Neuer Gildendienst
Detroit

Von Kathryn Bigelow

(Concorde, 23.November 2017)

Zwar war den amerikanischen Schwarzen nach dem Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhundert ein besseres Leben versprochen worden, doch vieles, vieles hatte sich nicht erfüllt. Auch im 20. Jahrhundert ging die Diskriminierung der Afroamerikaner weiter.

Wir schreiben jetzt die 60er Jahre. Der Vietnam-Krieg ist verloren, in den Großstädten rumort besonders auch die Rassenfrage.

Detroit. Anlässlich der polizeilichen Schließung eines illegalen Clubs bricht es aus. Die Schwarzen rebellieren. Der Aufstand wird immer größer und härter. Es kommt zu Schlägereien mit der Polizei, dann zu massenweisen Verhaftungen, aber auch zu Brandstiftungen und Plünderungen seitens der Schwarzen.

Tagelang dauert das an.

Ein paar junge Schwarze feiern mit zwei weißen Mädchen in einem Hotel eine harmlose Party. Einer will mit einer Schreckschusspistole einen Scherz machen. Tatsächlich nur ein Spielzeug.

Aber draußen hört man den Schuss, geht davon aus, dass ein paar Heckenschützen am Werk sein könnten. Die Polizei rückt an.  Nicht nur die örtliche Polizei sondern zusätzlich auch die gesamtamerikanische Polizei sowie das Militär.

Bei den Polizisten gibt es einen Sadisten. Unter seiner Führung werden die Partygäste gefangen genommen, verhört, gequält, gefoltert. Blut fließt. Mindestens einer wird willkürlich erschossen. Stundenlang dauert die Tortur.

Zwei Jahre später ein Mordprozess. Die weißen Polizisten werden freigesprochen! Eine wahre Geschichte.

Sind die Verhältnisse heute tatsächlich sehr viel besser?

Kathryn Bigelow ist die Regisseurin (Mark Boal der Drehbuch-Autor). Hier kann man wirklich sagen „die Namen bürgen für Qualität“. Zuerst geht es minutenlag um den historisch-politischen Teil. Mit einer seltenen Wucht werden Massenszenen gezeigt, nirgends fehlt dabei die Authentizität. Man ist beeindruckt. Die farbigen Darsteller geben ihr Bestes. Die Montage gekonnt. Eine Intensität sondergleichen.

Dann der grausame Einzelfall. Eine filmisch harte Sache. Aber so ist eben der Sadismus.

Menschlich wie politisch und juristisch völlig unverständlich die Entscheidung der Jury und der Ausgang des Prozesses. Kathryn Bigelows Inszenierung hat neben der filmischen Großartigkeit auch bedeutendes moralisches Gewicht.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Manifesto

Von Julian Rosefeldt

(DCM, Kinostart 23. November 2017)

Künstler haben der Welt etwas zu sagen. Manchmal ist es neu, manchmal wichtig, manchmal einzigartig, manchmal zeitgemäß, manchmal inspirierend, manchmal avant-gardistisch, manchmal poetisch, manchmal verschafft die Bekundung kreative Impulse, manchmal stellt sie einen Appell dar, manchmal will sie ein Korrektiv gegenüber der Gesellschaft ihrer Zeit sein . . .

. . . oder das Ganze ist provokant, widersprüchlich, ein alter Hut, pamphletisch, unzeitgemäß, dadaistisch, nur um des sprachlichen Gags willen formuliert, usw.

In allen Epochen hat es das gegeben, und nicht selten verstand einer seinen gedanklichen Erguss als „Manifest“. Um der Wahrheit die Ehre zu geben wurde dabei auch viel Erfahrenswertes gefunden - auch wenn man z.B. an „den Tod der Kunst“ nicht so richtig zu glauben vermag.

Und nun hat der Videokünstler Julian Rosefeldt aus Dutzenden von manifestartigen Aussprüchen von Schriftstellern, Philosophen, Malern oder auch Filmemachern eine eigene Sammlung  zusammengestellt, die er ebenfalls Manifesto nennt. Entstanden ist der Film aus einer bereits früher geschaffenen Zitaten-, Bild-und Museums-Installation.

Dass man nun in dem zu einem Film gewordenen Arrangement alles Gesagte unmittelbar aufnehmen und verstehen kann ist allerdings unmöglich.

In einem Dutzend Szenen wird das mehr oder minder organisch und monologartig zu präsentieren versucht. Und zwar tritt dabei jeweils Cate Blanchett auf: als Fabrikarbeiterin, als Trauer-Rednerin, als Obdachlose, als Nachrichtensprecherin, als Lehrerin (die beispielsweise ihren Schülern sinngemäß sagt: „Nichts ist original, stehlt alles und von allen“.) Bewundernswert, wie sie all diese Persönlichkeiten und Rollen chamäleonartig überzeugend darzustellen schafft. Und sicherlich bewundernswert auch, wie gut das inszenatorisch und technisch bewältigt werden konnte.

Die Collage ist ein interessantes Experiment. Auch weil in den zitierten Aussprüchen vieles in Frage gestellt wird - werden muss bzw. werden musste. Die Infragestellung gilt vor allem auch für den gegenwärtigen Zustand der Welt. Irgendwo heißt es, der Film selbst sei ein Manifest „zu einem Zeitpunkt, an dem wir verzweifelt eines brauchen“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

Aus dem Nichts

Von Fatih Akin

(Warner, Kinostart 23. November 2017)

Fatih Akin ist deutscher Staatsbürger aber türkischer Abstammung. Ihn muss es wie unzählige Türken und Nichttürken unendlich geschmerzt haben, dass die NSU-Verbrecher Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe neun Menschen ermordeten; dass dazu die Ermittlungen jahrelang in die falsche Richtung liefen oder gelenkt wurden; dass es unbrauchbare oder verdächtige V-Männer gab; dass jahrelang die für Kriminalistisches zuständigen Behörden der  Bundesländer nicht zuverlässig kooperierten; dass offenbar  davon ausgegangen wurde, dass die Türken sich untereinander umgebracht hätten; dass dabei von einer türkischen Drogenmafia die Rede war;  und vieles andere Unsinnige mehr.

Sein Film handelt nicht davon, dürfte jedoch davon inspiriert worden sein.

Katja Sekerci hat einen kleinen Sohn, den Rocco, und lebt mit ihrem Mann Nuri, ein agnostischer Kurde, glücklich zusammen. Eine ganz reine Weste hatte dieser Nuri nicht immer, aber er hat seine wegen Drogenhandels verhängte Strafe abgesessen und ist jetzt wieder clean. Er hat ein kleines Übersetzungs- und Reisebüro aufgemacht.

Da geschieht es. Vor seinem Geschäft explodiert eine Nagelbombe, und sowohl Nuri als auch Rocco sind tot. Katjas Schmerz ist übermenschlich. Die Täter, das Ehepaar André Möller (der Hitler verehrt) und seine Frau Edda, das zur nationalen Morgenröte-Partei in Griechenland Verbindung hat, werden dank einer Beobachtung Katjas sowie einer entlarvenden Aussage von Andrés Vater geschnappt und vor Gericht gestellt - nicht ohne vorher Schuld auch bei der von ihrer Verwandtschaft wegen der Heirat mit Nuri angefeindeten Katja gesucht zu haben. 

Doch die Verbrecher legten falsche Spuren und können außerdem auf ihren Verteidiger zählen. Der geht derart frech, zynisch und sophistisch vor, dass die Beschuldigten wegen des Fehlens lückenloser Beweise von Rechts wegen freigesprochen werden müssen.

Zu Katjas Schmerz gesellt sich nun unberechenbare Wut. Sie macht das kriminelle Ehepaar in Griechenland ausfindig und bereitet sich darauf vor, es zu töten.

Wird sie es aus Rache tun? Oder hat sie nicht mehr die Kraft, selbst weiterzuleben?

Für den Regisseur hatte dieses Mal wohl das politische und menschlich-emotionale Gewicht Vorrang vor dem rein künstlerischen. Aber viel wird aufgewogen durch eine wirklich sehr starke schauspielerische Leistung von Diane Kruger als mit ihrer Familie glückliche und dann vom Leid und von der Rache geschlagene Katja Sekerci.

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

 

The Big Sick

Von Michael Showalter

(Weltkino, Kinostart 16. November 2017)

Kumail Nanjani ist ein junger Pakistaner aus Chicago, der sich zusammen mit seinem Freund Chris lieber mit Stand-up-Comedy durchs Leben schlägt als Jura zu studieren, was seine Eltern eigentlich von ihm erwarten.

Sowieso ist das ein Kreuz mit den Eltern, denn vor allem die Mutter will ihn  verkuppeln. Die Braut muss aber auf jeden Fall eine Pakistanerin sein, eine andere kommt nicht in Frage. Schon ein Dutzend Mädchen hat sie angeschleppt, Kumails Schachtel mit den entsprechenden Fotos füllt sich zusehends.

Das alles ginge noch, wenn es die schöne Emily nicht gäbe, in die sich Kumail Hals über Kopf verliebt. Aber ganz so einfach ist dies nach einer gewissen Zeit der Verliebtheit nicht, denn Kumail verschweigt, dass er unbedingt eine Pakistanerin ehelichen muss, und Emily rückt erst nach einer gewissen Zeit damit heraus, dass sie schon einmal verheiratet war und nun geschieden ist.

Also Schwierigkeiten, Ungewissheiten und vorübergehende Trennungen, wie es so gut wie alle Liebenden erleben.

Das Schlimmste kommt aber noch. Emily wird krank, schwer krank. Eine Zeit lang schwebt sie zwischen Leben und Tod. Während dieser Zeit kommt es aus Sorge um Emily nach heftigem vorherigem Streit zur echten Freundschaft zwischen Kumail und Emilys Eltern Beth und Terry.

Emily schafft es. Sie will nicht noch einmal alles durchmachen. Also versucht sie Kumail abzuwimmeln. Doch natürlich ist die Liebe stärker.

Eine Liebesgeschichte, die deshalb so hochdramatisch wird, weil es nach althergebrachten Ritualen in vielen islamischen Ländern noch von den jeweiligen Eltern arrangierte Ehen gibt. Das hat schon viel Unglück verursacht. Kumail aber überwindet um den Preis des Verlustes seiner eigenen Familie diesen wohl rückständigen Ritus.

Neben diesen Themen ist von einer vielfältigen lebendigen Handlung, von einer professionellen Inszenierung, von witzigen und originellen Dialogen sowie von ausgezeichneten Darstellern zu berichten, wie Zoe Kazan als Emily, Kumail Nanjiani als Kumail, Holly Hunter als Beth sowie Ray Romano als Terry.

Die Geschichte ist zwar für das Kino natürlich aufbereitet, aber ihr liegen tatsächliche Geschehnisse zugrunde!

Filmkunsttheatern und Programmkinos zu empfehlen.

     

Überleben in Neukölln

Von Rosa von Praunheim

(Missing Films, Kinostart 23. November 2017)

Seit Jahrzehnten schon kämpft Rosa von Praunheim für die absolute gesellschaftliche Gleichstellung von Homosexuellen und Menschen mit verschiedenen weiteren geschlechtlichen Bestrebungen oder Merkmalen. Eine ganze Reihe von Filmen hat er darüber gedreht - sicherlich auch schon Beträchtliches erreicht. Hier nun sein neuestes Werk.

Praunheim arbeitet nicht mit dem Zeigefinger, er erreicht viel mehr, wenn er zeigt, wie die betreffenden Menschen leben, wie sie arbeiten, wie sie feiern, wie sie Sex haben aber auch Sorgen. Einige sind Künstler, andere wären es gerne. Die meisten erweisen sich als sehr sympathisch, ein paar schießen weit über das Ziel hinaus wie der, der alle doof findet, die „anale Freuden“ nicht mögen.

Sie sind eine bunte Mischung, wie etwa Juwelia, eigentlich Stefan, die (der) singt und prächtig malt, der (dem) Berlin besser gefällt als New York, die (der) von ihren Eltern wegen ihrer Homosexualität abgelehnt wurde, aber trotzdem mit einem wehmütigen Gefühl an deren Grab steht; oder etwa die Rixdorfer Perlen, drei junge Damen, die kleine Shows mit ihren lustigen Songs veranstalten; oder etwa die 89jährige „Jo“, die zuerst eine Ehe mit Mann und Kindern führte, dann aber 23 Jahre mit ihrer lesbischen Freundin zusammen lebte, eine Zeit, die sie als „verrückt und schön“ bezeichnet; oder der „Galerist“, der sich ein Jahr lang jeden Tag nackt fotografierte, um seinem Freund zu gefallen, der ihn jedoch letztlich nicht mochte; oder der „Chor der Geflüchteten“, der Schillers von Beethoven vertonte Ode an die Freude singt; oder der junge Ibo, der schwer behindert ist aber von seinen Verwandten und Freunden bestens versorgt wird; oder die lesbische syrische Muslimin, die berichtet, dass man als gleichgeschlechtlicher Mensch im Islam dem Gefängnis näher ist als allem anderen.

Von Bedrohungen, Anfeindungen oder Übergriffen wissen die Neuköllner nicht viel zu berichten.

Sie haben sich alle den (allerdings immer kostspieliger werdenden) Berliner Stadtteil Neukölln ausgesucht, weil sich dort im jetzigen gesellschaftlichen, „künstlerischen“ und sexuellen Klima sowohl die Einheimischen als auch die unzähligen Fremden im Viertel, in den Clubs, in ihren Zentren wohl zu fühlen scheinen. Früher gab’s Bratwurst, heute Champagner, heißt es sinngemäß in einem Song.

Leben und leben lassen. Das soll menschlich, praktisch und geschlechtlich für alle gelten. Dafür ist Rosa von Praunheim ein Vorkämpfer.

Und wenn er dies so tut wie mit diesem Film, erreicht er wie gesagt etwas.

 

Liebe zu Besuch

Von Hallie Meyers-Shyer

(Splendid, Kinostart 23. November 2017)

Mit ihrem Ex-Mann Austen will Alice, die zwei kleine Töchter hat, Isabel und Rosie, nichts mehr zu tun haben. Nach vielen Jahren in New York ist sie nach Los Angeles in das Haus ihres Vaters, eines Filmregisseurs, zurückgekehrt. Sie will als Innenarchitektin neu anfangen. Gottlob gibt es da noch ihre Mutter Lilian, die Alice manchmal aus dem Schlimmsten heraushelfen kann.

Harry, Teddy und George sind drei junge Filmemacher. Die gibt es in L.A. wie Sand am Meer. Immerhin scheint ihnen –einer ist Produzent, einer Regisseur, einer Schauspieler- ein guter Kurzfilm gelungen zu sein, den sie jetzt zu einem langen Spielfilm umarbeiten wollen. Doch dafür brauchen sie Geld, und das muss ihr Manager erst beschaffen.

Alice feiert in einer Bar Geburtstag. Harry, Teddy und George sind hier ebenfalls unterwegs. Harry flirtet Alice heftig an – und schon haben die drei (mit Lilians Hilfe) erreicht, dass sie im Gästehaus des Anwesens von Alice den für ihren Film nötigen Geldsegen abwarten dürfen.

Das Liebesgetändel zwischen Harry und Alice dauert nicht sehr lange, weil der Bursche Alice bei einem Abendessen mit Freunden versetzt. Doch die Versöhnung lässt nicht lange auf sich warten. Aber dann tritt Austen auf, den Isabel und Rosie lieben und der offenbar die Trennung von seiner Frau sehr bereut.

Alice muss nun das Durcheinander ordnen, sich klar werden, was sie will, sich entscheiden, wie ihr Leben nun weitergehen soll.

Eine amerikanische Komödie, gut ausgedacht und dramatisiert. Von derlei lässt man sich gerne unterhalten. Vor allem auch deshalb, weil ein Trumpf ausgespielt werden kann: Reese Witherspoon, die als Alice eine wirklich gute Figur macht.

Auch im Arthouse-Bereich gut brauchbar.
zum Download
Datum: 13.11.2017


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