als Cobain bei ihr leben will, gibt es ein klares „Nein!“

Wo und wie soll Cobain also leben? Mit einer Pflegefamilie wird das auch nichts. Also landet er schließlich beim alten Wickmayer, einem Zuhälter, für den drei Mädchen „arbeiten“, darunter Adele, mit der Cobain seinen ersten –bezahlten- Sex hat. Für den Alten ist Cobain eine Zeitlang tätig.

Früher war auch Mia eine der Prostituierten Wickmayers, der jetzt aber für sie nur noch Verachtung übrig hat. Dies lässt sich Cobain jedoch nicht gefallen.

Er sucht seine Mutter auf, beschließt, sie zu beschützen. Er verschafft ihr Antidrogenmittel, sperrt sie sogar ein, damit sie nicht ausbüchsen kann, zieht mit ihr in ein abgelegenes kleines Haus im Wald, das Wickmayer offenbar aufgegeben hat.

Mia kommt zur Vernunft. Doch dann mitten im endlich gefundenen gemeinsamen Leben plötzlich starke Schmerzen, Blut, Tod. Cobain ist verzweifelt. Er will nur noch eines: durch einen äußerst gewagten Eingriff das Kind retten. Und das gelingt ihm auch.

Drei Leben:

Das der Mutter, die sich selbst aus der Bahn geworfen hat und dafür schließlich den höchsten Preis entrichten muss, der überhaupt je zu zahlen ist. Naomi Velissariou spielt das mit der ganzen möglichen darstellerischen Scala.

Dann das Coming-of-Age-Leben des Cobain. Die Stille und Traurigkeit, die mit seinem Negativleben verbunden sind, kann man auf seinem ernsten, oft besorgten, Gesicht ablesen.  Bas Keizer hat begriffen, wie er seine Rolle spielen muss.

Gut auch Wim Opbrouck als Wickmayer und Dana Marineci als Adele.

Schließlich das Leben des Neugeborenen. Hätte Cobain nicht so spontan und verantwortungsvoll gehandelt, das Kind wäre nie am Leben geblieben. Die sonnendurchfluteten Schlussbilder des Films wirken metaphorisch dafür.

Die milieuecht inszenierten Lebensführungen von Mia und Cobain dürften dem Betrachter zu denken geben. Der Junge hat es trotz aller Widrigkeiten richtig gemacht und geschafft. Nicht so seine Mutter. Wie sie sollte man nicht leben.

In Filmkunsttheatern und Programmkinos sehr gut möglich.




Mile 22


Von Peter Berg

(Universum, Kinostart 13. September 2018)

Bei geheimdienstlichen Operationen geht nicht immer alles nach strengen Vorschriften zu. Es gibt da Teams, die Aufträge durchzuführen haben, wie sie nicht im Gesetz stehen. So auch hier.

James Silva hat mit seiner Gruppe den Auftrag, aus dem südasiatischen Staat Indocarr Material und Daten herauszuholen, die mit Radioaktivität und dem möglichen Bau von Atombomben zu tun haben. Unterstützt wird er von seiner Assistentin Alice Kerr, Mutter einer Tochter, die mit ihrem Mann im Streit liegt, und immer mit dem Dilemma zwischen Mutterschaft und Job zu kämpfen hat.

Erleichtert werden könnte alles durch den Asiaten Li Noor. Der verfügt nämlich über den Code für das gesuchte Material, wird ihn aber nur herausgeben, wenn Silva und seine Leute ihn außer Landes bringen. Das muss also geschehen. Von der dortigen amerikanischen Botschaft bis zu dem Flughafen, den Li Noor für seinen Abflug braucht, sind es 22 Meilen.

Das ist keine große Strecke. Nur haben sowohl Indocarr-Militärs und –Polizisten als auch diverse Gangstergruppen etwas dagegen, dass das genannte Material außer Landes gebracht wird. Entsprechend schwierig wird es sein, die 22 Meilen zu bewältigen.

Zwar gibt es die US-Overwatch, also ein Politik- und Technik-Team unter der Leitung eines gewissen Bishop, das der Silva-Truppe online Direktiven geben und ihr so helfen kann, ans Ziel zu kommen. Erschwert wird dies aber wieder dadurch, dass auch die Russen die Hand im Spiel haben.

Ein ausschließlich auf Fiktion beruhender Genre-Film mit Mark Wahlberg (James Silva), John Malkovich (Overwatch-Chef), Lauren Cohan (Silva-Assistentin Alice Kerr) und Iko Uwais (Li Noor). Es gibt Genre-Film und Genre-Film. Dieser hier ist, was Fahrzeuge und Verfolgungen, Kampf- und Schießszenen, Stunts und Explosionen, Waffen und Nahkampfsituationen betrifft, absolut perfekt gemacht, auch was die digitale Seite angeht.

Die Geschichte ist keineswegs schlecht ausgedacht. Handlungsvielfalt und Spannung fehlen nie. Und bei diesen Namen ist natürlich auch gegen die schauspielerische Darstellung nichts zu sagen!

Fans des Genres kommen voll auf ihre Kosten.   

     




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Datum: 04.09.2018


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